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Ausgabe 4/11


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Diesseits und jenseits des Holocaust. Aus der Geschichte lernen in Gedenkstätten.

Vom 15. bis 17. September 2011 veranstaltete die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) zusammen mit dem Verein GEDENKDIENST unter diesem Titel eine Tagung, die sich unter verschiedenen Gesichtspunkten mit dem Lernen in Gedenkstätten befasste. Über Idee, Hintergrund und Motivation diese Konferenz abzuhalten, berichten Heidemarie Uhl und Matthias Kopp, die die Tagung gemeinsam organisiert haben, nachstehend.

 

Der Ausgangspunkt für die Tagung Diesseits und jenseits des Holocaust. Aus der Geschichte lernen in Gedenkstätten. war eine andere Tagung: Beim Dialogforum Mauthausen 2010 zum Thema „Vermittlung am historischen Ort“ wurde diskutiert, wie die Geschichte der NS-Verbrechen beziehungsweise des Holocaust gegenwärtig vermittelt werden kann, mit welchen pädagogischen Konzepten Jugendliche erreicht werden können und welche Form des Erzählens und Darstellens ihren Erfahrungshorizonten und Erinnerungsbedürfnissen entspricht. Was eigentlich zu vermitteln ist, auf welche gegenwärtigen Herausforderungen und Problemfelder die Vermittlungsarbeit in Gedenkstätten konkret Bezug nehmen sollte, blieb allerdings diffus und vage. Die Debatte in Mauthausen erschien uns symptomatisch, auch der Blick in die Forschungslandschaft zeigt ein ähnliches Bild: Es gibt eine umfangreiche Literatur zu Gedenkstättenpädagogik, auf welche konkreten gegenwärtigen Herausforderungen der Lernort Gedenkstätte aber eigentlich eine Antwort geben soll, bleibt zumeist unklar oder wird nicht explizit dargelegt. Der Titel Diesseits und jenseits des Holocaust folgt einer Idee von Volkhard Knigge, der beim Dialogforum Mauthausen über die Bedeutung der materiellen Überreste für die Gedenkstättenarbeit referierte.

 

Die Unsicherheit, welche konkreten Lehren aus der Geschichte des Holocaust für die Gegenwart zu ziehen seien, betrifft nicht nur die Vermittlungsarbeit in Gedenkstätten und Memorial Museums, Schulen und Bildungseinrichtungen. Damit sind grundsätzliche Fragen des Selbstverständnisses der Gegenwartsgesellschaften angesprochen. Das heutige Europa, so schreibt der amerikanische Historiker Tony Judt in Postwar (2005), ist auf den Krematorien von Auschwitz errichtet; die große Herausforderung für das 21. Jahrhundert ist es, diese Erinnerung vor dem Erkalten und Erstarren zu bewahren.

 

Die Bedeutung des Holocaust- Gedächtnisses geht aber weit über Europa hinaus. Welche Rolle der „Zivilisationsbruch Auschwitz“ (Dan Diner) in der Erinnerungskultur eines Landes spielt, ist in den letzten Jahrzehnten zum Indikator für die moralisch-ethische Verfasstheit einer Gesellschaft geworden. ‚Auschwitz‘ ist integral in der Moderne verankert und markiert zugleich einen Bruch – und hat gerade deswegen mit ‚uns‘ zu tun: die Planung und Durchführung des nationalsozialistischen Judenmords kam aus der Mitte einer von Modernisierung und Aufklärung geprägten europäischen Gesellschaft. Darin liegt auch das nach wie vor bestehende Irritationspotenzial – der Holocaust symbolisiert den worst case des Entgleitens jener Gesellschaftsform, in der wir auch heute leben. Insofern geht Auschwitz nicht allein die Nachkommen der ‚Opfer‘ und ‚Täter‘ an, wie die Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance, and Research (ITF) zeigt, der mittlerweile 31 Staaten angehören.

 

Der Übergang von den nationalen Gedächtnis-Mythen der Nachkriegszeit zum Holocaust als universalem Bezugspunkt eines Menschheitsgedächtnisses, hat Auswirkungen auf die Gedenkstättenlandschaft. Die Suche nach neuen Narrativen jenseits der Pathosformeln von nationalem Widerstand und antifaschistischem Freiheitskampf hat die historischen Orte der NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik in neuer Form ins Blickfeld gebracht. Das Interesse richtet sich auf ihr Reservoir an noch unverbrauchten Erzählungen, auf die konkreten Ereignisse vor Ort, auf Erfahrungsberichte von Häftlingen, auf individuelle Schicksale. Die Orte übernehmen damit zunehmend jene Funktion, die den ZeitzeugInnen zugeschrieben wird, nämlich, eine unmittelbare, ‚authentische‘ Kommunikation mit jenen Menschen zu ermöglichen, die hier gedemütigt, gequält und ermordet worden sind. Die Neugestaltung von Gedenkstätten – Mauthausen wird derzeit als letzte große Gedenkstätte im deutschsprachigen Raum umfassend neugestaltet – trägt diesen veränderten Erinnerungsbedürfnissen Rechnung.

 

Vor diesem Hintergrund werden auch die hohen Erwartungen, die an diese Orte herangetragen werden, verständlich: nicht die Vermittlung von rationalem Faktenwissen, wie es im Schulunterricht präsentiert wird, steht im Vordergrund; der Besuch einer Gedenkstätte ist eine sinnlich, kognitiv und emotional erfahrbare Ausnahmesituation. Am historischen Ort werden ganz spezifische Erlebnisund Vermittlungszugänge eröffnet, kann das Verstörungspotenzial der nationalsozialistischen Verbrechen weitaus stärker zum Tragen kommen als im Klassenzimmer. Aber auch diese Erfahrung ist kulturell geformt: ob wir betroffen und empathiefähig sind, hängt von den Meta- Narrativen ab, durch die diese Orte – als Lern- und Erfahrungsräume – gerahmt und codiert werden.

 

Der Transformationsprozess gesellschaftlicher Erinnerung hat eine neue Matrix von Geschichtsdeutungen hervorgebracht, die auch das Selbstverständnis von Gedenkstätten verändert hat. Dieser Prozess lässt sich von 1945 bis zur Gegenwart folgendermaßen charakterisieren:

 

1. Die Phase der Nachkriegsmythen: In den Nachkriegsjahrzehnten war es die Erfahrungsgeneration, die diese Orte entsprechend ihrer Bedürfnisse nach Sinnstiftung gestaltet hat – Ausstellungen, Denkmäler, Gedenkfeiern entsprachen den Identitätsbedürfnissen der ehemaligen Häftlinge und der ihnen nahestehenden politischen Organisationen. Die staatliche Geschichtspolitik hat diesen Orten ihre Position im Symbolhaushalt zugewiesen: in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland war das Verhältnis besonders zwiespältig, Mauthausen blieb bis in die 1970er Jahre ein Ort, mit dem sich das offizielle Österreich nicht identifizierte. In den kommunistischen Staaten hingegen wurden KZ-Gedenkstätten als Weihestätten des Kampfs gegen den Faschismus instrumentalisiert.

 

2. Ent-Nationalisierung und das „Ende der großen Erzählungen“: Gedenkstätten waren für Jahrzehnte in die nationalen und politischen Sinnstiftungen der Nachkriegzeit eingebunden. Seit den 1980er Jahren hat sich ein neues Interesse an den historischen Orten entwickelt, das mit dem Verblassen der politischen Mythen Nachkriegseuropas korrespondiert. Verstärkt wurde der Verlust der Wirkungskraft „großer Erzählungen“ von nationalem und politischem Widerstand durch den Zerfall der kommunistischen Staatenwelt.

 

3. Holocaust-Erinnerung und Globalisierung der historischen Orte: In den 1980er Jahren hat sich der Holocaust als Angelpunkt für die Geschichte des Nationalsozialismus und damit auch der Konzentrationslager herauskristallisiert, die nun primär als sites of the Holocaust wahrgenommen werden. Mit der Globalisierung des „Zivilisationsbruchs Auschwitz“ als historischem Bezugspunkt eines transnationalen, universalen Menschheitsgedächtnisses, hat sich die Matrix der Geschichtsdeutungen, an denen sich Bildungsarbeit in KZ-Gedenkstätten (und in Memorial Museums) orientiert, in den letzten Jahren neuerlich verändert.

 

Die Pluralisierung und Internationalisierung der Holocaust-Erinnerung hat zur Folge, dass der Gegenwartsbezug nicht mehr allein auf Europa gerichtet ist und dieser insgesamt vielschichtiger und heterogener wird.

 

Welche Meta-Narrative sind es nun, die den Orten der NS-Verbrechen und des Holocaust gegenwärtig Sinn und Bedeutung verleihen? Was soll an diesen Orten aus der Geschichte für die Gegenwart gelernt werden? Welche Gegenwartsbezüge sollen bei der Vermittlung des historischen Geschehens hergestellt werden?

 

Maurice Halbwachs hat davon gesprochen, dass jede Gesellschaft nur das in Erinnerung behält, was ihrem gegenwärtigen Bezugsrahmen entspricht. Die Verschiebung dieser Rahmenbedingungen seit dem Ende der Nachkriegesmythen in den 1980er Jahren hat zu einer Pluralisierung von Konzepten in der Gedenkstättenarbeit geführt. Diese Konzepte zueinander in Bezug zu setzen und zu diskutieren, war Ziel der Konferenz Diesseits und jenseits des Holocaust. Aus der Geschichte lernen in Gedenkstätten.

 

Wir haben fünf Leitkonzepte identifiziert, die das Lernen aus der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen und des Holocaust am historischen Ort prägen:

 

Historisch-politische Bildung: zielt darauf ab, die Ereignisse aus dem historischen Kontext heraus zu erklären. Der Gegenwartsbezug richtet sich vor allem darauf, die Kontinuität von Vorurteilen und Ressentiments – etwa Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit – in der heutigen Gesellschaft aufzuzeigen und Konzepte der Aufklärungsarbeit zu entwickeln;

 

Holocaust Education: richtet den Fokus auf die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung;

 

Genocide Prevention: verortet den Holocaust in der globalen Geschichte von Genoziden;

 

Human Rights Education: integriert den Holocaust in die Geschichte der Menschenrechte;

 

Totalitarismustheorie: setzt die Verbrechen des Nationalsozialismus in Beziehung zu den Verbrechen des Stalinismus und Kommunismus. Auf europäischer Ebene hat sich diese Geschichtspolitik im 2009 gefällten Beschluss des EU-Parlaments zur Einrichtung eines „Europäischen Tags des Gedenkens an die Opfer von Stalinismus und Nationalsozialismus“ am 23. August, dem Tag der Unterzeichnung des Hitler-Stalin-Pakts, manifestiert; kritisiert wird die damit verbundene Gleichsetzung des Holocaust mit den kommunistischen Staatsverbrechen. In Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen spielt – im Unterschied zu westeuropäischen KZGedenkstätten – die Überlagerung von KZ-Geschichte und deren Nachnutzungen nach 1945 eine große Rolle.

 

Diese Konzepte weisen Übereinstimmungen auf, setzen aber auch unterschiedliche Schwerpunkte im Hinblick auf die NS-Verfolgungs- und Vernichtungspolitik. Jede dieser Perspektiven stellt unterschiedliche Gegenwartsbezüge her und richtet sich auf unterschiedliche Zielsetzungen des Lernens aus der Geschichte. Diese Konzepte miteinander in Kommunikation und Diskussion zu bringen und das Feld der Gedenkstättenarbeit mit dem wissenschaftlichen Feld zu verschränken, waren die Ziele der internationalen Tagung Diesseits und jenseits des Holocaust. Aus der Geschichte lernen in Gedenkstätten., die vom 15. bis 17. September 2011 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften abgehalten wurde.

 

 

Heidemarie Uhl

Österreichische Akademie der Wissenschaften, Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte, Leiterin des Forschungsprojekts mauthausen seminar: Geschichte ausstellen/darstellen in KZ-Gedenkstätten.

 

Matthias Kopp

leistete 2005/06 Gedenkdienst in Amsterdam; 2007 bis 2010 Geschäftsführer, seither Vorstandstätigkeit im Verein GEDENKDIENST; wissenschaftlicher Mitarbeiter an der ÖAW.