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Ausgabe 1a/11


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Margarete Neff

Auf der Suche nach ihrem verhafteten Mann Alfred Junck

 

Margarete Neff wurde 1892 in Wien geboren und war Schauspielerin in Berlin und Weimar. Sie kehrte 1935 nach Wien zurück und emigrierte 1939 in die USA. 1984 verstarb sie in New York. Frau Neff heiratete in zweiter Ehe den Rechtsanwalt Dr. Alfred Junck, einen Jugendfreund.

 

Am 10. November 1938 stand ein Polizist vor ihrer Haustür und ordnete an, dass Alfred in einer halben Stunde mit seinen Ausweispapieren vor seinem Haus zu warten habe. Er wurde verhaftet und in das nächste Polizeikommissariat getrieben. Margarete lief zur Polizeistation, um herauszufinden, was los sei. Die Polizisten durften ihr keine Auskunft über ihren Mann geben, und so beschloss sie, einen Rechtsanwalt aufzusuchen, um sich Rat zu holen. Während sie zu einer Frau im Nachbarhaus ging, die auch zum Rechtsanwalt mitkommen wollte, da ihr Mann ebenfalls eingesperrt worden war, rannten SA-Männer in Neffs Haus. Als sie im Freien war, hörte sie ein furchtbares Getöse und Geklirre aus ihrem Haus. Neff rannte zu der nächsten Taxistation, um zu ihrem Rechtsanwalt zu fahren. Als sie dort ankam, erfuhr sie, dass ihre Köchin bereits angerufen hatte, da Neffs Wohnung von der SA zertrümmert worden war.

 

Der Anwalt konnte Margarete Neff nicht helfen und riet ihr ins Parlament zu gehen und dort um Hilfe zu bitten. Dort angekommen, musste sie einen Fragebogen ausfüllen. Schließlich durfte sie die Amtsräume betreten, wo sie von einem Beamten ausgefragt wurde. Dieser teilte ihr mit, dass sie am nächsten Tag wieder kommen solle. In ihrer Verzweiflung fiel ihr der Burgtheater-Schauspieler Felix Steinböck ein, und sie machte sich auf den Weg zu ihm. Steinböck war ein Freund von Emmy Göring. Bei ihm angekommen, stellte sich Neff vor und erzählte ihm die Geschichte ihres Mannes. Sie erhoffte sich von diesem Besuch, dass er Emmy Göring dazu bringen könnte, sich für Junck stark zu machen. Steinböck konnte ihr jedoch nicht helfen, da er der Meinung war, dass sich Emmy schon für so viele Menschen eingesetzt habe, dass sie sich mit jeder weiteren Hilfestellung selbst in Gefahr bringen würde. Margarete übernachtete bei ihrer Schwiegermutter. Sie traute sich nicht in ihre Wohnung zurück, da SA-Männer ihrer Köchin gedroht hatten, dass ihr etwas geschehe, wenn sie zurückkomme. Am nächsten Tag lief sie erneut ins Parlament, wo ihr geraten wurde, wieder in die Wohnung zurückzukehren. Als sie Zuhause ankam, fand sie einen Trümmerhaufen vor. Plötzlich hieß es, dass alle Gefangenen nach Hause kommen würden. Viele kamen, viele nicht. Auch Alfred kam nicht nach Hause. Neff wurde mehrmals gesagt, dass er entlassen worden war. Jedoch war er spurlos verschwunden. Ihr wurde geraten, den Rechtsanwalt Doktor Jerabek aufzusuchen, welcher ihr versprach, den Aufenthaltsort ihres Mannes herauszufinden und ihn womöglich freizubekommen. Neff verbrachte jede Nacht irgendwo anders. Sie war ein Nervenbündel, weil ihr Mann noch immer nicht zurückgekehrt war. Aus diesem Grund beschloss sie, einen Brief an Emmy Göring zu schreiben. Außerdem buchte sie eine Kabine für die Überfahrt nach New York für sich und ihren Mann und telegrafierte an die Gestapo und alle wichtigen Stellen, dass sie und ihr Mann auswandern wollen.

 

Am 13. November gelang es ihr, den Aufenthaltsort von Alfred herauszufinden. Er befand sich in einem Polizeigefangenenhaus in Wien. Ein Herr, der zwei Tage lang gemeinsam mit Alfred in einer Reitschule eingesperrt war, hatte sie kontaktiert. Leider gelang es Margarete nicht ihren Mann frei zu bekommen.

 

Als sie am 26. November, nach mehrstündigem Herumwandern bei Anwälten und Ämtern zu ihrer Schwiegermutter kam, wurde ihr gesagt, dass ihr Mann Alfred daheim sei. Sofort machte sie sich auf den Weg zu ihrer Wohnung. Dort angekommen, fand sie einen verstörten Mann mit schmutzigen Kleidern und hilflosem Gesichtsausdruck vor. Alfred wirkte abwesend. Sie machte ihm ein Bad und bereitete ihm etwas zu Essen. Danach sprühten die Worte nur so aus ihm heraus. Aufgeregt und hektisch berichtete er davon, was er erlebt hatte, und allmählich beruhigte er sich wieder. Durch ein Schreiben, dass die beiden einige Tage später zugeschickt bekamen, erhielten sie die Bestätigung, dass sich Emmy Göring für sie eingesetzt hatte. Der Hinweis auf die Auswanderungsabsicht hatte bei der Freilassung Alfreds eine zentrale Rolle gespielt.

 

Am 5. Dezember 1938 erschien ein Fremder bei Margarete und Alfred in der Wohnung. Er redete ohne Unterbrechung auf sie ein, erwähnte, dass er aus Zagreb sei und sprach ständig von einem Mann namens Rivoli. Da er aus Zagreb war, dachte Margarete, dass er vielleicht ein Freund ihres Schwagers sei, den sie auch um Hilfe gebeten hatte. Nach einer kurzen Zeit gab sich der Fremde als Gestapo-Beamter zu erkennen. Er unterstellte ihr, Rivoli zu kennen und befahl ihr, sich in Kürze bei der Gestapo zu melden. Margarete ging am Nachmittag desselben Tages zum Hotel Metropole, in das sie der Gestapo-Beamte bestellt hatte. Nach vielen Stunden wurde sie zu einem Beamten gebracht, der ihr mitteilte, dass Rivoli ein Betrüger sei, der vorgebe, Ausreise-Visa für Jugoslawien besorgen zu können. Der Beamte glaubte letzten Endes Margarete, dass sie Rivoli nicht kenne und ließ sie gehen.

 

Margarete und Alfred versuchten alles, um ausreisen zu können. Tag für Tag warteten sie auf die Benachrichtigung, dass sie ihre Reisepässe abholen können. Immer wieder wurde ihnen versichert, dass sie in den nächsten Tagen abgeholt werden können, doch dies zog sich immer länger hin. Nach langen und nervenaufreibenden Monaten in Angst, kamen sie schließlich am 9. März 1939 in Zürich an.

 

 

Corinna Behavy, Lisa Spreitzhofer

 

 

Quelle:

Gerhardt, Uta/Karlauf, Thomas (Hg.): Nie mehr zurück in dieses Land. Augenzeugen berichten über die Novemberpogrome 1938. Berlin 2009.