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Ausgabe 1/12


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Weiterhin "Jenseits des Schlussstrichs"

Wandlung und Entwicklung des Vereins GEDENKDIENST in den vergangenen 20 Jahren

 

Gedenkdienst als Zivilersatzdienst leisten zu können war vor 20 Jahren eine kleine Sensation. Aber es passte zum Beginn der 1990er Jahre, nachdem sich Österreich ein knappes Jahrzehnt zuvor mit seiner NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen begonnen hatte. Die Wissenschaft legte damals bahnbrechende Arbeiten vor – wie Ich bin dafür die Sache in die Länge zu ziehen, 1988 herausgegeben von Robert Knight oder Wiedergutmachung kein Thema von Brigitte Bailer (1993) – und plante Projekte wie die Namentliche Erfassung der österreichischen Holocaust-Opfer. Das offizielle Österreich bekannte sich damals spät, aber doch zur „moralischen Mitverantwortung“ (wie es der damalige Bundeskanzler Franz Vranitzky 1991 im Nationalrat formulierte). Meilensteine folgten: der Nationalfonds 1995, die Historikerkommission 1998, der Versöhnungsfonds 2000, das Washingtoner Abkommen 2001 und in Folge die Etablierung des Allgemeinen Entschädigungsfonds sowie der Beschluss zum Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus 1997, der ab 1998 jährlich am 5. Mai begangen wurde. Im Sog dieses Aufbruchs entstanden eine Vielzahl lokaler Gedenkinitiativen mit regionalgeschichtlicher Ausrichtung, die sich mit den bestehenden Institutionen vernetzten: das, was wir heute Gedenklandschaft nennen, entstand.


Heute herrscht im offiziellen Österreich Konsens darüber, dass die Erinnerung an den Nationalsozialismus für unsere Gesellschaft unumgänglich ist und dass wir daraus für unser heutiges Leben wichtige Lehren ziehen können. Diese Auseinandersetzung verdeutlicht uns nicht nur historische Fakten, sondern lässt uns das Land, in dem wir leben, besser verstehen. Es bedeutet, Perspektiven für ein Miteinander, heute und in Zukunft, zu entwickeln. In erster Linie aber dient die Erinnerung dem Gedenken der Opfer und fungiert als Bekenntnis, dass die Geschichten der Opfer heute zumindest gleichberechtigt neben denen der MitläuferInnen und Täter erzählt werden und so in das Bewusstsein der Nachkommen aller Eingang finden.


Dem offiziellen Konsens folgen weite Teile der Bevölkerung allerdings nicht. Und genau in das Spannungsfeld zwischen offiziell Erwünschtem1 und weithin nicht Praktiziertem2 fällt mithin die Aufgabe historisch-politischer Bildungsarbeit. Diese leidet oftmals an mangelnden Ressourcen, fehlendem historischen Wissen der Teilnehmenden und nicht selten schlechter Vorbereitung. Trotz dieser Widrigkeiten ist sie wichtig, denn ihr Ziel ist nichts Geringeres, als Jugendliche und Erwachsene zum Nachdenken anzuregen, darüber, wo und in welcher Form Ausgrenzung heute stattfindet, wo Rassismus den Diskurs dominiert und wo Rechtsextremismus auch noch heute Platz hat.


Gedenken in Österreich – Entstehung und Etablierung einer neuen Struktur


Die Gedenklandschaft in Österreich ist nach wie vor überschaubar. Das liegt nicht zuletzt an den stark beschränkten finanziellen Möglichkeiten. Um einen groben Überblick ohne Anspruch auf Vollständigkeit (und in willkürlicher Reihenfolge) zu geben, sind folgende AkteurInnen im Feld zu nennen3: Der Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus/Allgemeiner Entschädigungsfonds für Opfer des Nationalsozialismus (beispielsweise über die Vergabe von Projektmitteln und als Koordinationsstelle der Neugestaltung der österreichischen Gedenkstätte im Museum Auschwitz-Birkenau), der Verein Nationalsozialismus und Holocaust: Gedächtnis und Gegenwart,kurz erinnern.at (Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur), das Mauthausen Memorial (Bundesministerium für Inneres), das Bundesministerium für europäische und internationale Angelegenheiten sowie Gedenkstätten und Museen (z. B. Zeitgeschichte Museum & KZ-Gedenkstätte Ebensee, Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim und die jüdischen Museen in Wien, Hohenems und Eisenstadt) wie auch regionale Initiativen und Projekte. Gerade letztere tragen die Auseinandersetzung über Ausstellungen, Gedenktafeln und Mahnmale4 in die einzelnen Orte und Regionen Österreichs. In diesem Zusammenhang ist auf das Mauthausen Komitee Österreich (MKÖ) und seine vielen regionalen Initiativen zu verweisen, die hier oftmals Pionierarbeit leisteten und nach wie vor leisten. Bundesweit bietet das MKÖ eine Vielzahl von Bildungsangeboten. Das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), als vermutlich erste Institution der österreichischen Gedenklandschaft, hat ein umfangreiches Aufgabengebiet – Forschung, Archiv und Vermittlung –, betreut zwei Ausstellungen (darunter die einzige Überblicksausstellung zum Nationalsozialismus in Österreich) und sammelt die Namen der österreichischen politischen Opfer sowie der Opfer des Holocaust. Im wissenschaftlichen Bereich sind die österreichweiten zeitgeschichtlichen Institute zu nennen sowie die einschlägigen Archive. Auf internationaler Ebene ist die österreichische Delegation bei der Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance, and Research (ITF) hervorzuheben.


Gedenkdienst nimmt seit nunmehr 20 Jahren einen fixen Platz innerhalb dieser Gedenklandschaft ein. Gegründet vom Anstoßgeber der gesetzlichen Verankerung von Gedenkdienst als Zivilersatzdienst, Andreas Maislinger, und als erster Verein seiner Art in Österreich (dem bisher zwei weitere folgten), konnte sich der Verein GEDENKDIENST rasch in dieser Landschaft etablieren.


GEDENKDIENST positioniert sich


Am Beginn stand die Organisation qualitativ anspruchsvoller Tagungen als Schnittstelle zwischen Wissenschaft und interessierter (Vereins-)Öffentlichkeit im Vordergrund. Während diese in den 1990er Jahren vom Verein alleine gestaltet wurden und immer im Bildungshaus St. Virgil in Salzburg stattfanden, entwickelte sich in den vergangenen zehn Jahren ein immer breiteres Spektrum an Kooperationen – zuletzt mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien und der Österreichischen HochschülerInnenschaft an der Universität Wien (ÖH). Diese Bindung an Institutionen ist begrüßenswert, führt sie doch zu einer stärkeren Verankerung und Wahrnehmung des Vereins im Feld. Thematisch standen, um nur einige zu nennen, Schwerpunkte wie NS-Medizin (2001), Jüdischer Widerstand (1998), Entschädigungsleistungen (1999) oder Wehrmachtsjustiz (2009) im Mittelpunkt. Aspekte des Lernens über den Nationalsozialismus wurden immer wieder debattiert: die erste Tagung 1994 widmete sich dem Thema Das Erbe des Holocaust, 2002 wurde dann das Vermächtnis des Holocaust diskutiert, schon 2000 stellte der Verein die Frage nach einem Gedenken ohne Zeitzeugen, 2008 und 2010 standen Aspekte der Erinnerung unter dem Titel Geschlecht & Erinnerung beziehungsweise Interkulturelle Erinnerung? im Mittelpunkt. GEDENKDIENST etablierte sich gerade mit derletzten Tagung Diesseits und jenseits des Holocaust. Aus der Geschichte lernen in Gedenkstätten. als wichtige Organisation der historisch-politischen Bildungsarbeit in Österreich. Dazu trägt auch der von Till Hilmar herausgegebene Band Ort, Subjekt, Verbrechen (Czernin, 2010) bei, der verschiedene Aspekte aus der Praxis der Vermittlungsarbeit versammelt. Die Publikation Jenseits des Schlussstrichs (Löcker, 2002) gab aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums einen Überblick über die Tätigkeiten und die Geschichte des Vereins. Weitere Schnittstellen bilden die Zeitung GEDENKDIENST, die Veranstaltungsreihe Geh Denken!, die verschiedenen Arbeitsgruppen des Vereins so-wie die Ausbildung von Guides für Studienfahrten.


All diese Arbeiten geschehen (fast) ausschließlich ehrenamtlich und freiwillig – und damit unbezahlt. Es ist notwendig, da nicht allgemein bekannt, dieses Faktum deutlich zu kommunizieren.


Erfreulich zu sehen ist, dass immer mehr Frauen im Verein mi tarbei ten. Während es in den 1990er Jahren einzelne Vorreiterinnen waren, die teils unter erheblichen Mühen Gedenkdienst leisteten und vor allem finanzierten, bildeten die EVS-Freiwilligen dann über Jahre hinweg die weibliche Seite von GEDENKDIENST. Mittlerweile ist der Verein aber so zugänglich und offen geworden, dass zahlreiche engagierte Frauen in vielen Arbeitsgruppen tätig sind. Heute ist der ursprüngliche ‚Männerbund Gedenk-dienst‘ passé. Ausdruck dieses Verständnisses ist auch der Geschwister-Mezei-Fonds, der Frauen Gedenkdienst ermöglichen möchte.


 
GEDENKDIENST heute – und in Zukunft?


Der Verein wandelte sich – gerade in den vergangenen fünf Jahren – stark. In den 1990er Jahren ging es darum, den Verein aufzubauen, inhaltlich auszurichten und Strukturen zu etablieren. Großer Dank gebührt den beiden Obmännern Sascha Kellner und Christian Klösch, die einen finanziell prekären Verein übernahmen und ihn in wenigen Jahren sanierten. Ab 2000 engagierte sich der Verein in der Protestbewegung gegen die schwarz-blaue Regierung und vertiefte seine Bildungsarbeit; allerdings war diese bis vor wenigen Jahren überwiegend als internes Programm für Gedenkdienstleistende gedacht. Das änderte sich mittlerweile, denn die historisch-politische Bildungsarbeit des vereinseigenen Projekts studienfahrten.at steht heute gleichberechtigt neben dem internen Auswahl- und Vorbereitungsprogramm. Florian Wenninger schaffte es als Obmann, zahlreiche Kooperationen längerfristig zu etablieren und den Verein in wichtigen Gremien des gesellschaftlichen und politischen Diskurses zu verankern. Der Verein GEDENKDIENST etablierte sich in den letzten Jahren als eine der wenigen Organisationen zu historisch-politischer Bildungsarbeit in Österreich. All das wurde in ehrenamtlicher Arbeit geschafft, wäre aber nie ohne die vielen PartnerInnen in den relevanten Institutionen möglich gewesen. Für die Zukunft muss der Verein daher auf Vernetzungsarbeit setzen, Kooperationen eingehen und die Arbeit auf politischer Ebene nochbesser präsentieren. Der Verein GEDENKDIENST kann – nebst seiner Kerntätigkeit als Gedenkdienst-Trägerorganisation – künftig eine wichtige Rolle in der historisch-politischen Bildungsarbeit übernehmen. Wesentlich dafür wird es sein, adäquate Angebote unterschiedlicher Niveaus zu schaffen, die die Grundsätze einer richtig verstandenen Bildungsarbeit5 umsetzen.

 

 

Susanne Roth

arbeitet seit 2004 in zeitgeschichtlichen Projekten und im Bereich Vergangenheitspolitik, war zwischen 2007 und 2009 im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST und betreut als Referentin in der Parlamentsdirektion ein Jugendprojekt im Vorfeld des Gedenktages gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

 

 

1  Vgl. dazu z. B. die Pressekonferenz von Bundeskanzler Werner Faymann und Bildungsministerin Claudia Schmied nach den Vorfällen in Ebensee 2009: http://www.bka.gv.at/site/cob__35107/currentpage__8/6589/default.aspx?wai=true (02.01.2012).


2  Vgl. dazu z. B. die Essener Studie Die unbequeme Vergangenheit. NS-Vergangenheit, Holocaust und die Schwierigkeiten des Erinnerns von Klaus Ahlheim und Bardo Heger. Ein Auszug aus einem Vortrag von Klaus Ahlheim zum Thema findet sich unter: http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/lernmaterial-unterricht/methodik-didaktik-1/Ahlheim,%20Wissen%20und%20Empathie%20in%20der%20historisch.pdf (04.01.2012).


3  Vgl. dazu die Übersicht von Elke Rajal in ihrer Diplomarbeit zu Holocaust Education in Österreich. http://othes.univie.
ac.at/9158/1/2010-04-05_0307509.pdf (12.12.2011).


4  Für eine detaillierte Übersicht und Projektbeschreibungen siehe die Zusammenstellung des Institut für historische Intervention (www.iehi.eu (03.01.2012)) bzw. die Linkliste des DÖW (www.doew.at (03.01.2012)).


5  Siehe dazu unter anderem: Florian Wenninger/Peter Larndorfer, Projektarbeit und externe Kooperationen in der historisch-politischen Bildungsarbeit mit Jugendlichen. Ein Werkstattbericht des Vereins Gedenkdienst, in: Dokumentationsarchiv des
österreichischen Widerstandes. Jahrbuch 2010. Schwerpunkt Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen, Wien 2010, 66-88 bzw. Andreas Peham/Elke Rajal, Erziehung wozu? Holocaust und Rechtsextremismus in der Schule, in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Jahr-buch 2010. Schwerpunkt Vermittlungsarbeit mit Jugendlichen und Erwachsenen, Wien 2010, 38-65.