AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 4/10


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Zivilersatzdienstgeld um 10 Prozent gekürzt - Kritik aus New Yorker Sicht

Kürzungen beim Zivilersatzdienst: Gedenkdienst unter Armutsgrenze

 

Nachfolgend veröffentlichen wir einen Beitrag von Valentin Badura und Philipp Vetter. Beide leisten derzeit am Leo Baeck Institut in New York ihren Gedenkdienst.

 

 

Durch unseren Gedenkdienst an der New Yorker Einsatzstelle, dem Leo Baeck Institut, beschäftigen wir uns mit der Dokumentation von Lebensgeschichten jüdischer ÖsterreicherInnen vor und in der erzwungenen Emigration. Dieses Projekt ist ein Versuch, aus der Perspektive einzelner das Schicksal vieler Jüdinnen und Juden ans Licht zu bringen und gleichzeitig die Bemühung, das Geschehene nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

 

Unsere Tätigkeit also leistet einen Beitrag zur Aufarbeitung eines wichtigen Teils der österreichischen Geschichte. Erachtet die Republik diese Arbeit als ein Privatvergnügen? Zumindest was die Finanzierung betrifft, scheint es so. Obwohl: Paradoxerweise dienen wir dem Gedenk-Image Österreichs – nicht als Privatvergnügen, sondern während unseres Zivilersatzdienstes – weltweit.

 

Wer (unter-)finanziert den Zivilersatzdienst?

 

Bislang „förderte“ der Auslandsdienst Förderverein, ein dem Innenministerium vorgelagerter Verein, den Gedenkdienst männlicher Freiwilliger mit einem Pauschalbetrag von 10.000 Euro, der an die entsendende Trägerorganisation übermittelt wurde. Ab 2011 werden es nur noch 9.000 Euro sein. Familienbeihilfe bekommen wir nicht. Und ein Jahr Vollzeitarbeit wird uns auch für die Pension nicht angerechnet. Man führe sich dabei vor Augen: Der Zivilersatzdienst dauert mindestens zwölf Monate, sechs Monate länger als ein Wehrdienst, drei Monate länger als der reguläre Zivildienst in Österreich.

 

Pro Monat bekommen wir, als Ergebnis eines Umverteilungsschlüssels für das teure Pflaster New York, 861 Euro. Die Armutsgrenze in Österreich liegt bei 951 Euro, hier in New York müsste sie ob der hohen Fixkosten wohl wesentlich höher angesetzt werden. Inklusive Anund Abreise müssen von diesem Betrag alle Lebenskosten bestritten werden. Diese „Lebenshaltungskosten“ reichen auch dann nicht, wenn man in New York „on the cheap“ lebt: also fernab von Manhattan und selbst jenseits des zynischen Euphemismus „Substandard“.

 

Zivilersatzdienst als Privatvergnügen und Elitenprojekt?

Die Wertigkeit, die die Republik Österreich der Arbeit der rund 70 Zivilersatzdienstleistenden zukommen lässt, ist klar: einen Zivildienst im Ausland zu leisten – und sich noch dazu mit der nationalsozialistischen Vergangenheit Österreichs zu beschäftigen – kommt einen teuer zu stehen. Und dies, obwohl sich die Republik an Gedenkfeiern im In- und Ausland stets mit uns schmückt!

 

Diese generell merkwürdige Ambivalenz der Bundesregierung, beziehungsweise des Innenministeriums, im Umgang mit dem Konzept Gedenkdienst zeigt sich nicht nur bei dessen Finanzierung, sondern wird auch an willkürlichen Auflagen deutlich: so dürfen Zivilersatzdienstleistende etwa auch an freien Tagen und Wochenenden den Dienstort nicht verlassen, ohne dafür dienstfrei zu nehmen; der Unterfinanzierung dürfen Zivilersatzdiener überdies nicht durch zusätzliche Arbeitsverhältnisse entgegentreten, auch nicht auf prekärer Basis an Wochenenden. Auch unabhängig von der Verschärfung der Unterfinanzierung ist das Innenministerium offensichtlich bemüht, Gedenkdienst möglichst unattraktiv zu gestalten.

 

Man muss sich also fragen: Verkommt die Idee Gedenkdienst zu einem gesellschaftlichen Elitenprojekt? Denn: 9.000 Euro machen’s möglich.

 

 

Valentin Badura, Philipp Vetter