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Ausgabe 1/12


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20 Jahre Gedenkdienst - 20 Jahre Verein GEDENKDIENST

Als 1992 in Österreich eine gesetzliche Grundlage für die Ableistung eines Zivilersatzdiensts geschaffen wurde und erstmals Zivis ins Ausland gingen, um Gedenkdienst zu leisten, begann ein Prozess der Veränderung: Die Erfahrungen, die diese jungen Männer während ihres Gedenkdiensts an unterschiedlichen Stellen in verschiedenen Ländern machten, regten viele dazu an, sich nach ihrer Rückkehr in Österreich gesellschaftspolitisch zu engagieren – nicht wenige entschieden sich auch zur Mitarbeit im Verein GEDENKDIENST. Dadurch entstand im Verein eine Dynamik, die entscheidend dazu beitrug, dass GEDENKDIENST den Vergangenheitsdiskurs in Österreich mitprägen konnte. Von Anfang an wurde der Verein GEDENKDIENST aber nicht nur von ehemaligen Gedenkdienstleistenden getragen und mitgestaltet, sondern auch von vielen Menschen, die durch verschiedene Beweggründe zum Verein fanden und die durch ihr Engagement – ihr Interesse, ihre Ideen, ihre Mitarbeit – richtungsweisende Schwerpunkte gesetzt haben.


So konnte sich der Verein GEDENKDIENST zu einem Teil der österreichischen Zivilgesellschaft entwickeln, der sich mit der Vergangenheit und den Kontinuitäten Österreichs in Bezug auf Nationalsozialismus und Holocaust auseinandersetzt: Ein politisches Engagement, das Aufklärungs- und Bildungsarbeit in den Vordergrund stellt und sich gegen Rassismus und Antisemitismus sowie für eine Stärkung der Minderheiten- und Menschenrechte einsetzt.


Mit dieser GEDENKDIENST-Ausgabe wollen wir an die Bestandsaufnahme von vor zehn Jahren anknüpfen1 und erneut eine Zwischenbilanz ziehen. Dabei lassen wir zahlreiche Menschen zu Wort kommen, die aus verschiedenen Perspektiven auf GEDENKDIENST blicken.


Bildungsarbeit, Gedenken, Wissenschaft, der schwierige Kampf um Gedenkdienst für Frauen: Die vielseitigen Betätigungsfelder des Vereins GEDENKDIENST


In den letzten Jahren hat GEDENKDIENST durch intensive Arbeit, Reflexion und Veränderung wissenschaftliche Diskussionen angeregt, politischen Aktionismus forciert sowie historisch-politische Bildungsarbeit und Gedenken in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit gestellt und war bemüht, den Austausch zwischen diesen Tätigkeitsbereichen anzuregen: GEDENKDIENST richtet seit jeher Tagungen zu wissenschaftlichen Themen sowie zu Fragen der Vermittlung aus, erarbeitet Ausstellungen, gibt seit 1998 die Zeitung GEDENKDIENST heraus, veranstaltet die monatlich stattfindende Vortragsreihe Geh Denken!, meldet sich in politischen Debatten zu Wort, bildet im Rahmen der Arbeitsgruppe Studienfahrten Guides aus, führt Studienfahrten durch und hat die Arbeitsgruppen DidaktikWerkstatt und GenderWerkstatt eingerichtet, die sich aus verschiedenen Blickwinkeln mit Bildungs- und Vermittlungsarbeit an Orten der NS-Verbrechen beschäftigen.

Viele der genannten Arbeitsbereiche werden in dieser Jubiläumsausgabe präsentiert.


Dass eine Vielzahl von Frauen die Vereinsarbeit mitträgt, ist nicht selbstverständlich. Einen staatlich geförderten Gedenkdienst können bis dato nur zivildienstpflichtige Männer leisten – es ist einfacher für eine Frau, Soldatin zu werden als Gedenkdienst zu leisten! Mit dem Gesetz zur Förderung von Freiwilligem Engagement dürfte schon bald eine gesetzliche Grundlage für einen Gedenkdienst für Frauen geschaffen werden. Finanzierung gibt es damit allerdings immer noch keine; die Leistung eines Gedenkdiensts wird also weiterhin nur in Form eines Zivilersatzdiensts staatlich gefördert.


Gedenkdienst, quo vadis?


Neben der kontinuierlichen Weiterentwicklung und Schärfung unserer inhaltlichen Schwerpunkte sehen wir in den kommenden Jahren altbekannten aber auch neuen Herausforderungen entgegen. Nach wie vor gleicht die finanzielle Situation Jahr für Jahr einer Zitterpartie: Auch zukünftig sind wir auf großzügige Unterstützung angewiesen, wie etwa durch die kostenlose Bereitstellung der Büroräumlichkeiten durch die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) und seit 2010 durch die Gewerkschaft vida.

 
Äußerst beunruhigt sind wir auch über die finanzielle Situation der Gedenkdienstleistenden: Seit 2006 gab es keine Anpassung der staatlichen Förderung an die Inflationsrate und im Vorjahr wurde die Förderung um zehn Prozent pro Kopf gekürzt (siehe GEDENKDIENST 3/10, S. 5 bzw. 4/10, S. 2). Dem nicht genug: wir wurden da rüber in Kenntnis gesetzt, dass der kommende Jahrgang 2012/2013 um weitere zehn Prozent weniger Förderung pro Kopf erhalten wird. Erhielt ein Gedenkdienstleistender bis letztes Jahr im Durchschnitt noch 800 Euro pro Monat als Bruttoleistung ausbezahlt, sind es im aktuellen Jahrgang nur noch 720 Euro. Der kommende Jahrgang wird durchschnittlich überhaupt nur noch 648 Euro pro Kopf an staatlicher Förderung monatlich erhalten! Davon müssen Sozialversicherungsbeiträge entrichtet werden – diese wurden übrigens nicht gekürzt und belaufen sich auf circa 90 Euro pro Monat und Person. Im Schnitt bleiben einem Gedenkdienstleistenden, der gesetzlich zu einer 40 Stunden-Woche verpflichtet ist, somit weniger als 560 Euro pro Monat, um damit sämtliche Unkosten wie An- und Abreise, Unterkunft, öffentliche Verkehrsmittel und Verpflegung zu berappen.

Gedenkdienstleistende werden außenpolitisch gerne als Aushängeschilder einer ‚neuen Generation‘ hochgehalten. Gleichzeitig werden sie mit zynischen, geradezu brutalen Kürzungsmaßnahmen konfrontiert. Durch den sukzessiven Entzug staatlicher Mittel bedeutet Gedenkdienst zu leisten mehr und mehr unter prekären Bedingungen leben zu müssen – 2011 betrug die Mindestsicherung in Österreich 752,94 Euro (Quelle: www.arbeiterkammer.at) –, Gedenkdienstleistende erhalten künftig Lebenshaltungskosten in Höhe von 560 Euro! Nicht zuletzt ist das eine respektlose Verhöhnung der Idee des Gedenkdiensts. Liegt dies wirklich im Interesse der Republik Österreich? Für weibliche Gedenkdienstleistende existiert, wie bereits erwähnt, überhaupt kein staatliches Förderungsmodell. Derzeit können wir Frauen nur nach Maß gabe der Spenden für den Geschwister-Mezei-Fonds entsenden, dabei orientieren sich die Auszahlungen – im Sinne einer weitestgehenden Gleichbehandlung – an jenen der Männer.

Der Jahrgang 2012/13 wird der erste seit 2008/09 sein, in dem keine Frau vertreten sein wird. Weder war es möglich, Fördergelder zu lukrieren, noch sahen wir uns selbst in der Lage die Kosten zu tragen.

Wir fragen uns, warum Gedenkdienst zu einem gesellschaftlichen Elitenprojekt verkommen muss: Denn wäre es nach 20 Jahren nicht an der Zeit, jungen Menschen eine kritische Beschäftigung mit der gesellschaftlichen Vergangenheit zu ermöglichen, ohne dass jene ihre Ersparnisse anbrechen und Schulden aufnehmen müssen? Und wäre es nach 20 Jahren nicht angebracht, auch den Trägerorganisationen von staatlicher Seite her zu garantieren, dass sie auch in nächster Zeit ihre Telefonrechnung bezahlen können ohne Spenden sammeln zu müssen?

Als Zivilersatzdienst hat Gedenkdienst seinen Anfang genommen. Das immer noch im Gesetz verankerte Konzept, nach dem wehrtaugliche Männer rekrutiert werden, um als außenpolitische Visitenkarte zu dienen, ist längst überholt. ‚Gedenkdienst‘ ist gelebte Erinnerungskultur unserer Gesellschaft. In der Diskussion um die Abschaffung der Wehrpflicht ist Gedenkdienst außer Streit zu stellen. Auch nach dem Verstummen der Erfahrungsgeneration erlischt die politische Verantwortung der Aufarbeitung, des Gedenkens und der Vermittlung also nicht. Gedenkdienst abzuschaffen wäre nicht nur außen- und innenpolitisch, sondern auch erinnerungspolitisch ein Skandal!


Es bleibt uns an dieser Stelle noch, unseren Dank auszudrücken. Vieles hätten wir nicht erreichen können ohne zahlreiche Personen und Institutionen, die uns unterstützt haben und mit uns Kooperationen eingegangen sind. Wir freuen uns, dass einige von ihnen diese Jubiläumsausgabe mit Grußworten bereichern. So sehr GEDENKDIENST auch auf ehrenamtlicher und kostenneutraler Basis organisiert ist, viele Projekte wären ohne finanzielle Unterstützung nicht durchführbar gewesen. Hierfür standen uns in den letzten Jahren besonders der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, der Zukunftsfonds der Republik Österreich sowie die Stadt Wien zur Seite.

Unser Dank gilt zu guter Letzt allen ehemaligen Gedenkdienstleistenden – ob Zivilersatzdienstleistende, Geschwister-Mezei-Fonds- oder EVS-Freiwillige –, den ehemaligen Vorstandsmitgliedern, den Freiwilligen im Vereinsbüro, den Vereinsmitgliedern und allen weiteren Personen, die mitgearbeitet haben. GEDENKDIENST hat es in den 20 Jahren seines
Bestehens dank eures Engagements geschafft, über den gesetzlich definierten Rahmen des Zivilersatzdiensts hinaus die Idee des ‚Gedenkdiensts‘ weiterzudenken und in vielerlei Hinsicht auszubauen: seit 1992 und bis heute leisten Zivis in aller Welt Gedenkdienst – der Verein GEDENKDIENST hat darüber hinaus den österreichischen Diskurs über Nationalsozialismus und Holocaust geprägt und wird dies auch in Zukunft anstreben.

 

 

Der Vorstand und die Geschäftsführung des Vereins GEDENKDIENST:

Johannes Breit, Linda Erker, Tobias Haider, Olivia Kaiser-Dolidze, Johann Kirchknopf, Matthias Kopp, Lukas Meißel, Nikolai Moser, Magdalena Neumüller, Isabella Riedl, Philipp Rohrbach, Adina Seeger, Philipp Selim, Adalbert Wagner