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Ausgabe 1a/11


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Emanuel Fuchs

Von der Kenyongasse nach Dachau

 

Emanuel Fuchs’ Eltern emigrierten während des Ersten Weltkriegs von Polen nach Wien. Er wurde am 1. April 1918 als Mendel Fuchs in der Donaumetropole geboren. Er hatte fünf Schwestern und zwei Brüder. Sein Vater war Buchbinder und hatte ein kleines Geschäft im 2. Wiener Gemeindebezirk, ganz in der Nähe der Wohnung der Familie. Emanuel wohnte bis 1938 in der Schönngasse; er ging in derselben Gasse

in die Volksschule und absolvierte die Mittelschule in der Feuerbachstraße. Seine Jugendzeit im 2. Bezirk war eine schöne Zeit für ihn. Er hatte viele jüdische und nichtjüdische Freunde, war politisch sehr interessiert und Mitglied der zionistischen Organisation Hashomer Hatzair. Fuchs wusste, dass mit dem Einmarsch der Nationalsozialisten die schöne Zeit enden würde, schließlich hatte er bereits über einen längeren Zeitraum die Politik der Nationalsozialisten beobachtet. Kurz vor dem „Anschluss“ wollte er an einer Kundgebung der Liberalen am Praterstern teilnehmen. Die Versammlung wurde allerdings nach dem Rücktritt von Bundeskanzler Kurt Schuschnigg abgesagt.

 

Am Tag des Novemberpogroms teilte ein Nachbar Emanuel mit, dass er sich nicht in seiner Wohnung aufhalten solle, da die Nationalsozialisten bei jüdischen Familien Hausdurchsuchungen durchführen und die Männer verhaften. Emanuel dachte darüber nach, was er machen sollte. Er beschloss, sich bei einem jüdischen Freund zu verstecken, der im 6. Bezirk lebte und hauptsächlich mit Christen befreundet war. Da er davon ausging, bei ihm sicher zu sein, machte er sich auf den Weg dorthin. In der Wohnung des Freundes angekommen, beschlossen sie, miteinander Kaffee zu trinken, als plötzlich eine Gruppe von SS-Männern in die Unterkunft eindrang. Sie verhafteten die beiden, pferchten sie in einen Wagen und brachten sie in die Kenyongasse.

 

Die Gewalt, die den dort inhaftierten Juden von ihren Bewachern angetan wurde, war – laut Emanuel Fuchs – unbeschreiblich. Fuchs erinnert sich daran, dass ein bärtiger Gefangener von den Wachen dazu gezwungen wurde, jüdische Lieder zu singen; während er sang, wurde zwei anderen Häftlingen befohlen, seinen Bart mit Streichhölzern in Brand zu setzen.

 

Untertags wurden die Inhaftierten in Klassenzimmer gesperrt (pro Raum circa 200 Menschen) und von Polizisten bewacht. Am Abend lösten Männer der SS die Polizisten ab. Nachts wurden die Gefangenen von der SS in den Turnsaal der Schule getrieben und dort dazu gezwungen, „Turnübungen“ zu machen. Währenddessen wurden sie von ihren Bewachern schikaniert und geschlagen. Einem jüdischen Rechtsanwalt, der sehr korpulent war, befahlen die SS-Männer eines Abends, eine Leiter hochzuklettern. Er musste sich von der Leiter runterhängen lassen, wobei er sich mit seinen Händen nur an einer Sprosse festhalten durfte. Während er sich herunterhängen ließ, wurde er von den SS-Männern mit Stöcken geschlagen. Sie prügelten so lange auf ihn ein, bis er von der Leiter fiel. Andere Inhaftierte wurden regelmäßig dazu gezwungen, sich miteinander zu messen. Sie mussten im Zweikampf so lange gegeneinander kämpfen, bis einer der beiden blutig geschlagen zu Boden ging.

 

Emanuel Fuchs wurde einige Tage lang in der Kenyongasse festgehalten. Danach wurde er zusammen mit anderen Häftlingen in den 9. Bezirk, in die Reitschule Pramergasse gebracht. Hunderte Menschen wurden dort, nicht ahnend wie es mit ihnen weitergehen würde, gefangen gehalten. Die Häftlinge wurden nach einiger Wartezeit in zwei Gruppen geteilt. Ein Teil der Inhaftierten, unter ihnen auch Fuchs, wurde unter Schreien und Stockschlägen in Busse gejagt. Niemand wusste, wohin die Fahrt gehen würde. Die Gefangenen kamen spät nachts an einem Bahnhof, vermutlich dem Westbahnhof, an. Noch immer war ihnen nicht klar, wohin sie gebracht werden sollten. Das erfuhren sie erst im Zug, als sie sich bereits auf dem Weg nach Dachau befanden.

 

Fuchs hatte zum damaligen Zeitpunkt zwar schon von Dachau gehört, jedoch wusste er nicht, was ihn dort erwarten würde. Jung wie er damals war, verfügte er über eine gehörige Portion Optimismus und dachte sich: „Well at least I will be able to see what Dachau looks like. After what I have gone through in the Kenyongasse nothing could hurt me anymore.“

 

Der Zug kam am 16. oder 17. November 1938 in Dachau an. Es war eine kalte Nacht. Emanuel und die anderen Gefangenen mussten aussteigen und sich in einer Reihe aufstellen. Ihnen wurde gesagt, dass sie sich in Dachau befinden, und dass es von hier kein Entkommen gäbe. Jedem Häftling wurde ein Raum in einer Baracke zugeteilt. Am darauffolgenden Tag mussten sich die Inhaftierten duschen und sich erkennungsdienstlich fotografieren lassen. Danach wurden sie ins Freie geführt, wo sie den ganzen Tag in der Kälte stehen mussten. Das Erstellen der Fotos – so berichtet Fuchs – war von den Verantwortlichen als ein besonders sadistischer Akt angelegt. Um sich fotografieren zu lassen, mussten sich die Gefangenen auf einen Stuhl setzen, in den eine Nadel eingebaut war. Sobald das Foto geschossen worden war, bekam der Häftling die Nadel in sein Hinterteil gerammt. Auf diese Art und Weise wurde der Stuhl für den nächsten Gefangenen freigemacht.

 

Als Fuchs in Dachau inhaftiert war, wurden die Häftlinge dazu gezwungen, jeden Tag von früh morgens bis spät in die Nacht um die Baracken zu marschieren. Es war dabei besonders wichtig, nicht am Ende einer Gruppe zu gehen, da die SS bevorzugt auf die Schlusslichter einprügelte. Während seiner Inhaftierung begegnete Fuchs dem ehemaligen Wiener Bürgermeister Richard Schmitz, welcher ebenfalls ein Gefangener war und im Konzentrationslager die Straßen reinigen musste.

 

Ende Dezember 1938 erhielt Fuchs die für ihn unglaubliche Nachricht, dass er entlassen werde. Ausschlaggebend dafür war, dass eine seiner Schwestern nach Basel emigriert war. In Basel gab es einen korrupten Konsul, der gegen Bezahlung gefälschte Visa für Paraguay ausstellte. Fuchs hatte seinen Pass bereits vor seiner Verhaftung nach Basel gesendet, wo seine Schwester ein gefälschtes Visum für ihn besorgt hatte. Aus diesem Grund wurde sein Pass weder während des Novemberpogroms, noch in der Kenyongasse, noch in Dachau konfisziert. Mit dem Pass und dem gefälschten Visum konnte eine von Emanuels Schwestern der Gestapo nachweisen, dass Emanuel nach Paraguay auswandern würde. Aus diesem

Grund wurde er freigelassen. Bevor er entlassen wurde, musste er sich allerdings einer ärztlichen Untersuchung unterziehen und ein Dokument unterschreiben, in dem

stand, dass man ihn in Dachau stets anständig behandelt hatte.

 

Wieder in Wien angekommen, musste er sich unverzüglich bei der Gestapo melden. Die Gestapo-Beamten trugen ihm auf, innerhalb von ein paar Tagen auszureisen, wenn er nicht wieder nach Dachau zurückgeschickt werden wolle. Fuchs verabschiedete sich von seinen Eltern, die er in Wien zum letzten Mal sah. Sie wurden einige Jahre später in den Osten deportiert und ermordet. Emanuel konnte mit dem gefälschten Visum aus Österreich ausreisen. Nach Paraguay einreisen konnte er damit allerdings nicht, weshalb er zuerst nach Holland und von dort aus nach Belgien reiste. Da einer seiner Cousins in Amerika lebte, hatte Fuchs bereits im März 1938 um ein Visum für die USA angesucht, das er etwa ein halbes Jahr später erhielt. Er emigrierte in die Vereinigten Staaten von Amerika und kam im November 1939 in New York an. Als amerikanischer Staatsbürger änderte er seinen Vornamen „Mendel“ in „Emanuel“ um. Emanuel hatte fünf Schwestern und zwei Brüder. Drei Schwestern und ein Bruder emigrierten nach Israel, eine Schwester und ein Bruder in die USA.

 

Als Emanuel in New York ankam, begann er im Pelzgeschäft seines Schwagers zu arbeiten. Nach ungefähr einem Jahr wollte er ein eigenes Geschäft eröffnen; seine Einberufung in die amerikanische Armee kam ihm allerdings dazwischen. Nach seinem Armeedienst arbeitete er im Schmuckgewerbe. Zum Zeitpunkt des Interviews, das als Vorlage für diesen Beitrag gedient hat, lebte Emanuel Fuchs mit seiner Frau in Cliffside Park, New Jersey. Er hat einen Sohn und eine Tochter.

 

 

Nicole Bortel, Tina Frank

 

 

Quellen:

AHC Interview with Emanuel Fuchs; AHC 2060; Leo Baeck Institute New York.

AHC-Questionnaire 1; Emanuel Fuchs Collection; AHC 2060; Leo Baeck Institute New York.