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Ausgabe 4/10


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"Jud Süß", Goebbels und das nationalsozialistische Kino

Oskar Roehlers neuester Film „Jud Süß – Film ohne Gewissen“ löste bereits während seiner Uraufführung im Februar dieses Jahres einen Skandal aus. Der Film verfolgt die Entstehung des berüchtigten NS-Propagandastreifens „Jud Süß“ und skizziert das Leben Ferdinand Marians, jenes österreichischen Schauspielers, der den Hauptcharakter Süß damals gespielt hat. Der Hauptkritikpunkt an Roehler: der Film weiche von historischen Tatsachen ab und stelle Marian als Opfer von Joseph Goebbels’ Verführungs- und Erpressungstaktiken dar. So hat Marians Frau plötzlich jüdische Vorfahren und man erfährt im Laufe des Films, dass sie von den Nazis vergast worden ist. Und am Ende des Films wird der Protagonist sogar von einer Gruppe ehemaliger KZ-Häftlinge verprügelt.1

 

Eines stellt Roehler jedoch durchaus authentisch dar, nämlich den hohen Stellenwert, den das Kino auf der Agenda des NS-Propagandaministers eingenommen hat. Wie wichtig das Medium Film für Goebbels gewesen ist, zeigt sich auch daran, dass die Reichsfilmkammer bereits zwei Monate vor der Reichskulturkammer gegründet worden ist.2 Sogar noch früher, nämlich im Juni 1933, erließ Goebbels eine Verordnung, die Juden von allen Filmproduktionen ausschloss – das deutsche Kino sollte „judenfrei“ werden.3 Aber auch auf den Filmleinwänden selbst wurden Juden und Jüdinnen marginalisiert. Bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges gab es in deutschen Filmen keine jüdischen Hauptcharaktere.4

 

Doch warum spiegelte sich die radikal anti-jüdische Politik der Nazis nicht auch in den Filmen der 1930er wider? Hier treffen mehrere Faktoren aufeinander. Zur Gänze verstaatlichte Goebbels die Filmindustrie erst 1942. Überhaupt ist erstaunlich, dass in den über 1000 Filmen, die im „Dritten Reich“ gedreht worden sind, nur 96 Staatsauftragsfilme zu finden sind.5 Die deutsche Filmindustrie drehte lieber weiterhin Unterhaltungsfilme, wie vor 1933, anstatt unverfrorene Propagandastreifen. Laut David Bankier stand die sogenannte „Judenfrage“ nie im Zentrum der deutschen Aufmerksamkeit und Besorgnis – weder vor noch nach 1933.6 Dies wäre natürlich ein Grund weniger für die nachfrageabhängige Filmindustrie gewesen, jüdischen Charakteren in den Kinoproduktionen viel Platz einzuräumen. Das bedeutet jedoch nicht, dass Unterhaltungsfilme keinen politischen Wert gehabt hätten. Sie dienten der Bevölkerung als Ablenkung von ihren Alltagssorgen und die Zensur sorgte dafür, dass keine von Nazis unerwünschten Ideen durch Filme verbreitet wurden.7 Und obwohl man nur wenige Filme als nationalsozialistisch im engeren Sinne charakterisieren kann, so waren doch viele zumindest nationalistisch.8

 

Erst 1938 befahl das Propagandaministerium, dass jede Filmfirma einen antisemitischen Film produzieren soll. Ufa beispielsweise produzierte daraufhin „Die Rothschilds“ und Wienfilm „Wien 1910“, doch Terra sollte mit Veit Harlans „Jud Süß” den erfolgreichsten aller Staatsauftrags-Propagandafilme drehen: Zirka 20 Millionen Deutsche sahen den Film zwischen 1940 und 1945 und Heinrich Himmler befahl sogar, dass alle SS-Männer den Film sehen.9 Der Produktion kam von Beginn an Goebbels’ größte Aufmerksamkeit zu, zumal er überzeugt war, dass Unterhaltung die effektivste Form von Propaganda sei. „Jud Süß“ wurde in seiner Massenwirkung die Nazi-Version eines Hollywood-Blockbusters.

 

Der Film handelt von der historischen Figur des Joseph Süß Oppenheimer (1698-1738), der für kurze Zeit Hofjude des Fürsten von Württemberg gewesen ist.10 Ansonsten ging Veit Harlan mit historischen Tatsachen sehr freizügig um. Sein „Jud Süß“ missbraucht seine Stellung als Finanzberater des Fürsten, um den „Judenbann“ der Stadt Stuttgart aufzuheben und um die „deutsche“ Bevölkerung mittels Steuern und Zöllen auszubeuten. Schlimmer noch: Süß vergewaltigt ein „arisches“ Mädchen, das in der Folge aus Scham Selbstmord begeht. Höhepunkt des Films ist die Szene, in der Süß für seine Verbrechen bei Nacht, Fackellicht und Trommelgewitter gehängt wird und alle Jüdinnen und Juden aus der Stadt verbannt werden.11

 

Die Botschaft ist klar: Juden und Jüdinnen müssen eingedämmt, gar vertrieben werden – so wird der „deutschen“ Bevölkerung viel Leid erspart. „Jud Süß“ sollte dem Publikum klar machen, dass es eine „Judenfrage” gebe, die „gelöst“ werden müsse.12 Unklar ist hingegen, ob und wie der Film die Kinobesucher und -besucherinnen beeinflusst hat. Dass der Film so erfolgreich war, liegt vermutlich weniger an der antisemitischen Botschaft als am „Sex and Crime“-Charakter des Films. Dass Leute mehr an Unterhaltung interessiert waren, zeigt sich auch daran, dass der Pseudo-Dokumentarfilm „Der Ewige Jude“ (1940), der geradezu pornographisch auf niedrigste Instinkte abzielt, ein vollkommener Flop war.13

 

Was die Effektivität von NS-Propaganda im Allgemeinen betrifft, herrscht unter Historikern und Historikerinnen einigermaßen Konsens. Ihre Analysen heben hervor, dass Propaganda nicht bloß eine Kunst der Überzeugung ist, sondern wesentlich erfolgreicher ist, bestehende und tiefsitzende Werte, Hoffnungen, Ängste sowie Ideen zu verstärken und zu kanalisieren.14 Es ist daher anzunehmen, dass auch „Jud Süß“ antisemitische Gefühle bestätigte und radikalisierte. Und bringt man den Film in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext, so kann man konstatieren, dass es der geschickten Kombination von Gewaltdiktatur und Propaganda gelungen ist, zumindest „passive“ Unterstützung für die Regimepolitik zu garantieren15 und Juden und Jüdinnen zu depersonalisieren16 – genug, um die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ durchzuführen.

 

 

Philipp Selim

 

Leistete 2009/2010 Gedenkdienst am United States Holocaust Memorial Museum in Washington, DC. Studiert Geschichte und Biologie an der Universität Wien.

 

 

1 Für Filmkritiken siehe: http://aspekte.zdf.de/ZDFde/inhalt/16/0,1872,8037616,00.html (Stand: 15. November 2010), www.zeit.de/2010/39/ Jud-Suess-Kasten (Stand: 15. November 2010)

2 David Welch, Propaganda and the German Cinema 1933-1945, Second Edition (London; New York: I.B Tauris, 2001), S.9.

3 Susan Tegel, Nazis and the Cinema (London: Hambledon Continuum, 2007), S. 37-40.

4 Ebd., S. 99ff. In Nebenrollen gab es jedoch schon jüdische Charaktere, die auch dementsprechend stereotypisiert dargestellt wurden.

5 Welch, Propaganda and the German Cinema, S.36

6 David Bankier, The Germans and the Final Solution: Public Opinion under Nazism (Cambridge, USA: B. Blackwell, 1992), S. 68-76. Diese Feststellung impliziert jedoch keine Ablehnung von Antisemitismus oder Nationalsozialismus.

7 Tegel, Nazis and the Cinema, S.111.

8 Ebd., S. 52.

9 Ebd., S.131ff.

10 Für ausführliche Informationen zur historischen Person des Joseph Süß Oppenheimer siehe: Barbara Gerber, Jud Süß: Aufstieg und Fall im

frühen 18. Jahrhundert: ein Beitrag zur historischen Antisemitismus- und Rezeptionsforschung (Hamburg: Christians, 1990).

11 Für eine ausführliche Analyse der einzelnen Szenen siehe: Susan Tegel, Jew Süss (Trowbridge, UK: Flicks Books, 1996).

12 Hier ist zu beachten, dass der Film die Vertreibung und noch nicht die Vernichtung als „Lösung der Judenfrage” suggeriert.

13 David Welch, The Third Reich: Propaganda and Politics, Second Edition (London; New York: Routledge, 2002), S.99ff.

14 Siehe u.a.: Welch, The Third Reich, S.9; Aristotle A. Kallis, Nazi Propaganda and the Second World War (Basingstoke, UK: Palgrave Macmillan, 2005), S.64; Ian Kershaw, “How effective was Nazi Propaganda?” In Nazi Propaganda: The Power and the Limitations, Hrsg. David Welch (London: Croom Helm; Totowa, N.J., USA: Barnes & Noble Books, 1983), S. 200.

15 Welch, The Third Reich, S.158; Bankier, The Germans and the Final Solution, S. 153ff.

16 Kershaw, “How effective was Nazi Propaganda?”, in Nazi Propaganda, Welch, S.191.