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Ausgabe 4/10


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"Homophobie, Devianz und weibliche Homosexualität im Nationalsozialismus. Geschichte und Gedenken."

Tagungsbericht

 

 

Unter diesem Titel veranstaltete die Gedenkstätte Ravensbrück vom 8. Bis 10. Oktober 2010 einen Workshop. Anlass gab die kontroverse, teils polemisch geführte Diskussion um die künstlerische Gestaltung des „Denkmals für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen“ im Berliner Tiergarten, zu der Insa Eschebach, Leiterin der Gedenkstätte, einen wissenschaftlichen Kontrapunkt setzen wollte. Neueste historische Forschungen zur Situation lesbischer Frauen während des Nationalsozialismus wurden ebenso beleuchtet wie Aspekte von Erinnerungskultur und Gedenkpraxis.

 

Ein öffentliches Gedenken an homosexuelle Opfer des NS-Regimes begann sich erst sehr spät zu entwickeln. Bis 1971 wurden in Österreich männliche wie auch weibliche homosexuelle Akte weiterhin mit denselben Gesetzen strafrechtlich verfolgt wie zur NS-Zeit und davor, wenn auch die NS-Verfolgung deutlich massivere Züge angenommen hatte. Die vom NS-Regime als Homosexuelle verfolgten Männer, galten als rechtmäßig verfolgte Straftäter, nicht als Opfer. Derart verfolgte Frauen wurden in der Öffentlichkeit überhaupt nicht wahrgenommen. Nur sehr langsam vollzog sich ein gesellschaftlicher Umdenkprozess. Erst im Jahr 2005 wurden – auf heftigen Druck von Homosexuellen-Initiativen – Schwule und Lesben in die Liste der verfolgten Gruppen des Opferfürsorgegesetzes aufgenommen. Es waren solche Initiativen, die den Anstoß für die ersten Gedenktafeln an homosexuelle NS-Opfer gaben, stets unter vehementer Opposition anderer Opfergruppen und der Öffentlichkeit. Die weltweit erste Gedenktafel wurde 1984 in Mauthausen eingeweiht und trägt die Inschrift „Totgeschlagen - Totgeschwiegen“, die damit nicht nur auf die Verfolgung, sondern auch auf die fehlende Erinnerung nach 1945 verweist.

 

Kennzeichen vieler Initiativen zur Errichtung von Mahnmälern für homosexuelle NS-Opfer ist eine seltene Thematisierung von Geschlechterfragen. In den frühen 1990er Jahren, als in Frankfurt, Köln und Berlin relativ parallel Initiativgruppen zur Förderung eines öffentlichen Gedenkens an homosexuelle NS-Opfer entstehen, ist zunächst ausschließlich von „schwulen Opfern“ die Rede. Jede dieser Gruppen erfährt erst in den Folgejahren eine Erweiterung um das Gedenken an lesbische Frauen. In Berlin etwa kommt es im Zuge der Vorbereitung auf ein Symposium, an der auch eine lesbische Aktivistin beteiligt ist, zu einer Umbenennung von „Initiative Schwulendenkmal“ zu „Initiative HomoMonument“. Die Ansprüche an ein gemeinsames Gedenken werden aber weiterhin sehr divers und widersprüchlich formuliert und unklar bleibt, wie Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Lebens- und Verfolgungssituation von Lesben und Schwulen in der NS-Zeit in einem Denkmal umsetzbar, beziehungsweise in ein Denkmal übersetzbar, wären. Auch Polemiken gegen die Einbeziehung von lesbischen Frauen in das Gedenken bleiben nicht aus: so wirft der Historiker und Schwulenaktivist Joachim Müller lesbischen Aktivistinnen vor, sie würden „unter der Flagge scheinbarer political correctness“1 den Mythos einer NS-Lesbenverfolgung fortschreiben. Lesbische Aktivistinnen erscheinen in solchen Szenarien als berechnende Lobbyistinnen, die Geschlechtergerechtigkeit auch dort umzusetzen suchen, wo es offenbar unangebracht scheint.

 

Trotz der Widerstände setzen sich jene Kräfte durch, die ein gemeinsames Gedenken an Lesben und Schwule der NS-Zeit für sinnvoll halten. Corinna Tomberger, die den Mahnmalstreit beim Workshop aus geschlechterkritischer Perspektive untersuchte, analysiert diese Erweiterung der Denkmalinitiativen jedoch weniger als Ausdruck des Versuchs ein gemeinsames Gedenken an lesbische und schwule NS-Opfer zu organisieren, sondern liest sie vielmehr als Hinwendung zu einem öffentlich regulierten und staatlich abgesicherten Gedenken. 2

 

Während nun die Ausschreibung des Berliner Wettbewerbs auf beide Geschlechter referierte, repräsentiert der ausgewählte Entwurf des Künstlerduos Elmgreen und Dragset mit der Videoprojektion eines küssenden Männerpaares ausschließlich schwule Männer. Massive Kritik, lanciert vor allem durch eine Kampagne der Zeitschrift EMMA, führte schließlich zu dem Beschluss, das Video alle zwei Jahre zu wechseln, wodurch auch lesbischen Repräsentationen im Denkmal Raum gegeben werden sollte. Dies stellt jedoch keinesfalls einen für alle am Diskurs Beteiligten sinnvollen Kompromiss dar, ablesbar etwa an einem im März dieses Jahres von zahlreichen Gedenkstättenleiter_innen unterzeichneten offenen Brief, in dem vor „historisch nicht zu vertretende[n] Gleichsetzungen“ 3 gewarnt und dafür appelliert wird, das Denkmal in seiner jetzigen Form zu belassen.

 

Die Schwierigkeit, allen homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus gemeinsam zu gedenken, bildet also über die Jahre hinweg und bis zum heutigen Stadium des sogenannten „Mahnmalstreits“, Konfliktpotential. Ein Grund für diesen andauernden Konflikt liegt – dies wurde auch am Workshop betont – jedenfalls in der letztlich nicht geklärten Definition des Begriffs „Verfolgung“.

 

Die Historikerin Claudia Schoppmann, eine der wenigen Spezialist_innen zum Thema, hat in den letzten Jahren immer wieder auf die „abgestufte und differenzierte Homosexuellenpolitik“ 4 des NS-Regimes hingewiesen und betont, dass im Zuge ihrer jahrelangen Forschung generell keine systematische Verfolgung lesbischer Frauen nachgewiesen werden konnte. Zugleich hat die Politologin Gudrun Hauer davor gewarnt, den Verfolgungsbegriff rein auf Strafverfolgung und Internierung in Konzentrationslagern zu verengen.5 Johann Kirchknopf argumentierte, dass die Ergebnisse seiner statistischen Untersuchung sehr wohl eine systematische strafrechtliche Verfolgung weiblicher Homosexualität zumindest für Wien in der NS-Zeit belegen. Und Jens Dobler warnte davor, „Verfolgung“ allein an der Quantität der Verfolgten zu messen. Er schlug vor, den Zweck der Verfolgung zum Maßstab zu nehmen – und dieser sei auch im Fall lesbischer Frauen die Unterdrückung und Einschüchterung mittels generalpräventiver Maßnahmen („bestrafe wenige, meine viele!“) gewesen.

 

Ein zweiter Motor des „Mahnmalstreits“ ist in den multiplen Anforderungen zu sehen, die an das Denkmal schon bei der Ausschreibung gestellt wurden. So sollte der Gedenkort nicht nur „die Opfer ehren“ und „die Erinnerung an das Unrecht wachhalten“, sondern auch „ein beständiges Zeichen gegen Intoleranz, Feindseligkeit und Ausgrenzung gegenüber Schwulen und Lesben setzen.“6 Dieses strukturelle Dilemma, das sich durch die Verknüpfung von Gedenken an die Opfer und der Forderung nach Akzeptanz von Lesben und Schwulen heute ergibt, spiegelt sich im Mahnmal wieder: während sich der gestalterische Entwurf allein auf Männer bezieht, soll die Diskriminierung von Lesben und Schwulen bekämpft werden. Berechtigte Kritik entzündet sich also an der Vorstellung, dass lesbische Frauen in der Repräsentation schwuler Männer „mit gemeint“ sein sollten, statt eigenständig sichtbar zu sein.

 

Viele der interessanten Fragen zu den Möglichkeiten und Grenzen des Gedenkens an lesbische Frauen im Nationalsozialismus konnten in Ravensbrück nur angeschnitten werden. Hervorzuheben ist jedenfalls ein Panel, das selbstorganisierten erinnerungspolitischen Initiativen und Projekten gewidmet war, die – abseits staatlich regulierter Gedenkkultur – an den Möglichkeiten eines „offenen“ und subversiven Gedenkens arbeiten (siehe Informations-Box).

 

Insa Eschebach merkte bei der Eröffnung des Kolloquiums an, dass die Kontroverse um das Berliner Denkmal vielleicht als symptomatisch zu sehen sei. Es brauche wohl einen Ort, an dem über lesbische Frauen und Nationalsozialismus nachgedacht werden könne. Der Workshop in Ravensbrück hat unserer Ansicht nach einen solchen Ort des theoretischen wie politischen Diskurses eröffnet. Vielleicht können in Hinkunft weitere solche – möglicherweise auch in Wien – entstehen.

 

Das Projekt eines permanenten Mahnmals „für die homosexuellen und transgender Opfer des Nationalsozialismus“ in Wien ist 2009 zwar offiziell gescheitert. Mit dem Projekt „Mahnwache“7 der Künstlerin Ines Doujak wurde zu Beginn dieses Sommers aber eine Reihe künstlerischer Interventionen begonnen, die den Morzinplatz immer wieder temporär bespielen werden. Vielleicht kann ein solches, sich immer wieder veränderndes Gedenken, ein weiterer Ausgangspunkt zur Auseinandersetzung mit Möglichkeiten und Grenzen eines Gedenkens an lesbische Frauen zur NS-Zeit sein.

 

 

Elisa Heinrich,

Johann Kirchknopf

arbeitet an einer Diplomarbeit zum Verhältnis von Erinnerungsdiskurs und Identitätspolitiken im Gedenken an homosexuelle NS-Opfer am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

Schreibt eine Diplomarbeit über die Verfolgung weiblicher Homosexualität im Wien der NS-Zeit am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

 

 

1 Offener Brief von Joachim Müller, abgedruckt in Heinrich-Böll-Stiftung 1999, in: Heinrich-Böll- Stiftung (Hg.): Der homosexuellen NS-Opfer gedenken. Berlin 1999, 120.

2 Vgl. Corinna Tomberger: Wessen Gedenken? Geschlechterkritische Fragen an das geplante Homosexuellen-Mahnmal, in: Invertito – Jahrbuch für die Geschichte der Homosexualitäten. 9 (2007), 142f.

3 VEHN - Verein zur Erforschung der Geschichte der Homosexuellen in Niedersachsen e.V.: Offener Brief, 18.03.2010, abrufbar in: http:// www.homosexuellen-mahnmal.de/ (12.09.2010)

4 Claudia Schoppmann: Zeit der Maskierung. Lebensgeschichten lesbischer Frauen im „Dritten Reich“. Berlin 1993, 13.

5 Vgl. Gudrun Hauer: Lesben und Nationalsozialismus. Blinde Flecken in der Faschismustheorie, in: Aus dem Leben. Begleitpublikation zur Ausstellung über die nationalsozialistische Verfolgung der Homosexuellen in Wien 1938- 45. Sonderheft der lambda nachrichten, Zeitschrift der Homosexuellen Initiative Wien. Juni 2001, 48.

6 Deutscher Bundestag Drucksache 15/1320 vom 01.07.2003: Beschluss zur Errichtung eines Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen, in: http:dip21.

bundestag.de/dip21/btd/15/013/1501320.pdf (18.10.2010)

7 www.wien.gv.at/rk/msg/2010/07/02027.html (11.11.2010)

 

Projektgruppe Ravensbrück/Bielefeld: Bielefelder Frauen, Lesben und Transgender beschäftigen sich seit Jahren mit der Geschichte von Personen, die im NS aufgrund sexistischer und patriarchaler Zuschreibungen verfolgt und diskriminiert wurden, etwa Sexzwangsarbeiterinnen in den Lagerbordellen. Kontakt: Projektgruppe Ravensbrück c/o Feministisches Referat des AStA der Uni Bielefeld, e-mail: flref@uni-bielefeld.de

 

Initiative für einen Gedenkort ehemaliges Konzentrationslager Uckermark e.V.: Ein Netzwerk von Feminist_innen und Antifaschist_innen, das im Kontakt mit Überlebenden zur Geschichte des Lagers, zu Ursachen und Kontinuitäten arbeitet. Ziel ist die Schaffung eines würdigen Gedenkorts. Website: www.maedchen-kz-uckermark.de

 

Aktivistinnen der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück und FreundInnen und des autonomen FrauenLesbenzentrums Wien organisieren bei der jährlichen Befreiungsfeier in Mauthausen ein feministisches Gedenken (vor oder bei) dem ehemaligen Lagerbordell, Baracke 1. Website: www.ravensbrueck.at/html/kap8.htm