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Ausgabe 1a/11


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"Die anonyme Vermittlung von Geschichte wird personalisiert"

Interview mit Maria Habersack, Direktorin der BAKIP Kenyongasse und Geschichtelehrerin der Klasse 5B

 

GEDENKDIENST: Frau Habersack, Sie haben zugestimmt dieses Projekt zu machen. Warum? Gab es einen konkreten Auslöser oder Anstoß dazu?

 

Maria Habersack: Ja, den gab es: Wir haben letztes Jahr mit zwei Klassen eine vom Verein GEDENKDIENST organisierte Studienfahrt nach Auschwitz gemacht. Bei dieser Exkursion kam vonseiten einiger Schülerinnen und Schüler die Frage auf, was eigentlich an unserer Schule in der Zeit des Nationalsozialismus geschehen ist. Ich habe kurz umrissen, was ich damals bereits darüber wusste; nach der Studienfahrt ist dies aber im Sand verlaufen, vor allem wegen meiner zeitlichen Kapazitäten, die es mir als Direktorin nicht erlauben, größere Projekte zu betreuen. Dann aber kam ein Anruf vom Verein GEDENKDIENST mit der Anfrage, ob wir uns vorstellen könnten dieses Projekt zu machen, also die Geschichte unserer Schule zu recherchieren, und das war für mich dann der Anstoß die Abschlussklasse zu fragen. Zu meiner Verwunderung haben die Schülerinnen und Schüler dann umgehend gesagt, dass sie sehr gerne mitmachen möchten. Und mit der Teilung der Arbeit, also der inhaltlichen Betreuung durch den Verein GEDENKDIENST und die Historikerin Regina Fritz einerseits, und der organisatorisch- administrativen Arbeit durch meine Person andererseits, war es für mich dann auch vorstellbar, dieses Projekt an der Schule durchzuführen.

 

GD: Wie wurde dieses Projekt vonseiten der Schulklasse, des Lehrkörpers, des Ordens und des Stadtschulrats aufgenommen?

 

MH: Im Prinzip ist dieses Projekt sehr positiv aufgenommen worden. Kolleginnen und Kollegen, die die Klasse unterrichten, haben sich bereit erklärt, dieses Projekt, sofern dies nötig wäre, zu unterstützen. Sehr positiv wurde das Projekt auch vom Orden, also von den Schwestern, die hier noch im Haus in der Kenyongasse leben, aufgenommen: die Unterstützung war sehr groß, es wurde uns Material aus dem Archiv des Ordens zur Verfügung gestellt, die Schwestern haben die Bereitschaft gezeigt, Interviews zu geben und ihre Perspektive zu erzählen. Das einzige, was ein bisschen unsere Sorge war, war die Frage des Images unserer Schule – weniger, weil sie eine nationalsozialistische Vergangenheit hat, sondern mehr deswegen, weil Räumlichkeiten der Schule in Folge des Novemberpogroms als Notarrest genutzt worden sind und wir wissen, dass es im kleinen Turnsaal zu massiver Gewalt gegen Juden gekommen ist. Und hier gab es die Befürchtung, dass, sobald Eltern von Kindergarten- oder Volksschulkindern erfahren, dass es hier zu Folterungen gekommen ist, es Probleme geben könnte, da der Turnsaal auch heute noch benutzt wird. Grundsätzlich aber war die Resonanz auf dieses Projekt sehr positiv.

 

GD: Wie wurde bisher mit der Geschichte der Schule in Bezug auf die Zeit von 1938 bis 1945, dabei besonders die kurze Zeit als Notarrest, umgegangen? Wie wurde dieses Thema vom Lehrkörper rezipiert? War es bisher Thema im Unterricht?

 

MH: Seit ich hier an der Bildungsanstalt bin, also seit 1988, ist es meines Wissens nie aufgegriffen worden. Es gibt aber Projekte, die an der AHS Kenyongasse stattgefunden haben, wo mit Zeitzeuginnen, also Schwestern, die bereits in den 1930er Jahren an der Schule tätig waren, Interviews geführt worden sind. Auch ist ein Kunstprojekt zu nennen, das sich mit der Geschichte der Schule auseinandergesetzt hat.

 

Ich persönlich habe über den Notarrest und die Nutzung der Schule von 1938 bis 1945 sehr bald Bescheid gewusst, da ich mich als Geschichtelehrerin bereits früh mit der Geschichte der Schule und der Entwicklung des Ordens auseinandergesetzt habe. Für die Einbindung des Themas in den Unterricht galt aber bisher für mich, dass zunächst ein Interesse auf der Seite der Schülerinnen und Schüler erkennbar sein musste. Für mich war immer klar, dass ich ein solches Thema nur auf Wunsch einer Klasse zu bearbeiten bereit bin, da Interesse und Engagement vonseiten einer Klasse entscheidend dafür sind. Ich habe immer schon in meinem Unterricht den Fokus auf die Zeit des Nationalsozialismus und den Holocaust gelegt, bin mit Schulklassen nach Mauthausen und Auschwitz gefahren und habe Zeitzeuginnen und Zeitzeugen an die Schule eingeladen. Jedoch stand dabei bisher nicht die Beschäftigung mit der Geschichte der Schule im Vordergrund.

 

GD: Wie hat sich die Arbeit mit der Schulklasse aus Ihrer Sicht entwickelt? Welche Probleme und Schwierigkeiten, ein solches Projekt überhaupt zu machen, traten auf? Wie würden Sie den Verlauf beschreiben und den Ausgang bewerten?

 

MH: Nachdem ich die Schülerinnen und Schüler der 5B gefragt hatte, ob sie sich vorstellen könnten, dieses Projekt zu machen, waren die von mir vorgeschlagenen Rahmenbedingungen folgende: ich schlug vor, auf den regulären Geschichtsunterricht im zweiten Semester zu verzichten und damit die Arbeit am Projekt als Bewertungsgrundlage geltend zu machen. Auch habe ich freigestellt, ob alle daran teilnehmen wollen. Wie gesagt, erstaunlicherweise haben dann ja alle zugesagt am Projekt mitmachen zu wollen.

 

Den Verlauf der Recherche, das Sammeln von Informationen habe ich von der Klasse als sehr engagiert erlebt. Die Schwierigkeit sehe ich hier beim Prozess der Verschriftlichung, was eine große Herausforderung für die Schülerinnen und Schüler war und was von der Klasse auch als große Anstrengung erlebt wurde. Und hier liegen auch die Grenzen des Projekts: die Zeit war zu knapp bemessen, da wir nur einige Wochen hatten, um im Rahmen des Gesamtprojektes zum Abschluss unseres Teilprojekts zu kommen. Während der Recherchen traten weitere spannende Aspekte auf, die alle nicht berücksichtigt werden konnten, da wir einfach nicht den Spielraum hatten, der Klasse mehr Zeit zu geben, um dies einzuarbeiten. Das Problem ist also, dass dem wissenschaftlichen Anspruch, den ich hier gehabt hätte, nicht gerecht werden konnte, weil schlicht der Zeitrahmen dies nicht zuließ. Mir fehlt also noch, zusammenfassend gesagt, die Einbettung in den historischen Kontext.

 

GD: Sind aber all diese Probleme und Abstriche in Kauf zu nehmen, wenn dem, wie im Fall dieses Projekts, die Möglichkeit entgegengesetzt wird, überhaupt ein solches Projekt machen zu können?

 

MH: Genau, ja. Denn es kann ja spannend sein mit anderen Klassen daran weiterzuarbeiten. Und was die Klasse 5B betrifft, so bin ich sicher, haben alle Schülerinnen und Schüler sehr viel gelernt, etwa über Recherche und Beschaffung von Informationen im Allgemeinen oder zur Frage, wie man Interviews führen kann.

 

GD: Worin unterscheidet sich Ihrer Einschätzung nach die Beschäftigung mit der Geschichte der Schule von der allgemeinen Befassung mit Nationalsozialismus und Holocaust?

 

MH: Der Mehrwert, der sich für mich daraus ergibt, ist der, dass historische Ereignisse für Schülerinnen und Schüler erlebbar werden. Was also im Geschichtsunterricht oft fehlt, ist der Bezug zur Frage, was es für Menschen, die in einer Zeit, in diesem Fall in der Zeit des Nationalsozialismus, gelebt haben, bedeutet hat. Die anonyme Vermittlung von Geschichte wird personalisiert – wobei ich hier für eine Wechselwirkung beider Erzählstränge, also zwischen dem Persönlichen und dem der Fakten, plädiere. Der zweite Pluspunkt dieses Projekts ist, dass bestimmte Arbeitstechniken erlernt worden sind; so konnte etwa durch einen Archivbesuch der Umgang mit Quellen vermittelt werden. Und nicht zuletzt werden auch einige Sozialkompetenzen gefördert, zum Beispiel das Arbeiten in Gruppen und der Umgang der damit verbundenen potentiellen Schwierigkeiten. Das Erstellen eines Protokolls ermöglichte den Schülerinnen und Schülern letztlich auch, den Prozess und Verlauf des Projekts zu reflektieren – ein Aspekt, den ich mit den Gruppen am Ende auch diskutiert habe.

 

GD: Was ist Ihrer Einschätzung nach das interessanteste Ergebnis dieses Projekts?

 

MH: Wahrscheinlich ist diese Frage nur sehr subjektiv zu beantworten, da ich nicht einschätzen kann, was die Schülerinnen und Schüler besonders interessant fanden. Für mich persönlich, die ich mich besonders mit der Geschichte des Ordens befasst habe, sind die Fragen nach Brüchen und Kontinuitäten, die sich 1938 und 1945 vollzogen haben, besonders spannend. Hier also sehe ich viele neue Fragen, die in der Folge auch die Frage nach dem Umgang mit Geschichte, also die Auseinandersetzung oder Nicht-Auseinandersetzung damit, implizieren.

 

GD: Gibt es im Zusammenhang mit diesem Projekt und den daraus gewonnenen Ergebnissen zukünftige Pläne – an der Schule, für den Orden?

 

MH: Mich persönlich würde ein Projekt mit einer Schulklasse zu Biographien einiger zentraler Persönlichkeiten des Ordens und der Schule, besonders solcher, die vor 1938 und nach 1945 in der Kenyongasse tätig waren, interessieren.

 

Vor allem aber wäre es mir ein Anliegen, in der Schule ein Zeichen zu setzen, also weiterhin darüber aufzuklären, was sich 1938 an der Schule ereignet hat und der Opfer zu gedenken.

 

GD: Was meinen Sie damit konkret?

 

MH: Wir haben uns überlegt, nächstes Jahr im Kunstunterreicht ein Projekt zu machen, ein Erinnerungszeichen zu setzen, ein „Denk-Mal“ zu errichten.

 

Und von der hierbei entstandenen Zeitungsausgabe erhoffe ich mir, dass vonseiten des Kollegiums oder auch vonseiten der Schülerinnen und Schüler weiterhin Interesse daran besteht, an diesem Thema zu arbeiten.

 

GD: Frau Habersack, wir danken für das Gespräch.

 

MH: Ich möchte hier noch die Gelegenheit zu einer Danksagung nutzen: Mein Dank gilt den Schülerinnen und Schülern der 5B, ohne deren Engagement trotz Matura es dieses Projekt nicht gäbe. Mein Dank gilt aber auch der Schwesterngemeinschaft „vom Göttlichen Erlöser“, sowie Sr. Cäcilia, Sr. Judith, die für Interviews zur Verfügung standen und dadurch dieses Projekt unterstützt haben. Besonders möchte ich mich bei Sr. Sieglinde Zeug, der Archivarin, für die großartige Unterstützung bedanken. Die Initialzündung unseres Projektes verdanken wir zwei Personen, die uns auch in der Durchführung wunderbar begleitet haben – Philipp Rohrbach und Regina Fritz. Adina Seeger und Frank Hagen haben unseren medialen Horizont erweitert und sind maßgeblich an der Gestaltung dieser Zeitung und der Radiosendung auf Radio Orange beteiligt – Danke dafür!

 

GD: In diesem Sinne: ich bedanke mich nochmals für das Gespräch.

 

 

Maria Habersack

seit 23 Jahren Geschichte- und Deutschlehrerin an der Bildungsanstalt für Kindergartenpädagogik Mater Salvatoris/Kenyongasse, seit 2001 auch Direktorin der Schule.

 

Das Gespräch führte Adina Seeger.