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Ausgabe 4/10


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Rede zum Gedenken am Aspangbahnhof

Am 9. November 2010 fand auf dem Gelände des ehemaligen Aspangbahnhofs eine Veranstaltung zum Gedenken an die Opfer der Deportation statt. Für den Verein GEDENKDIENST hat Lukas Meissel eine Rede gehalten, die wir nachstehend veröffentlichen.

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren!

 

Mein Name ist Lukas Meissel und ich spreche als Vertreter des Vereins GEDENKDIENST zu Ihnen. Der GEDENKDIENST beschäftigt sich neben seiner Tätigkeit als Entsendeorganisation für männliche und weibliche Freiwillige an Gedenkstätten, pädagogische Einrichtungen sowie Betreuungsstellen für Überlebende der Shoah vielschichtig mit den nationalsozialistischen Verbrechen und deren Auswirkungen sowie Fragen der historisch-politischen Bildungsarbeit. Wir haben als Verein den Anspruch, Gedenken nicht als Selbstzweck zu sehen. Gedenkveranstaltungen bieten unter anderem die Möglichkeit, über Formen und Inhalte dieser konkreten Arbeit zu reflektieren.

 

Der Aspangbahnhof war ein Ort der Deportation von vormals selbstbestimmten Menschen, die hier von den Nazis und ihren Helfern und Helferinnen einen Schritt weiter in die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie gezogen wurden. Er wurde in den letzten Jahren zu einem zentralen, wenn auch oftmals nur wenig beachteten Erinnerungsort an die Shoah in Wien. Es muss aber betont werden, dass die nationalsozialistische Verfolgungspolitik in Wien nicht nur auf Schauplätze der Deportation begrenzt war. Österreicher und Österreicherinnen initiierten im ganzen Land bereits am Tag des sogenannten „Anschlusses“ Pogrome. Abseits von der Gewalt auf der Straße und in verschiedenen nationalsozialistischen Lagern erstreckte sich der bürokratisierte Verfolgungsapparat, der in Büros von den sprichwörtlichen Schreibtischtätern und -täterinnen durchgeführt wurde, über ganz Österreich. Bei Gedenkveranstaltungen muss also bedacht werden, dass sie immer nur auf einen Ort fokussieren können, die nationalsozialistischen Verbrechen beziehungsweise die Vernichtungspolitik aber nicht auf einzelne geographische Koordinaten reduziert werden können.

 

Wir gedenken heute der Opfer, die vom Aspangbahnhof in die Vernichtungslager deportiert wurden. Aber bereits diese Formulierung wirft Fragen auf: Wer hat sie zu Opfern gemacht? Wer ist verantwortlich für diese Taten, wer sind die Verbrecher und Verbrecherinnen? Es ist von zentraler Bedeutung, die NS-Verbrechen nicht als „Naturkatastrophe“ erscheinen zu lassen, sondern als Verbrechen, die konkret Menschen anderen Menschen angetan haben. Die Geschichte der Opfer würde trivialisiert werden, würde man ihre Mörder und Mörderinnen nicht benennen und die Umstände ihres Todes nicht beleuchten. Ein Verurteilen der Verbrechen muss mit einer Verurteilung der Verbrecher und Verbrecherinnen einhergehen. Die Motive und die Ideologie der Täter und Täterinnen müssen abgelehnt, ja bekämpft werden. Meines Erachtens ist dies eine der gesellschaftspolitischen Konsequenzen, die aus den NS-Verbrechen gezogen werden müssen.

 

Der Sturz des NS-Systems durch die Alliierten hatte leider nicht zur Folge, dass Faschismus und Ideologien wie Antisemitismus, Antiziganismus, sowie Rassismen aller Art aus der Welt geschafft werden konnten. Gerade in letzter Zeit ist ein Aufstieg der extremen Rechten in vielen europäischen Ländern zu beobachten. Der Hass gegen Juden und Jüdinnen, Roma, Sinti, wird wieder verstärkt aktiv politisch bedient; Hetze gegen Muslime und Musliminnen als zentrale Wahlkampfthemen verwendet. In Österreich gewinnt die FPÖ Wahlen mit nationalistischen, antimuslimischen Kampagnen. Sie bedient tiefsitzende Vorurteile, wenn etwa Inserate gegen einen angeblich geplanten EU-Beitritt Israels veröffentlicht werden.

 

Ich möchte nur ein einziges aktuelles Beispiel herausgreifen, um die Offensichtlichkeit der politischen Verortung einzelner FPÖ-Funktionäre und –Funktionärinnen zu betonen, die wiederum auf einen Normalzustand innerhalb der FPÖ schließen lässt: Der steirische FPÖ-Obmann Gerhard Kurzmann trat der Kameradschaft IV, der Veteranenorganisation der Waffen-SS, bei und wird dabei von seiner Partei gedeckt. Es ist kaum möglich, sich klarer in Bezug auf österreichische Zeitgeschichte politisch zu verorten. Traurig ist darüber hinaus, dass sich die meisten anderen österreichischen Parteien zu oft viel zu undeutlich von der FPÖ distanzieren und konkrete Gegenstandpunkte einnehmen.

 

Der Verein GEDENKDIENST sieht sich als politische, wenn auch klar nicht an eine Partei gebundene Organisation. Wir verstehen Gedenken immer auch als gesellschaftspolitische Aufgabe, sich mit Kontinuitäten der NS-Ideologie in der österreichischen Gesellschaft auseinanderzusetzen. Erinnerungsarbeit muss diesem Anspruch nach immer mit klaren Positionen in der Gegenwart einhergehen. Das Gedenken an die vom Aspangbahnhof Deportierten darf nicht darauf reduziert sein, die Geschichten der Opfer als kontextlose Schicksale erscheinen zu lassen. Die geschichtlichen Umstände der Verbrechen sowie die Nachwirkungen in der heutigen Gesellschaft müssen benannt werden. Gedenken muss demnach mit einer Ablehnung und Bekämpfung der Ideologie der Verbrecher und Verbrecherinnen einhergehen, historisch und in der Gegenwart.

 

 

Lukas Meissel

Leistete 2006/2007 Gedenkdienst in Yad Vashem.

Studiert Geschichte und Hebräisch an der Universiät Wien.