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Ausgabe 4/10


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vor.gelesen - rezensionen

Familie Salzmann.

 

Erzählung aus unserer Mitte

Erich Hackl, Diogenes, Zürich 2010

 

In seinem neuen Buch erzählt der österreichische Autor Erich Hackl eine Familiengeschichte, die drei Generationen umspannt.

 

Die Erzählung beginnt im Jahr 1994 in Graz, als Hanno Salzmann, ein Angestellter der Gebietskrankenkasse, am Arbeitsplatz gemobbt wird, nachdem er einem Kollegen erzählt, dass seine Großmutter in einem KZ umgekommen ist. Daraufhin geht die Geschichte ins Jahr 1909 zurück, als Hannos Großmutter, Juliana Sternad geboren wird. Sie wächst nahe Stainz auf und geht 1931 zwecks Arbeitssuche nach Bad Kreuznach in Deutschland. Dort lernt sie Hugo Salzmann kennen, einen gelernten Metalldreher, der für die Kommunistische Partei Deutschlands aktiv ist und im Stadtrat sitzt. Die beiden heiraten, müssen jedoch aufgrund seiner politischen Tätigkeit im März 1933 mit ihrem Sohn Hugo aus Deutschland flüchten. Das Kind kommt schließlich bei Verwandten unter, während die Eltern sich getrennt durchschlagen. Juliana stirbt 1945 im KZ Ravensbrück, ihr Mann wird 1945 aus dem Zuchthaus Butzbach (Hessen) befreit. Das erste Treffen von Vater und Sohn nach jahrelanger Trennung ist enttäuschend. Die beiden haben sich entfremdet, der Vater kann mit dem inzwischen 14-jährigen Hugo nichts anfangen. Der junge Hugo Salzmann gründet später seine eigene Familie, die Abweisung seines Vaters bleibt bis zu dessen Tod unverändert.

 

Wie die meisten von Erich Hackls Büchern, so beispielsweise auch sein bisher erfolgreichstes, Abschied von Sidonie (1989), basiert Familie Salzmann auf wahren Begebenheiten.

 

Für dieses Buch hat Erich Hackl, so erzählt er in einem Interview, in Archiven recherchiert, Briefe, Dokumente, Aufzeichnungen gelesen und Nachfahren getroffen.1 Das Ergebnis ist eine Erzählung, die zwar auf Fakten basiert, trotzdem schafft es Hackl aber, den Leuten ein Gesicht zu geben und ihre Geschichte persönlich angreifbar zu machen. Mit klarer Sprache, Einfühlungsvermögen und feinem Humor zeichnet er ihr Leben nach. Seine Sprache ist knapp und lakonisch, aber nie nüchtern. Das Faszinierende an Hackls Werken: er erzählt aufregende, aufwühlende Geschichten in unaufgeregter Sprache. Herausragend seine Darstellung von Hugo Salzmann, dem Vater, der seine Leidenschaft und Energie in seine politische Arbeit steckt, sodass für seinen Sohn nichts mehr übrigbleibt.

 

Beklemmend die Beschreibungen von Ereignissen, die in Österreich stattgefunden haben und die die Leserin mit einem unangenehm bekannten Gefühl zurücklassen.

 

 

Emilia Lichtenwagner

 

1 oe1.orf.at/artikel/257330, 02.12.10.

 

 

Ghosts of Home.

 

The Afterlife of Czernowitz in Jewish Memory

Marianne Hirsch/Leo Spitzer, University of California Press, Berkeley 2010

 

Czernowitz: Der Geist einer Stadt

Ein Spaziergang durch die Herrengasse, ein Bad im Gänsehäufl: Czernowitz wurde im frühen 20. Jahrhundert nicht zu Unrecht als „Wien des Ostens“ bezeichnet. Die Hauptstadt der Bukowina war deshalb schon lange ein heimlicher Liebling der Feuilletons: Der Traum dieser „Kulturmetropole“ der Habsburgermonarchie, die das friedliche Zusammenleben von Deutschen, Rumänen, Ukrainern, Polen und Juden vorzeigte, wird heute noch gerne geträumt. Paul Celan nannte sie „die Stadt, wo Menschen und Bücher lebten.“ Eine kulturelle Oase inmitten des östlichen „Armenhauses“ Österreich-Ungarns, war sie ein Vorbild für die jüdische Emanzipation. Das „Jerusalem am Pruth“ eröffnete seinen jüdischen BewohnerInnen alle gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Möglichkeiten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts stellten sie, meist deutschsprachig und assimiliert, mit einem Drittel die größte Bevölkerungsgruppe. Mit Paul Celan, Rose Ausländer und vielen anderen brachte die Stadt zu jener Zeit einige der bedeutendsten jüdischen SchriftstellerInnen hervor. Als die Bukowina nach dem Ersten Weltkrieg Teil Rumäniens wurde, bildete die deutsche Literatur einen Zufluchtsort vor der kulturellen Rumänisierung vor allem für die jüdische Bevölkerung, deren unter den Habsburgern allmählich gewährte Bürgerrechte nach und nach eingeschränkt wurden.

 

Trotzdem ist die Erinnerung der Czernowitzer Jüdinnen und Juden an die Zwanziger und Dreißiger Jahre positiv geprägt. Erst der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und der Holocaust, der in der Folge auch Czernowitz erreichte, stellt gleichsam den Bruch zwischen Traum und Trauma dar. Dieser eigenartige Nexus zwischen Nostalgie und traumatischer Erinnerung, beschäftigt Marianne Hirsch, Literaturwissenschaftlerin und Tochter Czernowitzer Juden, und Leo Spitzer, Historiker und Hirschs Ehemann, in ihrem Buch Ghosts of Home. The Afterlife of Czernowitz in Jewish Memory. Der von Hirsch geprägte Begriff des „Postmemory“ als sekundäre Beziehung zu nicht selbst erlebten Erinnerungsorten, unterliegt dem Ziel des Buches, die besondere symbolische Funktion von Czernowitz in der jüdischen Erinnerung zu untersuchen.

 

In ihrem Buch erzählen Hirsch und Spitzer von vier Reisen, die sie zwischen 1998 und 2008 nach Czernowitz führten. Die Schilderung der Geschichte des jüdischen Czernowitz wechselt sich ab mit Erinnerungen von Überlebenden und persönlichen Reflexionen der AutorInnen über ihre Spurensuche. Die unterschiedliche Bedeutung des Erlebten für die „Postmemory“-Generation und für die in Czernowitz aufgewachsenen ZeitzeugInnen wird thematisiert. Das Buch steht exemplarisch für die von James Young geprägte „received history“: „It explores both what happened and how it is passed down to us.“

 

Während der Reisen besuchten Hirsch und Spitzer auch Transnistrien, die Region zwischen den Flüssen Dnister und Bug, einen der zentralen Orte des rumänischen Holocausts. In der Zeit der rumänischen Besatzung (1941-1944) wurden dort rund 200.000 Juden und Jüdinnen aus der Bukowina und Bessarabien ermordet. Ihre tragische Situation im Spannungsfeld der kriegführenden Mächte wird an dieser Stelle deutlich. Denn nicht nur unter den rumänischen Faschisten wurden Juden und Jüdinnen verfolgt. Auch der vorübergehenden sowjetischen Besatzungsmacht waren sie ein Dorn im Auge: Sie galten als kapitalistische Bourgeoisie. Viele flüchteten daher nicht vor den rumänischen Faschisten in die Sowjetunion, sondern umgekehrt, ins innere Rumänien, um der Deportation in den GULag zu entgehen.

 

Die letzte Reise nach Czernowitz unternahmen Marianne Hirsch und Leo Spitzer gemeinsam mit einer Gruppe von ehemaligen Czernowitzern und ihren Nachkommen, die sich über ein beeindruckendes Online-Projekt kennen gelernt hatten. Seit 1997 ist dort ein umfangreiches Portal zu Czernowitz entstanden, auf dem nicht nur alte Fotos, Stadtpläne und Geschichten, sondern auch original Czernowitzer Kochrezepte ausgetauscht werden.

 

Die Beobachtungen dieser letzten Reise, das Zusammentreffen verschiedener Generationen von „Czernowitzern“ – auch solchen, die noch nie dort gewesen waren – lassen auf die Komplexität und die Bedeutung dieses Erinnerungsortes für die Menschen schließen.

 

 

Nicolai Moser

 

Link zum Czernowitz-Portal: czernowitz.ehpes.com

 

 

Verlorene Nachbarschaft

 

Jüdische Emigration von der Donau an den Río de la Plata.

 

Alexander Litsauer/Barbara Litsauer (Hg.),

Mandelbaum Verlag, Wien 2010

 

Wie sah und sieht die Realität jener 40.000 deutschsprachigen Juden und Jüdinnen aus, die während und nach dem Zweiten Weltkrieg nach Argentinien emigrierten? Wie wurden sie aufgenommen in dem Land, das später als Paradefluchtziel für Nazi-Funktionäre galt? Einige der unzähligen Antworten auf diese Fragen versuchte das Projekt „Verlorene Nachbarschaft Buenos Aires-Wien 2008“ zu finden. Im Zuge dieses Projekts wurde die Fassade der 1938 zerstörten Wiener Synagoge in der Neubaugasse für zwei Wochen in einem Park in Buenos Aires aufgestellt.

 

Das vorliegende Buch dokumentiert das während dieser zwei Wochen veranstaltete Programm: Vorträge, Diskussionen, Ausstellungen, Konzerte, Schulprojekte und vieles mehr. Zahlreiche österreichische Persönlichkeiten haben den Weg in die Kulturmetropole Südamerikas auf sich genommen: Anton Pelinka, Erich Hackl, Clemens Jabloner, Hannah Lessing, Maria Bill, Robert Schindel und Adi Hirschal sind nur einige der Namen, die die Veranstaltungen wesentlich mitprägten.

 

Besonders beeindruckend ist, neben dem Projekt an sich, die im Sammelband hergestellte Kontextualisierung: So haben die LeserInnen nicht nur die Möglichkeit, das Projekt, sondern auch die argentinische sowie österreichische Geschichte unter verschiedensten Gesichtspunkten, kennenzulernen. Die österreichisch-jüdische Emigration und die von Nationalsozialisten an den Río de la Plata finden dabei zum Beispiel genauso ihren Platz wie die Zeiten der Militärdiktatur in Argentinien 1976-83.

 

Den größten Teil des Buches bilden aber Erfahrungsberichte von EmigrantInnen selbst. Durch die Vielzahl dieser Berichte lässt sich die sehr heterogene Realität der „Neo-ArgentinierInnen“ erfassen. Unter ihnen kehrten einige wieder nach Österreich zurück, andere nie; manche integrierten sich schnell in die argentinische Gesellschaft, viele blieben Zeit ihres Lebens in engstem Kontakt mit anderen AuslandsösterreicherInnen. Unterstützung bei den Interviews bekamen die OrganisatorInnen übrigens auch durch Martin Stechauner, der als Gedenkdiener im Alterswohnheim „Hogar Adolfo Hirsch“ gute Kontakte zu einigen EmigrantInnen unterhielt.

 

Die HerausgeberInnen scheinen sich bewusst zu sein, dass sie mit ihrem Projekt vielleicht mindestens ebenso viele neue Fragen entdeckt, wie alte beantwortet haben. Dadurch macht das Buch mit der wirklich gelungenen Einarbeitung von historischen Fakten Lust auf Vertiefung in verschiedene Themenbereiche und verweist zugleich auf Literatur, die zu einer Weiterbeschäftigung einlädt.

 

Lobende wie kritische Stimmen von AkteurInnen und BesucherInnen, die zum Projekt Stellung nehmen, runden das Buch zu einem reflektierten Projektbericht ab, der auch durch die historische und sozialwissenschaftliche Einbettung an Farbe gewinnt.

 

 

Philipp Poyntner