AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 4/10


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

An die Redaktion der Zeitschrift GEDENKDIENST

Mit freundlicher Genehmigung des Autors veröffentlichen wir einen Kommentar zur GEDENKDIENST-Ausgabe über Karl Lueger (Ausgabe 2/10). Verfasst hat ihn der österreichisch-argentinische Schriftsteller Alfredo Bauer.

 

 

Ihre Behandlung der Frage der Umbenennung öffentlicher Flächen in Wien ist für mich besonders opportun und interessant. Einerseits sind wir in Lateinamerika, im Zuge des historischen Emanzipations- Prozesses, welcher den gesamten Subkontinent erfasst hat, ebenfalls mit der Notwendigkeit konfrontiert, ohne Rücksicht auf historische Pietät reaktionäre Bezeichnungen auszumerzen. Andererseits habe ich, was meine Geburtsstadt Wien betrifft, hinsichtlich antisemitischer Tradition und hinsichtlich der zweifellos sehr bedeutenden Figur Karl Lueger eine enge persönliche und familiäre Beziehung. Mein Großvater Dr. Alfred Mittler hatte als liberaler Gemeinderat heftige Zusammenstösse mit Lueger.

 

Was Sie zu Lueger und zu seinem sehr typisch-österreichischen Antisemitismus sagen, billige ich durchaus. Ich meine jedoch, dass es ein schwerwiegendes Versäumnis darstellt, nicht auch Luegers Tschechen-Feindschaft im gleichen Maße zu rügen. Ich würde da übrigens auch besonders darauf hinweisen, dass keineswegs – wie es oft sowohl von jüdischer wie von antisemitischer Seite behauptet wird – der Antisemitismus „etwas typisch Österreichisches” ist. Er widerspricht vielmehr der guten traditionell- österreichischen Toleranz. Vom Tschechen-Hass lässt sich das Gleiche sagen. Überhaupt ist ja, zumal was Wien betrifft, die traditionelle Kultur-Mischung wohl das Beste, was unsere Stadt aufzuweisen hat. Und da ist unter anderem besonders der tschechische wie der jüdische Beitrag zu würdigen.

 

Ich will nicht unerwähnt lassen, dass, was die Feindschaft gegen die Tschechen betrifft, der Gemeinderat Mittler durchaus derselben Meinung war wie Lueger. Mein Großvater war, wie überhaupt die Liberale Partei, „deutsch” orientiert. Das stand im Widerspruch mit deren demokratischer Ausrichtung: denn die Deutschsprachigen waren ja in der Monarchie eine Minderheit; und die demokratische Gleichheit musste sie den anderen Völkern gegenüber ins Hintertreffen geraten lassen. Leider haben aber auch die Sozialdemokraten diese verhängnisvolle „deutsche” Ausrichtung der Liberalen beibehalten. Den Tschechen warfen – meist durchaus nicht mit Unrecht – beide Parteien „Nationalismus” vor. Eine solche Haltung war aber, zumal bei den Sozialdemokraten, dennoch nicht gerechtfertigt: Man muss jedem Volk auch das Recht sich zu irren zugestehen; erst dann darf man zu Recht erwarten, dass es freiwillig das Richtige tut.

 

Es darf aber – worauf ja auch Sie hingewiesen haben – nicht unerwähnt bleiben, dass es bei der Umbenennung des Ringstraßen Segments keineswegs in erster Linie um Lueger geht. Die Absetzung des Namens „12. November” war ein verfassungswidriger Akt und hätte längst schon rückgängig gemacht werden müssen. Abgesehen davon, dass der Tag der Gründung der Republik Österreich doch nicht ungeehrt bleiben darf. Ich erinnere mich noch gut daran, dass ich an diesem Tag, ebenso wie am 1. Mai, als kleiner Bub immer mit meinem Vater am Aufmarsch auf der Ringstraße teilnahm. Nichts ist dagegen zu sagen, dass der Tag der Wiederherstellung der vollen Souveränität Österreichs zum Nationalfeiertag erklärt wurde. Aber ein Staat kann durchaus zwei Nationalfeiertage haben, wie es auch in Argentinien der Fall ist: Da ist der 25. Mai, an dem sich im Jahre 1810 das Land zum ersten Mal eine eigene Regierung gab; und der 9. Juli, an dem im Jahre 1816 die Unabhängigkeit erklärt wurde.

 

Diese Überlegungen wollte ich zu der von Ihnen angeschnittenen Frage beisteuern, und ich würde mich freuen, wenn sie nützlich wären und vielleicht auch neue Gedanken anregen könnten.

 

 

Alfredo Bauer, Buenos Aires