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Ausgabe 1a/11


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Wechselhafte Nutzung der Schul- und Ordensgebäude von "Anschluss" bis Kriegsende

Sämtliche ordenseigene Schulgebäude, unter anderem unsere Schule in der Kenyongasse 4-12, 1070 Wien, wurden von 1938 bis 1945 für Zwecke der Wehrmacht bzw. der NSDAP in Anspruch genommen. Die in der Klosterschule lebenden Schwestern mussten die Räumlichkeiten der Schule verlassen und durften

sich nur im Kloster und im Keller der Schule aufhalten, welcher den Schwestern als Luftschutzraum bzw. als Aufenthalts- und Gebetsraum diente. Ihnen war es strengstens untersagt, die schulischen Räumlichkeiten zu betreten: „Sie sollten nicht sehen, was da passiert“, berichtet eine der Schwestern. Sie benutzten den Kellerdurchgang aus Angst vor den bewaffneten Soldaten.

 

Das Schulgebäude war zur damaligen Zeit nicht annähernd so groß wie heute. Im heutigen Klostergarten sowie am Grundstück des heutigen Volkschultraktes, befand sich ein großes Waldgebiet. Vor dem Krieg waren im Schulgebäude, welches die Nummern 4, 6 und 8 umfasste, eine Volksschule, eine Bürgerschule, ein Kindergarten, eine Lehrerinnenbildungsanstalt, ein Realgymnasium und eine Bildungsanstalt für Arbeitslehrerinnen und Kindergärtnerinnen untergebracht.

 

Im Oktober 1938 begann die lange Geschichte der fremden Nutzung dieser Schule, die für viele verschiedene Institutionen Unterkunft bot. Die Institutionen nahmen unterschiedliche Räumlichkeiten zu verschiedenen Zeiten, aber auch gleichzeitig in Anspruch.

 

Bald nach dem „Anschluss“ wurde den Schwestern die Lehrtätigkeit entzogen und das Schulgebäude zur Unterbringung einer Fachschule angefordert. Im zunächst leerstehenden Gebäude in der Kenyongasse 4 wurden im Oktober 1938 sudetendeutsche Flüchtlinge untergebracht. Nach dem Novemberpogrom wurden Teile des Schulgebäudes als Notarrest für Juden genutzt. Jahre später kam ein ehemaliger jüdischer Insasse des Notarrestes zur damaligen Schulökonomin, Schwester Cäcilia, um den Raum zu finden, in dem er zur Zeit des Novemberpogroms mit vielen anderen Juden inhaftiert war.

 

Von Dezember 1938 bis August 1939 wurden Räumlichkeiten der Kenyongasse 4 von der „Deutschen Arbeitsfront“ zur Einrichtung einer Höheren Fachschule der Gastwirtgenossenschaft übernommen. Doch schon am 9. Juni 1939 gab die Deutsche Arbeitsfront bekannt, dass sie vom geschlossenen Mietvertrag zurücktreten und zugunsten der Heeresverwaltung auf die gemieteten Räumlichkeiten verzichten werde. Am 1. Dezember 1939 zog die Heeresstandortverwaltung Wien, Standortgebührenstelle, in die Kenyongasse 4 ein. In den folgenden Jahren wurde der Mietvertrag erweitert und die Schwestern machten weitere Räumlichkeiten in der Kenyongasse 4, 6 und 8 frei. Die Räumungsarbeiten mussten teilweise Kriegsgefangene durchführen.

 

In der Kenyongasse 8 befand sich ab dem Jahr 1938 die Großeinkaufsgesellschaft österreichischer Konsumvereine (GöC). Am 15. Oktober 1939 stellte die „Kongregation der Töchter des Göttlichen Heilands“ dem Deutschen Roten Kreuz Räume der Kenyongasse 8 kostenlos, mit komplett eingerichteten Schlafräumen, Küche und sanitären Anlagen zur Verfügung. Dies galt der Unterstützung der verwundeten Soldaten. Schließlich zog auch die Wehrmacht in das Gebäude ein. Seit 1. April 1940 befand sich in der Kenyongasse 6 und 8 die Wehrmacht Unterkunftsstelle Westbahnhof.

 

Das Exerzitienhaus des Ordens in der Kaiserstraße 25 und 27 wurde seit 1941 als Reservelazarett genutzt. Die Aufgabe der Schwestern war es, die verwundeten Soldaten zu pflegen. Die Schwestern mussten sich zuvor einer neunmonatigen Ausbildung unterziehen und waren laut einer Anordnung des Kommissars der Freiwilligen Krankenpflege dazu verpflichtet, sich mit einem Verwendungsbuch, einer Ausweiskarte, einer Erkennungsmarke und zwei Armbinden auszustatten.

 

Nach den zahlreichen Mietwechseln wurde die Schule nach dem Krieg wieder von den Schwestern übernommen. Im September 1945 wurde die Schule offiziell eröffnet. Das Gebäude befand sich zunächst in einem furchtbaren Zustand. Die Schwestern konnten schließlich durch die Hilfe von Spendengeldern die Schule renovieren und wieder aufbauen. Heute ist allein der Brunnen vor dem Klostergebäude so erhalten wie vor 73 Jahren.

 

 

Stefanie Herret, Johanna Kozich,

Elisabeth Krampulz, Carina Summer,

Sabrina Rotter, Max Veith, Bernadette Weber

 

 

Quellen:

Interview mit Schwester Cäcilia am 23. März 2011

Mietverträge (Archiv des Ordens)

Schulchronik 1936-1946