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Ausgabe 1/11


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Kein Thema

Gedenkdienst und Geschlecht – die Genderwerkstatt stellt sich vor

 

Seit Frühling 2010 gibt es im Verein GEDENKDIENST eine Arbeitsgruppe, die sich mit vielfältigen Perspektiven auf Erinnerungspolitik und Gedenkstättenpädagogik unter dem Aspekt Geschlecht beschäftigt. In Anlehnung an einen ähnlich orientierten Zusammenschluss im Umfeld mehrerer deutscher Gedenkstätten, hat sich die Gruppe den Namen „Genderwerkstatt“ gegeben. Die Beschreibung unseres Ausgangsinteresses löst oft die Annahme aus, wir würden uns in erster Linie mit Themen wie „Frauen im KZ“ auseinandersetzen. So wichtig ein Blick auf diese spezifischen Umstände und Erfahrungen ist, so beschränkt ist jedoch die Sichtweise, Geschlecht automatisch mit Frauen gleichzusetzen. Geschlecht ist sozial konstruiert, somit weder eindeutig noch angeboren, und muss daher dementsprechend vielfältig gedacht werden.

 

Als zentrale Ordnungskategorie menschlichen Zusammenlebens spielt Gender, also das soziale Geschlecht, auch in Hinblick auf den Nationalsozialismus in vielerlei Hinsicht eine Rolle: zunächst historisch, folglich in der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit in der Gegenwart und schließlich in Bezug auf die pädagogische Vermittlung. Eine Reflexion von NS-Geschlechterbildern und deren perpetuierter Darstellung in Ausstellungen oder Schulbüchern, blieb lange Zeit aus. Aber auch im Bereich der Vermittlung mangelt es unserer Ansicht nach an Überlegungen zur Bedeutung von Geschlechterrollen und damit verbundenen Zuschreibungen. Als Vorbereitung auf den Einstiegsworkshop im März 2010, setzte sich die Genderwerkstatt vor allem mit diesem Thema intensiv auseinander. Dabei mussten wir feststellen, dass die wenigen Texte, die es dazu gibt, meist Gefahr laufen, klassische geschlechtsspezifische Annahmen fortzuschreiben.1

 

Eine erste praktische Auseinandersetzung mit dem Thema geschah durch Ausstellungsanalysen. Daher besuchte im Rahmen des bereits erwähnten Workshops eine Gruppe von etwa 15 Personen die ständige Ausstellung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes (DÖW), um dort nach bewussten und unbewussten Repräsentationen von Geschlecht zu suchen. Auch wenn Geschlecht kein zentrales Thema der Ausstellung ist, ließen sich zahlreiche Beispiele geschlechtlicher Zuschreibungen finden. So zeigt das DÖW etwa zwei Uniformen von KZ-Häftlingen – die eines Mannes und die einer Frau. Während die Männer-Uniform neben der eines Partisanen gezeigt wird, befindet sich neben der Frauen-Uniform eine Kinderjacke mit „Judenstern“. Was die Anordnung der männlichen Uniform in Zusammenhang mit bewaffnetem Widerstand und die der weiblichen Uniform neben der Kinderbekleidung bedient und vermittelt, ist die Gleichsetzung von Männlichkeit mit Kampf und Weiblichkeit mit Mutterschaft.

 

Die intensive Auseinandersetzung mit der ständigen Ausstellung des DÖW zeigte an zahlreichen ähnlichen Beispielen, dass jede Ausstellung neben politischen Ideologien, Gesellschafts- und Menschenbildern auch Vorstellungen von Geschlecht in sich trägt und vermittelt – ob sie will oder nicht. Sichtbar und damit diskutierbar werden diese meist erst durch explizite Analyse. Denn klassische Zuschreibungen von Geschlecht sind historisch gewachsen und soweit normalisiert, dass sie meistens gar nicht weiter auffallen. Durch deren Fortführung werden sie erneuert und damit verfestigt, und leugnen gleichzeitig andere Realitäten oder führen sie ständig als Sonderfall vor.

 

Der genaue Blick, den wir auf die Ausstellung im DÖW geworfen haben, führte zu einem ersten Versuch verschiedene Tendenzen von „Vergeschlechtlichung“ in historischen Ausstellungen zum Nationalsozialismus festzumachen. Im Rahmen des „Jungen Forschungsforums“ in der Gedenkstätte Mauthausen im Sommer 2010 wurden die Ergebnisse daraus präsentiert und mit einem interessierten Publikum diskutiert.

 

Auch die Frage, inwieweit historischpolitische Bildungsarbeit dazu geeignet ist, ein Bewusstsein für die Bedeutung der Kategorie Geschlecht zu schaffen, wurde immer wieder diskutiert. Der Besuch einer Gedenkstätte, so ein oft vorgebrachtes Argument, fordere Jugendliche ohnehin schon so sehr, dass politische Bewusstseinsbildung über den konkreten Gegenstand hinaus kaum möglich sei. Wir sind der Überzeugung, dass es keinen „Gender-Schwerpunkt“ braucht, sondern ein durchgängiges Bewusstsein für die Bedeutung der Kategorie Geschlecht als Ordnungskategorie in Vergangenheit und Gegenwart. In diesem Zusammenhang können einfache Strategien, wie etwa ein bewusster Einsatz von Sprache oder Aufmerksamkeit für geschlechtstypisches Sprechverhalten schon viele Fragen aufwerfen und zur Reflexion anregen.

 

Nicht zuletzt beschäftigt uns auch die Frage nach der Bedeutung von Geschlecht innerhalb des Vereins GEDENKDIENST. Seine Entstehungsgeschichte als Non-Profit-Organisation, die jungen Männern Zivildienst im Ausland ermöglicht, hat GEDENKDIENST klar zu einer männlich dominierten Angelegenheit gemacht, obgleich seit vielen Jahren auch Frauen im Verein aktiv sind. Trotzdem war und ist der Verein geprägt von Männlichkeit reproduzierendem Sozialverhalten, etwa wenn Bewerber sich vereinsintern profilieren müssen, um zu zeigen, was sie können, wenn die gemeinsame Erfahrung eines geleisteten Gedenkdienstes zum Ausgangspunkt für Männerseilschaften wird und „ehemalige Gedenkdiener“ ihren Auslandsaufenthalt in der Öffentlichkeit als Quell eines schier unerschöpflichen Wissensschatzes präsentieren. Solche Strukturen können nicht von einem Jahr auf das andere überwunden werden. Es ist jedoch eines unserer Anliegen, Männlichkeit affirmierendes Verhalten sichtbar zu machen, auf Probleme, die keineswegs auf den Verein GEDENKDIENST beschränkt sind, hinzuweisen und an einem reflektierten Umgang miteinander zu arbeiten. Erste wichtige Schritte wurden in den letzten Jahren gesetzt, vor allem mit der Einrichtung des Geschwister-Mezei-Fonds, der eine finanzielle Basis für Gedenkdienst von Frauen schaffen sollte. Leider ist dieser Fonds bis heute immens unterfinanziert, die Entsendung einer Gedenkdienstleistenden im Jahrgang 2011/12 (gegenüber 20 männlichen Gedenkdienstleistenden) konnte nur durch eine großzügige Förderung seitens der Österreichischen Hochschüler_ innenschaft ermöglicht werden. Bewusstseinsbildung innerhalb des Vereins kann aber nicht da stehen bleiben, wo es um die Ausweitung des Angebotes zu Gunsten von Frauen geht. Vielmehr müssen auch soziale Gepflogenheiten, interne Bildungsarbeit und Sprachregelungen reflektiert werden.

 

Aktuell beschäftigt sich die Genderwerkstatt mit dem Thema „Männlichkeiten“. 2 Hierzu treffen wir uns jeden dritten Donnerstag im Monat ab 18:30 Uhr im Büro des Vereins GEDENKDIENST (Margaretenstraße 166, 4. Stock, 1050 Wien). Wer an Aktivitäten der Genderwerkstatt interessiert ist, mitarbeiten oder einfach nur über Zukünftiges informiert werden will, möge uns eine E-Mail schreiben: genderwerkstatt(at)gedenkdienst.at

 

 

Peter Larndorfer,

Angela Tiefenthaler

Aktivist_innen der Genderwerkstatt

 

 

1 Vgl. z.B. Frohwein, Pia; Wagner, Leonie: Geschlechterspezifische Aspekte in der Gedenkstättenpädagogik. In: Gedenkstättenrundbrief Nr. 120, 2004. S. 14-21. Der Text wurde in der Workshop-Vorbereitung sehr kritisch diskutiert, weil die Autorinnen binäre Rollenbilder fortschreiben, wenn sie etwa fordern, in der Vermittlungsarbeit mehr auf „männliche“ und „weibliche“ Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen: „Hinsichtlich des thematischen Zugangs zeigen Jungen ein stärkeres Interesse an Technik bzw. technischen Details und Abläufen, während Mädchen größeres Interesse für Personen – insbesondere Opfer der Verfolgung – zum Ausdruck bringen.“ Ebd. S. 17.

 

2 Vgl. dazu den Beitrag von Aktivist_innen der deutschen Genderwerkstatt im soeben erschienen Sammelband zum Projekt „studienfahrten.at“: Franke, Michael; Kistenmacher, Olaf; Prochnau, Anke; Stehen, Katinka: Geschlechterreflektierende Gedenkstättenarbeit. Männlichkeit als Konstrukt sichtbar machen. In: Hilmar, Till: Ort, Subjekt, Verbrechen. Wien 2010. 139-160.