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Ausgabe 2/11


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Gedächtnis-Verlust? Geschichtsvermittlung und -didaktik in der Mediengesellschaft"

Tagungsbericht

 

Die Erkenntnis, dass Geschichtsschreibung den verschiedensten kulturellen Einflüssen unterliegt, hat zu einer fundamentalen Selbstkritik der Geschichtswissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geführt und ebenso Anstoß gegeben für eine Flut an neuen Theorien und innovativen Methoden über das Erforschen von Geschichte selbst. Lange Zeit kaum beachtet blieb dabei eine Problematik, die mit dieser Erkenntnis untrennbar verbunden ist: Wenn schon die Erforschung von Geschichte kulturell geprägt ist, so trifft dies zumindest im selben Maße auch auf die Vermittlung von Geschichte zu. Seit Kurzem haben Fragen der Geschichtsvermittlung und –didaktik Konjunktur in den Geschichts-, Bildungsund Kommunikationswissenschaften. Hierbei bilden Fragen der Vermittlung der Geschichte des ‚Dritten Reichs‘ und der Shoah eine der wichtigsten Forschungsgrundlagen. Ende März veranstalteten der Verein GEDENKDIENST und der Arbeitskreis für historische Kommunikationsforschung (AHK) eine dreitägige internationale Tagung zu diesem Thema – der AHK ist Herausgeber des namhaften interdisziplinären Fachjournals medien&zeit, das Themen der Kommunikationsforschung aus historischer Perspektive betrachtet. Im Fokus stand die Frage nach den Medien im Feld der Geschichtsdidaktik. Finanziert wurde die Tagung von der Österreichischen HochschülerInnenschaft, Wien Kultur, dem Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und der Bezirksvertretung Margareten. Das Interesse von Medien und Öffentlichkeit war groß und die Ergebnisse beeindruckend.

 

Den Auftakt bildete ein Film- und Diskussionsabend am 24. März mit dem Titel: „Kill Adolf“ – jüdischer Widerstand im zeitgenössischen Spielfilm. Das Filmcasino im fünften Wiener Gemeindebezirk als Veranstaltungsort – sowohl Filmcasino als auch Bezirksvorstehung unterstützten den Abend – war nicht nur ob des Publikumsansturms eine kluge Wahl. Es schuf auch gleichzeitig ein perfektes Ambiente für die Diskussion an diesem Abend und das Publikum war in die Situation von Kinobesucher_innen versetzt. Barbara Tóth (Falter) moderierte, Drehli Robnik (Institut für Theater-, Filmund Medienwissenschaften, Universität Wien), Siegfried Mattl (Ludwig Boltzmann Institut für Geschichte und Gesellschaft, Wien), Wolfgang Murnberger (Regisseur und Drehbuchautor (insb. Regie: Mein bester Feind, Österreich/Luxemburg 2011)) und Christian Schwarzenegger (Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen) diskutierten. Analysiert und erörtert wurden Szenen von Gewalt, die gegen Nazis gerichtet ist und von jüdischer Seite ausgeht. In der Auswahl fanden sich filmische Repräsentationen sowohl von historischen Begebenheiten als auch von fiktiven Geschichten: Defiance (Edward Zwick, USA 2008), Zwartboek (Paul Verhoeven, NL/GB/D 2006), Inglourious Basterds (Quentin Tarantino, USA/D 2009) und Mein bester Feind (Wolfgang Murnberger, A/LUX 2011). Traditionen und Entwicklungen in der Darstellung von Gewaltakten von Jüdinnen und Juden gegen Nazis wurden dabei diskutiert, ebenso Sehgewohnheiten des Publikums, welche durch diverse Filme und Dokumentationen über den Holocaust geprägt sind. Ein wenig überraschend dabei war die Feststellung, dass Szenarien von Gewalt, die von Seiten der Opfer gegen Täter_innen gerichtet ist, gar nicht so selten seien in filmischen Repräsentationen. Analysiert wurden auch unterschiedliche Ansätze der Legitimation jüdischer Gewalt in den besprochenen Filmen und in weiterer Folge die Frage gestellt, ob es einer solchen Legitimation überhaupt bedarf. Um das Jahr 2000, so die einhellige Einschätzung des Podiums, habe die Erzählung vom ‚jüdischen Opfer‘ seinen Höhepunkt gehabt. Nunmehr würden sich die Erzählungen einer „jewish agency“, einer Handlungsmacht auf jüdischer Seite im Angesicht der Shoah, häufen. Die Bedeutung und Tragweite dieser Entwicklung als identitätspolitischer Mechanismus wurden an jenem Abend nicht angeschnitten. Jedoch wurde sehr deutlich gemacht, dass der Film das Geschichtsverständnis immens beeinflusst, ja sogar in der Lage ist, vermeintlich historische Wahrheit zu schaffen.

 

Der weitere Verlauf der Tagung war in zwei große Themenbereiche gegliedert: Am Freitag lag der Fokus auf der Geschichtsvermittlung als zentrale Aufgabe der Zeitgeschichte, am Samstag auf der Geschichtsvermittlung als zentrale Aufgabe der Kommunikationsgeschichte.

 

Oliver Rathkolb, Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte (Universität Wien), eröffnete den Themenschwerpunkt am Freitag. Unter Verweis auf die lange Tradition der Gedächtnistheorie, ging er auf die Herausforderungen ein, die das Europa von heute unter dem Einfluss ständig zunehmender Migration im Hinblick auf das Zusammentreffen verschiedenster Erinnerungskulturen zu bewältigen habe. Es bestünde die Gefahr von „Bindestrich-Erinnerungskulturen“, so Rathkolb. Als eine hilfreiche epistemologische Basis verwies er auf die Typologie von Erinnerungskulturen, die Viola Georgi in ihrem Buch Entliehene Erinnerung. Geschichtsbilder junger Migranten in Deutschland (2003) entworfen hat. Schließlich ging er auf die Frage ein, welchen Stellenwert die Geschichte der Shoah in dieser Vielfalt an Erinnerungskulturen hat, beziehungsweise haben sollte. Im Hinblick auf die Thematik der Tagung, machte er auf den Stellenwert von aufgezeichneten Lebensgeschichten von Holocaustüberlebenden aufmerksam, die in den verschiedensten Archiven ihrer Aufarbeitung, vor allem im Hinblick auf ihren Einsatz als Unterrichtsmaterialien, harren und betonte dabei die Wichtigkeit der wenigen Interviews, die es von Täter_innen gibt.

 

Heidemarie Uhl (Österreichische Akademie der Wissenschaften) saß dem ersten Panel dieses Tages vor, das sich dem historisch-politischen Vermitteln und Lernen widmete. Hanno Loewy (Jüdisches Museum Hohenems) zeigte auf, dass auch Geschichte anhand von Narrativstrukturen vermittelt würde. Ebenso würden Erzählungen über den Holocaust als Tragödie, Komödie, Romanze oder Satire generiert. Museale Ausstellungen könnten diese Narrativstrukturen nutzen. Jan Martin Ogiermann (Topographie des Terrors, Berlin) plädierte für eine Einbeziehung der Täter_innen in Ausstellungen über den Holocaust. Opferzentrierte Ausstellungen könnten zu einer Überidentifikation mit den Opfern und somit zu einer Schuldabwehr der Nachkommenden führen. Ines Garnitschnig (Projekt „Und was hat das mit mir zu tun?“ Transnationale Geschichtsbilder zur NS-Vergangenheit) hingegen widmete sich Problemstellungen des Schulunterrichts in der, wie sie es nannte, „postnazistischen Migrationsgesellschaft“ und stellte die Frage in den Raum, ob sich historisches Lernen „transnationalisiere“. Gottfried Kößler (Stellvertretender Direktor/Pädagogik des Fritz Bauer Instituts, Frankfurt am Main) kommentierte das erste Panel und warf viele Fragen im Hinblick auf das historische Lernen auf, etwa die Problematik der Kategorien ‚Täter_innen‘ und ‚Opfer‘. Diese würden zu einer transgenerationellen Weitergabe von Traumata führen. Weiters sei eine Abkehr vom normativen Lernen, das bestimmte Lernziele vorgibt, erforderlich.

 

Das zweite Panel, das unter dem Titel „Erinnern in der Umsetzung – Methoden der Geschichtsvermittlung“ stand, wurde von Johanna Gehmacher (Institut für Zeitgeschichte, Wien) geleitet. Verena Haug (Hannover/Universität Frankfurt am Main) reflektierte Problemstellungen der Gedenkstättenpädagogik für Schulklassen. Ihrer Meinung nach bedürfe es einer Enthierarchisierung des Lernprozesses an Gedenkstätten, einer Installierung einer nicht schulischen Ordnung. Till Hilmar, der das Projekt Erinnerungsorte erschließen des Vereins GEDENKDIENST geleitet hat, verwies darauf, dass Studienfahrten an Gedenkstätten als eine Auseinandersetzung mit Strategien der Erinnerung zu sehen seien, Gedenkstätten unter diesem Aspekt folglich als diskursive Orte zu verstehen seien. Angelika Meyer von der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück referierte über die Relevanz der Kategorie gender in der historisch-politischen Bildung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Zumal das Konzentrationslager Ravensbrück ausschließlich für weibliche Gefangene bestimmt war, würde die Gedenkstätte heute oft voreilig als Lernort für Mädchen einer Schulklasse gesehen, was große Probleme für eine kritische Vermittlungsarbeit aufwerfe. Bert Pampel (Stiftung Sächsische Gedenkstätten, Dresden) analysierte die Bedeutung von Gedenkstätten für ihre Besucher_innen und sprach sich für ein Zurückstellen von Wirkungsansprüchen aus und für ein Besprechen von Wirkungen. Kommentiert wurde das zweite Panel von Béla Rásky vom Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien.

 

Den Nachmittag beschloss eine Podiumsdiskussion zum Thema: „Ziele und Potenziale historisch-politischer Bildung“, die von Hannah Landsmann (Jüdisches Museum Wien) moderiert wurde. Gert Dressel (Historiker und Fortbildner, Institut für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung an der IFF Wien, Alpen- Adria-Universität), Gottfried Kößler, Magdalena Neumüller (Geschäftsführerin Verein GEDENKDIENST, Guide an der Gedenkstätte Mauthausen) und Verena Haug diskutierten grundlegende Fragen, etwa, was historisch-politische Bildung eigentlich sei und was sie für einen selbst bedeutet. Hannah Landsmann befragte die Diskutant_innen auch nach ihren jeweiligen Wünschen an Gedenkstättenleitungen. Analysiert wurde weiters der Einfluss von medial vermittelten Vorstellungen und Bildern über die Verbrechen der Nazis. Diese könnten das Lernen blockieren aber auch erleichtern. Ebenso wurde auf die Gefahr von Zuschreibungen in pädagogischen Prozessen hingewiesen: spricht man zum Beispiel von Personen mit Migrationshintergrund als ‚Problem‘, so würden diese in einen Opferstatus gedrängt. Vielmehr sollte die Migrationsgesellschaft an sich als eine Problemstellung der Pädagogik begriffen werden. Zuschreibungen von Seiten der Pädagog_innen sollten auf jeden Fall vermieden werden.

 

Den ersten Themenkomplex beschloss Moshe Zuckermann, Professor an der Universität Tel Aviv und akademischer Leiter der Sigmund-Freud-Privatstiftung in Wien, mit seinem Vortrag zum Thema „Erinnern und Gedenken als kollektive Strategie“. Gleich zu Beginn kam er dabei auf einen Aspekt zu sprechen, der im Titel seines Vortrages nicht aufscheint, aber mindestens ebenso wichtig ist, nämlich die funktionale Frage nach dem Gedächtnisverlust. Bei der Schaffung oder Kodifizierung eines hegemonialen Erinnerungsnarrativs müsse immer jemand „sein Gedächtnis verlieren“. Anhand einiger Beispiele des hegemonialen Erinnerungsdiskurses in Israel, etwa dem „Tag der Shoah und des Heldengedenkens“ oder der Debatte um Richard Wagner elaborierte er seine These. Auf der anderen Seite, so machte Zuckermann aufmerksam, entstünden bei der Generierung hegemonialer Erinnerungsnarrative auch immer Mythen. Diese können aber nur dann auch wieder dekonstruiert werden, wenn die Mehrheit dies wünsche. Widerstreben Dekonstruktionsversuche den „narzisstischen Belangen“ der Mehrheit, würden die Versuche scheitern an diesen „prästabilisierten Gedächtnisstrukturen“, insbesondere dann, wenn es sich bei diesen um Ideologie handle. Verstören könne heilsam sein und Gedenkstätten könnten diese Verstörung liefern, wenn es nicht ihr Ziel ist, Menschen zu produzieren, die moralisch gestärkt aus der Gedenkstätte herausgehen, weil sie die Gedenkstätte besucht haben. Adorno aufgreifend, monierte Zuckermann, dass man sich an Auschwitz nicht erinnern könne, weil man den industriellen Massenmord nicht nachvollziehen könne. Es müsse bei einem hermeneutischen Spannungsfeld bleiben. Eben diese Verstörung, dieses dialektisch Reflektierte zu liefern, sei Aufgabe der Gedenkstätten.

 

 

Nach einer Begrüßung durch Klaus Schönbach, dem Vorstand des Instituts für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (Universität Wien), eröffnete am nächsten Tag den zweiten großen Themenkomplex Susanne Kinnebrock, Professorin für Kommunikationstheorie an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, mit ihrer Keynote Lecture „Wahr oder nur gut zu erzählen? Geschichte als Medienphänomen“. Ihre These zur Frage nach Geschichtsvermittlung und Medien: „Narrative Gestaltungen steigern das Rezeptionsvermögen“. Computerspiele mit historischem Hintergrund, Filme und TV-Dokumentationen zu historischen Themen würden Vorstellungswelten von Geschichte prägen. Sogar Überlebende der Shoah würden ihre Erinnerung teils darauf abstimmen. Narrativitätsfaktoren, auf welche sie detailiert einging, seien bei der Geschichtsvermittlung, wenn diese erfolgreich sein will, zu beachten.

 

Dem ersten Panel dieser Einheit, das dem Thema „Mediale Vermittlung des NSRegimes und die letzten ZeitzeugInnen“ gewidmet war, saß Klaus Schönbach vor. Barbara von der Lühe (Technische Universität Berlin), die auch am Projekt Zeitzeugen des Offenen Kanals Berlin beteiligt gewesen ist, sprach von ihren Erfahrungen und Beobachtungen über den Umgang mit Zeitzeug_innen in diversen Medien, insbesondere in Dokumentationen. Vielfach erkenne man den Druck, dem Publikum etwas bieten zu wollen. Von der Lühe sprach in diesem Kontext von „Histo- tainment“. Kurt Langbein (Langbein & Partner, Wien), der beteiligt war am Projekt DVD Zeit:ZeugInnen – Opfer des NS-Regimes im Gespräch mit SchülerInnen – über den Versuch, den Dialog über das Erinnern zu konservieren, plädierte für eine Gliederung von Oral History-Interviews nach Themen. Erich Vogl (KURIER) und Wolfgang Duchkowitsch (Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft (Universität Wien)) berichteten vom Ergebnis ihrer Untersuchung von acht Zeitungen, die sie dahingehend befragten, was österreichische Staatsbürger_innen vor dem ‚Anschluss‘ Österreichs an das ‚Dritte Reich‘ hätten wissen können. Horst Pöttker (Professor für Journalistik, Technische Universität Dortmund) analysierte in seinem Beitrag den Stellenwert von Geschichte für den Journalismus in der Mediengesellschaft. Journalismus müsse zwar aktuell sein, aktuell sei aber nicht, was heute geschieht, sondern was heute wichtig ist und das könne auch die Vergangenheit sein. Journalismus habe nicht nur Nachrichtenfunktion sondern auch Orientierungsfunktion und insofern eine pädagogische Aufgabe. Denn um Kulturphänomene besser verstehen zu können, müsse man sie in ihrer „Gewordenheit“ verstehen. Fritz Hausjell (AHK) kommentierte das Panel.

 

Das letzte Panel der Tagung widmete sich populären Formen der Vermittlung von Erinnerungskultur in Praxis und Theorie und wurde geleitet von Klaus Kienesberger (AHK). Fritz Hausjell berichtete von diversen Problemen, die er als wissenschaftlicher Leiter der Reihe Nach- Richten. Österreich in der Presse: Sammeledition vom Anschluss zur Befreiung 1938-45 zu bewältigen hatte, die 2008 in Österreich erschienen ist. Auch beim Projekt Zeitungszeugen. Sammeledition: Die Presse in der Zeit des Nationalsozialismus, welches unter denselben Bedingungen 2009/2010 in Deutschland erschienen ist, arbeitete Hausjell regelmäßig mit. Beide Projekte hatten zum Ziel, durch NSPropagandamaterial über die Wirkung von NS-Propaganda aufzuklären. Unter Erläuterung des Kontexts wurden NS-Zeitungen aber auch Zeitungen von gegnerischer Seite wieder abgedruckt und veröffentlicht. Dörte Hein (Freie Universität Berlin) analysierte in ihrem Vortrag die Produktion, die Inhalte und die Rezeption von Online-Angeboten zu Nationalsozialismus und Holocaust. Frank Bösch (Universität Gießen) sprach über das Verhältnis von Geschichtswissenschaft und Geschichtsjournalismus seit 1945. Gaby Falböck (Universität Wien) kommentierte das Panel.

 

Den letzten Programmpunkt der Tagung bildete eine Podiumsdiskussion über die Zukunft der medialen Geschichtsvermittlung, deren Chancen und Risiken. Die Diskussion leitete Frank Bösch. Das Podium bildeten Susanne Kinnebrock, Christoph Mayer Chm. (Projekt Audioweg Gusen), Christian Schwarzenegger und Robert Gokl (Zeitgeschichte-Redaktion beim ORF). Zentrale Frage der Diskussion war, was nach den Zeitzeug_innen komme – mehr Historiker_innen, mehr Fiktion? Mehr reenactment, also die Nachstellung von historischen Begebenheiten durch Schauspieler_innen, die dann auch abseits des Geschehens interviewt werden, gerade so, als wären sie Zeitzeug_innen der Geschichte? Werden Aufnahmen von Zeitzeug_innen-Interviews dann nur noch für wissenschaftliche Forschung und TV-Dokumentationen verwendet?

 

Wo bleibt die Vetomacht der Zeitzeug_innen, wenn ihre Stimmen beliebig zusammengeschnitten werden können? Werden neue Genres entstehen? Eine heftige Debatte, an der sich auch das Publikum beteiligte, entspann sich schließlich an der Auffassung, dass es zu wenig Täter_innen-Interviews gäbe. Einige waren der Meinung, dass vor allem die Vermittlung der Täter_innenseite zum Verständnis und somit zur Entschuldung von Täter_innen führen würde. Empathie, so konstatierten alle einhellig, sei ja Voraussetzung, um gute Interviews zu machen, was dazu führen könnte, das Handeln von Täter_innen zu verstehen. Die Seite der Täter_innen zu hören, sei andererseits aber wichtig, um der Gefahr zu entgehen, sich nur mit den Opfern zu identifizieren und dabei nicht zu analysieren, wie es denn auf der Seite der Täter_innen soweit hatte kommen können. Täter_innen-Interviews müssten aber von geschulten Personen geführt werden und bedürften einer gründlichen Kontextualisierung, so das Ergebnis dieser Diskussion.

 

Die Tagung Gedächtnis-Verlust? Bot ein abwechslungsreiches und umfassendes Programm sowohl aus Sicht der Theorie als auch aus der Perspektive der Praxis der Geschichtsvermittlung. Namhafte Fachleute aus der Medienwelt (Film, Hörfunk, Fernsehen, Printmedien), aus der Geschichtsforschung, der Kommunikations- und Medienforschung sowie aus der Praxis der Geschichtsdidaktik (Gedenkstättenpädagogik, Museumspädagogik) referierten über ihre Forschung, über ihre Erfahrung und diskutierten die aktuellsten Fragen der Geschichtsvermittlung und -didaktik in der Mediengesellschaft. Unter reger Anteilnahme des Publikums wurden äußerst lebhafte Diskussionen geführt und neue Fragestellungen formuliert. Das große Interesse des Publikums zeugte zudem von der Aktualität der Thematik und der Qualität des gebotenen Programms. Die Fachwelt sprach sich überaus positiv über Konzeption und Fragestellung aus. Den Organisator_innen kann diese Tagung als voller Erfolg angerechnet werden.

 

Johann Kirchknopf

 

Historiker; Vorstandsmitglied des Vereins GEDENKDIENST, 2006/2007 Gedenkdienst am London Jewish Cultural Centre.

 

 

Gedächtnis-Verlust?

Geschichts- vermittlung und -didaktik in der Mediengesellschaft

24. bis 26. März 2011, Universität Wien

Konzept, Idee und Organisation:

Linda Erker, Ulrike Fleschhut, Fritz Hausjell, Till Hilmar, Klaus Kienesberger, Lukas Meißel, Gisela Säckl, Bernd Semrad, Roland Steiner, Florian Wenninger und viele ehrenamtliche Mitarbeiter_innen der beiden Vereine.