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Ausgabe 1/11


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Allein unter Männern: ein aufschlussreiches Jahr

Gedenkdienstleistende am Leo Baeck Institute in New York

 

2009/2010 habe ich Gedenkdienst am Leo Baeck Institute (LBI) in New York geleistet. Das Leo Baeck Institute, 1955 von deutschsprachigen jüdischen Emigrantinnen und Emigranten gegründet und benannt nach dem Rabbiner Leo Baeck, ist eine führende Forschungsinstitution zur Geschichte des deutschsprachigen Judentums. Im Jahr 1996 initiierte der Verein GEDENKDIENST gemeinsam mit dem LBI und dem Österreichischen Kulturinstitut in New York das Projekt „Austrian Heritage Collection“ (AHC). Das Ziel des Projekts ist es, mittels Fragebögen, Dokumenten und Oral History-Interviews, Verfolgung und Vertreibung österreichischer Jüdinnen und Juden sowie deren Emigration in die USA während der Zeit des Nationalsozialismus zu dokumentieren. Seit Beginn des Projektes wurden über 4100 Fragebögen ausgewertet und mehr als 300 Interviews geführt.

 

„Geschichte zum Anfassen“ und Nachdenken über Österreich

 

Auch zu meinen Aufgaben am LBI gehörte es, solche Interviews mit Emigrantinnen und Emigranten vorzubereiten, zu organisieren und durchzuführen. Meist traf ich mich mit den Interview-Partnerinnen und -partnern in deren Wohnungen; manchmal besuchte ich sie mehrmals, weil ein Treffen nicht ausreichte. Und oft bekam ich alte Fotos, Briefe oder handgeschriebene Berichte zu sehen. Geschichte zum Anfassen.

 

Nach Beendigung der Interviews vertauschten sich die Rollen nicht selten – ich wurde befragt: über österreichische Politik, Orte in Wien, über mein Leben. Die daraus resultierenden Gespräche und Diskussionen waren spannend, manchmal unterhaltsam, in jedem Fall lehrreich.

 

Durch die Beschäftigung mit der Thematik Emigration, die die Interviews mit sich brachten und wohl auch durch die große Entfernung zu Österreich, die auch eine geistige Distanz begünstigte, habe ich viel über Österreich nachgedacht. Den Begriff Zuhause beispielsweise, und die zufällige Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nation, habe ich dadurch oft hinterfragt.

 

Diskriminierung von Frauen

 

Da die Republik Österreich bis jetzt nur Männern die Möglichkeit Gedenkdienst zu leisten finanziert, hat der Verein GEDENKDIENST im Jahr 2007 den Geschwister-Mezei-Fonds gegründet. Aus Spenden finanziert, ermöglichte er mir – als einzige Frau im Jahrgang 2009/2010 – einen Gedenkdienst zu leisten.

 

Aus diesem Umstand heraus habe ich meine Position als einzige Frau von Beginn an als schwierig empfunden: zum Beispiel wurde von einigen Seiten gefragt, warum ich überhaupt Gedenkdienst leisten möchte, obwohl für mich kein Zwang besteht; außerdem wurde mir von Mitbewerbern vorgeworfen, ich hätte als Frau im Auswahlverfahren Vorteile gehabt, was meine Stellung bei den gemeinsamen Vorbereitungsseminaren negativ beeinflusst hat – ich wurde als Ausnahme wahrgenommen, war den anderen nicht gleichgestellt und dies trotz einiger guter Bemühungen der Seminarleiter. Unangenehm. Positiver Nebeneffekt: Ich habe damals begonnen, mich mit gesellschaftlichen Frauen- und Männerbildern zu beschäftigen und über die diesbezüglich meist festgefahrenen Stereotype, Vorurteile und Klischees nachzudenken. Ein persönlicher Prozess, der sich stetig weiterentwickelt und mich sehr beschäftigt. Denn seit meiner Rückkehr aus New York, insbesondere in der Rückschau auf das dort verbrachte Jahr, wird mir die Bedeutung der Ungleichheit zwischen Frauen und Männern, die ja über die unmittelbare Diskriminierung hinaus weitreichende Konsequenzen haben kann und meistens auch hat, immer klarer. Zum Beispiel geht die Arbeit bei GEDENKDIENST auch heute noch, allein durch die vom Gesetz vorgeschriebene Struktur und den bisherigen Werdegang des Vereins, zwangsläufig auf in der Vergangenheit überwiegend von Männern definierte Agenden zurück. Sie ist somit, weder bewusst noch gewollt, in jedem Fall männlich dominiert.

 

Die Arbeit in New York ermöglichte mir, eine geschichtswissenschaftliche Methode zu erlernen und mit ihrer Hilfe Menschen mit bewegenden Lebensläufen kennenzulernen und sie nach deren Geschichten zu befragen. Außerdem konnte ich, auch durch Ressourcen am Leo Baeck Institute, mein Wissen über den Nationalsozialismus und der damit verbundenen erzwungenen Emigration, vertiefen. Ich sehe nicht ein, warum all diese Möglichkeiten hauptsächlich Männern vorbehalten bleiben sollen.

 

Der Verein GEDENKDIENST muss aus Geldmangel motivierte und interessierte Frauen, die sich mit der Vergangenheit Österreichs auseinandersetzen wollen, ablehnen: auch im kommenden Jahrgang 2011/2012 wird wieder nur eine Frau Gedenkdienst leisten können. Meines Erachtens ein politisches Armutszeugnis für die Republik Österreich!

 

 

Emilia Lichtenwagner

Leistete 2009/2010 Gedenkdienst am Leo Baeck Institute in New York. Seit Oktober 2010 Vorstandsmitglied des Vereins GEDENKDIENST.