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Ausgabe 4/11


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„Ein unwiederbringlicher Verlust, den keine Aufarbeitung wiedergutmachen kann“

Astrid Messerschmidt, Bildungswissenschaftlerin und Referentin an der Tagung Diesseits und jenseits des Holocaust, über unterschiedlichste Instrumentalisierungen von Erinnerung und die politische Bildungsarbeit in der deutschen und österreichischen Migrationsgesellschaft. Das Gespräch führte Ina Markova.

 

 

Frau Prof.in Messerschmidt, Sie beschreiben ein Konzept der „instrumentalisierungskritischen Erinnerungsarbeit“. Was verstehen Sie darunter?

 

In der Pädagogik ist immer wieder gefordert worden, aus der Geschichte zu lernen. Dabei wird übersehen, dass Geschichte nie unmittelbar zugänglich ist, sondern vermittelt durch die Art und Weise, wie sich wer darauf bezieht. Aus der Geschichte der NS-Verbrechen kann man gar nichts lernen, aus dem Umgang mit dieser Geschichte jedoch eine ganze Menge. Dabei folge ich dem Geschichtsbegriff bei Walter Benjamin, der die Geschichte denen ausgeliefert sieht, die sich an sie erinnern. Dieses Moment der machtvollen Besetzung bildet für mich den Anlass, von Instrumentalisierungskritik zu sprechen. Heute stehen wir neuen Formen von Erinnerungen und deren Instrumentalisierungen gegenüber, beziehungswiese sind wir selbst darin involviert. Geschichte erscheint etwa als Kontrastfolie, um Menschrechte zu begründen oder militärische Interventionen zu legitimieren. Instrumentalisiert wird Erinnerung auch dann, wenn sie dazu verwendet wird, das Bild von sich selbst zu beschönigen, indem etwa betont wird, in welch großem Kontrast der Nationalsozialismus zu uns heute steht. Weltpolitisch eine starke Rolle spielen antiisraelische Positionen, die behaupten, Jüdinnen und Juden würden den Holocaust für eigene nationale Interessen benutzen. Dabei werden zugleich alle Jüdinnen und Juden auf der Welt mit Israel identifiziert.

 

Wir haben es mit einem ganzen Geflecht von Instrumentalisierungen zu tun, mit denen sich die Bildungsarbeit auseinandersetzen muss. Was mir selbst in der weißen Mehrheitsgesellschaft oft begegnet ist die Vorstellung, beschuldigt zu werden. Dies ermöglicht es, sich selbst als Opfer darzustellen – ein dominantes, generationentypisches Phänomen. Ernsthaft wird niemand, der heute 25 ist, beschuldigt; diese Behauptung hat die Funktion, Erinnerung abzuwehren. Aber auch diskriminierte Gruppen instrumentalisieren diese Erinnerung, wenn Opferkonkurrenzen hergestellt werden, indem Marginalisierungserfahrungen der Aufarbeitung von Verbrechensgeschichte gegenüber gestellt werden.

 

Unter Verweis auf die Vielfalt von „Geschichtsbeziehungen“ – gemeint sind unterschiedlichste Zugänge zur Geschichte – fordern Sie ein Konzept der „kritischen Zugehörigkeit“ ohne Identifikation, um zu verhindern, dass die Erinnerung an den Holocaust zur Grundlage einer „ethnisierenden Form des Nationalismus“1 wird. Wie konnte es so weit kommen, dass der ‚Zivilisationsbruch‘ Grundlage für Identität wurde?

 

Hier haben wir es mit einem Paradigmenwechsel bezüglich des Umgangs mit dem Nationalsozialismus zu tun, mit einer umgekehrten Besetzung. Aus einer tiefgreifenden zivilisatorischen Verunsicherung wird ein Element der Selbstbestätigung. Ich würde sagen, dass nicht der Verbrechenszusammenhang zur Grundlage von Identität wurde, sondern die Vorstellung erfolgreicher Aufarbeitung. Das ist ja auch nicht ganz falsch; es ist aber zugleich eine Instrumentalisierung, dies zur Grundlage des Selbstverständnisses zu machen. An die Stelle des Verbrechens tritt ein positives Label, das uns für die geleistete Aufarbeitung auszeichnet. Angesichts einer Geschichte, die einen so fundamentalen Bruch bedeutet und die hinsichtlich des Ausmaßes und der ideologischen Begründung immer wieder dazu führen muss, die eigene Zugehörigkeit und die eigene Identität in Frage zu stellen, ist dies natürlich hoch problematisch. Es ist absurd, daraus ein Identitätswerkzeug zu machen, es müsste darum gehen, die Brüche in nationalen Identitäten zu reflektieren. Natürlich gibt es auch nach wie vor eine Form der Nachdenklichkeit, sowohl in der Politik wie in der Pädagogik. Nur wenn gegenüber MigrantInnen im Zusammenhang mit Integrationsforderungen gesagt wird, die ‚echten‘ weißen Deutschen hätten alles so wunderbar aufgearbeitet, dann kommt etwas Triumphales zum Vorschein, dann wird aus dieser negativen Erinnerung eine positive Besetzung – für mich liegt darin ein Missbrauch der Opfer. Verdrängt wird dabei der unwiederbringliche Verlust, den keine noch so gute Aufarbeitung wiedergutmachen kann.

 

Sie gehen davon aus, dass Deutschland und Österreich ‚Migrationsgesellschaften‘ sind und dass Minderheiten in der Bildungsarbeit oft zu Forschungsobjekten würden. Wie kann dem entgegengewirkt werden?

 

Die Antwort darauf hat mit dem Begriff der ‚Migrationsgesellschaft‘ zu tun, den ich als eine Bezeichnung für unseren gemeinsamen Kontext in Deutschland und Österreich verstehe. Gemeint ist damit nicht die ‚MigrantInnengesellschaft‘, sondern ein geteilter Raum, in welchem unterschiedliche Vorstellungen und Perspektiven vorhanden sind. Ich glaube nicht, dass es angebracht ist, von einer nationalen Erinnerungsgemeinschaft zu sprechen, weil das auch eine Projektion ist. Beachtet man das Ausmaß der Verbrechensgeschichte, so ist der Referenzrahmen auf jeden Fall ein europäischer. Zugleich stehen Österreich und Deutschland in spezifischen Zusammenhängen von TäterInnenschaft, was nicht durch den Hinweis auf den europäischen Rahmen relativiert werden kann. Der nationale Grenzen transzendierende Referenzrahmen von Geschichtserinnerung setzt das Wissen und Bewusstsein über das Ausmaß der Verbrechen und deren Nachwirkungen in Europa und weltweit voraus. Dennoch haben Familiengeschichten bis heute starken Einfluss auf das Verhältnis zum Nationalsozialismus, daraus ergeben sich unterschiedliche Beziehungen. Doch ist die familiäre Dimension nur eine Facette des Geschichtsverhältnisses und sollte nicht als die einzig maßgebliche betrachtet werden. Welche Verantwortung jede/r Einzelne für den Umgang mit dem Nationalsozialismus heute übernimmt, ist keine Frage der Abstammung. Die Studierenden, mit denen ich zusammenarbeite und die aus allen möglichen Ländern Europas kommen, haben vielleicht eine andere Beziehung zum Nationalsozialismus als ich – aber: wir haben eben alle eine Beziehung dazu. Davon auszugehen, ist eine Voraussetzung für gemeinsames Nachdenken über den Umgang mit Erinnerung.

 

Welche anderen Faktoren abgesehen von Migrationserfahrungen müssen bei der politischen Bildungsarbeit berücksichtigt werden?

 

Das Verbindende der generationellen Erfahrungen ist oft wichtiger als die möglicherweise trennenden Linien der Migrationserfahrungen. So gilt es auch zu betonen, dass die nach 1990 Sozialisierten vollkommen andere Blickwinkel auf die Gesellschaft haben als die Generationen davor. Es handelt sich dabei um eine sehr machtvolle Verbindung, die Herkunftshintergründe überbrückt – deswegen sollte die Frage nach der Herkunft auch nicht überbetont werden. Mir geht es darum, den Erinnerungsraum zu öffnen, allerdings muss ich die vielfältigen Geschichten auch immer wieder kontextualisieren, so dass nicht alles gleichgültig nebeneinander steht, insbesondere hinsichtlich der Zusammenhänge von TäterInnenschaften. Das ist definitiv eine Schwierigkeit dieses pluralistischen Zugangs.

 

„Nicht mehr Erinnerung einklagen, sondern kritische Interventionen im Erinnerungsdiskurs machen“, meinten Sie im Rahmen der Tagung. Ist dies nicht eine sehr ‚deutsche‘ Sicht? Betrachtet man den politischen Diskurs in Österreich, würde man meinen, dass hier noch einiges eingeklagt werden muss.

 

Ja, auf jeden Fall, aber ich glaube, da bewegen wir uns einfach auf zwei verschiedenen Ebenen. Meine Aussage war auf die pädagogische Ebene bezogen. Dort nämlich, im pädagogischen Feld, finde ich es kontraproduktiv, Erinnerung einzuklagen. Formeln wie ‚Erinnert Euch!‘ oder ‚Nie wieder!‘ halte ich schlicht für nicht mehr zeitgemäß. Im politischen Feld sieht es aber anders aus: hier gibt es noch vieles an Wissen und Bewusstsein, das einzuklagen ist. Gerade im politischen Feld halte ich dieses Einklagen für sehr wichtig, im pädagogischen Bereich wirkt es aber belehrend und moralisierend.

 

Eine profane letzte Frage: Was kann politische Bildungsarbeit bewirken?

 

Sie kann einen Raum für die Reflexion bieten und mit ihren Methoden und Materialien die Brücke dazu bauen, sich zu fragen, was das alles mit mir zu tun hat, in diesem Leben, in dieser Gesellschaft. Politische Bildungsarbeit kann die Aktualität der Geschichte aufzeigen, ohne simple Kontinuitätsvorstellungen zu bedienen, wenn sie die Nachwirkungen in Selbstbildern und Fremdbildern zur Diskussion stellt. Sie kann auch Einblicke in gesellschaftliche Stimmungslagen bieten, weil der Umgang mit dieser Geschichte ein wesentlicher Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit in unseren beiden Ländern ist. Darüber Kenntnisse zu haben, ist wichtig für die politische Partizipation.

 

Besten Dank für das Gespräch!

 

 

Prof.in Dr.in Astrid Messerschmidt

studierte Religionspädagogik, Pädagogik, Politikwissenschaft und Germanistik und arbeitete lange in der Erwachsenenbildung. 2009 wurde sie Professorin für Interkulturelle Pädagogik/Lebenslange Bildung an der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe. Ihre Arbeitsschwerpunkte umfassen Themen wie migrationsgesellschaftliche und zeitgeschichtliche Bildung, kritische Bildungstheorie sowie geschlechterreflektierende Pädagogik.

 

Mag.a Ina Markova

studierte Geschichte in Wien und Paris und arbeitet an einer Dissertation zum „Österreichischen Bilderkanon nach 1945“. Ihre Schwerpunkte sind Visual History/ Visual Culture Studies, Gedächtnistheorien sowie europäische und österreichische Zeitgeschichte.

 

1 Hanno Loewy zit. nach Astrid Messerschmidt, Erinnerungen jenseits nationaler Identitätsstiftung. Perspektiven für den Umgang mit dem Holocaust-Gedächtnis in der Bildungsarbeit, in: Claudia Lenz/Jens Schmidt/Oliver von Wrochem, Hg., Erinnerungskulturen im Dialog. Europäische Perspektiven auf die NSVergangenheit, Hamburg/Münster 2002, 103–114, 104.

Vgl. auch: dies., Differenzbeziehungen – Ansätze für eine Erinnerungsarbeit vielfältiger Geschichtszugänge, in: Oliver Wrochem, Hg., Das KZ Neuengamme und seine Außenlager. Geschichte, Nachgeschichte, Erinnerung, Bildung (Reihe Neuengammer Kolloquien 1), Berlin 2010, 300–314.