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Ausgabe 1/11


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vor.gelesen|rezensionen

Gehörlose Österreicherinnen und Österreicher im Nationalsozialismus.

8 Kurzfilme in Österreichischer Gebärdensprache (ÖGS). Österreich, 2009.

 

Verena Krausneker, Katharina Schalber

 

Im Zuge eines einjährigen Forschungsprojekts setzten sich zwei Linguistinnen der Universität Wien, Verena Krausneker und Katharina Schalber, erstmalig mit den Lebensumständen von gehörlosen ÖsterreicherInnen zur Zeit des Nationalsozialismus auseinander. Die Ergebnisse ihrer Forschung veröffentlichten sie in Form einer für Jugendliche konzipierten DVD.

 

Die Situation der rund 10.000 in Österreich lebenden Gehörlosen veränderte sich mit der Machtübernahme der NationalsozialistInnen dramatisch; Diskriminierung und Verfolgung durch RegimeanhängerInnen standen quasi auf der Tagesordnung. Als von Seiten der Nazis zudem begonnen wurde, zwischen „vererbter Gehörlosigkeit“ und „krankheits- bzw. unfallsbedingter Gehörlosigkeit“ zu unterscheiden, kam es zu einer Spaltung innerhalb der sich bis dahin als Gemeinschaft betrachtenden Minderheit. Gehörlose, die der ersten Gruppe zugeordnet wurden, sollten gemäß dem am 1. Januar 1940 in Österreich in Kraft getretenen „Gesetz zur Verhütung erkrankten Nachwuchses“ zwangssterilisiert werden. Den abstrusen und menschenverachtenden NS Idealen nicht entsprechend, fielen – in letzter Konsequenz – viele Gehörlose, als „lebensunwert“ degradiert, dem landesweiten „Euthanasieprogramm“ zum Opfer.

 

Anhand von Interviews mit 24 gehörlosen ZeitzeugInnen, Archivrecherchen und Rückgriffen auf vorhandenes Forschungsmaterial wird zum einen Basiswissen über das NS-Regime und den Zweiten Weltkrieg vermittelt, zum anderen ein Einblick in unterschiedliche Lebensgeschichten gewährt. Nicht nur von Opfern, sondern auch von gehörlosen Nazis und Gehörlosen im Widerstand ist in den acht, jeweils ein bestimmtes Thema behandelnden Filmen die Rede. Zusätzlich ist ein Glossar der für das Verständnis der damaligen Zeit zentralen Begriffe beigefügt sowie die Möglichkeit zum Download eines Verzeichnisses weiterführender Literatur und Web-Ressourcen.

 

Der Anspruch der Wissenschaftlerinnen, die Erfahrungen älterer Menschen zu dokumentieren und gehörlosen Kindern und Jugendlichen zugänglich zu machen, wird durch die Aufbereitung der DVD erfüllt. Sie ist leicht zu handhaben und bedient sich einer einfachen Sprache. Positiv hervorzuheben ist zudem, dass jeder Film in sich geschlossen ist. Weiters der Umstand, dass am Ende mancher Filme ein Bogen in die Gegenwart gespannt wird, indem aktuelle Fragen aufgeworfen werden.

 

Der Informationsgehalt der DVD ist trotz der sehr spezifischen Thematik beträchtlich, weswegen es sich nicht nur für gehörlose, sondern auch für hörende Menschen empfiehlt, sich diese gelungenen Filme anzusehen.

 

 

Christine Jost

 

 

Verzaubert. Lesben und Schwule erzählen Geschichte

Deutschland, 1992.

 

Dorothée von Diepenbroick, Jörg Fockele, Jens Golombek, Dirk Hauska, Sylke Jehna, Claudia Kaltenbach, Ulrich Prehn, Johanna Reutter, Katrin Schmersahl

 

Der Dokumentarfilm Verzaubert. Lesben und Schwule erzählen Geschichte stammt aus dem Jahr 1992. Seine Neuauflage durch die Edition Salzgeber ist der Anlass, diesen Klassiker in der Zeitung GEDENKDIENST im Jahr 2011 vorzustellen.

 

Dreizehn Männer und Frauen berichten davon, wie sie die Zeit des Nationalsozialismus und die Nachkriegszeit als gleichgeschlechtlich liebende Menschen in Hamburg erlebt haben: „eine Zeit, in der sich Homosexuelle noch nicht selbstbewusst ‚lesbisch‘ oder ‚schwul‘ genannt haben, sondern ‚verzaubert‘“ – so wird die Wahl des Titels begründet. Dabei eröffnet schon der Titel jenes Spannungsfeld von Selbstbehauptung und Selbstbezeichnung einer ehemals verfolgten und lange Zeit marginalisierten Gruppe von Menschen zu ihrer Umwelt und reflektiert diese Entwicklung auf sprachlicher Ebene.

 

Der Fokus liegt auf den persönlichen Erfahrungen der Betroffenen. Wie erging es ihnen zur Zeit der Verfolgung Homosexueller unter dem NS-Regime? Wie erlebten sie die Diskriminierung und Marginalisierung in den Jahrzehnten danach? Welche Mittel und Wege fanden sie, um trotz der Gefahren dennoch ihre Liebe ausleben zu können? Wie erfuhren sie die Entkriminalisierung von Homosexualität und die Emanzipation gleichgeschlechtlich Liebender?

 

Mit großem Einfühlungsvermögen erarbeiteten Hamburger Student_innen dieses Zeitdokument. In den Interviews gehen sie auf jede einzelne Lebensgeschichte akribisch ein, wodurch man tiefe Einblicke in so manchen vielschichtigen und facettenreichen Werdegang gewinnen kann. Dabei entsteht nicht nur ein sehr detailreiches Bild von der Situation der Verfolgung und Diskriminierung, sondern eben auch von widerständigem Verhalten und Selbstbehauptung. Die Studierenden waren, so besagt es der Text auf der DVD-Hülle, nicht angetreten, um ein ungeschriebenes Kapitel der Geschichte zu erforschen, sondern um Betroffene selbst zu Wort kommen zu lassen. Das Ergebnis ist eine spannende Dokumentation verschiedenster Lebensgeschichten und -erfahrungen, die von zeitüberdauerndem Interesse ist, zumal sie nicht an eine bestimmte erinnerungspolitische Konjunktur gebunden ist – ein Klassiker eben.

 

 

Johann Kirchknopf

 

 

Ort, Subjekt, Verbrechen.

Koordinaten historischpolitischer Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus

 

Till Hilmar (Hg.), Czernin Verlag, Wien 2010.

 

Dass junge Österreicher-Innen über die NS-Zeit aufgeklärt werden müssen, ist im 21. Jahrhundert common sense der österreichischen Geschichtspolitik. Wie diese Aufklärung allerdings konkret beschaffen sein muss, und was vermittelt werden soll, ist weniger klar: Aufrufe, Gedenkstätten, wie etwa den zentralen österreichischen NS-Erinnerungsort Mauthausen zu besuchen, sind oft von der Hoffnung getragen, dass diese als auratisch gedachten Orte und die in ihnen augenscheinlich gespeicherten Energien quasi von sich aus als „Schutzimpfung“ gegen Rechtsextremismus dienen könnten.

 

Junge und schon etablierte ForscherInnen rund um Till Hilmar gehen im Sammelband Ort, Subjekt, Verbrechen. Koordinaten historisch-politischer Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus nun konkret den Prämissen einer erfolgreichen historisch-politischen Bildungsarbeit nach und stellen dabei folgende grundlegende Frage: wer vermittelt was wie an wen? Wie viele theoretische und praktische Vorfeldüberlegungen hinter diesem harmlos wirkenden W-Fragengeflecht stecken, wird auf mehr als 380 Seiten ausformuliert. Bildungsarbeit betreffend wird ein Beziehungsgeflecht skizzier t, bei dem zumindest vier AkteurInnen und Gegebenheiten zu berücksichtigen sind: Erstens, der gesellschaftliche Gesamtkontext, in welchem sich Vermittlungsarbeit, aber auch, zweitens, die jeweiligen VermittlerInnen verorten. Drittens, schließlich die ortsgebundenen Prämissen der Vermittlungsarbeit, die titelgebenden Orte des NSRegimes, an denen – und dafür plädieren die AutorInnen – historisch-politische Aufklärung zu passieren habe, und nicht zuletzt, viertens, diejenigen Menschen, denen dieses Wissen zu vermitteln ist.

 

Der Sammelband, der als Abschluss des Projekts „Studienfahrten“ des Vereins GEDENKDIENST konzipiert ist, fokussiert speziell auf die Punkte drei und vier: selbst-kritisch und reflexiv werden Erfahrungen mit Jugendlichen an Gedenkstätten analysiert, Vermittlungstechniken durchleuchtet und die Orte selbst in ihrer Abhängigkeit von gesellschaftlichen Machtverhältnissen theoretisch gefasst.

 

Längst überfällig, abgesehen von einschlägigen Arbeiten etwa von Viola Georgi oder Wolfgang Meseth, ist der Fokus auf historisch-politische Bildungsarbeit in den heutigen Migrationsgesellschaften Deutschlands und Österreichs im Rahmen einer interkulturellen Pädagogik: Dies stellt, neben einem weiteren Schwerpunkt zu Problemen einer geschlechtersensiblen Bildungsarbeit, sicherlich einen, wenn nicht den theoretischen Mehrwert dieses Bandes dar.

 

Festzuhalten bleibt, dass der Sammelband eine anknüpfungsfähige Ausgangsbasis für weitere wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit den Anforderungen einer historisch-politischen Bildungsarbeit über die NS-Zeit geschaffen hat – dies auch ganz im Sinne einer von den AutorInnen geforderten Professionalisierung der Vermittlungstätigkeit.

 

 

Ina Márkova