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Ausgabe 3/11


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vor.gelesen|rezensionen

„Da machen wir nicht mehr mit…“ Österreichische Soldaten und Zivilisten vor Gerichten der Wehrmacht

 

Thomas Geldmacher/Magnus Koch/Hannes Metzler/Peter Pirker/Lisa Rettl (Hg.), Mandelbaum Verlag, Wien 2010

 

Am 21. Oktober 2009 beschloss der österreichische Nationalrat mit den Stimmen von Grünen, ÖVP und SPÖ ein Gesetz, mit dem Wehrmachtsdeserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz erstmals pauschal rehabilitiert wurden. In den politischen und gesellschaftlichen Debatten, die dem Nationalratsbeschluss vorangegangen waren, spielte die im September 2009 in Wien gezeigte Wanderausstellung „Was damals Recht war...“ – Soldaten und Zivilisten vor den Gerichten der Wehrmacht eine wichtige Rolle, wurde durch sie doch eine umfassende gesellschaftliche Diskussion über die NS-Militärgerichtsbarkeit und ihre Opfer angeregt.

 

Der hier rezensierte Sammelband wurde als Katalog begleitend zu der Wanderausstellung veröffentlicht. Die Publikation ist dreigeteilt und nähert sich aus vielfachen Perspektiven, unter anderem Realgeschichte, Erinnerungsgeschichte und Literaturwissenschaft, der Thematik an. Der erste Teil des Ausstellungsbandes widmet sich der NS-Militärjustiz und gibt Auskunft über den österreichischen Umgang mit der Thematik nach 1945. So beschäftigt sich beispielsweise Albrecht Kirschner in seinem Aufsatz mit den gesetzlichen Grundlagen und dem Charakter der NS-Militärgerichtsbarkeit: Er zeigt auf, wie die Wehrmachtsjustiz sowohl die Zielsetzungen des NS-Regimes und seiner Kriegsführung als auch die Art und Weise ihrer Umsetzung unterstütze. Walter Manoschek und Hannes Metzler beschreiben in ihren Beiträgen den langen und steinigen Weg, den Opfer der NS-Militärjustiz bis zu ihrer Rehabilitierung zurücklegen mussten. Der zweite Teil des Sammelbandes ist den Fallgeschichten von Opfern gewidmet. Unter anderem zeichnet Lisa Rettl am Beispiel der Villacher Kommunistin Maria Peskoller und ihrer Tochter Helga die Bedeutung von weiblichem Widerstand bei Desertionsdelikten nach. Lebensläufe von Tätern der NSMilitärjustiz bilden den Abschluss des Bandes. Dabei werden nicht nur die beruflichen Laufbahnen von zwei Richtern skizziert, sondern es findet auch eine allgemeine Auseinandersetzung mit Wehrmachtsrichtern als Tätergruppe statt.

 

Die Texte des Ausstellungsbandes liefern einen guten Überblick über die derzeitige Forschung zur NSMilitärgerichtsbarkeit in Österreich. Da die einzelnen Artikel einfach zu lesen und zur Illustration mit zahlreichen Fotos und Dokumenten versehen sind, eignet sich diese Publikation auch gut für den Schulunterricht. Neben Beiträgen von etablierten WissenschaftlerInnen enthält der Band auch interessante Aufsätze von NachwuchswissenschaftlerInnen, womit auch deutlich wird, dass die Forschung zu dem Thema noch lange nicht abgeschlossen ist.

 

Philipp Rohrbach

 

 

„Ich war mit Freuden dabei.“ Der KZ-Arzt Sigbert Ramsauer. Eine österreichische Geschichte.

 

Lisa Rettl/Peter Pirker, Milena-Verlag, Wien 2010

 

Die Historiker_innen Lisa Rettl und Peter Pirker bezeichnen die Biografie Sigbert Ramsauers, des 1991 verstorbenen und ehemals in verschiedenen Konzentrationslagern tätigen SS-Arztes, im Untertitel als eine „österreichische Geschichte“. Die fesselnd geschriebene Lebensgeschichte eines jener „gewöhnlichen Menschen, aus denen der Staat besteht“ (Jonathan Littell) ist beispielhaft für einen österreichischen Umgang mit dem Nationalsozialismus vor und nach 1938.

 

Ramsauer, Sohn eines k. u. k. Beamten, schließt sich während seiner Studienzeit einer Burschenschaft und wenig später der NSDAP an. Obwohl er 1938 um die Verleihung des ,Blutordens‘ für während der Illegalität kampferprobte Nazis ansucht, bestreitet er nach 1945 vehement, NSDAP-Mitglied vor 1938, gewesen zu sein. Ramsauers Auseinandersetzung mit seiner Vergangenheit ist geprägt von Geschichtsklitterung, Verdrängung und Beschönigung seiner Zeit als Arzt bei einer SS-Kavallerie-Brigade an der Ostfront und seiner Rolle als „Herrscher über Leben und Tod“ in mehreren Konzentrationslagern, vor allem im Mauthausen-Nebenlager am Loibl.

 

Akribisch gehen die Autor_innen allen Vorwürfen und Gerüchten über Ramsauer nach, die während des 1947 stattfindenden Prozesses aufkommen, stellen den historischen Kontext her, vergleichen unterschiedliche Zeug_innenaussagen und zeigen so die mit den Ermittlungen gegen den SS-Arzt auftretenden Schwierigkeiten auf. Er wird zwar zu lebenslanger Haft wegen Mordes in drei Fällen und Pflichtverletzung als Arzt mit Todesfolge in mindestens zwei Fällen verurteilt, doch bereits 1954 begnadigt. Diese kurze Haftzeit stellen die Autor_innen in Zusammenhang mit den sich verändernden Verhältnissen zwischen den Alliierten und dem aufkommenden Kalten Krieg. Die Begnadigung Ramsauers stellt ein weiteres klassisches Kapitel dieser „österreichischen Geschichte“ dar.

 

Doch die von Rettl und Pirker vorgelegte Biografie ist nicht nur ein österreichisches Fallbeispiel, sie ist auch ein gelungener Versuch, eine Täterbiografie zu schreiben, die nicht deswegen erschreckt und irritiert, weil der Täter als bestialischer Sadist portraitiert wird, sondern als „ganz normaler Mann“ (Christopher Browning). Diese Herangehensweise an die Lebensgeschichte Ramsauers verdeutlicht sich auch dadurch, dass die Autor_innen sich auf einigen Seiten der Frage widmen, „welche Motive und Mechanismen […] die Täter zu dem werden [ließen], was sie waren, was sie sind.“ Indem sie den Werdegang, die Verbrechen und die Verteidigungsstrategien des SS-Arztes aus dessen politischer Sozialisierung und der jeweiligen Lebenssituation heraus nachzeichnen, beschreiben sie Ramsauers Lebensgeschichte ohne ihn zu entmenschlichen, aber auch ohne ihn seiner Verantwortung zu entziehen.

 

Mit dieser Publikation legen Lisa Rettl und Peter Pirker eine Täterbiografie vor, die nicht nur spannend zu lesen ist, sondern in ihrer Beispielhaftigkeit auch zahlreiche Anknüpfungspunkte für die Beschäftigung mit diversen Aspekten nationalsozialistischer Verbrechen und für die pädagogische Vermittlung dieses Themas anbietet.

 

Peter Larndorfer