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Ausgabe 4/11


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Kommentar

Ihro Österreich anno 2011

Episoden einer Schmierenkomödie

 

Mit tatkräftiger öffentlicher Unterstützung der Grünen (denen ihr eigenes Engagement am Ende selbst nicht mehr ganz geheuer zu sein schien) hat der Nationalrat im April diesen Jahres ohne viel Diskussion jenes Gesetz entsorgt, das Mitglieder des Hauses Habsburg von der Kandidatur zum Bundespräsidenten ausschloss. Verkündet wurde diese Verneigung vor den ehemals gekrönten Häuptern umso öffentlichkeitswirksamer just am Tag der Hochzeit des britischen Thronfolgers – ein ganz besonderes Präsent an diesem Festtag.

 

Nicht, dass die bestehenden Einschränkungen zuvor jemandem wehgetan hätten. Das Gesetz hatte schließlich vor allem symbolischen Charakter. Es sollte deutlich machen, dass die Funktion des Bundespräsidenten nicht zu verwechseln sei mit der eines ,Ersatzkaisers‘. Vor dem Verfassungsgerichtshof wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit keine/r an einer Kandidatur gehindert worden, der oder die öffentlich den Austritt aus dem Herrscherhaus (nicht zu verwechseln mit der Familie) erklärt hätte.1

 

Nach menschlichem Ermessen scheint aber auch dafür bis auf Weiteres ohnehin kein Bedarf zu bestehen. Der wenige Monate später in einem grotesken Spektakel unter nicht minder abstruser Anteilnahme der Staatsspitze in die Kapuzinergruft verbrachte Kaiser Hättiwari Otto I. machte in Österreich in den letzten zwanzig Jahren nur noch durch absonderliche Reden auf sich aufmerksam. Unvergessen die Verteidigung seines wegen Unterschlagung kritisierten Stammhalters Karl. Für dessen Wahlkampffonds waren 1996 Hilfsgelder für hungernde Kinder beiseite geschafft worden. Wer nun sanfte Bedenken hinsichtlich der zweckmäßigen Verwendung dieser Mittel äußerte, musste sich vom Senior mit ,NS-Judenmördern‘ gleichsetzen lassen.

 

Auch an seinen vorletzten großen Auftritt in Wien erinnern wir uns gerne. Anlässlich des Jahrestages des ‚Anschlusses‘ 2008 hatte die ÖVP neben dem Neffen des Ex-Despoten Kurt Schuschnigg auch Otto eingeladen. Als Festredner im Historischen Saal des Parlaments ließ dieser daraufhin prompt Österreich als erstes Naziopfer hochleben und bekundete in Interviews vollstes Verständnis für den austrofaschistischen Staatsstreich. Aber wer weiß? Womöglich wäre ein solches Verhalten durchaus eine Empfehlung für höhere Ämter als jenes des CSU-Hinterbänklers im Europaparlament gewesen, wäre er nicht schon auf die 100 zugegangen?

 

Bliebe sein Sohn Karl, dessen Chancen allerdings neben dem erwähnten World Vision-Skandal zwischenzeitlich auch durch eine aufgeflogene Schmuggelaffäre etwas gelitten haben. Er hatte 1996 ein 100.000 Euro teures Diadem undeklariert nach Österreich bringen wollen, und – auf frischer Tat ertappt – behauptet, er sei sich der Deklarationspflicht nicht bewusst gewesen, schließlich handle es sich ja um Kinderspielzeug. Als ob die Voraussetzungen für eine Präsidentschaftskandidatur also nicht ungünstig genug wären, halten den Großmeister des Ordens vom Goldenen Vlies Karl eventuell auch noch seine Ausbildungsverpflichtungen von einer Politkarriere ab: Nachdem der kaiserliche Leistungsträger seit 1981, also seit dreißig Jahren oder sechzig Semestern inskribiert ist, wartet die Fachwelt nach wie vor gespannt auf seine Diplomarbeit.

 

Bleiben als HoffnungsträgerInnen des Hauses Habsburg die Seitenlinien, genauer: der so rührige wie erfolglose Ulrich Habsburg, nach altem Reglement ein Erzherzog aus dem toskanischen Familienzweig, in republikanischer Lesart ein Kärntner Großgrundbesitzer. Er wollte bereits im Zuge der letzten Präsidentschaftswahlen 2010 gegen das Kandidaturverbot klagen, erreichte dann aber im Vorfeld nicht die notwendigen Unterstützungsunterschriften, um den formalen Anforderungen einer Kandidatur zu genügen. Die Zeit bis zu seinem nächsten Triumph vertreibt er sich seither mit demonstrativer Volksnähe, wie auf seiner Webseite nachzulesen ist:

 

„Am Telefon meldet er sich schlicht mit ‚Habsburg!‘. Das Lothringen wird nur beim Setzen der Unterschrift verwendet. Politisch mitreden und weiterdenken zu können ist eine habsburgische Kompetenz, die auch lange nach Ende der Monarchie in der Familie weitergegeben wird.“2

 

Na dann. Die Indizien für’s Weiterdenkenkönnen halten sich zwar in Grenzen – aber vielleicht wird’s dank geänderter Gesetzeslage mit dem politischen Mitreden noch was? Ein militärischer Oberbefehlshaber mit Namen Habsburg wäre zum 100. Jahrestag der Kriegserklärung von 1914 doch eine sinnige Pointe in dieser Operette, die Österreich heißt.

 

 

Mag. Florian Wenninger

leistete 1998/99 Gedenkdienst in Yad Vashem; derzeit Assistent am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.

 

1 Der diesbezügliche Gesetzestext ist etwas unklar formuliert, weil die Grundlage der Bestimmung offen ist. Dass ein Austritt aus dem Herrscherhaus aber keineswegs eine Namensänderung, ein Lossagen von der Familie o. ä. zu bedeuten hätte, geht schon aus dem Umstand hervor, dass Otto Habsburg im Mai 1961 eine Erklärung unterzeichnete, wonach er gemäß § 2 des Habsburgergesetzes auf seine Mitgliedschaft zum Hause Habsburg-Lothringen verzichtete. Für weitere Informationen siehe den Artikel von Ilse Reiter Zatloukal „…im Interesse der Sicherheit der Republik…“ in GEDENKDIENST 4/10.

 

2 http://www.ulrich-habsburg-lothringen.at/unterstuetzen/person (27.10.11).

 

Zur Erinnerung, wie die selige Kaiserzeit jenen in Erinnerung blieb, die sie erlebt haben, ein Auszug aus dem Leitartikel der Neuen Freien Presse vom 30. März 1919, der sich mit der Abschaffung des Adels in Österreich befasst:

 

„Einige Tage noch, und die kostbaren Adelsbriefe sind Makulatur geworden, die uralten Pergamente können zum Feueranzünden verwendet werden. […] Die Barone kann man entbehren, wo es keine Majestät mehr gibt. […] Hofnachrichten wie jene berüchtigte, die unter Kaiser Franz nach der Geburt seines Prinzen im Amtsblatte gedruckt stand – ‚die allerhöchsten Herrschaften begaben sich in den Stephansdom, um dem Höchsten zu danken‘ – solche Ungeheuerlichkeiten, die frommgläubigen Seelen geradezu wie Gotteslästerungen klingen mussten, werden die Wiener in keiner Zeitung mehr zu lesen bekommen. [… Doch] zumindest einen adeligen Herren gibt es in Wien, dem man mit Gesetzen schwer beikommen kann, der sich vielleicht mächtiger erweisen wird als alle Gebote und Vorschriften der Nationalversammlung, und dieser ist ein Herr v. Jedermann. Die Sitte, Grethi und Plethi zu adeln, jeden sauber gekleideten Zeitgenossen als einen ‚Herrn von‘ anzusprechen […] besteht immer noch. […] Wer nicht selbst adelig, wollte doch mit Adeligen umzugehen scheinen, einen Abglanz der Herrlichkeit erhaschen. Der Fiaker erhob seinen Fahrgast zum Kavalier, der Hausbesorger seinen Mietsmann zum Herrn Baron. […] So geschah es, dass zuletzt die ganze Stadt adelig wurde, […] ein Adel, den man also sozusagen vom Schneider beziehen konnte. [… Aber] jeder weiß, dass es im Grunde nur einen echten Adel auf Erden geben sollte, den des persönlichen Verdienstes, der Arbeit, der Seele, des Geistes, und dieser Adel wird sich hoffentlich um so mächtiger erheben, je rascher jeder andere dahinschwindet.“