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Ausgabe 3/11


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Die Leopold-Schönbauer-Gedenktafel im Alten Allgemeinen Krankenhaus

Eine steinerne Erinnerung an eine facettenreiche österreichische Biografie

 

An Leopold Schönbauer (1888–1963) lässt sich sehr unterschiedlich erinnern. Er war sowohl in der NS-Zeit als auch in der Zweiten Republik eine Persönlichkeit mit einer, sagen wir, komplexen Geschichte. Eine Auseinandersetzung mit seiner Biografie scheint jedoch nur in einer Form stattgefunden zu haben: Schönbauer als „Retter des AKH“ 1945. Daran erinnert eine „Dr. Leopold Schönbauer-Straße“ in Waidhofen an der Thaya, sein Ehrengrab am Wiener Zentralfriedhof und seit 1981 eine Ehrentafel im Hof 1 des Alten AKH in Wien. Ruhmreiche Worte sind dort unangefochten in Stein gemeißelt – ein bekanntes Phänomen in Österreich. Zu seinem 100. Geburtstag erschien 1988 sogar eine Sonderbriefmarke.1

 

Routinierter Opportunist?2

 

In der Medizin- und Universitätsgeschichte ist Schönbauer als Leiter der I. chirurgischen Universitätsklinik von 1939 bis 1945 bekannt und wird hier von der Historikerin Ingrid Arias als „Routinierter Opportunist“3 charakterisiert. Schönbauer gilt als Verantwortlicher für Zwangssterilisationen von Patienten seiner Klinik und von Gefangenen in der Justizverwaltung in Wien.4 Er genoss den Ruf eines anerkannten Krebsforschers und Begründers der Neurochirurgie in Österreich, war ein angesehener Professor und seit 1943 Träger des ‚Silbernen Treuedienstabzeichens‘ der NSDAP.5 Schönbauer war Mitglied des universitären Arbeitsausschusses für die Organisation von Gastvorträgen ausländischer Gelehrter im Sinne der NS-Wissenschaftsdoktrin. Den Akten nach reiste er viel, hielt Vorträge, unter anderem in Sarajevo, Belgrad und Budapest. 6 Und so finden wir seinen Namen auch auf der Teilnehmerliste einer Tagung in der Militärärztlichen Akademie in Berlin im Mai 1943.7 Hier war die Elite der NSÄrzteschaft geladen.8 Karl Gebhard, der Leibarzt Heinrich Himmlers, der später im Nürnberger Ärzteprozess zum Tode verurteilt wurde, präsentierte die Ergebnisse von Experimenten, die er an Häftlingen aus dem Lager Ravensbrück vorgenommen hatte, um die Wirkung von Sulfonamid zu testen.9

 

Zivilcourage statt Opportunismus?10

 

Schönbauer war ‚Enkelschüler‘ Billroths und galt nach 1945 gemeinhin als „Retter des AKH“, da er in den letzten Kriegstagen das Spital sowohl gegen die SS als auch gegen die Sowjet-Truppen ‚verteidigte‘. Mit „Zivilcourage statt Opportunismus11 wie bis heute für ihn beansprucht wird, verhandelte Schönbauer erfolgreich mit beiden Kriegsparteien um das Krankenhaus aus den Gefechten herauszuhalten. Am Ende des Kriegs wurde Schönbauer von der AKH-Belegschaft zum Direktor des Krankenhauses gewählt. Dieser Rettungsmythos wurde zur „Grundlage einer gloriosen Nachkriegskarriere“.12 Schönbauer leitete das AKH bis 1961, war Universitätsrektor und Nationalratsabgeordneter der ÖVP, wurde in den 1950er Jahren kurze Zeit als Bundespräsidentschaftskandidat gehandelt und erhielt den Ehrenring der Stadt Wien.

 

Seine Bemühungen um eine Löschung seines Minderbelasteten-Vermerks fanden ab Mai 1945 nicht nur die prominente Unterstützung Adolf Schärfs, späterer Bundespräsident der Republik Österreich für die SPÖ, der als Patient Zeuge der „Rettung“ gewesen war, sondern auch tausende erfolgreiche Nachahmerinnen und Nachahmer.13 Inoffiziell hieß der § 27 im Verbotsgesetz „Schönbauer- Paragraf“.14 Schärf hatte ihn noch als Staatssekretär für solche Fälle ins Gesetz aufnehmen lassen.15 So eine Ausnahme sollte es möglich machen, vereinzelt Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten aus den NS-Registrierungsakten zu streichen und von „Sühnemaßnahmen“ zu befreien. Diese Intervention hatte Folgen, denn aus der Ausnahme wurde die Regel: „§ 27 Methode“.16 Schönbauer sollte nicht der einzige bleiben, der von sich behauptete, niemals seine NSDAP-Mitgliedschaft missbraucht und bereits vor Kriegsende eine positive Einstellung zur unabhängigen Republik Österreich gehabt zu haben. Zu Schönbauers Biografie gäbe es also viel zu sagen. Komisch nur, dass mit der Gedenktafel sowie der Schönbauer-Büste in der Neurochirurgie im neuen AKH alles gesagt und erinnert zu sein scheint.

 

Mag.a Linda Erker

 

Assistentin in Ausbildung am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien; stv. Obfrau des Vereins GEDENKDIENST.

1 Vgl. www.aeiou.at/aeiou.stamp.1988.881111a (07.09.2011).

2 Ingrid Arias, Die Medizinische Fakultät von 1945 bis 1955: Provinzialisierung oder Anschluss an die westliche Welt? in: Margarete Grandner, Gernot Heiss, Oliver Rathkolb (Hg.), Zukunft mit Altlasten. Die Universität Wien 1945 bis 1955, Innsbruck/Wien/München/ Bozen 2005, 68-88, 76.

3 Vgl. Fn.: 2.

4 Vgl. Claudia Andrea Spring, Zwischen Krieg und Euthanasie. Zwangssterilisationen in Wien 1940-1945, Wien/Köln/Weimar 2009, 241f.; Vgl. Herwig Czech, Erfassen, Begutachten, Ausmerzen: Das Wiener Hauptgesundheitsamt und die Umsetzung der „Erb- und Rassenpflege“ 1938 bis 1945, in: Heinz Eberhard Gabriel, Wolfgang Neugebauer (Hg.), Vorreiter der Vernichtung? Eugenik, Rassenhygiene und Euthanasie in der österreichischen Diskussion vor 1938, Wien/Köln/ Weimar 2005, 19-52, 38, Fn: 77.

5 Schönbauer war seit Juli 1940 Mitglied der NSDAP vgl. dazu: Berlin Document Center: NSDAP Collection A 3340 MFOK - U029.

6 Vgl. Archiv der Universität Wien, Med. P. A., Leopold Schönbauer.

7 Vgl. Hans-Henning Scharsach, Die Ärzte der Nazis, Wien 2000, 186.

8 Karl Philipp Behrendt, Die Kriegschirurgie von 1939-1945 aus der Sicht der Beratenden Chirurgen des deutschen Heeres im Zweiten Weltkrieg, Diss., Freiburg 2003, 79.

9 Vgl. Fn.: 7.

10 Wolfgang Regal, Michael Nanut, Der „Retter des Allgemeinen Krankenhauses“, in: Ärzte Woche 22/2009. Online unter: http://www.springermedizin.at/artikel/2925-der retter-des-allgemeinen-krankenhauses (07.09.2011).

11 Vgl. Fn.: 10.

12 Rosemarie Burgstaller, Herbert Posch, Zeitgenössische Kunst und Geschichte im Alten Allgemeinen Krankenhaus. Eine Dialogführung durch den Campus der Universität Wien, in: Linda Erker, Alexander Salzmann, Lucile Dreidemy, Klaudija Sabo, (Hg.), Update! Perspektiven der Zeitgeschichte. Zeitgeschichtetage 2010, Innsbruck (Veröffentlichung im Dezember 2011).

13 Winfried R. Garscha, Entnazifizierung und gerichtliche Ahndung von NS-Verbrechern, in: Emmerich Tálos, Ernst Hanisch, Wolfgang Neugebauer, Reinhard Sieder (Hg.), NS-Herrschaft in Österreich. Ein Handbuch, Wien 2000, 852-883, 858f. Ich danke Herbert Posch für diesen Hinweis.

14 Näheres zu §27 vgl. http://www.nachkriegsjustiz.at/service/gesetze/gs_vg_27.php (07.09.2011).

15 Adolf Schärf am 05.07.1945, in: Wiener Stadt- und Landesarchiv 1.3.2.11.A42 – NS-Registrierung │ 1945-1957 Schönbauer, Leopold (K7 104).

16 Vgl. Wolfgang Neugebauer, Peter Schwarz, Der Wille zum aufrechten Gang. Offenlegung der Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten, Wien 2005, 77.