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Ausgabe 3/11


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Ein ‚Euthanasie‘-Denkmal am Campus einer Forschungseinrichtung in der

Das Memorial Gugging auf dem Gelände des IST Austria

 

Stattet man dem Institute of Science and Technology (IST) in Gugging einen Besuch ab und betritt man den Park, der zwischen den Institutsgebäuden liegt, entdeckt man etwas, das irritierend bizarr anmutet: da steht ein einseitig aufgebockter Frachtcontainer, an dessen in die Höhe ragender Vorderseite eine rechteckige Öffnung sichtbar ist. Kommt man näher, fällt zunächst die Farbe des zweckentfremdeten Gegenstands auf – ein sattes Hellblau, gezeichnet vom Zahn der Zeit: der Container hat begonnen zu rosten. Die am Boden stehende hintere Seite ist offen; tritt man näher und quasi unter den stark geneigten Container, ist es, als gelänge man von draußen in einen Raum, da sich unerwartet Licht- und Akustikverhältnisse verändern. Im Innern des Containers ist eine Installation zu sehen. Dabei handelt es sich um eine erstarrte Momentaufnahme, denn ein Stuhl und ein Tisch sind zu sehen – beide im Begriff auseinanderzubrechen. Der Tisch ist versehen mit abgebrochenen Metallstangen, an denen murmelartige Kugeln abrollen. Auf einer noch erhaltenen Kugelkette sind fünf Buchstaben zu lesen, „LEBEN“ steht dort. Am Boden haben sich zahlreiche Kugeln verteilt, auch hier, jedoch voneinander getrennt, finden sich auf fünf Kugeln die einzelnen Buchstaben des Wortes „Leben“ wieder. Richtet man den Blick nach oben, späht man durch eine schmale, nach innen geöffnete Tür gen Himmel.

 

Memorial für die Opfer der NS-Medizinverbrechen

 

Dieser Raum ist aus den Fugen geraten: selbst den Gesetzen der Physik folgt er nicht, da – ungeachtet der Neigung des Containers – die Kugeln nach oben und nach unten ‚gerollt‘ sind. Diese Schieflage trägt dem Anlass dieser Installation der Künstlerin Dorothee Golz Rechnung: das Memorial Gugging wurde als Denkmal für die am dortigen Gelände verübten ‚Euthanasie‘-Verbrechen errichtet. In den Gebäuden also, wo heute das IST Austria untergebracht ist, wurden in der NS-Zeit grausame Medizinverbrechen begangen. Der Wiener Historiker Herwig Czech hat sich eingehend mit diesem Aspekt des NS-Regimes und im Besonderen mit der Geschichte der ehemaligen Heilund Pflegeanstalt Gugging in den Jahren 1938 bis 1945 beschäftigt. Seinem Quellenstudium nach, sind während der ‚Aktion T4‘ 675 Personen von Gugging nach Schloss Hartheim deportiert und dort vergast worden, viele davon Kinder und Jugendliche.1 In Gugging selbst hat sich ebenso Grausames zugetragen. Czech hält fest: „In der Zeit zwischen dem Abbruch der ‚T4‘ 1941 [ab Ende August, Anm. d. V.2] und Kriegsende ereigneten sich in der Anstalt Gugging einige der grausamsten Medizinverbrechen auf dem Gebiet des heutigen Österreich. Der Haupttäter Dr. Emil Gelny ermordete mit Gift und einem umgebauten Elektroschockapparat an die vierhundert Menschen. Viele weitere Patienten kamen durch Hunger und Infektionskrankheiten ums Leben oder wurden in Anstalten deportiert, wo sie kaum Überlebenschancen hatten. Eine davon war die Wiener Anstalt ‚Am Spiegelgrund‘, wo eine bislang unbekannte Zahl von Kindern aus Gugging ermordet wurde (eine mögliche Zahl wären ca. 110 Opfer).“3

 

Sehr rasche Umsetzung

 

Nachdem der Standortwettbewerb um das IST im Frühjahr 2006 zu Ende gegangen war und die Wahl auf Gugging fiel, verwies Herwig Czech auf die Geschichte des Areals4, woraufhin im folgenden Jahr das IST die Studie über die Gugginger Medizinverbrechen bei Czech in Auftrag gab. Oliver Lehmann, Pressesprecher des IST, beschreibt die Ausgangslage wie folgt: „Es war eine sehr früh gefasste Überzeugung bei der Entwicklung von IST Austria, uns als Institut auf die Taten zu beziehen, die an diesem Ort in einer Institution, die zuvor hier tätig war, verübt worden waren. Diese Überlegung war uns von Anfang an klar, deswegen haben wir bereits im Jahr 2007 begonnen uns darüber Gedanken zu machen, zu einem Zeitpunkt also, als es am Gelände noch gar keine Forschung gab und gerade erste Baumaßnahmen getroffen worden waren.“ Im Frühjahr 2008 fand der Denkmalwettbewerb statt, dessen Grundlage die Ergebnisse der Studie von Herwig Czech darstellte; rund ein Jahr später war die Installation fertiggestellt und am 8. Juni 2010 wurde das Memorial Gugging eröffnet.

 

Die Künstlerin Dorothee Golz wollte mit ihrem Entwurf „[…] einerseits die Grausamkeiten der Medizinverbrechen zum Ausdruck bringen, andererseits aber auch den Opfern ihre Würde zurückgeben.“ 5 Der Container soll Symbol für ein genormtes Objekt sein, die hydraulischen Arme, die ihn stützen, sollen an den technisierten Ablauf der ‚Euthanasie‘ erinnern. Der Tisch im Innern steht sinnbildlich für alle Tische, an denen Todesurteile im Auftrag der ‚Euthanasie‘ gefällt wurden; die von den abgebrochenen Bändern rollenden und sich im Raum verteilenden Kugeln stehen „[…] für die zerschnittenen Lebensbänder und für die zerronnene Existenz.“6 Am Memorial informieren zwei verschiedene Texttafeln, jeweils auf Englisch und auf Deutsch, über die Hintergründe dieses Denkmals: eine Tafel ist in einiger Entfernung zum Denkmal angebracht; diese gibt Auskunft über die Installation und ihre symbolische Annäherung an die vor Ort verübten Verbrechen. Die zweite Tafel, die an der Unterseite des Containers angebracht ist – und zwar so, dass man sich um sie zu lesen „[…] unter die bedrohlich wirkende Schräge stellen […]“7 muss – informiert über die Verbrechen selbst.

 

Ein gelungenes Projekt

 

Ob der raschen Umsetzung dieses Projekts und ob des eindrücklichen Ergebnisses, kann man dem IST Austria gratulieren. Oliver Lehmann räumt ein, dass es für seine Institution wahrscheinlich einfacher war als für andere Institutionen mit inhaltlicher Kontinuität, sich mit der Vorgeschichte des Gugginger Areals auseinanderzusetzen; damit in Zusammenhang sind auch der rasche Entstehungsprozess und die gelungene Umsetzung zu sehen. Nicht zuletzt trägt dem Umstand eines offenen Umgangs mit der Gugginger Vorgeschichte auch die Tatsache Rechnung, dass das Memorial Gugging mitten in der Parkanlage des Instituts steht und somit von allen Gebäuden her zu sehen ist.

 

Wünschenswert wäre, dass das Denkmal durch historische Informationen – etwa in Form einer Ausstellung – ergänzt wird, damit dieser Ort nicht nur ein Ort des Gedenkens ist, sondern auch einer wäre, der mit Erkenntnisgewinn verlassen werden könnte. Ein erster Schritt in diese Richtung scheint bereits in Planung zu sein, da Oliver Lehmann andeutete, dass derzeit ein Besuchsprogramm für Schulklassen, das auch das Memorial inkludiert, erarbeitet wird. Seit Kurzem ist das Denkmal, das ja bereits einen eigenständigen Internetauftritt hat8, auch über die Website des IST Austria einfach zu finden9. Ein kleines Signal, jedoch mit hoher Symbolkraft, wäre es gewesen, wenn etwa auch der Jahresbericht des Instituts einen Hinweis darauf vermerkt hätte.10

 

Und noch eine letzte Anmerkung: Beim Prozess der Entstehung dieses Denkmals wurde vonseiten des IST Austria kein/-e Vertreter/-in des Landes Niederösterreich (das ja Eigentümer des Geländes ist) einbezogen. Dies muss bedauert werden, denn es sollte nicht allein in der Verantwortung des jetzigen Trägers liegen, ein solches Denkmal zu errichten und in der öffentlichen Wahrnehmung zu verankern. Dass dies im Interesse des Landes liegt, wurde von Landesrat Wolfgang Sobotka bereits 2007 betont11, es wäre nun also an der Zeit, dieses Anliegen in die Tat umzusetzen…

 

Adina Seeger

 

Leistete 2008/09 Freiwilligendienst (EFD) an der Gedenkstätte Buchenwald in Weimar; dort Mitarbeit an der Ausstellung „Franz Ehrlich. Ein Bauhäusler in Widerstand und Konzentrationslager.“ Studiert Geschichte und Philosophie an der Universität Wien.

 

Weiterführende Literatur:

 

Reinelde Motz-Linhart, Hg., Psychiatrie ohne Menschlichkeit. Gugging 1938-1945, St. Pölten 2008. Stadtgemeinde Klosterneuburg, Hg., Von der Anstalt zum Campus. Geschichte und Architektur des Krankenhauses in Maria Gugging, Klosterneuburg 2009.

 

1 Vgl. 6, 7 in der Kurzversion der Studie von Herwig Czech zu Gugging, die auf der Webseite des Memorials herunterzuladen ist: http://www.memorialgugging.at/pdf/B_Czech_MedizinverbrechenGugging.pdf (29.08.11).

2 Vgl. ebd., 11.

3 Ebd., 2-3.

4 Vgl. http://sciencev1.orf.at/news/144548.html (29.08.11).

5 http://www.memorialgugging.at/pdf/090403_MemorialKonzepttxtGolzDe.pdf (08.09.11).

6 Ebd.

7 Ebd.

8 www.memorialgugging.at (07.09.11).

9 http://ist.ac.at/campus-life/ (02.10.2011).

10 IST Austria, Annual Report 2010. O.O. o. J.

11 „Meiner Meinung nach soll gerade Gugging in besonderer Art und Weise im Bewusstsein unserer Menschen, unserer Mitmenschen gehalten werden.“ Aus: Wolfgang Sobotka, Eröffnungsrede zur Gedenkveranstaltung „Medizin ohne Menschlichkeit – Wir vergessen nicht!“, in: Reinelde Motz-Linhart, Hg., Psychiatrie ohne Menschlichkeit. Gugging 1938-1945, St. Pölten 2008, 10.