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Ausgabe 1a/11


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Das Novemberpogrom 1938 und der Notarrest Kenyongasse

Spurensuche im Rahmen eines Schulprojekts

 

Während des Novemberpogroms 1938 wurden in Wien nicht nur zahlreiche Synagogen und jüdische Geschäfte zerstört, sondern auch 6.547 Jüdinnen und Juden festgenommen. Ein Teil von ihnen wurde in provisorisch eingerichteten Sammelstellen interniert; solche Notarreste befanden sich in der Karajangasse, in der Pramergasse, in den Sofiensälen und in der ehemaligen Klosterschule Kenyongasse.

 

Das Ziel des Projekts Eine Maturaklasse auf den Spuren der Vergangenheit – Das Schulgebäude Kenyongasse 1938, dessen Ergebnisse in der vorliegenden Sondernummer von GEDENKDIENST zusammengefasst sind, war es, eine Schulklasse dabei zu unterstützen, die Nutzung des Gebäudes während des Novemberpogroms und in den Jahren bis 1945 zu untersuchen, sowie die Geschichte der Schule bis in die Gegenwart zu dokumentieren. Die Bemerkung, in der Kenyongasse hätte sich während des Novemberpogroms ein Notarrest befunden, findet sich in zahlreichen Publikationen. Eine eingehende Untersuchung dieses Themas wurde jedoch bisher nicht vorgenommen. Wahrscheinlich ist es gerade die Radikalität der nationalsozialistischen Verfolgungs- und Vernichtungspolitik der darauffolgenden Jahre, die die Erforschung der Ereignisse während der Novembertage 1938 in den Hintergrund gedrängt hat. Der Großteil der Historikerinnen und Historiker wandte sich eher dem Schicksal der österreichischen Jüdinnen und Juden nach Beginn der Deportationen zu; die kurze Geschichte der Notarreste blieb dabei meist unbeachtet.

 

Aber nicht nur die Geschichtswissenschaft verabsäumte es, sich mit den provisorischen Sammelstellen auseinanderzusetzen, sondern auch die Träger jener Institutionen, die sich heute in Gebäuden befinden, in denen während des Novemberpogroms Notarreste untergebracht waren. Umso erfreulicher war es, als die Maturaklasse 5B der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik/Mater Salvatoris von der Schulleitung dabei unterstützt wurde, die Vergangenheit ihrer Schule zu erforschen.

 

Bei den Recherchen zur Geschichte des Notarrests in der Kenyongasse, stießen wir auf einige Schwierigkeiten: In den von uns gesichteten Quellen konnten lediglich vereinzelte Hinweise auf den Notarrest in der Kenyongasse gefunden werden; die wenigen NS Akten lassen nur bruchstückhaft die Umstände und den Ablauf der Ereignisse rekonstruieren und geben einzig die Sicht der Täter wider.

 

Es war uns jedoch ein Anliegen, durch die Einbindung von Erinnerungsberichten die Erfahrungsebene der Verfolgten miteinzubeziehen, zumal diese auch in der generellen Historiographie zum Novemberpogrom nur wenig Platz einnimmt. Hierbei konnte auf vier Berichte zurückgegriffen werden: Die Erzählungen von Margarete Neff und Siegfried Merecki stammen bereits aus den Jahren 1939 und 1940 und sind somit in zeitlicher Nähe zu den Ereignissen verfasst worden.1 Bei einem weiteren Bericht, der von einem anonymen Gefangenen der Kenyongasse verfasst wurde, lässt sich das genaue Entstehungsdatum nicht feststellen.2 Das Interview mit Emanuel Fuchs aus dem Bestand der Austrian Heritage Collection des New Yorker Leo Baeck Instituts, stammt aus dem Jahr 2001.3

 

Sowohl in der Historiographie als auch in den Erinnerungsberichten, werden die Zustände im Notarrest Kenyongasse 4 als katastrophal beschrieben. Nicht nur die Überlebenden berichten über die Ermordung von Inhaftierten, auch aus einer Meldung des Polizeipräsidenten Karl Vitzthum an Gauleiter Josef Bürckel, gehen drei Todesfälle hervor:

 

„Am 12. November 1938, im Laufe des Nachmittags wurden in das Notarrest 7., Kenyongasse 4 (ehem. Kloster) 2.062 jüdische Häftlinge eingeliefert. Ein Jude, der einem wachhabenden SS Mann das Bajonett von rückwärts herausziehen wollte, wurde von diesem erschossen. Ein zweiter Jude, der einen anderen SS Mann tätlich angriff, wurde von einem zur Assistenz herbeieilenden SS Kameraden erschossen. Durch diesen Schuß wurde auch ein dritter unbeteiligter Jude getötet und ein anderer Jude durch Kopfschuß schwer verletzt.

Die Toten sind: 1. Dr. Gottfried Abraham, 1883 Rtschitsch geb., 2., Taborstrasse 27 wohnhaft. 2. Friedrich Schönfeld, 1907 Lemberg geb., 2., Castelecgasse wohnhaft. 3. Ferdinand Löw, 1903 Wien geb., Anschrift unbekannt.

Verletzt: Greif Mendl, Kaufmann, 1891 Kolomäa geb., 5., Laurenzgasse 3 wohnhaft. (Sophienspital verschafft).“

Das Dokument nennt auch die Namen der Täter: „Otto Seethaler und Heinz Eichler, beide 3. Komp. der SS Standarte ,Der Führer‘, Radetzkykaserne stationiert.“ 4

 

Tatsächlich führen die Totenscheine bei allen drei Opfern „Schädelschuss“ als Todesursache an.5 Ein Blick in die Totenbeschaubefunde zeigt, dass auch Mendl Greif noch am selben Tag an seinen Verletzungen starb.6 Und auch bei einer weiteren Person wurde als Todesort der Notarrest in der Kenyongasse verzeichnet: der 27-jährige Leopold Schön starb am 14. November; als Todesursache wurde in seinem Fall vermerkt: „Stichverletzungen. Verletzungen in den Brustraum“.7

 

In der ehemaligen Klosterschule kam es auch zu einigen Selbstmordversuchen. So wurden im bereits zitierten Bericht an Bürckel auch folgende Vorfälle gemeldet: „Am 12. November 1938, um 22.00 Uhr, versuchte der im Notarrest 7., Kenyongasse inhaftierte Jude Dr. Max Oberjäger, 9., Schubertgasse 8 durch Herausspringen von einem Fenster des 3. Stockwerkes Selbstmord zu verüben. Er wurde von Mithäftlingen an der Ausführung der Tat verhindert. Er zog sich Schnittwunden am Hals und an beiden Handgelenken zu. Er wurde auf die 1. Unfallstation und von dort in die psychiatrische Abteilung verschafft. Einen gleichen Selbstmordversuch unternahm Dr. R.W., 19., Weimarerstrasse 88 wohnhaft, indem er sich um 23.00 Uhr durch ein Parterrefenster des Notarrestes Kenyongasse in den Lichthof stürzte, wo er bewußtlos liegen blieb.“8

 

Mindestens eine der hier genannten Personen starb an den Verletzungen, die sie sich beim Selbstmordversuch zugezogen hatte: laut Informationen der namentlichen Erfassung der österreichischen Holocaustopfer verstarb Max Oberjäger noch am 12. November. Somit lässt sich zusammenfassend sagen, dass mindestens fünf Menschen im Notarrest in der Kenyongasse ermordet wurden und eine Person Selbstmord beging.

 

Die Gefangenen wurden einige Tage lang im Schulgebäude Kenyongasse festgehalten. Ein Teil der Inhaftierten, vor allem jene, die ein Ausreisedokument vorweisen konnten, kam anschließend frei. Viele wurden in das Konzentrationslager Dachau deportiert.

 

Aus welchen Gründen wurde gerade die Klosterschule Kenyongasse zur Unterbringung verhafteter Juden ausgewählt? Die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Gebäudes vor dem Novemberpogrom und damit die breitere Verortung des Themas, erlaubte es, auch auf diese Frage eine Antwort zu geben: Aus der Schulchronik geht hervor, dass das Schulgebäude seit Beginn des Schuljahrs im Herbst 1938 leer stand. Im Zuge der Entkonfessionalisierung des Schulwesens durch das NS-Regime, mussten alle kirchlichen Organisationen ihre Lehrtätigkeit einstellen. Dass sich das leerstehende Gebäude zur Unterbringung großer Menschengruppen eignete, hatte die NSDAP bereits einige Wochen vor Einrichtung des Notarrests erprobt: im Oktober und November 1938 wurden sudetendeutsche Flüchtlinge in der Schule untergebracht. Dies scheint die Wahl der Schule als Notarrest begünstigt zu haben.

 

Doch durch die weitgefasstere Betrachtung des Themas, konnte nicht nur die Frage nach der Standortwahl klarer beantwortet werden, sie warf auch eine Reihe neuer Fragen auf, wie etwa jene nach der Situation der kirchlichen Orden nach 1938.

 

Die Intention des NS-Regimes, die katholische Kirche im Erziehungsbereich zu schwächen, hatte zur Folge, dass sich die Schwestern der „Kongregation des Göttlichen Heilands“, welche die Schule in der Kenyongasse betrieben hatten, in andere Bereiche zurückziehen mussten. Dem Orden wurde aber nicht nur die Lehrtätigkeit untersagt: so wurden die ordenseigenen Gebäude meist zwar nicht enteignet, ein großer Teil musste allerdings an verschiedene nationalsozialistische Organisationen und Institutionen vermietet werden, so auch das Schulgebäude in der Kenyongasse. Inwieweit sich der Orden angesichts dieser einschneidenden Veränderungen gewandelt und neu orientiert hat, könnte in Zukunft noch untersucht werden.

 

Obwohl es uns gelungen ist, einige grundlegende Fragestellungen zur Geschichte der Klosterschule Kenyongasse zu beantworten, bleiben zahlreiche Fragen offen, denen wir nicht zuletzt auf Grund der Zeitnot – das Projekt musste innerhalb von drei Monaten durchgeführt werden – leider nur kursorisch nachgehen konnten. So konnte beispielsweise bislang nicht in Erfahrung gebracht werden, welche Stellen für die Verwaltung der Gebäude, in denen die Notarreste untergebracht waren, zuständig waren. Ferner gilt es herauszufinden, ob der Einrichtung der provisorischen Sammelstellen ein Plan zugrunde lag, oder ob sie im Zuge der Ereignisse spontan geschaffen wurden.

 

Die Autorin und der Autor dieses Artikels arbeiten gegenwärtig an einem Forschungsprojekt, das sich die Beantwortung der genannten Forschungsfragen zum Ziel gesetzt hat.

 

 

Regina Fritz

ist Projektmitarbeiterin des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI) und Lehrbeauftragte am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

 

Philipp Rohrbach

Ist Vorstandsmitglied des Vereins GEDENKDIENST; Mitarbeiter des Wiener Wiesenthal Instituts für Holocaust-Studien (VWI) und Diplomand am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

 

1 Uta Gerhardt/Thomas Karlauf (Hrsg.), Nie mehr zurück in dieses Land. Augenzeugen berichten über die Novemberpogrome 1938, Berlin 2009, Seite 60-85 und Seite 263-280.

2 Hans Safrian/Hans Witek, Und keiner war dabei. Dokumente des alltäglichen Antisemitismus in Wien 1938, Wien 1988, Seite 178-182.

3 AHC Interview with Emanuel Fuchs; AHC 2060; Leo Baeck Institute New York.

4 Bericht des Wiener Polizeipräsidenten, Karl Vitzthum, an Gauleiter Josef Bürckel am 13. November 1938, DÖW R 9535.

5 Wiener Stadt- und Landesarchiv, Totenbeschreibamt, Karton A 1 697 und 698, Totenbeschreibbefund 36.310/38: Gottfried Abraham; Totenbeschreibbefund 36.482/38: Ferdinand Löw; Totenbeschreibbefund 36.483/38: Friedrich Schönfeld.

6 Wiener Stadt- und Landesarchiv, Totenbeschreibamt, Karton A 1 697 und 698, Totenbeschreibbefund 37.755/38: Mendel Greif.

7 Wiener Stadt- und Landesarchiv, Totenbeschreibamt, Karton A 1 697 und 698, Totenbeschreibbefund 37-635/38: Leo Schön.

8 Bericht des Wiener Polizeipräsidenten, Karl Vitzthum, an Gauleiter Josef Bürckel am 13. November 1938, DÖW R 9535.