AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 2/11


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

Braucht Österreich ein Gedenkstättenseminar? Der erste Versuch.

Erfahrungen und Visionen

 

Bereits 2005 wurden Initiativen für die Realisierung eines ersten österreichweiten Gedenkstättenseminars gesetzt, dessen Ziel eine österreichweite Vernetzung der Gedenkstätten und -initiativen sowie der Jüdischen Museen sein sollte. Der Impuls ging von Dr. Hartmut Reese, dem ersten Leiter des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim, aus. Durch dessen Erkrankung und Tod im Jahr 2007 kam das engagierte Projekt jedoch zum Erliegen.

 

Im Jänner 2008 wurde die Idee wieder aufgenommen: auf Initiative von Yariv Lapid (KZ-Gedenkstätte Mauthausen) trafen sich MitarbeiterInnen aus sechs unterschiedlichen Institutionen, um an der Realisierung der ursprünglichen Idee weiter zu arbeiten, unter ihnen VertreterInnen der KZ Gedenkstätte Mauthausen, des Zeitgeschichtemuseums Ebensee, des Jüdischen Museums Wien, des Vereins GEDENKDIENST, des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim sowie von erinnern.at.

 

Die zu Grunde liegenden Arbeiten und Gedanken von Hartmut Reese begleiteten auch die Überlegungen dieser Arbeitsgruppe:

„In den letzten Jahren ist auch in Österreich eine Anzahl neuer Gedenkstätten und –orte entstanden oder sind im Entstehen begriffen, an denen auf vielfältige Weise an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert und gedacht wird. Die Arbeit an diesen Orten bezieht sich nahezu immer direkt auf den Ort als ‚Tatort‘ selbst. Dem entspricht, dass der Großteil dieser Orte ‚für sich‘ und ohne intensive Vernetzung mit anderen Gedächtnisorten arbeitet. Das hat historische, aber auch gesellschaftspolitische Gründe. Das Verständnis Österreichs als ‚Mittäter‘ ist erst jüngeren Datums; so auch das Verständnis, dass zwischen den einzelnen Orten der NS-Verbrechen ein Zusammenhang besteht, sie Teil eines Netzes der NS-Herrschaft waren und nun Teil eines Netzes des Gedenkens und der Erinnerung sein können.

 

Gedenkstätten müssen sich also auch als Netzwerk verstehen. Erst in der Betrachtung der zahlreichen Orte im Zusammenhang wird die Entwicklung und Bandbreite der nationalsozialistischen Verfolgung auch in Österreich deutlich.“

(Auszug aus: Hartmut Reese, Exposé zum 1. Gedenkstättenseminar, 2005)

 

1. österreichweites Gedenkstättenseminar

 

Das 1. österreichweite Gedenkstättenseminar fand vom 4. bis 6. März 2011 im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim statt. Es war dies der Versuch, alle interessierten gedächtnispolitischen AkteurInnen Österreichs an einen Ort einzuladen und somit erstmalig das Umfeld für eine professionelle Vernetzung zu schaffen. Das Organisationsteam hatte sich dabei zur Maxime gemacht, ohne vorgefertigte Schablonen und Traditionen zu agieren, den vorhandenen Freiraum zu nutzen und ihn erst mit den TeilnehmerInnen des Seminars gemeinsam zu formen. Dem zu Grunde lag die Ansicht, dass jede/r TeilnehmerIn einen anderen formellen, inhaltlichen oder strukturellen Background haben würde – und daher auch unterschiedliche Erwartungen an ein derartiges Seminar, die es möglichst zu beachten und ernst zu nehmen galt, stellen würden. Die zu erwartende Vielfalt der SeminarteilnehmerInnen stand in enger Verbindung mit einer breiten Einladungspolitik, die von Seiten des Organisationsteams verfolgt wurde: das Seminar richtete sich ausdrücklich an alle, die, in welcher Form auch immer, an und für einen Gedenkort oder ein Jüdisches Museum arbeiten sowie im Rahmen von Vermittlungsorganisationen tätig sind.

 

Freiräume nutzen – Anliegen formulieren

 

Das Seminar sollte ein ausgewogenes Angebot an Input, Austausch und Kennenlernen des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim bieten:

Input:

Dr. Peter Gstettner (Mauthausen Komitee Kärnten/Koroška, Gedenkstätte KZ-Loibl Nord) referierte zu Entwicklung und Gegenwart der österreichischen Gedenkstättenlandschaft und versuchte einen Ausblick in die nähere Zukunft zu geben.1 Dr. Thomas Lutz, Leiter des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors in Berlin, nannte in seinem Beitrag zentrale Themen, Fragen, Aufgaben und Diskussionen zur aktuellen Entwicklung und Positionierung von Gedenkorten. Er betonte die fortschreitende Professionalisierung der Gedenkstätten hin zu zeithistorischen Museen sowie die Wichtigkeit der Schaffung von regionalen und lokalen Bezügen bei gleichzeitiger Tendenz zur „Globalisierung des Gedenkens“. Thomas Lutz verwies auch auf die strukturellen Unterschiede der Rahmenbedingungen in Österreich und Deutschland.

 

Austausch:

Der späte Freitagnachmittag wurde für ein Kennenlernen der unkonventionellen Art genutzt: Ein speed-dating bot die Gelegenheit, innerhalb kürzester Zeit mit vielen TeilnehmerInnen in Kontakt zu kommen. Auch wenn die Durchführung mitunter chaotische Züge annahm, erfüllte die Übung ihren Zweck, denn beim Abendessen in der naheliegenden Stadt Eferding wurde an die begonnenen Gespräche angeknüpft und beim anschließenden gemütlichen Zusammensein konnten diese noch vertieft werden.

 

Am Samstagnachmittag ging es um die Themen, deren Diskussion den TeilnehmerInnen selbst ein großes Anliegen war. Zu Seminarbeginn waren sie aufgefordert worden, ihre Themen zu verschriftlichen und in einem Briefkasten zu sammeln. In vier vor Ort gebildeten Arbeitsgruppen wurde versucht, ein thematisches clustering der eingebrachten Diskussionsthemen zu erstellen. Folgende Themenbereiche kristallisierten sich dabei heraus:

● Kommunikation und Vernetzung innerhalb der Gedenkstättenlandschaft

● Beruf „Gedenkstättenpädagoge/Gedenkstättenpädagogin“

● Vermittlung/Pädagogik

● Wechselwirkung Gedenkstätte und Umgebung

 

Am Folgetag wurde in neuen Arbeitsgruppen zu diesen Themenbereichen weitergearbeitet, um bereits konkrete inhaltliche und strukturelle Angebote für weitere Seminare zu entwerfen.

 

Kennenlernen des Orts:

Der Samstagvormittag war dem Kennenlernen des Orts Hartheim gewidmet. Nach einer allgemeinen Einführung zur Geschichte des Lern- und Gedenkorts durch Dr. Brigitte Kepplinger (Verein Schloss Hartheim) wurde in einem alternierenden Stationen-Betrieb den TeilnehmerInnen des Seminars die Möglichkeit geboten, sich zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten zu vertiefen (Dokumentation, Pädagogik, künstlerisches Konzept). Für alle, die den Ort noch gar nicht kannten, gab es die Möglichkeit einer „klassischen“ Begleitung zum Kennenlernen der Gedenkstätte sowie der Ausstellung Wert des Lebens.

 

Was bleiben kann

 

Die Resonanz auf das erste Seminar war durchaus positiv. 38 TeilnehmerInnen aus neun verschiedenen Institutionen folgten der Einladung in den Lern- und Gedenkort; VertreterInnen folgender Vereine, Institutionen und Gedenkstätten nahmen teil: Društvo/Verein Peršman, Verein Steine der Erinnerung, Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands, Österreichischer Auslandsdienst/Braunauer Zeitgeschichte Tage, KZ-Gedenkstätte Mauthausen, Jüdisches Museum Wien, erinnern.at, Verein GEDENKDIENST, Zeitgeschichte Museum und KZ-Gedenkstätte Ebensee, Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim.2

 

Alle beteiligten Institutionen, Museen, Initiativen und Vereine tragen zur Gestaltung der österreichischen Gedenkstättenlandschaft bei und sehen sich als solche mit ähnlichen Fragestellungen, Problemen und Diskussionen, die an den unterschiedlichen Gedächtnisorten von verschiedenen gedächtnispolitischen AkteurInnen auf vielfältige Weise geführt werden, konfrontiert. Trotz aller Unterschiede, besteht das Bedürfnis nach Austausch sowie nach gemeinsamer Arbeit und wechselseitiger Auseinandersetzung und Anerkennung. Die Etablierung des Gedenkstättenseminars als Plattform der Diskussion und des Austauschs wird dabei helfen, die „Gedenkstättenlandschaft Österreichs“ zusammenzuführen und ein Netzwerk zu bilden.

 

Ausblick und Fazit

 

Geplant sind jährlich stattfindende Seminare an unterschiedlichen Austragungsorten. Das Thema wird jeweils durch ein Organisationsteam in Abstimmung mit dem Veranstaltungsort ausgewählt. Mögliche Themenstellungen beinhalten die unterschiedlichsten Aspekte der Arbeit an Gedenkorten und Jüdischen Museen. Für mögliche folgende Seminare soll und wird es – in erster Linie bedingt durch die unterschiedlichen Austragungsorte – zu immer neuen Zusammenstellungen der Mitglieder des Organisationsteams kommen. Wünschenswert wäre in Zukunft die Ausweitung der finanziellen Unterstützung der TeilnehmerInnen, die oftmals als ,Selbstständige‘ die Kosten für die Anreise von keiner Institution ersetzt bekamen und deren Teilnahme ausschließlich auf großem Engagement und Interesse sowie eigener Finanzierung basierte.

 

Ob Österreich – wie eingangs gefragt – ein Gedenkstättenseminar braucht, ist wohl relativ.

 

Die Erfahrungen der ersten Veranstaltung haben aber gezeigt, dass die Akteur- Innen dieser österreichischen Gedächtnisorte eine solche Plattform für nötig und nützlich erachten. Das offizielle politische Österreich tat das bislang nicht. Besonderer Dank geht an den Nationalfonds der Republik Österreich und somit an jene Institution, die dieses Seminar auf Grund ihrer finanziellen Unterstützung erst ermöglicht hat.

 

 

Irene Leitner

 

studierte Geschichte und Theaterwissenschaft in Wien und Nijmegen (NL); freiberufliche Mitarbeit bei unterschiedlichen zeitgeschichtlichen Projekten. Seit Herbst 2004 pädagogische Mitarbeiterin im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim, seit Juni 2007 dessen Leiterin.

 

Hannah Landsmann

 

Studium der Judaistik und Romanistik, Lehramtsstudium an der Pädagogischen Akademie (Wien); seit 1997 als Vermittlerin im Jüdischen Museum Wien tätig, seit 2000 Leitung der Abteilung Kommunikation & Vermittlung.

 

1 Vgl. dazu die gekürzte Fassung seines Vortrags in dieser GEDENKDIENST Ausgabe (S. 1–2).

2 Auf Grund einer Terminkollision bedauern wir, dass viele KollegInnen des Mauthausen Komitees (MKÖ) der Einladung nicht folgen konnten, da zeitgleich das jährliche Vernetzungstreffen des MKÖ stattfand.