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Ausgabe 1a/11


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Siegfried Merecki

Aus der Kenyongasse entlassen

 

Siegfried Merecki wurde im Jahr 1887 in Galizien geboren. Er lebte seit 1914 in Wien, war Rechtsanwalt und hatte eine Frau und drei Kinder. 1938 emigrierte er in die USA.

 

Am 10. November führten Nationalsozialisten im Wohnhaus von Merecki eine Hausdurchsuchung durch. Hierbei ergriff den Rechtsanwalt das erste Mal Angst, und er schickte seine zwei älteren Kinder zu einer guten Bekannten, von wo sie kurz darauf wieder zurückkehrten, da auch dort Hausdurchsuchungen stattfanden. Um 17:30 Uhr am Nachmittag wurde Merecki von SAMännern verhaftet. Sie durchsuchten seine Wohnung und nahmen alle Wertgegenstände mit, die sie finden konnten. Danach brachten die SA-Männer den Rechtsanwalt in ein Haus in der Taborstraße, wo er gemeinsam mit anderen Männern festgehalten wurde. Die Bewacher machten sich einen Spaß da raus, die Gefangenen zu demütigen. Sie zerschnitten die Kleidungsstücke von Merecki und seinen Leidensgenossen mit einer Schere und zwangen sie dazu, sie verkehrt herum anzuziehen. Etwas später wurden die Gefangenen in die Polizeiwachstube in der Großen Mohrengasse geführt, wo sie sich die Kleidungsstücke wieder richtig anziehen mussten und wo die Demütigungen weiter gingen. Ein SAMann erteilte Merecki den Befehl, ihm die Stiefel zu putzen. Er musste dazu seinen Mantel verwenden.

 

Danach wurden die Inhaftierten in das Polizeikommissariat Prater gebracht, wo sie schweren Misshandlungen ausgesetzt waren. Der Aufenthalt währte nicht lange, und so wurden Merecki und die anderen Häftlinge wieder „verladen“ und in die Reitschule der Wiener Berittenen Polizei, in der Pramergasse, gebracht. In dieser war Merecki einige wenige Tage eingesperrt, wobei er hier – aufgrund der hohen Anzahl von Gefangenen – fast durchgängig stehen musste, nur eine halbe Stunde schlafen konnte, seine Notdurft in einem Rinnsal im Hof verrichten musste und nur wenig Nahrung und Wasser bekam. Der erste Lichtblick ergab sich für den Rechtsanwalt, als sich jene Gefangenen, die eine Schiffskarte besaßen und damit nachweisen konnten, dass sie in Kürze auswandern würden, bei einem Beamten melden mussten. Nach langem Warten nahm sich der Beamte ihrer an. Er schickte sie weiter zur Polizeidirektion auf der Roßauer Lände, da dort alles geklärt werden sollte. Somit hieß es weiterfahren, doch schon auf dem Weg wurde Merecki klar, dass sie woanders hinfuhren.

 

Eine schlimme Vorahnung ergriff ihn, als er bemerkte, dass sie sich in der Westbahnstraße befanden, da vom Westbahnhof aus die Züge nach Dachau fuhren. Am Zielort, einem unbekannten Gebäude, angekommen, mussten alle Gefangenen im Laufschritt in den zweiten Stock eilen, wo sie sich in einem engen Raum auf den Boden legen mussten und zwei Stunden lang Verhaltensregeln vorgetragen bekamen, was Merecki in seinem Glauben bestärkte, dass er und die anderen Gefangenen nach Dachau geschickt werden würden.

 

Nachdem den Häftlingen erlaubt wurde, wieder aufzustehen, unterhielt sich der Rechtsanwalt mit den anderen Gefangenen. Er konnte auch von einem Fenster aus auf die Straße blicken, und so wurde ihm klar, dass er sich in einem Schulgebäude in der Kenyongasse befand. Die SS, die das Kommando innehatte, bestimmte einen Häftling zum Zimmerkommandanten. Die Bewacher schikanierten und misshandelten die Gefangenen am laufenden Band. Sie zwangen sie, „Turnübungen“ zu machen und ließen sich auch andere grausame „Spiele“ einfallen, um die Inhaftierten zu quälen.

 

„Einmal verlangte ein SS-Mann vom Kommandanten den Tagesbericht. Dieser sagte: Melde gehorsamst, hier sind 137 Mann. Darauf erhielt er einen Schlag übers Gesicht, so dass er wiederholte, und es kam die Antwort: ,Hier sind nicht 137 Mann, sondern 137 jüdische Schweine.‘ Als dann ein anderer Soldat kam, sagte unser Kommandant diesmal schon belehrt: ,Melde gehorsamst, hier sind 137 Juden.‘ Für diesen Bericht bekam er erst recht Schläge, denn dieser SS-Mann war wiederum der Meinung, dass er Späße mache.“1

 

Die Inhaftierten fürchteten sich ständig vor Übergriffen der Wachmannschaften, sowohl tagsüber als auch nachts. Ein Beamter nahm eines Morgens schließlich alle Häftlinge mit, die eine Schiffskarte besaßen. Siegfried Merecki wurde gemeinsam mit anderen Kartenbesitzern zur Polizeidirektion

Roßauer Lände gebracht. Da die Polizeidirektion komplett überfüllt war, wurden die Gefangenen wieder in die Kenyongasse zurückgeschickt. Am nächsten Tag wurden die Häftlinge erneut überstellt. Siegfried Merecki wurde in der Polizeidirektion in ein Zimmer geschickt, in dem ein junger Beamter über das weitere Schicksal der Inhaftierten entschied. Er musste sich in eine Warteschlange einreihen. Dabei bekam Merecki schnell mit, dass die Beamten „E“ riefen, wenn sie den Häftling „entlassen“ meinten; „Z“ verwendeten sie für „wieder zurück in die Zelle“ und wenn sie „Tante Dora“ riefen, dann bedeutete dies, dass der Inhaftierte nach Dachau geschickt wurde. Als Merecki an die Reihe kam, legte er dem Beamten seine Schiffskarte vor. Der Beamte vermerkte ein „E“ auf der Karte des Rechtsanwaltes und ließ ihn somit frei. Merecki kehrte zu seiner Familie zurück. Er emigrierte kurze Zeit später in die USA.

 

 

Tristan Kopitz

 

 

Quelle:

Gerhardt, Uta/Karlauf, Thomas (Hg.): Nie mehr zurück in dieses Land. Augenzeugen berichten über die Novemberpogrome 1938. Berlin 2009.

 

1 Gerhardt/Karlauf, S. 76.