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Ausgabe 4/10


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Mit dieser Ausgabe beleben wir eine alte Tradition von GEDENKDIENST wieder: hier berichten Gedenkdienstleistende über Neues, Interessantes und Nachdenkliches aus ihrem Alltag und von ihren Einsatzstellen.

 

Vilnius: Eröffnung der neuen Ausstellung am Jüdischen Museum in Vilnius

 

Das „Green House“ ist während seines 20-jährigen Bestehens für viele Eigenschaften bekannt geworden, die Fähigkeit zur schnellen Veränderung war keine davon. Deswegen verwundert es auch nicht, dass einige der ehemaligen Gedenkdienstleistenden schon angekündigt haben, persönlich nach Vilne zu fahren, um sich zu vergewissern, dass es sich hier auch wirklich um eine „narishkayt“ handelt.

 

Nach der Vorarbeit von dreizehn Gedenkdienstleistenden und langwieriger Renovierung wurde nämlich im Oktober die neue Holocaust-Ausstellung des Jüdischen Museums Vilnius in dem, wegen seiner auffallend grün bemalten Holzfassade liebevoll genannten „Green House“, offiziell eröffnet. Es war nun am vierzehnten Gedenkdiener zu sehen, wie Rachel Kostanian, Chefin des Holocaust Departments und Mitbegründerin des Museums, die etlichen BotschafterInnen, VertreterInnen der Jüdischen Gemeinde und viele langjährige FreundInnen des Jüdischen Museums durch die neu gestalteten Räume führte und zahlreiche neue Konzepte wie die Audioinstallation für jiddische Ghettolieder, Videoportale für Schulklassen oder auch vorher nicht berücksichtigte Aspekte, wie die kleineren Ghettos Litauens, vorstellte.

 

Vergleicht man die neue mit der alten Ausstellung, merkt man, wie schnell sich Litauen in den letzten zwanzig Jahren gewandelt hat; so musste zum Beispiel Russisch der Besucherrealität und somit dem Englischen weichen. Dies war wohl der größte Spannungspunkt, den man auch vor der Eröffnung in den Gesichtern vieler älterer Mitglieder der Jüdischen Gemeinde – nicht wenige von ihnen selbst Überlebende der Shoah und MitbegründerInnen der ersten Ausstellung – ablesen konnte: die Frage, ob die Ausstellung also noch den starken Narrativ der Überlebenden selbst ausstrahlt oder inwieweit man sich der neuen politischen Situation in Litauen angepasst hat, stand im Raum.

 

Doch wenn man sah, mit welcher Inbrunst die bald 81-jährige Rachel Kostanian, unter deren Obhut die neue Ausstellung erarbeitet wurde, bei der Eröffnung den Gästen ihr Museum vorstellte, lösten sich die Zweifel auf und nur ihre Stimme blieb, vom unermüdlichen Versuch getrieben, gleichzeitig auf vier Sprachen alles für alle verständlich zu machen.

 

Die Ausstellung jedenfalls kommt zum richtigen Zeitpunkt, steht sie doch am Ende einer Ära jüdischer Mitarbeit im Museum. Wird die Stimme der alternden jüdischen Gemeinde immer leiser, werden von nun an umso stärker LitauerInnen gefordert sein, die jüdische Erinnerung weiterzutragen.

 

 

Lukas Dünser

Leistete 2009/2010 Gedenkdienst am Jüdischen Museum in Vilnius