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Ausgabe 3/10


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Interkulturelle Gedenkstättenarbeit?

Ein Tagungsbericht

Was bedeutet es für die Vermittlung der Themen Nationalsozialismus und Holocaust, dass wir in einer Migrationsgesellschaft leben? Was bedeutet es für unsere Studienfahrten an NS-Erinnerungsorte, Workshopangebote und für die Ausbildung von zukünftigen Gedenkdienstleistenden, dass sich Geschichtsbilder und –bezüge in globalisierten Gesellschaften neu ausrichten?

 

Direkt in der praktischen Arbeit setzten wir also mit der am 26. Juni 2010 am Institut für Zeitgeschichte abgehaltenen Tagung Interkulturelles Erinnern? Gedenkstättenarbeit in der Migrationsgesellschaft an. Gleichwohl wollten wir klären, inwiefern es sich beim „Kontext“ Migrationsgesellschaft denn um ein reales pädagogisches Problem handelt – und ob speziell die Vorstellung, dass es „alternative“ Geschichtsangebote für Jugendliche mit Migrationshintergrund geben sollte, nicht ein Denkfehler ist. Immerhin arbeiten wir ja auch zu einem Themenbereich, der sich nicht einfach als eine „Geschichte“ unter anderen vermitteln lässt. Die Antwort unserer Tagung war eindeutig: Es gibt eine Vielzahl an Herausforderungen, die allerdings weniger mit ethnischen Besonderheiten zu tun haben, als vielmehr mit Ein- und Ausschlussprozessen insgesamt. Diese zu bewältigen, stellt uns vor Aufgaben als Institution sowie als einzelne MitarbeiterInnen.

 

Es gilt zuerst, auf einer Ebene des pädagogischen Umgangs gewisse Standards der interkulturellen Arbeit zu reflektieren. Dazu hielten Anne Frölich und Nadja Weck vom Verein GEDENKDIENST ihren Einführungsvortrag (beide blicken bereits auf langjährige Erfahrungen mit diesem Thema im Anne Frank Zentrum Berlin zurück). Sie plädierten für einen pädagogischen Umgang mit Differenzen wie Alter, Geschlecht, Herkunft und anderen „Bausteinen“ der Identität. Wie können die Schlüsselbegriffe der „Anerkennung“ und der „Lebensweltorientierung“ sinnvoll umgesetzt werden? Vieles davon hat natürlich mit angemessenen Methoden und dem richtigen pädagogischen Setting zu tun: dazu bot vor allem der zweite Beitrag von Franziska Ehricht, die aus Berlin vom Verein Miphgasch/ Begegnung anreiste, einige Anregungen. Ehricht verwies auch auf eine weitere Ebene, auf der Ein- und Ausschlüsse verhandelt werden: die des gewählten historischen Materials und der behandelten Themen. Der Dokumentenkoffer „GeschichteN teilen“1 bietet beispielsweise mit Dokumenten aus der Türkei im Zweiten Weltkrieg interessante Möglichkeiten einer Zusammenführung verschiedener Geschichtsbezüge.

 

Nora Sternfeld und Renate Höllwart vom Büro trafo.K stellten in ihrem Beitrag das Wiener Projekt Und was hat das mit mir zu tun? Transnationale Geschichtsbilder zur NS-Vergangenheit vor. Ausschlüsse von Geschichtsbezügen (beispielsweise: ex-jugoslawische Bezüge in Österreich heute) müssen nicht nur vermieden werden, sondern die Haltung, Ausschlüsse zu generieren, muss zuvorderst verlernt werden – so die Forderung der Referentinnen. Beide plädierten für eine Herangehensweise, die aktiv-reflexiv auf die teilnehmenden Jugendlichen eingeht und nicht nur in Bezug auf die Ergebnisse offen ist, sondern auch in Bezug auf den pädagogischen Prozess selbst. Um das Thema direkt aus der Perspektive der Gedenkstättenarbeit zu beleuchten, stellte Yariv Lapid im abschließenden Beitrag das Memorial Mauthausen vor. Als Aufgabe der Gedenkstättenarbeit betonte er das Offenhalten von „großen“, sich an solchen Orten verdichtenden Erzählungen und damit die Zerstreuung des gesellschaftlichen Wunsches, Geschichtsdeutungen in einer nationalen Perspektive zu verkürzen. Gedenkstätten bieten auf Grund ihrer oftmals internationalisierten Erinnerung (die historisch bedingt ist durch die Heterogenität der Häftlingsgruppen) vielerlei Anknüpfungspunkte für interkulturelle pädagogische Arbeit.

 

Zahlreiche Fragen aus dem Publikum machten die Tagung zu einer lebendigen Veranstaltung. Der gewonnene Austausch eröffnete uns neben der Reflexion der eigenen Standards einen geschärften Blick für konzeptionelle Anknüpfungspunkte einer interkulturellen Arbeit.

 

Für die erfolgreiche Realisierung sei in besonderem Maße unseren SponsorInnen von der Magistratsabteilung 17 der Stadt Wien, dem Zukunftsfonds und de Nationalfonds der Republik Österreich und der Magistratsabteilung 7 der Stadt Wien gedankt.

 

 

Till Hilmar

Leistete 2007/2008 Gedenkdienst in der pädagogischen

Abteilung der Gedenkstätte in

Theresienstadt. Leitet das Projekt studienfahrten.at