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Ausgabe 4/11


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vor.gelesen|rezensionen

Friede, Freude, deutscher Eintopf.

Rechte Mythen, NS-Verharmlosung und antifaschistischer Protest

Arbeitskreis gegen den kärntner Konsens (Hg.),

Mandelbaum Verlag, Wien 2011.

 

Der Arbeitskreis gegen den kärntner Konsens sieht sich – so steht es im Klappentext des 400 Seiten starken Sammelbands – als „loser Zusammenschluss von antifaschistischen und antimilitaristischen Gruppen und Einzelpersonen, die sich mit österreichischer Geschichts- und Gedenkpolitik, mit ‚Revisionismus‘ und Rechtsextremismus, insbesondere dem Gedenken am Ulrichsberg in Kärnten/ Koroška sowie den gesellschaftlichen und politischen Grundlagen dieser ritualisierten Brauchtumspflege beschäftigt.“ Die aktive Geschichtspolitik, die dieser „lose Zusammenschluss“ seit 2005 in Bezug auf das Ulrichsbergtreffen – das jährlich stattfindende „größte Treffen von Veteranen der Wehrmacht und (Waffen-)SS in Europa“ – betreibt, wird in diesem Sammelband dokumentiert, analysiert und in Kontext gesetzt. Im Vorwort bezeichnet der Kärntner Historiker Valentin Sima das Buch als „engagierte Schrift“, der „viele ebenso engagierte und kritische Leser_innen zu wünschen“ seien.

 

Der Sammelband ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil, für den weitgehend das gesamte Autor_innenkollektiv verantwortlich zeichnet, wird der geschichtspolitische Kontext erläutert: in Bezug auf Österreich, in Bezug auf Kärnten/Koroška und in Bezug auf den Ulrichsberg als zentralen Ort rechter Geschichtspolitik. Der zweite Teil beleuchtet zuerst genau diese Tradition rechter und rechtsextremer Geschichtspolitik. Hier gehen die Autor_ innen etwa auf den (mittlerweile beendeten) Schulterschluss zwischen österreichischem Bundesheer und Ulrichsberggemeinschaft ein, beschäftigen sich mit Gedenktraditionen der ‚europäischen Freiwilligen‘ und mit Geschichtsnarrativen der Landsmannschaften der ‚Heimatvertriebenen‘. Gleichzeitig beschäftigt sich der zweite Teil mit dem Erinnern an Widerstand und Verfolgung in Kärnten/Koroška: mit der Verfolgung von Kärntner Slowen_ innen, Jüd_innen und sogenannten ‚Zigeunern‘, mit Zwangsarbeit und dem Außenlager des KZ Mauthausen am Loibl, mit NS-Medizin, Deserteuren und dem Gedenkort Peršmanhof. Der abschließende dritte Teil behandelt die aktuellen Entwicklungen rund um den Ulrichsberg und beschäftigt sich mit Strategien und Erfolgen des antifaschistischen Protests. Dieser Teil beinhaltet einen Text über die Erinnerungen von Zeitzeug_innen und ihre mediale Verarbeitung, einen Rückblick auf die Protestaktionen gegen das Ulrichsbergtreffen in den letzten Jahren und auf den Rückzug des Bundesheeres vom Ulrichsberg, der durchaus als Erfolg dieses Protests gegen die alljährliche Gedenkfeier verstanden werden kann.

 

Zusammenfassend liegt mit dem Sammelband des Arbeitskreises gegen den kärntner Konsens ein Buch vor, das nicht nur einen breit gefächerten Einblick in geschichtspolitische Traditionen in Kärnten/Koroška und Österreich beziehungsweise in widerständige Gedenktraditionen gibt, sondern auch ein gelungener Versuch ist, sich kritisch wissenschaftlich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und dabei die eigene politische Verortung in diesem Diskurs nicht im Sinne einer ohnehin unerreichbaren ,wissenschaftlichen Objektivität‘ zu verschleiern, sondern offen zu thematisieren.

 

Peter Larndorfer

 

 

Gedächtnis und Erinnerung.

Ein interdisziplinäres Handbuch

Christian Gudehus/Ariane Eichenberg/Harald Welzer (Hg.),

J.B. Metzler Verlag, Stuttgart 2010.

 

Wer schon einmal mit gedächtnistheoretischen Ansätzen gearbeitet hat, weiß um die schwierige Aufgabe begriffsscharfer Theoriebildung und um die Herausforderung, in der Weite des Feldes die eigene, fachspezifische Fragestellung stringent zu verfolgen. Das kürzlich erschienene Handbuch Gedächtnis und Erinnerung, herausgegeben von Christian Gudehus, Ariane Eichenberg und Harald Welzer, bietet vor allem notwendige Orientierungshilfen in einem Feld, dessen verlockende Interdisziplinarität nicht nur einen Segen darstellt. Dankbar ist man den HerausgeberInnen schon für ihre allerersten Worte: „Gedächtnis ist das System zur Aufnahme, Aufbewahrung und zum Abruf jeder Art von Information […] Erinnerung ist der Abrufvorgang dieser Informationen.“

 

Das mehr als 350 Seiten starke Handbuch beschreibt im ersten Teil neurologische und psychologische Grundlagen zur Erklärung der Funktionen des menschlichen Gedächtnisses und der Erinnerungsleistung. Das ist keine positivistische Engführung: denn wie gut begründet dargelegt wird, sind es natürlich die sozialen und kulturellen Erfahrungen, die unserem individuellen Gedächtnis seinen Rahmen geben. Das Gedächtnis wird hier sogar nicht innerhalb, sondern außerhalb des Individuums verortet. Dieser Ausgangspunkt hilft aber, eine geistes- und sozialwissenschaftliche Perspektive zu verstehen, wie gerade der kulturelle Entwicklungsprozess von Gedächtnis ganz eng mit Körperfunktionen und einer Evolutionslogik, so auch dem Selbsterhaltungstrieb, zusammenhängt. Auch wird hier – notwendigerweise innerhalb einer alternden Gesellschaft – die Rückbildung von Gedächtnisleistung behandelt.

 

Das zweite Kapitel dient der Begriffsklärung, unter anderem der vielstrapazierten Termini ‚kulturelles‘, ‚kommunikatives‘, und ‚kollektives‘ Gedächtnis. Im dritten Teil werden Medien des Gedächtnisses untersucht, wie Schrift, Orte, Literatur, Fotografie, Körper oder digitale Medien. In der von den HerausgeberInnen stark gemachten Perspektive der Tradierungsforschung erscheint auch die Rolle und Funktion solcher Medien des Erinnerns als prospektiv, also auf das Kommende gerichtet. Funktion und epistemischer Bezugspunkt von Erinnerung ist laut Harald Welzer nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft. Wenn das ernstgenommen wird, dann handelt es sich bei Gedächtnisleistungen insgesamt nicht so sehr um das Aktualisieren der Vergangenheit für eine wie auch immer geartete unmittelbare Gegenwart, sondern vor allem für die Zukunft – und damit spielen jene Normen, die sozialen und politischen Entwürfen zugrunde liegen, darin eine noch größere Rolle. Denn im Unterschied zur Gegenwart ist die Zukunft das tatsächlich Unbekannte und umso mehr ist sie der eigentliche Bezugspunkt unserer Ängste und der daraus resultierenden kulturellen und politischen Organisationsformen.

 

Neben diesem fruchtbaren theoretischen Grundzug, der sich auch in ausformulierten Forschungsdesideraten in den fachspezifischen Fragestellungen im letzten Kapitel des Buches niederschlägt, schafft es das Handbuch ebenfalls, stark wissenschaftlich ins Detail zu gehen. Es hilft dadurch, über die Vielzahl der Formen von Gedächtnis und Erinnerung – interdisziplinär, und doch fokussiert – aufzuklären.

 

Till Hilmar