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Ausgabe 3/10


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Das Projekt studienfahrten.at - ein Resümee

Der Rückblick auf drei Jahre eines Projektes, das dem Verein GEDENKDIENST nachhaltig ein Profil in der historisch- politischen Bildungsarbeit beschert hat, beginnt mit der Benennung eines offensichtlichen Widerspruches. Gedenkstätten sind keine Orte, an denen man sich gerne aufhält. Historisch sind sie oftmals Stätten des Massenmords, heute also Friedhöfe. Warum also gerade an solchen Orten lernen – und vor allem: was lernen?

 

Statt aber diese Fragen vorschnell zu beantworten, sollte im Studienfahrtenprojekt die (pädagogische) Arbeit an Gedenkstätten, also ihre Entwicklung, ihre Standards und ihre Zielsetzungen, in den Blick genommen werden. Denn die Gedenkstättenarbeit ist der Versuch, über einen medialen und „alltäglichen“ Diskurs über den Nationalsozialismus hinaus Geschichten zu erzählen, die für die Gegenwart von Bedeutung sind. Und dabei ein besonderes Feingefühl dafür zu entwickeln, wie diese Geschichten vermittelt werden können. Sie ist weniger eine Fachdisziplin als ein der Geschichte des Ortes und dem Gedenken an die Opfer angemessenes Nebeneinander von geschichtswissenschaftlichen, bildungswissenschaftlichen und gesellschaftstheoretischen Fragestellungen. Für unser Projekt waren dafür, im Ganzen gesehen, vor allem zwei Erkenntnisse zentral.

 

Erstens sind die Orte, ihre spezifische(n) Geschichte(n) und die Art, wie sie Geschichte repräsentieren, immer der Ausgangspunkt unserer Arbeit. Sie bilden den Rahmen der didaktischen Überlegungen. Es gilt, ihre Botschaften ernst zu nehmen und gleichzeitig zu diskutieren. Gerade mit der Art, wie Geschichte dargestellt wird, lässt sich pädagogisch arbeiten – hier wird deutlich, dass Geschichte sich nicht von selbst schreibt, sondern politisch und kulturell ausverhandelt wird. Wie weit vor allem medienpädagogisches Arbeiten an solchen Orten zu gehen bereit ist, ist eine wichtige Frage. Denn es bietet ungeahnte Möglichkeiten, subjektive Zugänge zu Geschichte zu finden.

 

Zweitens kommt es in der Auseinandersetzung mit den Themen Nationalsozialismus und Holocaust wesentlich auf das pädagogische Setting an. Gruppendynamische Prozesse sind ähnlich wichtig für den Verlauf einer Studienfahrt wie die behandelten Themen. Die Rolle der Person, die eine Studienfahrt begleitet, beschränkt sich nicht nur auf die inhaltliche Verantwortung. Die notwendige Prozessorientierung, die letztlich auf einen gleichberechtigten, demokratischen und selbstbewussten Umgang zielt, bedeutet konstant den Blick hin auf pädagogische Prozesse selbst zu lenken.

 

 

Standards des pädagogischen Arbeitens

 

Als Modellprojekt in Österreich wurde studienfahrten.at im Jahr 2008 gestartet. Es gab zu diesem Zeitpunkt keine institutionalisierte Tradition von Gedenkstättenfahrten in Österreich (mit Ausnahme der halbtägigen Mauthausenfahrt). Mit der Guideausbildung, die von April bis Oktober 2009 insgesamt 20 Personen die Möglichkeit bot, sich auf fünf Wochenendseminaren professionell mit Vermittlungsarbeit zu beschäftigen, wurde der wichtigste Grundstein für das pädagogische Selbstverständnis gelegt. Besonders prägend für das zukünftige methodische Arbeiten war das MultiplikatorInnenseminar in Dachau im Juli 2009 – dort war studienfahrten.at als Partner des deutschen Bundesmodellprojekts „Gedenkstättenpädagogik und Gegenwartsbezug“ geladen.

 

Standards des pädagogischen Arbeitens – beispielsweise das Kontroversitätsgebot – konnten wir uns durch die Erprobung innerhalb der Guideausbildung selbst erarbeiten. Wir haben die vermittlungstechnischen Grundsätze historischpolitischer Bildung nicht zu unserem Anschauungsmaterial gemacht, sondern uns umgekehrt als Gruppe selbst jenen Prozessen geöffnet, die wir auf Studienfahrten für richtig erachten. Dieser Prozess ist auch mit der Ausbildung noch nicht abgeschlossen. In der Didaktik- Werkstatt, die sich seit Herbst 2009 monatlich trifft, wird seither weiterhin an einzelnen Methoden und Workshops gearbeitet.

 

Der Wert der Guideausbildung liegt in der Entwicklung des methodischen Handwerks und darin, ein Modell der notwendigen Selbstreflexion und Weiterbildung für MultiplikatorInnen in der Vermittlungsarbeit zu sein. In der 2010 veröffentlichten Studie „Discover the Past for the Future“ der Europäischen Grundrechtsagentur wurden insgesamt 22 Institutionen – hauptsächlich Gedenkstätten – auf ihre pädagogischen Angebote hin untersucht. 1 Dabei stellte sich heraus, dass das Wissen der Institutionen über ihre BesucherInnen – ihre Erwartungen, Wünsche und Einstellungen in Bezug auf den Besuch – meist relativ gering ist. Ein Spannungsverhältnis oder gar eine Verwechslung besteht zwischen den Motivationen der BesucherInnen und dem, was die Institution als ihre eigenen pädagogischen Ziele definiert. Den Studienfahrten- Guides kommt also die bedeutende Rolle der „Schnittstelle“ zwischen der Institution und der Gruppe zu.

 

 

Reflexionsebenen der Pädagogik

 

Die Erarbeitung von adressatInnenspezifischen Programmen stand im Projekt im Vordergrund. Im Laufe der vergangenen drei Jahre ist es uns gelungen, jährlich statt wie bisher zwei bis drei Fahrten insgesamt um die 15 Fahrten durchzuführen. Neben den Fahrten nach Auschwitz, Theresienstadt und Mauthausen sind Fahrten nach Berlin, Ravens Ravensbrück, Marzabotto und Bologna, Kärnten und Slowenien und ins Salzkammergut hinzugekommen. „AdressatInnenspezifisch“ bedeutet weniger eine maßgeschneiderte Zielgruppen-Definition, als vielmehr die Aufmerksamkeit für gewisse Phänomene, die den pädagogischen Prozess selbst strukturieren. Diese gilt es (selbst-)kritisch zu reflektieren. Nach gut einem Jahr Projektarbeit kristallisierten sich wissenschaftliche Forschungsund pädagogische Arbeitsschwerpunkte heraus, mit denen wir nun in allen Bildungsprogrammen vermehrt arbeiten. Das sind, erstens, Konzepte (und Theorien) einer geschlechtersensiblen Gedenkstättenarbeit. Dazu hat sich im Verein die Gruppe GenderWerkstatt konstituiert, die ihre ersten Ergebnisse beim Jungen Forschungsforum Mauthausen 2010 präsentierte. Das ist, zweitens, unser thematischer Fokus auf die Migrationsgesellschaft, den wir auf der GEDENKDIENST- Tagung im Juni 2010 mit ExpertInnen diskutierten (Bericht darüber in dieser Ausgabe, Anm. d. Red.). Drittens, ist es der Schwerpunkt der Arbeit mit Gruppen mit wenig Vorwissen, insbesondere mit BerufsschülerInnen. Hierzu gab uns der intensive Austausch mit dem Projekt Und was hat das mit mir zu tun? Transnationale Geschichtsbilder zur NS-Vergangenheit von Büro trafo.k wesentliche Impulse. Von Anfang an war es unser Bestreben, nicht nur einem akademischen Publikum den Zugang zu unseren Bildungsprogrammen zu ermöglichen und hier wird in Zukunft noch einiges zu leisten sein.

 

Den SponsorInnen des Projektes – dem Nationalfonds, dem Zukunftsfonds und der Stadt Wien – gilt unser aufrichtiger Dank.

 

Die Umsetzung eines so anspruchsvollen Projektes wäre nicht möglich gewesen ohne das kollegiale und freundschaftliche Mitwirken von vielen Personen. Die Erfolge verdanken wir all jenen, die so tatkräftig daran mitgearbeitet haben.

 

 

Till Hilmar

Leistete 2007/2008 Gedenkdienst in der

pädagogischen Abteilung der Gedenkstätte in

Theresienstadt. Leitet das Projekt studienfahrten.at