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Ausgabe 1/11


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Post aus... Oswiecim/Auschwitz

Auschwitz ist heute Symbol für die Ermordung der europäischen Juden und Jüdinnen. Viele BesucherInnen, die an diesen Ort kommen, um die ehemaligen Lager zu besichtigen, wissen nicht, dass hier auch eine polnische Kleinstadt namens Oswiecim mit rund 40.000 EinwohnerInnen existiert.

 

Zu meinen Aufgaben zählt, den BesucherInnen Oswiecim zu zeigen und ihnen die 800-jährige Geschichte dieser Stadt näher zu bringen. Zu Beginn solcher Stadtführungen kommt oft die Frage auf, wie man denn hier, so nah am Ort der Verbrechen, leben kann. Dies ist meiner Meinung nach schwer zu beantworten. Am ehesten kann man wohl sagen, dass die BewohnerInnen gelernt haben mit der Geschichte des Ortes umzugehen.

 

Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang auch die Trennung zwischen der Stadt Oswiecim und dem ehemaligen Lager Auschwitz. Die Stadt Auschwitz sollte während des Zweiten Weltkriegs zur deutschen Mustersiedlung im Osten werden, nach deren Vorbild alle anderen Städte „germanisiert“ werden sollten. Der Bau des IG Farben Werks in der Nähe der Stadt führte zu einem beträchtlichen Zuzug von Reichsdeutschen. Sie arbeiteten in den Werken der IG Farben und führten hier, während nur ein paar Kilometer entfernt jeden Tag tausende Menschen ermordet wurden, ein angenehmes Leben. Viele von ihnen behaupteten nach Kriegsende, dass sie von den Verbrechen nichts gewusst hätten. Es ist jedoch sehr unwahrscheinlich, dass sie von all dem nichts mitbekommen haben. Ich denke vielmehr, dass sie davon nichts sehen und wissen wollten.

 

Bei meinen Stadtrundgängen versuche ich stets, einen Schwerpunkt auf die jüdische Geschichte von Oswiecim zu setzen, denn seit dem 16. Jahrhundert hatten auch Juden und Jüdinnen hier ihre Heimat. Ich zeige den BesucherInnen die ehemalige Jüdische Gasse von Oswiecim, weiters den Platz, an dem bis 1939 die Große Synagoge stand, sowie die einzig noch erhaltene Synagoge. Vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges waren mehr als die Hälfte der BewohnerInnen der Stadt jüdischen Glaubens. Sie nannten die Stadt liebevoll ihr „Oswiecimer Jerusalem“. Die jüdischen EinwohnerInnen wurden im Frühjahr 1941 in umliegende Ghettos deportiert, die später liquidiert wurden; viele von ihnen starben nahe ihres einstigen Wohnortes im „KL“ Auschwitz-Birkenau.

 

Heute gibt es in Oswiecim keine jüdischen BewohnerInnen mehr – nur noch einige Spuren, die auf eine einst blühende jüdische Gemeinde hinweisen. Daher ist es ebenso wichtig, darüber zu diskutieren, auf welche Weise die Stadt mit diesem Erbe umgeht. Mein persönliches Ziel ist es, dass meine Stadtführungen einigen Personen den Anstoß geben, sich näher mit der jüdischen Geschichte des eigenen Wohnortes zu beschäftigen.

 

 

Isabella Riedl

Leistet Gedenkdienst in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Auschwitz