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Ausgabe 1a/11


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Auch Gebäude haben eine Vergangenheit

Das Schulgebäude Kenyongasse im Jahr 1938

 

Ein Gebäude steht da, von uralten Zeiten,

Das alte feste Gebäude,

Das Stürmen und Jahrhunderten getrotzt,

Das sich unendlich und unabsehlich leitet ...

(Franz Kafka)

 

Im Schulgebäude Wien Kenyongasse kam es im Zuge des Novemberpogroms zu Gewalttaten an Juden. Ein Gebäude, das der Bildung der Jugend gedient hatte, wurde in nur kurzer Zeit zu einem Ort des Verbrechens. Nach der Auflösung der Klosterschule im Jahr 1938 wurde die Bildungsanstalt im Spätherbst zur Unterbringung einer Fachschule und im Oktober und November 1938 als Flüchtlingslager für ca. 300 Sudetendeutsche genutzt. Im November 1938 verwendeten die Nationalsozialisten unsere Schule für einige Tage als Notarrest für verhaftete Juden. Am 12. November 1938 wurden im Laufe des Nachmittags 2062 jüdische Häftlinge in die Klosterschule eingeliefert.1

 

Von den untragbaren Zuständen, denen die Inhaftierten ausgeliefert waren, berichten zahlreiche Zeugenaussagen. Viele Inhaftierte wussten meist anfänglich nicht, wo sie sich befanden. Sie waren sich nur über die Nähe zum Westbahnhof im Klaren. Bald merkten sie auch, dass sie in einem Schulraum waren, denn es standen Tische und einige Sessel in den Räumen herum. Von den Fenstern aus konnten sie schließlich erkennen, dass es sich um die Schule in der Kenyongasse handelte.

 

Es wurde Essen verteilt, das – genauso wie die Schlafstätten, die sich am Boden befanden – nicht für die vielen inhaftierten Menschen ausreichte. Durch Nachforschungen erfuhren wir, dass die Häftlinge gleich nach dem Aussteigen aus den Transportfahrzeugen in das Schulgebäude gehetzt wurden. Schon bei der Ankunft erteilten die SS-Männer Hiebe. Berichtet wird auch, dass einige der Gefangenen in einem kleinen Zimmer im vierten Stock untergebracht wurden, das vermutlich einst ein Schlafzimmer einer geistlichen Schwester gewesen war. Die meisten kamen jedoch in den ehemaligen Klassenzimmern unter. Eine Person erwähnt, dass sich in einem Saal mehrere hundert Personen befanden.

 

Das Schicksal von zwei Personen, die in der Kenyongasse inhaftiert waren, möchten wir besonders hervorheben: Ein ehemaliger Gefangener berichtet, dass die Nationalsozialisten in der Nacht auf den 14. November eine plötzliche Raumvisite durchführten. Auf Kommando mussten die Häftlinge zu „Wippen“ beginnen. Jene, die dies nicht zur Zufriedenheit der Bewacher durchführten, wurden auf den Gang gerufen. Sie kamen blutig geschlagen und mit Peitschenstriemen zurück in das Zimmer. Selbiger Inhaftierter berichtet auch von einem „Unglückszimmer“ in der Kenyongasse. Hier kam einer der Insassen auf die Idee, ein Bittgedicht auf die Tafel zu schreiben, welches eine Versöhnung zwischen Juden und der NSDAP vorschlug. Dieser Jude bekam während einer Inspektion von einem der Bewacher einen Schlag auf den Kopf, an dessen Folgen er starb.2

 

Emanuel Fuchs, ein anderer Gefangener der Kenyongasse, berichtet in aller Deutlichkeit über die unmenschlichen Zustände. Während eines Treffens mit einem Freund wurde er verhaftet und anschließend in die Kenyongasse eingeliefert. Die Brutalität, die dort herrschte, war laut Herrn Fuchs unfassbar und unaussprechlich. Während des Tages wurden die in Schulräumen zusammengepferchten Inhaftierten von normalen Polizisten beaufsichtigt. Am Abend wurden die Polizisten von SS-Männern abgelöst. In der Nacht trieb die SS die Gefangenen in den Turnsaal der Schule und zwang sie dort, „Turnübungen” zu machen. Währenddessen wurden die Inhaftierten von der SS schikaniert und geschlagen.3

 

Aussagen bestätigen, dass die Behandlung der Verhafteten in den einzelnen Räumen unterschiedlich schlimm war. Am 15. November wurden Häftlinge zum Abtransport fertiggemacht. Ein Teil der Häftlinge kam anschließend nach Dachau, andere jedoch, vor allem jene, die ein Visum oder andere Ausreisedokumente vorweisen konnten, wurden freigelassen. Einer der Inhaftierten, der nach Dachau deportiert wurde, empfand „nach den vielen unmenschlichen und unberechenbaren Ausschreitungen, Dachau fast als eine Erholung.“4

 

Das Haus Nummer 4 stand nach dem Abtransport der Juden leer. Obwohl das Betreten verboten war, wagte sich eine Schwester hinein und fand durch Pistolen- und Gewehrschüsse durchbohrte Fenster und Türen, sowie blutbespritzte Klassenwände vor.

 

Nach Jahrzehnten kehrte einer der ehemaligen Gefangenen in die Schule zurück:

 

„Jahre später, die LnBA [Lehrerinnenbildungsanstalt, Anm. d. Red.] war ihrem Zweck wieder zurückgegeben, klopfte es zur Mittagszeit an der Direktionstür: ,Darf ich stören?‘ - ,Selbstverständlich. Was ist Ihr Wunsch?‘ - Ein Mann besten Alters, aber mit durchfurchtem Antlitz, bittet: ,Suchen Sie mir den Raum, wo ich gemartert wurde.‘ Ich wusste, es stand einer von den ,Vielen‘ vor mir. Wir suchten gemeinsam. Es ist der heutige Raum des Musiksaals 2, der jetzige Maturaraum. Damals war er die Hospitierklasse für die Lehramtszöglinge, eingerichtet mit notdürftig gezimmerten Tischen und Sesseln, ohne Bild, ohne Wandschmuck. – Lange, lange sah er in den Raum hinein, wandte sich dann zu den Fenstern und erblickte an der Stirnseite der Klasse ein Kruzifix […]. Und dann kam es stoßweise von seinen Lippen, was er erlebt hatte...“5

 

 

Stefanie Herret, Johanna Kozich,

Elisabeth Krampulz, Sabrina Rotter,

Carina Summer, Max Veith, Bernadette Weber

 

 

1 Vgl. Bericht des Wiener Polizeipräsidenten, Karl Vitzthum, an Gauleiter Josef Bürckel am 13. November 1938, DÖW R 9535.

2 Vgl. Bericht „Dachau - fast eine Erholung‘, abgedruckt in: Hans Safrian/Hans Witek, Und keiner war dabei. Dokumente des alltäglichen Antisemitismus in Wien 1938, Seite 292-297.

3 Vgl. Interview mit Emanuel Fuchs, Archiv des Leo Baeck Instituts New York, AHC 2060.

4 Bericht „Dachau - fast eine Erholung‘, abgedruckt in: Safrian/Witek, Und keiner war dabei, Seite 297.

5 Sr. Purissima F.S.D./Helene Karlberger/Kongregation der Töchter des Göttlichen Heilandes (Hrsg.), Ruf der Zeit, Wien 1983, Seite 150.