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Ausgabe 1a/11


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FATHOMIZING MEMORY

Ein interaktives und multimediales Projekt zur Erinnerung an Widerstands - kämpfer_innen des Nazi-Regimes von ORANGE 94.0 und V. Nino Jaeger

 

Eigentlich ist es ganz einfach: Wir wissen, dass wir als Menschen zu Taten an anderen Menschen fähig sind, die wir lieber vergessen wollen, da ihre Vergegenwärtigung die Grenzen des Vorstellbaren sprengt – es nicht auszuhalten ist, wie wir so etwas tun konnten. Wir sehen uns lieber als idealisierte Kulturschaffende etc., denn als Denunziant_innen, Mitläufer_innen, brave Mitarbeiter_innen in einer mörderischen Industrie und Bürokratie. Unangenehm ist wohl auch die Tatsache, dass es immer Menschen gibt, die sich anders entscheiden – in das eintreten oder immer schon dort waren, was gemeinhin als Widerstand bekannt ist.

 

Eigentlich ist es nicht einfach, das alles zu verstehen. Und es gibt jedenfalls drei – ich möchte sagen existenzielle – Bedürfnisse in diesem Kontext: Dass es nie vergessen wird, es sich nicht wiederholt und zu verstehen, wie es dazu kommen konnte. Diese drei Bedürfnisse teilen jene, die sich z.B. jetzt auf die Suche begeben mit denen, die das Nazi-Regime überlebt haben (und denen, die es nicht überlebt haben).

 

Wir wissen auch: Wenn wir mit dem Erinnern an aufhören, sind die uns Vorangegangenen endgültig tot. In dieser Hinsicht sollen die Nazis und ihre Förderer_innen nicht den Sieg davon tragen.

 

In diesem Projekt war es insofern von Anfang an wichtig, möglichst viele Leute aktiv einzubinden und zu erreichen. Sei es mittels Workshops, als Sprecher_innen von Zeitzeug_innen-Texten, in der Audio-Ausstellung im Container oder als Projektpartner_innen mittels eigener Veranstaltungen. Bei der Annäherung an das Thema „Erinnern von Überlebenden, Opfern und Widerstandskämpfer_innen des Nazi-Regimes“ war es wichtig, verschiedene Medien zu verwenden, da das Medium die Form und somit auch den Inhalt mitbestimmt. Einige Beispiele hierfür:

● Die Audio-Ausstellung im Container, welche die Besucher_innen zum Tasten, Suchen und Hören auffordert.

● Das sternförmige Mauerobjekt, welches mit Textschichten arbeitet und von Besucher_innen beschrieben oder bezeichnet werden kann.

● Radiosendungen auf ORANGE 94.0

● Workshops, Fotografie, Video

● Intervention im öffentlichen Raum

Auf die Frage, welche Handlungen/Erinnerungen besonders erinnert werden sollen, ist meine Antwort in diesem Projekt: Es sollen die erinnert werden, welche in Österreich nicht besonders viel Erinnerungsraum bekommen und teilweise sogar als Täter_innen abgestempelt wurden – Personen im Widerstand. Hier habe ich drei Gruppen hervorgehoben: nicht-organisierter und organisierter Widerstand der Kärntner Slowen_ innen, Widerstand von jüdischen Menschen auf der Balkanhalbinsel, queere Leute, die aufgrund ihrer Lebens-/Existenzweise widerständig waren. Mit dieser Entscheidung ist z.B. die Frage, welche Zeitzeug_innenberichte ausgewählt werden, noch lange nicht gelöst. Sich in das Studium von weiteren Kategorisierungen zu vertiefen, könnte in dieser Hinsicht Abhilfe schaffen. Ich habe mich dagegen entschieden, weil ich Kategorien grundsätzlich ablehne und insofern versuche, diese so sparsam wie möglich zu verwenden.

 

Die Geschichte gibt es nicht. Geschichte ist immer fragmentarisch und abhängig von dem, was ich suche, was ich finde, was ich weiß und was ich glaube. Geschichte ist etwas, das in Bewegung ist. Dieser Gedanke spiegelt sich in der Gestaltung der Audio- Ausstellung im Container wider. Die Beiträge der Ausstellung können nur angehört werden, wenn sich die Besucher_innen auf den Weg machen und die Wand abtasten. Unter der Membran, über die Containerwand gespannt, befinden sich Schalter (nicht sichtbar), die gedrückt werden müssen, um das Abspielen eines Audio- Files auszulösen. Die 30 Audio-Beiträge ergänzen sich teilweise inhaltlich. Die Besucher_innen wissen nicht, was sie finden werden. Mit 30 Beiträgen ist der Containerraum praktisch überladen – ein Verweis auf die Fülle an Wissen, das es über die Nazi-Zeit gibt. Jede_r entscheidet selbst, wie viele Beiträge sie/er sich anhört, vielleicht werden manche gar nicht gefunden. Die frei stehende sternförmige Wand arbeitet mit drei Textschichten. Eine Textschicht trage ich auf. Eine entsteht – quasi darübergelegt – bei einem Workshop mit Jugendlichen, und eine Schicht wird jene sein, die Besucher_innen oder andere auftragen. Die erste Schicht spielt mit dem Gedanken von unsichtbarem, geheimem, vergessenem, gefährlichem Wissen (Zitronensaft auf Papier als Geheimschrift), das mittels des ambivalenten Mediums Feuer (Vernichtung – Entstehung), sichtbar gemacht wird.

 

Im Container wie auch bei der Wand geht es um Sichtbarkeit/Hörbarkeit im Spannungsverhältnis zu Unsichtbarkeit/Unhörbarkeit. Es geht auch um die Idee der Membran (Haut), die Darunterliegendes verdecken kann, ihre Verletzlichkeit, unseren Umgang mit ihr. Die Membran als Medium/Träger von Wissen, als Verweis auf unser Sein und das Wissen, das wir mit uns herumtragen – Wissen, das uns „unter die Haut geht“. Wissen, das unter der dünnen Membran zum Vorschein gebracht werden kann. Die Sichtbarkeit/ Unsichtbarkeit bedeutet in diesem Projekt auch, sich die Frage zu stellen: Wer und welcher Inhalt wird in welcher Form erinnert oder nicht erinnert? Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Auseinandersetzung mit Fragen wie: Was bedeutet uns die NS-Vergangenheit heute? Wo befinden wir uns jetzt – was passiert? So finden sich z.B. in der Audio-Ausstellung Beiträge mit Aktualitätsbezug.

 

Zum Abschluss von diesem Text zwei Schlagwörter Bestandsaufnahme: Gegenwart.

 

 

V. Nino Jaeger

Künstler mit den Schwerpunkten Bildhauerei, Raum, Fotografie sowie Medienpädagoge; lebt und arbeitet in Wien. Künstlerischer Leiter von FATHOMIZING MEMORY