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Ausgabe 4/11


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Kommentar

Diesseits und jenseits des Holocaust?

 

Konferenzen zum Thema Holocaust gab und gibt es viele. Das Interesse am Thema sowie an dessen Vermittlung im Spannungsfeld zwischen Erinnern, Gedenken, Lernen und Erziehen scheint ungebrochen. Die in Wien zusammengekommenen, in ihrer Mehrzahl deutschsprachigen Vertreterinnen und Vertreter der Forschung und der etablierten Gedenkstätten versuchten unter der markanten, aber leider bis zum Ende der Konferenz nur mühsam aufgenommenen Überschrift Diesseits und jenseits des Holocaust den Entwicklungen, Fragestellungen und Herausforderungen hauptsächlich der deutschsprachigen Gedenkstättenpädagogik nachzugehen. So blieb der Titel der Konferenz mit einem Fragezeichen versehen. Dabei ging es weniger um die zunehmende und emotionalisierende Ästhetisierung der Gedenkstättenlandschaft, die in den letzten Jahren eine Entwicklung zu einer gemeinsamen Form des gestalteten authentischen Ortes1, einer scheinbar immer deutlicher genormten Erinnerung, durchlaufen ist, als vielmehr um die Inszenierung der Orte durch die ihnen beigestellten Narrative. Die Gedenkstättenpädagogik, die sich im vergangenen Jahrzehnt dem Ende der Augenzeugenschaft gestellt hat, steht nun an einer ganz anderen Generationengrenze: Die Entkontextualisierung oder Globalisierung des Holocaust droht die Gedenkstätten jenseits der Geschichte der ehemaligen Konzentrationslager zu verorten; die damit einhergehende Forderung, aus dem zum ahistorischen und allgemein verfügbar gemachten Ereignis des Mordes an den europäischen Jüdinnen und Juden ein Grundgerüst für eine Menschenrechtserziehung zu schaffen und damit eine globale Mahnung des ,Nie wieder!‘ zu festigen, bestärkt diese Tendenz. Zurecht wies die Mehrheit der Referentinnen und Referenten als auch des diskussionsfreudigen Publikums darauf hin, dass eine Simplifizierung auf das Mantra ‚Erinnerung beugt Wiederholung vor‘ und eine Einbettung der Holocaust Education in die human rights education und vice versa in der Annahme, wesentliche Fragen der Gegenwart könnten aus dem Holocaust heraus beantwortet werden, problematische Wege für die heutige Gedenkstättenpädagogik wären. Doch wovon „diesseits“ und „jenseits“ steht die Gedenkstättenpädagogik heute? Jenseits der Augenzeugenschaft? Diesseits des ehemaligen Lagerzauns? Jenseits der Täterschaft? Diesseits der Inszenierung? Jenseits des Mahnens? Inmitten der Opferkonkurrenz und des moralischen Gedenk-Imperativs? Diesseits oder jenseits digitaler und multimedialer Egalisierung und Beliebigkeit?

 

Die Tagung Diesseits und jenseits des Holocaust. Aus der Geschichte lernen in Gedenkstätten. stellte sich diesen Fragen zum Teil und in sehr unterschiedlicher Gewichtung, scheute jedoch größtenteils eine kritische Auseinandersetzung mit der Sakralisierung und Instrumentalisierung der Gedenkstätten und Gedenkorte und ihrer Vereinnahmung und Überblendung als Projektionsflächen von Selbstvergewisserung und Läuterung.

 

Gedenkstätten als Orte individueller Trauer, kollektiven Gedenkens, als Orte der Konfrontation mit den Überresten der ehemaligen Konzentrationslager und der Begegnung mit gegenwärtigen und vergangenen Formen des Mahnens und Gedenkens, aber auch als Orte des Aufeinandertreffens von Überlebenden, Angehörigen der Opfer, Lehrenden und Lernenden sowie Touristinnen und Touristen werden auch zukünftig in ihrer Funktion von der sie tragenden Gesellschaft umgestaltet und umgedeutet werden. Mit der wohl niemals endgültig und eindeutig zu beantwortenden Frage, ob und wie man in den Gedenkstätten aus der Geschichte der ehemaligen Konzentrationslager, die für entgrenzte Gewalt und gezielten Massenmord stehen, das Gegenteilige – die Achtung der Menschenwürde – erlernbar machen kann, werden sich auch zukünftig zahlreiche Konferenzen beschäftigen.

 

 

Mag.a Ramona Bräu

studierte Neuere und Neuste Geschichte sowie Polnische Geschichte und Internationale Beziehungen in Jena und Breslau (Wrocław); 2008-2010 wissenschaftliche Volontärin an der Gedenkstätte Buchenwald; derzeit wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Projektgruppe zur Erforschung der Rolle des Reichsfinanzministeriums im Nationalsozialismus (Promotionsthema "Die Rolle des Reichsfinanzministeriums im besetzten Polen").

 

1 Gemeint ist der Widerspruch zwischen der Erhaltung der Orte einerseits und der Gestaltung der Einrichtungen der Gedenkstätten andererseits.