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Ausgabe 1a/11


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Wiederaufbau, Internatsleben und die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit der Schule - einige Aspekte der Schulgeschichte nach 1945

Im Folgenden haben Schülerinnen einige Facetten der Entwicklung der Schule in der Kenyongasse ab 1945 zusammengetragen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit berichten sie hier über den Wiederaufbau, das soziale Engagement des Ordens sowie über (religiöse) Feierlichkeiten, über das Internatsleben aus der Sicht einer Schülerin der 1960er Jahre und über die Auseinandersetzung in Unterricht und Schulleben mit der NS-Vergangenheit der Schule.

 

Zahlreiche Gebäude, darunter auch unser Schulgebäude in der Kenyongasse, wurden gegen Ende des Zweiten Weltkriegs von Bomben getroffen; so wurden viele Stellen und ganze Gebäudeteile der Schule zerstört. In Folge eines Luftangriffs und der daraus resultierenden Druckwelle, wurden im Februar 1945 zahlreiche Fensterstöcke herausgerissen und Treppenaufgänge durch weggerissene Außenfassaden freigelegt. Nach einer Teilsanierung, die eine Erneuerung von Fensterscheiben und das Ausmalen einiger Räume umfasste, wurde das Schulgebäude am 14. Mai 1945 gesegnet und zur Wiedereröffnung eines „Sammelunterrichts“ bereit erklärt. Das von den Nationalsozialisten zurückgelassene

Inventar wurde zu Schulmöbeln umfunktioniert; nur Schreibtische durften nicht weiter verwendet werden, da sie deutsches Eigentum waren, wie in der Schulchronik vermerkt ist. Sitzgelegenheiten mussten von zu Hause mitgenommen werden.

 

Bereits am 10. September 1945 wurde das Schulgebäude, bestehend aus Kindergarten, Volksschule, Hauptschule, zwei Bildungsanstalten und AHS-Oberstufe

für 600 Schülerinnen wiedereröffnet.

 

Nach der Wiedereröffnung und vor allem ab der zweiten Hälfte der 1950er Jahre, wurde unsere Schule kontinuierlich aus- und umgebaut. Beispielsweise wurde von 1963 bis 1965 ein schuleigenes Schwimmbad gebaut, das jedoch aus Kostengründen 1992 zu einem unserer jetzigen Turnsäle umgebaut wurde. 1972 wurde der Schulschluss wegen eines weiteren großen Bauvorhabens vorverlegt: während dieses Umbaus wurden neue Stromleitungen und Fußböden verlegt und bereits vorhandene Dampfheizungen zu Warmwasserheizungen umgebaut. 1976 wurden die Fassaden und Fenster im Haus Kenyongasse 4-8 renoviert. Viele der damals erbauten Teile unseres Schulgebäudes sind bis heute unverändert geblieben. Ein interessanter Aspekt daran ist, dass eine Architektin, Helene Koller-Buchwieser, für viele Umbauten verantwortlich war.

 

Das Leben im Internat in den 1960er Jahren aus Sicht einer ehemaligen Schülerin

 

Der Alltag im Internat war von morgens bis abends durchorganisiert: Die Tagwache begann um 6:30 Uhr. Fast täglich fand ein Rosenkranz oder eine Messe am Abend statt. Um 22:00 Uhr mussten die Schülerinnen in den Betten liegen und die Lichter abdrehen. Die Verpflegung war bescheiden und sparsam; Annemarie Magenschab, von 1962 bis 1967 Schülerin in der Kenyongasse, erinnert sich, dass sie sich einmal im Monat mit einer Freundin eine Dose Leberpastete gekauft und geteilt habe (denn alleine wäre es zu teuer gewesen).

 

Die Vierbettzimmer im Internat waren mit Stahlrohrbetten ausgestattet. In den Stockwerken gab es keine Duschen, sondern lediglich kleine Waschbecken in den Zimmern. Allerdings durften die Schülerinnen einmal wöchentlich, jeweils zu acht unter Aufsicht der Nonnen und unter Zeitdruck, das Badezimmer im Keller benutzen.

 

Freizeitaktivitäten, wie Theater- und Kinobesuche, konnten nur in Begleitung stattfinden, doch einmal machte die Internatsleitung eine Ausnahme, wie sich Magenschab erinnert: die Schülerinnen durften sich alleine Dr. Schiwago anschauen. Im Internat gab es weder Radio noch Schallplatten, so berichtet Magenschab weiter, dafür einen Fernseher, an dem man sich jedoch nur die Nachrichten anschauen durfte.

 

Nach Hause zu fahren war für Annemarie Magenschab aus finanziellen Gründen nur drei Mal im Schuljahr möglich, weshalb es regelmäßigen Briefverkehr mit den Eltern gab. „Den Mädchen war es nicht erlaubt Männerbekanntschaften zu pflegen, und Briefe durften sie auch nicht an Männer schreiben“, so berichtet Magenschab weiter. Hosen zu tragen war auch nicht erlaubt, es mussten Röcke getragen werden.

 

Der Andrang auf das Internat war so groß, dass man nur schwer einen Platz ergattern konnte. Ein Satz blieb der ehemaligen Schülerin Annemarie Magenschab dazu in Erinnerung und regt zum Nachdenken an: „Wenn dir etwas nicht passt – es warten zehn andere auf deinen Platz!“

 

Soziales Engagement des Ordens

 

Bereits 1946, begann der Orden zu verschiedensten Anlässen, Kleidung, Geld, Nahrungsmittel und Spielzeug für karitative Zwecke zu sammeln. Die Einnahmen wurden an Bedürftige weitergegeben oder für die Restaurierung des Stephansdoms sowie des Sophienspitals verwendet.

 

In der Schulchronik von 1945 bis 1984 werden verstorbene Schülerinnen sowie Lehrerinnen und Lehrer erwähnt, deren Todesursachen meist Unfälle oder Krankheiten waren. Gegen letztere, damals zum Beispiel Scharlach, Diphterie, Typhus oder Kinderlähmung, bot die Schule Schutzimpfungen an, die in der Nachkriegszeit auch kostenlos von Eltern bezogen werden konnten.

 

Religiöse Feiern, Feste und politische Jahrestage

 

Als katholische Privatschule band man alljährlich Messen, Adventfeiern sowie andere Feste und die damit verbundenen Vorbereitungen in den Schulalltag ein. Sogar Erstkommunionen fanden in der Schule statt. Firmungen der Kinder der vierten Klasse Volksschule wurden bis 1978 im Stephansdom gefeiert, danach wurden diese auch in unserer Internatskapelle durchgeführt. Todestage oder Trauerfeiern zum Ableben von Bundespräsidenten wurden auch in der Schule abgehalten. Und sogar zu politischen Ereignissen, wie etwa zum Jahrestag der Befreiung Wiens 1945 oder zum Tag der Unabhängigkeit der Republik Österreich gab es Gedenkfeiern mit anschließendem Unterrichtsschluss. Und auch für die Erklärung der Menschenrechte 1950 gab es eine Gedenkstunde.

 

Umgang mit der NS-Geschichte der Schule

 

Bezüglich der Auseinandersetzung mit der Geschichte unserer Schule im Nationalsozialismus, hat sich herausgestellt, dass im Laufe der Jahre von anfänglichem Schweigen über spärliches Reden bis hin zu großem Interesse vonseiten der Schülerinnen und Schüler, ein wechselhafter Umgang mit der Vergangenheit zu sehen ist.

 

„Der Geschichtsunterricht an der Schule Kenyongasse hat mit der modernen Geschichte vor dem Nationalsozialismus geendet und somit ist im Unterricht nicht darüber gesprochen worden“, berichtet Hermine Kozich, die von 1954 bis 1959 Schülerin in der Kenyongasse war. Außerdem meint sie, dass es grundsätzlich keine Auseinandersetzung mit dem Thema Nationalsozialismus gegeben hat, obwohl es nicht verboten war, darüber zu sprechen. Es traute sich einfach niemand, dieses Thema anzusprechen. Der Grund dafür war vielleicht, so Kozich weiter, dass der Erziehungsstil in der Nachkriegszeit an der Schule autoritär war. Der Respekt vor den Lehrerinnen und Lehrern war sehr groß. Und nicht nur Respekt war der Grund für das Schweigen der Schülerinnen, manche hatten einfach Angst.

 

Auch Elisabeth Hammerl, ehemalige Schülerin und heute Lehrerin in der Kenyongasse, berichtet von ihren Erinnerungen an die Hauptschulzeit in den Jahren 1962 bis 1966. Ihre Geschichtslehrerin hat sehr offen über den Nationalsozialismus

gesprochen. „Mein Interesse ist gestiegen und ich habe mich auch mit anderen Lehrerinnen und Lehrern unterhalten, die mir persönliche Erlebnisse geschildert haben“, sagt Hammerl. „Aber ich glaube, dass das eine Ausnahmesituation war, da ich mit anderen Schülerinnen gesprochen habe, welche nichts davon erfahren haben. Man hat sich nicht getraut über die Zwischenkriegszeit zu reden, also, warum es zum Nationalsozialismus gekommen ist“, vermutet Hammerl. Und sogar über die Geschichte der Schule im Jahre 1938 hat die Geschichtelehrerin von Hammerl gesprochen: So hat sie den Schülerinnen erzählt, dass damals „ein Lager“ in der Schule war. „Damit war das Thema aber beendet; Genaueres wurde nie besprochen.“ Als Lehrerin war Elisabeth Hammerl im Jahr 2000 mit Schülerinnen und Schülern der Kenyongasse in Mauthausen. Außerdem meint sie, dass es in diesem Jahr ein Projekt „Rassismus“ gegeben hat, und denkt, dass damit das Thema Nationalsozialismus an der Schule wichtig geworden ist.

 

Eine weitere Geschichtelehrerin an der BAKIP Kenyongasse, Gabriele Prochazka, erzählt, dass 1988 bereits eine Auseinandersetzung mit dem Thema stattgefunden hat: „Schon am Beginn der ersten Klasse haben mich Schülerinnen und Schüler mit Fragen über die NS-Zeitdurchlöchert. Deren Interesse und Engagement waren extrem, auch die Medien haben viel über die NS-Zeit gesprochen und ich glaube, dass das Interesse deswegen geweckt worden ist.“ Das Problem an der Aufarbeitung war für Frau Prohazka, dass sie nur eine Wochenstunde im Fach Geschichte hatte und es demnach schwierig war, diese Dinge ausführlich zu besprechen. Gespräche über die NSGeschichte der Schule wurden aber nicht geführt.

 

Im Schuljahr 2003/2004 ist schließlich ein wenig über den Zweiten Weltkrieg gesprochen worden, allerdings nur sehr oberflächlich, so hat uns Réka Tercza, ehemalige Schülerin in der Kenyongasse (1993 bis 2005) berichtet. Dadurch aber, so erzählt Réka weiter, ist das Interesse der Schüler und Schülerinnen an der Geschichte der Schule geweckt worden. Es tauchten Fragen auf, wie zum Beispiel: was ist genau geschehen, wer hat was gewusst und wurde etwas getan? Daher gab es dann Gespräche mit den Klosterschwestern, die zur Zeit des Nationalsozialismus an der Schule waren. Trotz dieser Gespräche haben die Schülerinnen und Schüler in diesem Jahrgang nicht viele Informationen bekommen, es wurde aber immerhin darüber gesprochen, dass in einem der Turnsäle der Schule Erschießungen stattgefunden haben. Réka beschreibt das so: „Die Schwestern haben dazu gemeint, sie haben zwar die Schüsse gehört, aber nicht genau gewusst, dass diese Geräusche Schüsse waren. Inwieweit das nun wirklich am Nicht-Wissenlag, oder eher an einem Wegschauen, kann ich Euch nicht genau sagen.“ Als Schülerin, so meint sie weiter, war es schwierig, an genauere Informationen heranzukommen, denn wenn eine Frage unangenehm geworden ist oder vielleicht ein schlechtes Licht auf die Schule geworfen hätte, wurde sie nicht beantwortet. Réka Tercza fasst ihren Eindruck zusammen: „Somit ist die Aufarbeitung von der Schule gewollt gewesen, jedoch nur in einem passenden Rahmen. Die meisten Klosterschwestern hingegen wollten sich jedoch nicht mehr mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen.“

 

Die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Schule im Nationalsozialismus hat also erst spät eingesetzt. Wir haben den Eindruck, dass der Umgang mit dieser Zeit sehr schwierig für alle Beteiligten an der Schule, im Vergleich zu heute, war. Heute haben wir einen ganz anderen Bezug zu dieser Zeit und es fällt uns leichter, darüber zu reden und auch davon zu lernen.

 

 

Lisa Graf, Birgit Hirsch, Valentina Jasch,

Sophie Klammer, Isabella Roth

 

 

Quellen:

Schulchronik 1945-1984

Sr. Purissima F.S.D./Helene Karlberger/Kongregation der Töchter des Göttlichen Heilandes Hrsg.), Ruf der Zeit, Wien 1983.

 

Interviews:

Elisabeth Hammerl (7. April 2011)

Hermine Kozich (2. März 2011)

Annemarie Magenschab (5. März 2011)

Gabriele Prochazka (8. April 2011)

Réka Tercza (2. April 2011)