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Ausgabe 1/12


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Grußworte

Brigitte Bailer

Wissenschafltiche Leiterin des Dokumentationsarchivs des Österreichischen Widerstands (DÖW)

 

Die Gründung des Gedenkdiensts vor 20 Jahren fiel in jenen Zeitraum, in dem in Österreich erstmals von offizieller Seite eine Mitverantwortung von Österreichern und Österreicherinnen an den Verbrechen des Nationalsozialismus eingestanden wurde. Dieser Zeitraum markierte auch die verstärkte Hinwendung der österreichischen Zeitgeschichte zur Erforschung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen. Wenig später begann das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) mit der Arbeit an der Namentlichen Erfassung der österreichischen Holocaustopfer. Die daraus entstandene Datenbank umfasst derzeit mehr als 63.000 der vermutlich ungefähr 66.000 Opfer. Diese Namen und die gleichzeitig erfolgte Recherche zu Todesorten der als Juden und Jüdinnen verfolgten Österreicher und Österreicherinnen stellen – wie auch die Ergebnisse anderer Projekte des DÖW – die Basis für zahlreiche seit damals entstandene Gedenkprojekte dar.

 

Die Suche nach den Namen der Holocaustopfer sowie die verstärkte Hinwendung zu Erinnerungsarbeit entsprachen gleichzeitig einem internationalen Trend. 1998 wurde die Task Force for Internationel Cooperation on Holocaust Education, Remembrance, and Research gegründet, im selben Jahr beging Österreich erstmals den Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus, der mit dem 5. Mai, dem Tag der Befreiung des KZ Mauthausen, festgesetzt wurde. Der Jahrestag der Befreiung des KZ Auschwitz, der 27. Jänner, markiert einen internationalen Holocaustgedenktag. Solche festgelegten Tage des Gedenkens geben einer breiten Öffentlichkeit und den Medien verstärkt die Möglichkeit, sich mit der Geschichte der nationalsozialistischen Verbrechen auseinanderzusetzen.

 

Gedenken muss von Respekt gegenüber den Opfern und deren Leid ebenso gekennzeichnet sein wie von dem Bemühen, aus der Geschichte Lehren zu ziehen – und sei es nur das Bewusstsein, zu welchen unvorstellbaren Verbrechen Menschen in der Lage sind, woraus das mahnende ‚Niemals wieder‘ der Überlebenden als Warnung vor Wiederholungen resultierte.

 

Diese Funktionen erfüllt der Verein GEDENKDIENST in beispielgebender Weise – die jungen Männer und Frauen leisten Gedenkarbeit im besten Sinne des Wortes. Dass dies kein leeres, vielleicht sogar ‚schickes‘ Engagement ist, zeigt sich daran, wie viele ehemalige Gedenkdienstleistende in zeithistorischen Bereichen, beziehungsweise in der Arbeit gegen Rassismus anzutreffen sind. Sie alle nahmen und nehmen aus ihrem Gedenkdienst Erfahrung, Wissen und Interesse mit, das sie anders wohl kaum in der Art hätten erwerben können. Für Organisationen wie das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes ist der Verein GEDENKDIENST verlässlicher Partner und Unterstützer der eigenen Bemühungen um Jugendarbeit oder in der Vermittlungsarbeit. Das DÖW ist seit seiner Gründung der politischen Pluralität verpflichtet, Opfer und GegnerInnen des Nationalsozialismus kamen aus allen politischen Bereichen – von ganz links über konservativ bis hin zu monarchistisch. Die Achtung vor all diesen Opfern und Widerständigen verbietet jede politisch-ideologische Engführung. In diesem Sinne wünsche ich dem GEDENKDIENST noch viele Jahre erfolgreiche Arbeit im Sinne unseres gemeinsamen Anliegens.

 

 

 

 

Emil Brix

Botschafter der Republik Österreich im Vereinigten Königreich Großbritannien und Nordirland

 

Darf man sich über das Jubiläum des Gedenkdiensts freuen, auch wenn mit diesem Dienst in Österreich etwas Gutes später eingeführt wurde als in anderen Staaten? Ich denke schon, aber man sollte auch daran denken, wie mühsam in Österreich gesellschaftlicher Wandel zu erreichen ist und dass die österreichische Gesellschaft sich mit der Diskussion über moralische Verantwortung sehr lange schwergetan hat.

                                     
Der Gedenkdienst junger Österreicher an Holocaustgedenkstätten und Dokumentations- sowie Forschungseinrichtungen im
Ausland zählt für mich zu den wertvollsten Initiativen der letzten Jahrzehnte, die geeignet sind, das weltweite Ansehen Österreichs zu verbessern. Am Anfang des Projekts stand eine private Initiative, die von der Republik Österreich mit der Anerkennung der Jugendlichen als Zivilersatzdiener aufgegriffen wurde. Ich weiß aus vielen Gesprächen mit den Verantwortlichen
der ausländischen Gastinstitutionen, wie sehr die Arbeit der ,Auslandsdiener‘ geschätzt wird, und dies nicht nur, weil diese Einrichtungen damit eine zusätzliche Arbeitskraft gewinnen. Oft ist es an den Einsatzorten ein Lernprozess, der zeigt, dass eine junge Generation in Österreich einen Beitrag dazu leisten möchte, dass wir aus Fehlern der Geschichte lernen. Und es ist wohl immer auch ein persönlicher Lernprozess für die Gedenkdienstleistenden, den sie später in Österreich weitergeben können. Daher verdient diese Initiative und all ihre drei Trägerorganisationen, dass sie vom Staat als das anerkannt werden, was sie sind: ein unverzichtbarer Bestandteil eines gesellschaftlichen Lernprozesses, für den die Republik Österreich dankbar sein muss.

 

 

 

 

Raimund Fastenbauer

Generalsekretär Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG)

 

Gerade die Ereignisse um den 27. Jänner 2012, den Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, der von den Vereinten Nationen zum internationalen Gedenktag erhoben wurde und das letztmalige Abhalten des WKR-Balls in der Hofburg zeigen, dass bedauerlicherweise bis dato rechtsextremes, deutschtümlerisches Gedankengut bis weit in den gesellschaftlichen Mainstream hinein akzeptabel ist.


Der Verein GEDENKDIENST hat in der Vergangenheit, gemeinsam mit den anderen Trägerorganisationen für Gedenkdienst, eine wertvolle, unersetzliche Gedenkarbeit geleistet, die auch eine klare Positionierung hinsichtlich Antisemitismus und Geschichtsrevisionismus in der Gegenwart inkludierte. Wir sind sicher, dass der Verein GEDENKDIENST seine Tätigkeit in diesem Sinne fortsetzen wird und wünschen ihm dafür viel Erfolg. Er kann dabei selbstverständlich auf die Unterstützung der Israelitischen Kultusgemeinde zählen.

 

 

 

 

Rudolf Kaske

Vorsitzender der Gewerkschaft vida

 

Die Arbeit des Vereins GEDENKDIENST dient der Erinnerung und gleichzeitig der Bewusstseinsbildung. Als Brückenschlag zwischen der Vergangenheit und dem heutigen demokratischen Österreich sollen der Verein und seine Tätigkeit auch als Mahnmal für Entwicklungen jetzt und in der Zukunft dienen. Denn Zivilcourage ist nicht nur ein Schlagwort, sondern aktueller und notwendiger denn je – und hat in keiner Weise an Bedeutung verloren. Berichte über Diskriminierung, Ausgrenzung und rassistisch motivierte Gewalt gegen Menschen mit Migrationshintergrund, gegen Menschen, die anders sind oder anders denken als die Mehrheit, sind fast täglich in den Medien zu finden und begegnen uns in verschiedenster Ausprägung im täglichen Leben.


Besonders hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die wichtigen Initiativen in der Jugendarbeit, in denen derVerein besonders aktiv ist: Das Engagement des Vereins GEDENKDIENST im Bereich der historisch-politischen Bildungsarbeit und die intensive Beschäftigung mit den Themen Nationalsozialismus, NS-Verbrechen und Holocaust-Gedenken sowie Rassismus, Antisemitismus, Menschen- und Minderheitenrechte haben nicht an Brisanz und Aktualität verloren. Man denke nur an die unlängst aufgedeckten Neonazi-Attentate und -Morde in Deutschland, denen zahlreiche MigrantInnen zum Opfer gefallen sind, an das durch eine nazistische Ideologie motivierte Massaker in Norwegen oder andere rassistische Geschehen weltweit.


Als Arbeitnehmervertretung gilt der historisch-politischen Bildung von Lehrlingen unsere spezielle Aufmerksamkeit. Rassismus und Diskriminierung lassen sich nicht von heute auf morgen aus der Welt schaffen. Mit Aufklärung, Bewusstseinsbildung und Solidarität lässt sich jedoch viel erreichen: wenn Menschen hinsehen, Dritte helfend eingreifen und Opfer nicht ohnmächtig bleiben. Es lohnt sich daher, das Gedenken der Opfer der Verbrechen des NS-Regimes und auch die engagierte antifaschistische sowie antirassistische Arbeit mit jungen Menschen zu fördern.


Die Gewerkschaft vida bekennt sich zu den Grundsätzen und umfangreichen Tätigkeiten von GEDENKDIENST. Es freut uns sehr, dass wir über die Möglichkeit verfügen, dem Verein Räumlichkeiten in der Margaretenstraße im fünften Wiener Gemeindebezirk zur Verfügung zu stellen und somit die historisch-politische Bildungsarbeit und den internationalen Dialog als wichtige und wertvolle Initiative im Dienste des Friedens und der Völkerverständigung zu unterstützen und zu fördern.

 

 

 

 

Hannah M. Lessing

Generalsekretärin des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus und des Allgemeinen Entschädigungsfonds

 

Der Verein GEDENKDIENST begeht heuer den 20. Jahrestag seines Bestehens.


Als er 1992 gegründet wurde, steckte in Österreich der kritische Umgang mit seiner nationalsozialistischen Vergangenheit gleichsam noch in den Kinderschuhen: Es war gerade erst ein Jahr vergangen, seit im Juli 1991 mit Franz Vranitzky erstmals ein österreichischer Bundeskanzler die Mitverantwortung Österreichs an den Verbrechen des Nationalsozialismus offiziell einbekannt hatte. In weiten Teilen der österreichischen Bevölkerung jedoch war damals die historische Selbstwahrnehmung noch eine andere – viele sahen Österreich weiterhin als, wie es die Moskauer Deklaration von 1943 formul ier t hat te, „the f irst free country to fall a victim to Hitlerite aggression“, als das erste Opfer Hitlers.


Vor diesem Hintergrund war die Arbeit des neu gegründeten Vereins GEDENKDIENST – ganz im Geiste einer offenen Gedächtniskultur und im Bekenntnis zur Mitverantwortung – nicht einfach. Auch der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, der während dieser Ära des Aufbruchs zu einem neuen österreichischen Selbstverständnis eingerichtet wurde, war bei der Wahrnehmung seiner Aufgaben mit den Nachwehen der so lange unhinterfragten Opferthese konfrontiert. Seit den Anfangsjahren verbindet beide, den Verein GEDENKDIENST und den Nationalfonds, die gemeinsame Zielsetzung – einzutreten gegen das Verdrängen und Vergessen und anzuregen zu einem beständigen Lernen aus der Geschichte – ein Prozess, der nicht abgeschlossen ist: bis heute wirkt die Vergangenheit in der Gesellschaft der Gegenwart fort.


Der Nationalfonds ist deshalb immer wieder froh, die ausgezeichneten Projekte des Vereins GEDENKDIENST zu unterstützen und zu begleiten, seien es nun Publikationen, Veranstaltungen oder die Studienfahrten zu Erinnerungsorten wie Auschwitz oder Theresienstadt.


Wenn immer mehr Zeitzeuginnen und Zeitzeugen verstummen, wächst die Bedeutung von Gedenkstätten als Erinnerungsorte, die Geschichte gerade für die jungen Generationen in besonderer Weise erfahrbar und verständlich machen.


Erst letztes Jahr hat der Verein GEDENKDIENST mit der Konferenz Diesseits und jenseits des Holocaust. Aus der Geschichte lernen in Gedenkstätten. ein wichtiges, zukunftsweisendes Projekt zur Geschichtsvermittlung an Gedenkstätten realisiert. Die Tagung bot eine Plattform für alle, die an der Entwicklung von zeitgemäßen Ausdrucksformen für die Vermittlung von historischem Wissen mitwirken.


Erinnerungsarbeit ist niemals leicht – sie ist ein Prozess, den jede Generation auf’s Neue für sich bewältigen muss. Gerade in Zeiten, in denen nationalsozialistisches Gedankengut in Österreich wie auch in Europa wieder an Boden zu gewinnen droht, ist lebendiges Engagement für politische Bildung umso wichtiger. Der Verein GEDENKDIENST leistet dabei bis heute einen unverzichtbaren Beitrag, der aus der österreichischen Gedächtnislandschaft nicht mehr wegzudenken ist.

 

 

 

 

Willi Mernyi

Vorsitzender des Mauthausen Komitees Österreich (MKÖ)

 

20 Jahre gibt es den GEDENKDIENST? Hätte ich nie geglaubt. 20 Jahre und immer noch voller Energie. Gratulation!


Das Bestehen einer Organisation ist für mich persönlich eigentlich noch kein triftiger Grund zum Feiern. Wirklich spannend ist es, wenn eine Organisation nicht nur feiert, dass es sie immer noch gibt, sondern, dass sie immer noch mit so viel Kraft und Erfolg tätig ist. Und das, liebe Freundinnen und Freunde vom GEDENKDIENST, ist der Grund, weshalb es wirklich etwas zu feiern gibt. Ich kenne kaum eine andere Organisation, mit der wir so verbunden, solidarisch und vertrauensvoll gemeinsam Aktivitäten durchführen wie mit dem Verein GEDENKDIENST.


In den letzten Jahren, ob das mit eurem ehemaligen Vorsitzenden Florian Wenninger oder jetzt mit Adalbert Wagner ist, hatte ich immer nicht nur ein professionelles, sondern auch ein freundschaftliches Verhältnis, geprägt von gegenseitigem Respekt und Vertrauen. So lässt sich erfolgreich arbeiten.


Ich wünsche uns, dass wir genauso solidarisch wie in den letzten Jahren auch in den nächsten Jahren agieren. Nein, das wünsche ich mir nicht, das weiß ich!

 

 

 

 

Oliver Rathkolb

Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte der Universität Wien

 

Der seit 1992 aktive Verein GEDENKDIENST hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten zu einer ganz wichtigen, international wirksamen geschichtspolitischen Institution entwickelt. Rund 20 junge Männer und inzwischen auch einige Frauen werden jährlich in die ganze Welt geschickt, um an Erinnerungsorten der nationalsozialistischen Gräuel sowie an wissenschaftlichen Forschungsinstitutionen zum Holocaust oder in jüdischen Altenwohnheimen Gedenkdienst zu leisten. Die Bedeutung dieser Arbeit habe ich selbst immer wieder, beispielsweise in den USA oder im baltischen Raum, kennengelernt. Ich hoffe daher sehr, dass diese Aktivitäten in den nächsten Jahren ohne größere Einschnitte fortgesetzt werden können.


Zunehmend, und hier gibt es zum Beispiel in den letzten Jahren eine wesentlich intensivere Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, werden Aktivitäten in Österreich selbst gesetzt, die sich einerseits mit historisch-politischer Bildung befassen und andererseits die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Fragen der österreichischen TäterInnenschaft und Verantwortung nie aus dem Auge verlieren und vorantreiben.


Diese beiden demokratiepolitischen Aufgaben, die von den ehrenamtlichen MitarbeiterInnen des Vereins GEDENKDIENST wahrgenommen werden, sind gerade vor dem Hintergrund der aktuellen rechtspopulistischen bis rechtsextremen öffentlichen Diskussionen in Österreich besonders wichtig. Ich hoffe, dass die enge Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte, gerade auch durch persönliche Verbindungen im MitarbeiterInnenbereich, wie zuletzt bei der Organisation einer Ausstellung zum Thema Euthanasie im Burgenland gemeinsam mit der Fachbereichsbibliothek Zeitgeschichte und Osteuropäische Geschichte, vertieft und ausgeweitet wird.


Obwohl der Verein GEDENKDIENST inzwischen über eine beachtliche und durchaus anerkennenswerte Bilanz verfügt, sollte aber mit Blick auf die Zukunft eine stärkere und solide Verankerung angedacht werden, insbesondere vor dem Hintergrund der Diskussionen zur Abschaffung der Wehrpflicht und der damit verbundenen Auswirkungen auf den Zivildienst. In diesem Sinne wünsche ich dem Verein GEDENKDIENST für die nächsten Dekaden eine weiterhin so erfolgreiche Tätigkeit und hoffe, dass der Verein stärker als in den letzten Jahren von öffentlichen Einrichtungen und der sogenannten Zivilgesellschaft unterstützt wird – nicht nur mit Worten, sondern auch mit den notwendigen materiellen Mitteln.

 

 

 

 

Kurt Scholz

Vorsitzender des Zukunftsfonds der Republik Österreich

 

Die Gedenkdiener ins Parlament.


Jugend stört. Sie ist anders, und sie drängt nach. Aus diesem Grund haben Erwachsene zwei Barrieren gegen sie errichtet: Jene der Vorurteile und die der Bildungseinrichtungen. Ein Zyniker hat die Schule einmal „die organisierte Verteidigung der Welt der Erwachsenen gegen die Jugend“ genannt, aber schwerer als die Hürde der Schule ist jene der Vorurteile. Rücksichtslos seien die Jungen, hedonistisch und politisch desinteressiert. So lautet das Ressentiment vieler Erwachsener. Und wie so oft werden
Einzelfälle generalisiert, um eine Generation an den Pranger zu stellen.


Die Therapie dieser negativen Vorurteile kann nur in einer Erweiterung des Horizonts liegen. Mein Vorschlag lautet: Schauen wir nicht auf die Schnösel, blicken wir auf die Gedenkdiener! Von denen kann man lernen: es sind Persönlichkeiten mit Idealismus, Intellekt und Engagement. Sie arbeiten in gesellschaftlichen Spannungsfeldern – meistens solchen, um die viele Erwachsene einen Bogen machen. Es sind junge Menschen, die ihre Arbeit größtenteils selbst organisieren, mit minimalen Mitteln auskommen und persönliche Opfer bringen. Parlamentarierinnen und Parlamentarier bekommen nach einigen Jahren Orden und Ehrenzeichen. Ehrenzeichen für Gedenkdiener wurden noch nicht erfunden.


Mein Bild von den Gedenkdienern ist positiv. Ich habe mit ihnen im Ausland und in Österreich immer wieder diskutiert. Die Gespräche zählten zu den feinsten, die man in diesem Land führen kann. Die Gedenkdiener sind, ob sie es hören wollen oder nicht, eine Elite. Eine der Leistung, nicht der Abstammung: eine, auf die das Land stolz sein sollte. Österreich wäre ohne seine Gedenkdiener ärmer. Daher sollten wir mehr für sie tun. Sie sind ein Gradmesser des Guten, das in den Menschen steckt.


Einmal im Jahr sollte man die Gedenkdiener in alle gesetzgebenden Körperschaften einladen und reden lassen. Die Politik könnte lernen. Und vielleicht würde dann das Geschwätz von der angeblich so schwierigen Jugend endlich verstummen.

 

 

 

 

Kurt Sonnenfeld

Überlebender der NS-Verfolgungspolitik

 

It gives me great pleasure to congratulate the Gedenkdienst on its 20th anniversary and to thank it for its most effective services. The work and the positive results, which the participating young men and women achieved, helped so much in many ways. They assisted the people they interviewed to deal with the past and to document their experiences during the very hard and often ugly events of past periods. Thus, they helped create an important historical record which will last for future times.


 
I have met quite a few of the Gedenkdieners and found that they give of themselves so intelligently and feelingly when they deal with people in their work. I have observed them in New York at the Stammtisch, a group of German-speaking people who meet weekly, where there is oppotunity to mingle with people of different age, different backgrounds and different pasts and it is always a pleasure to have the Gedenkdieners among us. It is always exciting when they come back to the Stammtisch after their Gedenkdienst has ended.

 
The Gedenkdienst has proven so valuable since it contributed in so many ways during its twenty years. May it continue and grow for many years to come.


 
Dr. Kurt Sonnenfeld 
wurde am 15. August 1925 in Wien geboren. Er floh 1938 über die Schweiz und Frankreich in die Vereinigten Staaten von Amerika, wo er unter anderem in Sozialarbeit promovierte. Dr. Sonnenfeld wohnt zurzeit in Queens, New York.

 

 

 

 

Heidemarie Uhl

Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW)

 

Die Einrichtung des Gedenkdiensts im Jahr 1992 steht im Kontext eines Generationenwechsels: In den 1980er Jahren begann sich die „generation of memory“ (Jay Winter) zu formieren und öffentlich sichtbar zu werden, und zwar auf zweifache Weise: durch Kritik an der Ausblendung des Nationalsozialismus aus dem kollektiven Gedächtnis einerseits, durch neue Formen des Erinnerns an die vielfach ‚vergessenen‘ Opfer des NS-Regimes andererseits. Diese neue Erinnerungskultur beschränkte sich nicht auf die historischen ‚Tätergesellschaften‘ Deutschland und Österreich, sondern ist ein europäisches Phänomen. Der Kampf gegen die Instanzen der Verdrängung führte in vielen europäischen Ländern zu gesellschaftlichen Grundsatzdiskussionen, das Gedenken an die Opfer wurde zum moralischen Imperativ des ausgehenden 20. Jahrhunderts. Die Denkmäler und Gedenkstätten für die Opfer des
Holocaust, die in den letzten Jahrzehnten errichtet wurden, verweisen auf die soziale Energie, von der die Erinnerung an den „Zivilisationsbruch Auschwitz“ (Dan Diner) gespeist ist – der Gedenkdienst ist in Österreich zu einem Motor dieses Prozesses geworden.


Heute, mehr als drei Jahrzehnte nach der heißen Phase des „Kampfs um die europäische Erinnerung“ (Claus Leggewie), ist geschichtspolitisches Engagement mit neuen Herausforderungen konfrontiert: die Erinnerung an den Holocaust wird nicht mehr primär durch Verdrängen und Verschweigen, sondern durch den Verlust an Relevanz bedroht. Wir befinden uns aneiner entscheidenden Generationenschwelle: dem absehbaren Verstummen der ZeitzeugInnen des Holocaust. Der Historiker Tony Judt hat 60 Jahre nach der Befreiung vom Nationalsozialismus appelliert: „Wenn Europas Vergangenheit seiner Gegenwart auch weiterhin als Mahnung und moralische Zielvorgabe dienen soll, muss sie jeder Generation erneut vermittelt werden.“1


Die jungen Frauen und Männer, die sich entscheiden, Gedenkdienst zu leisten, gehören zum Hoffnungspotential einer europäischen Erinnerungskultur, in der der Holocaust nicht verblasst oder in hohlen Ritualen erstarrt. Sie zeigen durch ihr Engagement und durch ihre Präsenz in den unterschiedlichen Einrichtungen, in die der Verein GEDENKDIENST junge Menschen aus Österreich entsendet, dass ihre Generation den Auftrag übernimmt, die Erinnerung an das schlimmste Verbrechen in der Geschichte Europas lebendig zu erhal ten und weiterzutragen.

 

1 Tony Judt, Geschichte Europas von 1945 bis zur
Gegenwart, München/Wien 2006, 966.