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Ausgabe 1a/11


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Dem Menschen dienen

Die Geschichte des „Ordens der Schwestern vom Göttlichen Erlöser“

 

1856 brechen fünf Schwestern aus Niederbronn im Elsass, dem Gründungsort der „Schwestern vom Göttlichen Erlöser“, zu einer beschwerlichen Reise nach Wien auf.

 

Die Folgen der Industriellen Revolution– rasch anwachsende Städte, keine soziale Infrastruktur, Verelendung des Proletariats – erfordern von den Schwestern viel Energie und Engagement bei ihrer Arbeit für Kranke und Waisenkinder. Dieses beziehen sie unter anderem aus der festen Überzeugung, die in der Lebensregel nachzulesen ist:

 

Gott liebt mich, er kümmert sich um mich und möchte, dass ich glücklich bin, dass mein Leben gelingen kann.

 

Bereits 1861 übersiedeln die Schwestern nach Wien in die Kaiserstraße 27 und legen damit den Grundstein für das große Ordens- und Schulzentrum im heutigen 7. Bezirk. Hauskrankenpflege für die Armen, Begleitung der Sterbenden aber auch die Versorgung und Bildung von Waisenkindern gehören in dieser Zeit zu ihren Tätigkeiten, ganz im Sinne ihres Charismas „Menschen und dem ganzen Menschen zu dienen“.

 

Vor dem Hintergrund des Kulturkampfs zwischen der katholischen Kirche, den Konservativen und den liberalen bzw. antiklerikalen Kräften in der österreichisch-ungarischen Monarchie, sieht Kardinal Rauscher, der damalige Erzbischof von Wien, in dem neuen Frauenorden eine Stärkung seiner Kirchenpolitik. Vor diesem Hintergrund ist auch die am 10. März 1866 erfolgte Ernennung „zur selbständigen Kongregation nach den Regeln des Hl. Augustinus“ unter dem Titel „Kongregation der Töchter des Göttlichen Heilands“ zu verstehen.

 

Ausgehend von Wien, gründen die Schwestern bis zum Ersten Weltkrieg Niederlassungen in vielen Orten der österreichisch-ungarischen Monarchie. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit bleibt aber Wien und Niederösterreich.

 

Die Gründerin des Ordens: Elisabeth Eppinger

Beitrag von Theres Ranits, Kerstin Waldschitz

 

Die Gründerin des „Ordens vom Göttlichen Erlöser“ war Elisabeth Eppinger. Sie wurde am 9. September 1814 in Bad Niederbronn geboren. Im Jahr 1848 stellte Elisabeth den Antrag in die Kongregation der Schwestern von der Göttlichen Vorsehung von Rappoltsweiler (Ribeauvillé) aufgenommen zu werden. Sie wurde Postulantin. Am 20. September 1848 legt Elisabeth ihr Gelübde ab und weiht ihr Leben Gott. Bald erkannte sie, dass sie eine eigene Kongregation gründen will. Sie empfängt im Alter von 35 Jahren, genau am 10. September 1849, das Ordenskleid und nimmt offiziell den Namen Schwester Alfons Maria an. Ständig schlossen sich neue Mitglieder der Gemeinschaft an. Die Kongregation breitet sich rasch aus. Niederlassungen konnten in Frankreich, Deutschland, Österreich und Ungarn gegründet werden. Die Schwestern halfen dort, wo die Not am größten und die Bedürfnisse der Menschen am dringendsten waren. Am 31. Juli 1867 starb Mutter Alfons Maria an den Folgen eines Gehirnschlags im Alter von 53 Jahren.

 

Mädchenbildung

 

Dem Auftrag der Ordensgründerin entsprechend, widmen sich die Schwestern besonders der Bildung von Mädchen. Bereits 1868 wird mit Bewilligung der k.u.k. Statthalterei eine vierklassige Mädchen- Volksschule in der Kenyongasse eröffnet, die 1869 das Öffentlichkeitsrecht verliehen bekommt. Damit ist der Grundstein für eine wechselvolle, fast 150 jährige Schulgeschichte in der „Kenyongasse“ gelegt. Der nächste Meilenstein in der Schulgeschichte „Kenyon“ ist die Gründung der Bürgerschule 1897 und des Kindergartens. 1903 folgt die Errichtung der Lehrerinnenbildungsanstalt, die bis zur Schließung 1968 geführt wird.

 

Nach dem Ersten Weltkrieg folgen 1926 das Realgymnasium und 1928 die Eröffnung der Bildungsanstalt für Arbeitslehrerinnen und Kindergärtnerinnen. Steigende Schülerinnenzahlen bestätigen die Ausweitung des Bildungsangebots.

 

1938 – ein Bruch in der Ordensgeschichte

 

Die Schulchronik vermerkt am 12. März 1938: „Staatlicher Umsturz – Österreich ein Land des Deutschen Reiches – ab 13. März schulfrei.

 

Die Auswirkungen der Machtübernahme Hitlers werden unverzüglich spürbar: Bereits am 21. April 1938 muss die Schule eine Feier anlässlich des „nationalsozialistischen Umbruchs in Österreich“ veranstalten.

 

Auch der Eintrag zu Hitlers Geburtstag gibt Einblick in die nationalsozialistische Schulrealität wieder, die auch vor katholischen Schulen nicht Halt machte:

Programm an diesem Tag:

1. Dem Führer

2. Lied: „Froh beschafft das Neue“

3. Du musst an Deutschland glauben

4. Bekenntnis

5. Deutschlandlied

6. Horst Wessel-Lied

 

Der Schulschluss wird zwar noch mit einem Gottesdienst gefeiert, aber die Zahl der Abmeldungen steigt rasant, Kindern nationalsozialistischer Beamter ist der Besuch einer katholischen Schule verboten. Mit 19. Juli ist der Schulbetrieb bis 1945 unterbrochen. Die NSDAP fordert das Gebäude zur Unterbringung von Fachschulen. Allerdings wird das Gebäude im Herbst 1938 einerseits als Flüchtlingslager und andererseits als Notgefängnis während und nach der „Reichskristallnacht“ verwendet.

 

Diese Entkonfessionalisierung des Schulwesens betrifft aber nicht nur die Kenyongasse, sondern auch andere Schulen des Ordens: Melk, Gleiß und auch das Waldkloster im 10. Bezirk in Wien. Dies hat dramatische Folgen für die Schwestern, die im Schuldienst tätig sind. Sie werden sowohl aus den Kindergärten, als auch aus den Schulen entlassen, die bald Schulen und Kindergärten der NSDAP werden. Über 20 Institutionen müssen bis in den Herbst 1938 von den Schwestern aufgegeben werden.

 

Die Ausschaltung der Orden aus dem Schulwesen ist der erste Schritt zur nationalsozialistischen Übernahme des Bildungs- und Sozialwesens. Kindergärten, Pflegeeinrichtungen, Altenheime folgen. „In Niederösterreich mussten sich alle Schwestern des Ordens aus den Kindergärten zurückziehen: Mit Herbst 1938 stellte die Landeshauptmannschaft Niederdonau (so hieß Niederösterreich nun) das Wirken der Schwestern in neun Landeskindergärten ein: Maissau, Wildendürnbach, Falkenstein, Göllersdorf, Mauer, Hennersdorf, Ybbsitz, Leopoldsdorf und Obergrafendorf. In einigen Orten mieteten die Schwestern privat eine Wohnung, um ihren Lebensunterhalt durch Krankenpflege und Handarbeit zu verdienen.“ (Aus der Chronik des Ordens „Ruf der Zeit“, 1983.)

 

Im Jahr 1939 werden die Schwestern auch in anderen Kindergärten entlassen und die NSDAP übernimmt die Leitung. Den Schwestern wird gestattet, bis auf weiteres ambulante Krankenpflege zu leisten. Aber auch dieser Bereich wird zunehmend von den nationalsozialistischen Stellen übernommen, wie der Chronik zu entnehmen ist.

 

Was bedeutete nun die „Machtübernahme“ für das Ordensleben? Fragt man heute Schwestern des Ordens, so ist die Erinnerung an diese Zeit schmerzlich. Nicht nur der Verlust von Schulen, Kindergärten, Pflege- und Altenheimen, sondern auch die Zahl der Neueintretenden geht rapide zurück. Gleichzeitig steigt aber die Zahl der Austritte, insgesamt treten 76 Schwestern während der Zeit des NS-Regimes aus, davon 31 nach zehn und mehr Professjahren. Das Kloster in der Kaiserstraße wird in dieser Zeit auf eine harte Probe gestellt. Viele Schwestern, die in Einrichtungen außerhalb gearbeitet hatten, kehren während des Zweiten Weltkrieges ins Mutterhaus zurück, das bald aus allen Nähten platzt – Schmerz über den Verlust, Fragen der Neuorientierung aber auch Probleme mit der Versorgung beschäftigen den Orden. Ein Erhebungsbogen des deutschen Caritasverbandes 1942 spricht von 1263 Schwestern in 54 Niederlassungen der Kongregation in Wien. Insgesamt gehören noch neun Einrichtungen im sogenannten „Altreich“ und acht im Ausland (u.a. Holland) dazu. Interessant sind auch die Tätigkeitsbereiche der Schwestern, die in diesem Dokument aufgelistet sind:

 

182 arbeiten im Heeressanitätsdienst, 563 in „Anstalten u. Einrichtungen mit nichtkatholischem Träger, d.h. in staatlichen, gemeindlichen und interkonfessionellen Häusern“, vermutlich also durchaus in Niederlassungen, die im Besitz des Ordens waren, allerdings mit einem nichtkonfessionellen Träger – also einer nationalsozialistischen Organisation.

Wien, Kaiserstraße 23 – das Exerzitienhaus, das Krankenhaus des Göttlichen Heilands in Dornbach, 1170 Wien, und das Schwesternkrankenhaus Kloster St. Barbara in Gablitz gehören noch zu den wenigen ordenseigenen Anstalten, die noch ganz in der Bewirtschaftung der Schwestern liegen. Kein Schatten, wo nicht auch Licht ist: 1938 brechen Schwestern nach Holland und Argentinien auf und gründen Niederlassungen, die bis heute bestehen.

 

Das Kriegsende ist von Bombenangriffen überschattet, bei denen in Wien sowohl ein Haus in der Kaiserstraße, sowie die Schule im 10. Wiener Bezirk zerstört werden. Trotz der dramatischen Ereignisse in den letzten Kriegstagen beginnt bereits in den Monaten Mai und Juni wieder die Arbeit in den Kindergärten und Schulen unter primitivsten Bedingungen. Die Schulchronik der Kenyongasse berichtet, dass im Winter 1945/46 wegen der großen Kälte und dem fehlenden Heizmaterial bis Anfang März Weihnachtsferien sind.

 

Kloster und Klosterschule Neusiedl am See

Beitrag von Theres Ranits, Kerstin Waldschitz

 

Im Jahr 1938 wurde den Schwestern jede Lehrtätigkeit untersagt und das Gebäude von den damaligen Machthabern beschlagnahmt. 1939 wurden alle Schwestern aus dem Kloster Neusiedl verwiesen, so erzählt uns Schwester Elmara. Am 7. Oktober verließ die letzte Schwester das Kloster. Die Klosterschwestern wurden vorrangig in Krankenhäusern und für soziale Tätigkeiten eingesetzt. Während der Kriegszeit wurde im Kloster Neusiedl eine Buben- und Mädchenschule von der NSDAP geführt. Ein Teil des Hauses diente als Lazarett und in den Kindergartenräumen hatte die Hitlerjugend ihre Zusammenkünfte, berichtet Schwester Elmara weiter.

 

Unmittelbar nach Kriegsende, am 14. Mai 1945, wurden die Schwestern wieder an ihren früheren Wirkungsort zurückgerufen. Sie renovierten das Haus und führten den Unterricht fort. „Das große Holzkreuz, das während des Krieges in der Kirche versteckt war, wurde am 14. September 1947 feierlich ins Kloster zurückgebracht, und am ursprünglichen Platz beim Klostereingang befestigt“, erinnert sich Schwester Elmara.

 

Bis heute gibt es einen Kindergarten, eine Volksschule und eine römisch-katholische Hauptschule für Mädchen an diesem Ort. Heute leben im Kloster in Neusiedl am See noch zwei Klosterschwestern.

 

 

Jahrtausendwende – Antworten auf neue Herausforderungen

 

Ein Blick auf die Mitgliederzahlen und die Altersstruktur der Schwestern führt zu der nüchternen Feststellung: so beeindruckend das Wachstum bis 1938 war, so deutlich ist der Rückgang in den letzten Jahrzehnten. 155 Schwestern in 13 Niederlassungen in Österreich, ein ähnliches Bild in anderen Kongrega tionen des Ordens fordert eine Neuorientierung und Neuorganisation. Ein wichtiger Schritt war 1999 der Zusammenschluss der, seit 1866 getrennten, Kongregationen der Diözese Wien und Straßburg.

 

„In die Zukunft – mit unseren Ängsten, unseren Fragen, unserer Armut

In die Zukunft – trotz Gegenwind, bedrohlicher Wogen, mangelnder Sicht

In die Zukunft – weil dem, der uns ruft und mit uns geht, nichts unmöglich ist.“

 

Diese Wegweisung des Generalkapitels aus dem Jahr 2000 ist gekennzeichnet von einer realistischen Sicht der Situation aber auch der Hoffnung, die vom Glauben getragen ist. In einer pluralistischen Gesellschaft geprägt von Werten wie Wettbewerb, Leistung und grenzenlosem Individualismus, scheint kein Platz für ein Leben im Orden, das Werte wie Armut, Solidarität mit dem Nächsten und die Beständigkeit in Beziehungen zu anderen fördert, zu sein. Sieht man die Entwicklung der Zahl der Schwestern, ist man beinahe versucht, dem recht zu geben. Blickt man jedoch auf die Erfolgsgeschichte der Einrichtungen der Schwestern, allen voran dem Bildungszentrum Kenyongasse, so scheinen christliche Werte, auch wenn sie von vielen nicht mehr gelebt werden, doch ein Garant zu sein, Menschen in ihrer persönlichen Entwicklung zu unterstützen, in einer Atmosphäre gegenseitiger Wertschätzung. Trotz der abnehmenden Zahl von Schwestern, beweisen die „Schwes tern vom Göttlichen Erlöser“ Weitsicht und Mut, neue Wege zu gehen und stellen wichtige Weichen für die Zukunft ihrer Einrichtungen.

 

 

Maria Habersack

seit 23 Jahren Geschichte- und Deutschlehrerin an der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik Mater Salvatoris/Kenyongasse, seit 2001 auch Direktorin der Schule.

 

Quellen:

Sr. Purissima F.S.D./Helene Karlberger/Kongregation der Töchter des Göttlichen Heilandes (Hrsg.), Ruf der Zeit, Wien 1983.

Schulchronik 1938

Verträge (Archiv des Ordens)