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Ausgabe 3/11


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Wissenschaft, Philosophie und Intoleranz

Ein Gespräch mit Prof. Gernot Heiss über die Moritz-Schlick-Inschrift an der Universität Wien

 

Am 22. Juni 1936 erschoss Hans Nelböck seinen einstigen Doktorvater, den Philosophen Moritz Schlick, auf der Philosophenstiege im Hauptgebäude der Universität Wien. Dort erinnert heute eine Inschrift an die Ermordung und an „[e]in durch Rassismus und Intoleranz vergiftetes geistiges Klima“1, das zur Tat beitrug.

 

Ein Indiz für das in der Inschrift angesprochene Klima ist ein Artikel, der unter dem Pseudonym Prof. Dr. Austriacus in der katholischen Zeitschrift Schönere Zukunft erschien und dessen Autor wahrscheinlich der Philosophieprofessors Johann Sauter war. Darin heißt es: „Und was diesem Schuß […] einen wahrhaft unheimlichen Charakter verleiht, ist der Umstand, daß […] Dr. Nelböck nicht etwa ein geborener Psychopath war, sondern daß er es manchen Anzeichen nach erst unter dem Einfluß der radikal niederreißenden Philosophie, wie sie Dr. Schlick seit 1922 an der Universität Wien vortrug, geworden ist; daß also diese Kugel nicht mit der Logik eines Irrsinnigen nach einem Opfer gesucht hat, sondern […] als ,ein‘ katastrophenartiger Ausdruck von jener weltanschaulichen Not und Verzweiflung, in welche eine gewisse Universitätsphilosophie die akademische Jugend stürzt. […] [A]uf die philosophischen Lehrstühle […] im christlichdeutschen Österreich gehören christliche Philosophen!“2 Der ‚gottlose‘ Feind war die positivistische, ‚wissenschaftliche‘ Philosophie des Wiener Kreises, der logische Empirismus, der den „christlichdeutschen“ Gegnern auch als ‚verjudet‘ galt. Moritz Schlick war die zentrale Figur des Wiener Kreises und hatte als Nachfolger Ernst Machs, Ludwig Boltzmanns und Adolf Stöhrs ab 1922 die Professur für Philosophie, insbesondere Geschichte und Theorie der induktiven Wissenschaften inne. Die traditionelle Philosophie und die Theologie fühlten sich vom naturwissenschaftlich orientierten logischen Empirismus und der mit ihm verbundenen Metaphysikkritik bedroht. Dass einige prominente Mitglieder des Wiener Kreises der Sozialdemokratie nahestanden, trug ebenso zu Anfeindungen bei.3

 

GEDENKDIENST sprach mit Prof. Gernot Heiss, auf dessen Initiative hin 1993 die Inschrift auf der Philosophenstiege angebracht wurde.

 

Herr Prof. Heiss, wie sind Sie auf das Thema der Ermordung Moritz Schlicks gestoßen und was interessierte Sie daran?

 

Im Wintersemester 1987/88 haben wir – das waren Edith Saurer, Siegfried Mattl, Karl Stuhlpfarrer und ich – als Beitrag zum Gedenkjahr 1938/1988 ein Seminar und im darauffolgenden Sommersemester eine Ringvorlesung zur Universität Wien im Nationalsozialismus gehalten.4 Im selben Jahr habe ich auch über die Veränderungen und die Pläne gearbeitet, welche die nationalsozialistische Hochschulverwaltung 1938 bis 1940 an der Universität Wien im Fachbereich Philosophie (mit Psychologie und Pädagogik) hatte.5 In diesem Zusammenhang bin ich dann auf Quellen zur Ermordung Schlicks gestoßen. Mich interessierten dabei insbesondere die Verhandlungen und Entscheidungen zur Nachfolge Schlicks.

 

Schlicks Professur wurde dann ja aufgelöst. Wie genau kam es dazu und in welchem Kontext stehen die nachfolgenden Ereignisse?

 

In der Schlick-Nachfolge zeigen sich einige ideologische Tendenzen dieser Zeit. So wurde die Mach Professur in eine zweite Professur zur Geschichte der Philosophie umgewandelt; so kam es zur Eliminierung des angefeindeten und zur Ausweitung des allgemein akzeptierten Fachbereichs. Die Kommission argumentierte, dass es niemanden neben Schlick gäbe, der sowohl die Physik als auch die Philosophie so umfassend betreuen könnte, weshalb man die Professur umwidmen müsse. Für diese neue Professur reihte die Kommission an erster Stelle den katholischen Nationalsozialisten Hans Eibl. Dieser bildete gemeinsam mit dem Literaturhistoriker Josef Nadler und dem Historiker Heinrich von Srbik das publizistisch äußerst rege deutsch-nationale Professorentrio, welches etwa für die von Arthur Seyß- Inquart herausgegebene Warte schrieb. Die Wahl des Ministeriums fiel schließlich auf den zweitgereihten Philosophiehistoriker Alois Dempf, der dem katholischen ‚Ständestaat‘ nahestand.

 

Interessant ist auch die schriftliche Stellungnahme der Universität zu den hasserfüllten Artikeln und persönlichen Angriffen auf Schlick nach dessen Ermordung, wie zur Polemik des Prof. Dr. Austriacus. Obwohl Rektorat und Senat darin bedauerten, dass der tragische Tod Schlicks zum Anlass für Angriffe genommen wurde, wollten sie dazu aus „Achtung der freien wissenschaftlichen Meinungsäußerung“ nicht Stellung nehmen. Was sie jedoch entlarvt, ist, dass sie sich dennoch zur Richtigstellung einiger „Unwahrheiten“ veranlasst fühlten. Sie hielten nämlich fest, dass es nicht richtig sei, dass die beiden anderen philosophischen Lehrkanzeln – wie im Artikel in der Schöneren Zukunft behauptet – jüdische Assistenten hätten, nur die Bibliothekarin der zweiten philosophischen Lehrkanzel sei Jüdin.

 

Was wollten Sie mit der Anbringung der Schlick-Inschrift bezwecken, was waren Ihre Beweggründe?

 

Wie ich auch in meinem Antragsbrief 1990 schrieb, ging es darum, an die Atmosphäre des Hasses, der Intoleranz und des Rassismus in der ersten Republik und im Austrofaschismus allgemein und im Besonderen an der Universität zu erinnern.6 Es ging mir bei der Anbringung also nicht vorrangig um die Person Moritz Schlick. Dafür bedürfte es meines Erachtens eines anderen Gedächtnisortes als die Stelle seiner Ermordung. Am Wohnhaus von Moritz Schlick gibt es meines Wissens auch eine Gedenkinschrift.

 

Hat die Inschrift Ihre Erwartungen erfüllt?

 

Ich kann sagen, meine Erwartungen wurden erfüllt. Mir war wichtig, dass es eine Inschrift an dieser Stelle gibt; als Anstoß zu Erinnerung und Betroffenheit. Eine fulminante Wirkung war nicht zu erwarten und hat mir nie vorgeschwebt. Angeregt durch die Inschrift kann sich die Leserin oder der Leser in der Bibliothek oder relativ problemlos im Internet über die Geschehnisse und ihre Hintergründe informieren.

 

Könnten Sie kurz umreißen, wie die Anbringung verlief? Wie gestaltete sich die textliche und künstlerische Ausführung? Wie wurde die Inschrift finanziert?

 

Diese Inschrift sollte nach meinem ursprünglichen Vorschlag nur den Namen und das Todesdatum enthalten – sie sollte nicht zu ‚belehrend‘ wirken. Der Senat befürwortete die Idee, forderte mich jedoch auf, einen erklärenden Text zu entwerfen. Den Text habe ich zusammen mit meiner Kollegin, der Historikerin Margarete Maria Grandner, entworfen. Wie mein Antrag, so wurde auch dieser Textvorschlag vom Senat angenommen – und ist auch heute so auf der Philosophenstiege zu sehen. Zusammen mit der Kunstkommission des Senats wählte ich dann auch die Lettern für die Inschrift. Etwas naiv habe ich erst dann erfahren, dass der Antragsteller das Geld für die Anbringung selbst aufbringen muss – nicht die Universität. Die Kosten konnten schließlich auf Vermittlung des damaligen Rektors Alfred Ebenbauer gedeckt werden. So konnte die Steinmetzin, auf die ich von ihren Kollegen als einzig kompetente für diese Arbeit verwiesen worden war, im Sommer 1993 die Inschrift anbringen. Dass sich die Durchführung bis 1993 verzögerte, hatte zum einen technische und zum anderen persönliche Gründe. Es gab in keiner Phase eine Behinderung durch die Universität.

 

Hat die Waldheim-Debatte eine Rolle bei der Anbringung gespielt? Immerhin gibt es ja eine zeitliche Nähe zum Antrag.

 

Dass wir im Studienjahr 1987/88 die vorhin erwähnten Lehrveranstaltungen hielten, hängt mit der allgemeinen Zeittendenz zusammen, in der auch die Waldheim-Debatte steht. In den gesamten 1980er Jahren kam es verstärkt zur Reflexion über die NS-Zeit, die zu einem zentralen Thema nicht nur in der Geschichtswissenschaft, sondern etwa auch im österreichischen Film wurde. Die Waldheim-Affäre hat freilich vieles bestätigt und noch mehr Schwung in die Diskussion gebracht.

 

Gab es jemals Diskussionen oder Kontroversen rund um die Anbringung und den Inhalt der Inschrift?

 

Erst nachdem die Inschrift installiert war, kam mir zu Ohren, dass Kollegen des Instituts für Alte Geschichte diese Inschrift als „Geschichtsfälschung“ ansehen. Nelböck sei ein paranoider Psychopath gewesen, der Mord sei also nicht politisch motiviert gewesen. Ich bestreite ja auch nicht, dass der Mord von einem Geisteskranken begangen wurde, doch bin ich der Ansicht, dass andere Faktoren, in diesem Fall das hasserfüllte politische Klima, sehr wohl zu einer solchen Tat beitragen und sie erst ermöglichen können, indem sie dem Täter als zusätzliche ,Legitimation‘ für sein Handeln dienen. Vor ein paar Jahren, als ich über die Philosophenstiege ging, standen dort eine zirka 50-jährige Frau und zwei junge Studentinnen, eine von den beiden erklärte der Frau, wohl ihrer Mutter, dass ihr Rechtsgeschichteprofessor diese Inschrift in seiner Vorlesung als Beispiel für Geschichtsfälschung erwähne. Ich kann freilich diese Ansicht von Kolleginnen und Kollegen im Sinne einer rein faktenbezogenen Geschichtsauffassung durchaus verstehen; auch das Gericht hat die Tat der Krankheit und nicht der politischen Einstellung des Täters zugeschrieben, obwohl Nelböck und sein Strafverteidiger das anders haben wollten. Ich bin freilich anderer Meinung.

 

Herr Prof. Heiss, vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Gespräch führte Philipp Selim

 

1 Der Text der Inschrift lautet: „Moritz Schlick, Protagonist des Wiener Kreises, wurde am 22. Juni 1936 an dieser Stelle ermordet. Ein durch Rassismus und Intoleranz vergiftetes geistiges Klima hat zur Tat beigetragen.“

2 Schönere Zukunft, Nr. 41, zitiert aus: Friedrich Stadler, Studien zum Wiener Kreis: Ursprung, Entwicklung und Wirkung des logischen Empirismus im Kontext, Frankfurt a. M. 1997, 929.

3 Für einen konzisen Überblick über die Philosophie des Wiener Kreises siehe: Thomas Uebel, Vienna Circle, The Stanford Encyclopedia of Philosophy: http://plato.stanford.edu/entries/vienna-circle/ (4.10.2010).

4 Vgl. Gernot Heiß/Siegfried Mattl/Sebastian Meissl/ Edith Saurer/Karl Stuhlpfarrer, Willfährige Wissenschaft. Die Universität Wien 1938–1945, Wien 1989.

5 Gernot Heiß, „… wirkliche Möglichkeiten für eine nationalsozialistische Philosophie“? Die Reorganisation der Philosophie (Psychologie und Pädagogik) in Wien 1938 bis 1940, in: Kurt R. Fischer/ Franz M. Wimmer, Hg., Der geistige Anschluß. Philosophie und Politik an der Universität Wien 1930-1950, Wien 1993, 130-169.

6 „Zur Erinnerung an Intoleranz und Rassismus, die in den zwanziger und dreißiger Jahren an unserer Universität die wissenschaftliche Diskussion, die zwischenmenschlichen und die politischen Beziehungen vergiftet haben, möge der Senat der Universität Wien beschließen, auf den Treppen der Philosophenstiege im Universitätshauptgebäude eine Inschrift anzubringen, die an den Vorfall vom 22. Juni 1936 erinnert. Da es an dieser Stelle nicht um eine Würdigung der bedeutenden Leistungen des Philosophen Moritz Schlick geht, sondern um eine Mahnung [Erinnerung] an die Atmosphäre des Hasses, sollte nach meiner Meinung die Inschrift nur den Namen des Ermordeten und das Todesdatum enthalten. […] Der Mörder Hans Nelböck handelte zwar aufgrund paranoider Vorstellungen, in denen er jedoch eindeutig durch die verbreiteten, aggressiven Feindbilder gegen Schlick und seine Schule bestärkt worden war.“ Heiss an den Senat der Universität Wien, 25. 5. 1990, UA Universitätsdirektion GZ 154 Denkmäler Stj. 1985/86 „Betrifft: Prof. Dr. Moritz Schlick. Errichtung eines Denkmals“.