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Ausgabe 1/12


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Gedenkdienst vor zehn Jahren und heute - eine Gegenüberstellung

Anne Frank Stichting in Amsterdam

Das Anne Frank Haus arbeitet seit Jahrzehnten daran, das Vermächtnis der Anne Frank und die Botschaften ihres Tagebuchs zu vermitteln. Seit beinahe zehn Jahren arbeiten aktuelle und ehemalige Gedenkdienstleistende aus Amsterdam auch im Rahmen des österreichischen Anne Frank Vereins in Ausstellungs- und Filmprojekten in Österreich und seinen Nachbarländern.

 

 

Fragen an Peter Hörburger

Gedenkdienstleistender im Jahrgang 2001/02

 

Hattest du einen 'typischen' Arbeitstag?

Einen typischen Arbeitstag in der internationalen Abteilung des Anne Frank Hauses gab es eigentlich nicht. Anfangs war ich noch regelmäßig mit der Einarbeitung in laufende Anne-Frank-Projekte und mit der Unterstützung des Abteilungsleiters Jan Erik Dubbelman beschäftigt. Schon sehr bald war ich regelmäßig in Ausstellungsprojekte für unterschiedliche Länder involviert und arbeitete von Amsterdam aus zuerst projektvorbereitend und später als Assistenz bei Projektumsetzungen unter anderem in Riga, Tallinn, Dijon und New York. Nachdem ich einige Erfahrungen mit verschiedenen internationalen Ausstellungsprojekten gemacht hatte, startete ich gemeinsam mit meinem Kollegen aus der internationalen Abteilung, dem ehemaligen Gedenkdienstleistenden Norbert Hinterleitner, eine Anne-Frank-Ausstellungstour durch österreichische Schulen.

 

Wie würdest du die Lebensumstände in Amsterdam beschreiben? Was bereitete dir Anfangsschwierigkeiten?

Die schwierige Wohnungssituation war die wesentliche Herausforderung in Amsterdam. Günstige Zimmer waren sehr rar und ich musste öfters meine Bleibe wechseln, da sich oft nur vorübergehende Wohnlösungen ergaben. Ansonsten fand ich mich in Amsterdam schnell gut zurecht und war sofort begeistert vom bunten und vielfältigen Angebot der Stadt und der internationalen Prägung. Amsterdam wirkte von Anfang an sehr jung und frisch auf mich. Die Nähe zum Meer, die große Fahrradbegeisterung der AmsterdamerInnen und das Mischmasch an Sprachen und Menschen aus verschiedensten Ländern kamen mir auch sehr entgegen. Bis heute arbeite ich immer noch mit dem Anne Frank Haus projektbezogen zusammen und freu mich auf jeden Besuch in Amsterdam.

 

In welchen Abteilungen der Anne Frank Stichting arbeitetest du? Wie sah diese Arbeit aus? Wie viel pädagogische, administrative und organisatorische Arbeit kam dir zu?

Ich war Teil der internationalen Abteilung des Anne Frank Hauses und arbeitete manchmal mit der Abteilung Gruppenempfang des Museums zusammen. Pädagogische Arbeit übernahm ich, neben Führungen und Begleitungen durchs Museum, vor allem bei den Seminaren für AusstellungsbegleiterInnen im Rahmen der verschiedenen internationalen Ausstellungsprojekte (etwa Anne Frank – eine Geschichte für heute) oder bei der Betreuung von Jugendgruppen. Die administrativen Aufgaben beschränkten sich nach der ersten Einführungsphase auf den deutschsprachigen Schriftverkehr für die Abteilung und Archivarbeiten. Durch die unzähligen laufenden Projekte der internationalen Abteilung war ich sehr bald bei den verschiedensten Projekten
der KollegInnen in der Abteilung involviert und konnte auch schon recht bald organisatorische Verantwortung übernehmen. Jan Erik Dubbelman, mein Vorgesetzter, war sehr darauf bedacht, das Aufgabenfeld vielfältig zu halten. Er ließ mir immer viel Freiheit und ermöglichte mir öfters bei Ausstellungsprojekten im Ausland vor Ort mit dabei zu sein.


Bei den meisten Ausstellungsprojekten wurden Workshops und sonstige Zusatzaktivitäten angeboten, die Jugendliche dazu motivierten, sich neben der Lebensgeschichte Anne Franks auch mit der Geschichte ihres Landes vor, während und nach der NS-Zeit kritisch auseinanderzusetzen. Ergänzend zu den projektbezogen angebotenen Workshops wurde teilweise mit Schulen ein fächerübergreifendes Rahmenprogramm zu den Themen Nationalsozialismus, Menschenrechte, Rassismus oder Toleranz erarbeitet.

 

 

Peter Hörburger

leistete 2001/02 Gedenkdienst in der Anne Frank Stichting in Amsterdam; studierte Handelswissenschaften an der Wirtschaftsuniversität Wien; ist derzeit selbstständig in Wien und Vorarlberg tätig.

 

 

 

 

Fragen an Matthias Krainz

Gedenkdienstleistender im Jahrgang 2011/12

 

Wie sieht ein 'typischer' Arbeitstag aus? Gibt es überhaupt einen?

Der ,typische‘ Arbeitstag beginnt mit meinem 87-Schritte-Arbeitsweg und dem kurz darauf folgenden ersten doppelten Espresso und endet selten vor halb sechs. Was dazwischen passiert, ist nur in der Hinsicht ,typisch‘, als dass es immer andere Aufgaben sind.


Das gilt vor allem für die vier Tage pro Woche, die ich in der internationalen Abteilung arbeite, wo Spontaneität sicher eine der Hauptanforderungen ist. Meine Tätigkeiten reichen hier vom alltäglichen E-Mail-Verkehr und Buchen von Flugtickets, der Organisation von Meetings und Konferenzen über Recherche bis hin zur Übersetzung von Dokumenten und dem Empfangen von internationalen Gästen.  

 

Wie sind die Lebensumstände in der Stadt? Hattest du Anfangsschwierigkeiten?

Zusammen mit Adi aus Indien, Maud aus Frankreich, Alex aus Deutschland und Damos aus Griechenland wohne ich in der internationalen Studenten-Wohngemeinschaft Westermarkt 18-26, gleich über dem Museums-Café des Anne Frank Hauses. Das Einzige, worüber ich mich beklagen könnte, ist das Glockenkonzert der Westerkerk, das alle fünfzehn Minuten wiederholt wird, Tag und Nacht. Das hat mir im ersten Monat in Amsterdam den Schlaf geraubt, ist jetzt aber nicht mehr als eine angenehme Melodie im Hintergrund.


Da der Sommer 2011 der niederschlagsreichste seit 84 Jahren war, hat mich wohl das schon an sich recht gewöhnungsbedürftige, niederländische Wetter eiskalt erwischt. Auch mit der (in Wirklichkeit nicht existenten) holländischen Küche hatte ich meine Anfangsschwierigkeiten; mittlerweile habe ich aber zahlreiche Ausweichmöglichkeiten gefunden. Es brauchte auch seine Zeit, bis ich mich in den chaotischen und halsbrecherischen Amsterdamer Radverkehr wagte, von dem ich aber, und das sage ich mit Stolz, Teil wurde.


Mit Englisch bin ich von Anfang an gut durchgekommen, so gut , dass mein Niederländisch bisher leider nur zum Smalltalkreicht.

 

In welchen Abteilungen der Anne Frank Stichting arbeitest du? Sie sieht diese Arbeit aus? Wie viel pädagogische, administrative organisatorische Arbeit kommt dir zu?

In Amsterdam, Bologna und Istanbul hatte ich die Möglichkeit, gemeinsam mit anderen MitarbeiterInnen Free2choose-Seminare durchzuführen; dabei geht es um die Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und Menschenrechtsverletzungen heutzutage. Im Frühling werde ich dann vor allem in Lateinamerika mit diesem, aber auch anderen Programmen, arbeiten.


Als Ausgleich zum pädagogischen Teil meiner Arbeit kam mir die Organisation der internationalen Konferenz Engaging youth in learning about the Holocaust and Human Rights in the 21st century in Berlin im Jänner 2012 gelegen. Einen Tag pro Woche arbeite ich in der Gruppenabteilung, in der die Arbeit sehr viel praxisbezogener ist als in der
internationalen Abteilung. Dabei gebe ich unterschiedlichsten Besuchergruppen meist kurze Einführungen und einen groben Überblick über Anne Franks Biografie und die Verstrickung mit den historischen Ereignissen in Nazi-Deutschland und den Niederlanden. Mehrmals habe ich aber auch schon zweistündige Programme durchgeführt, die nicht nur interaktiver sind, sondern auch die Möglichkeit bieten Details zu besprechen.

 

 

Matthias Krainz

Leistet derzeit Gedenkdienst in der Anne Frank Stichting Amsterdam

 

 

 

 

Ungarische Auschwitz Stifung - Holocaust Dokumentationszentrum beziehungsweise Budapester Holocaust Institut in Budapest

Seit 1996 entsendet der Verein GEDENKDIENST Freiwillige nach Budapest.


Zunächst an die Ungarische Auschwitz Stiftung – Holocaust Dokumentationszentrum (MAA-HDK), eine kleine Privatstiftung, an der zwei Historiker sowie Überlebende arbeiteten. Sie war damals die erste und einzige Organisation in Ungarn, die sich mit dem Holocaust beschäftigte. 2004 ging die Stiftung in das Holocaust Dokumentationszentrum und Gedenksammlung – Stiftung des öffentlichen Rechts (HDKE) über. Heute arbeiten die Gedenkdienstleistenden am Budapester Holocaust Institut (BHI), das mit dem HDKE kooperiert.

 

 

Fragen an Leonhard Meirer

Gedenkdienstleistender im Jahrgang 2001/02

 

Hattest du einen 'typischen' Arbeitstag?

Einen wirklich standardisierten Arbeitsalltag gab es nicht – nur einige wiederkehrende Tätigkeiten, sei es, dass Leute zum Versenden von E-Mails zu mir kamen oder ich für jede Person im Büro Sicherheitskopien ihrer Dateien angelegt habe. Ich hatte damals nämlich den einzigen Rechner mit Internetanschluss und viele MitarbeiterInnen kannten sich auch nicht mit Computern aus.


Die Gedenkdienstleistenden arbeiteten mit dem Historiker Szabolcs Szita zusammen und waren schon von Anfang an seine Assistenten an der Stiftung. Für ihn übernahm ich auch die Sekretariatsarbeit. Darüber hinaus wurden mir auch inhaltliche Aufgaben zuteil, zum Beispiel Übersetzungen vom Englischen ins Deutsche. Für einige Wochen habe ich auch im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) und der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) recherchiert, unter anderem zu Berichten im Völkischen Beobachter über den Einmarsch der Deutschen in Ungarn. Ich habe während meines Gedenkdiensts auch ungarisch-österreichische Lehrerfortbildungsseminare in Kooperation mit dem Institut für Zeitgeschichte
der Universität Wien, dem Österreichischen Ost- und Südosteuropa-Institut (OSI) und Kulturkontakt Austria mitorganisiert und vorbereitet.

 

Wie würdest du die Lebensumstände in Budapest beschreiben? Was bereitete dir Anfangsschwierigkeiten?

Die Wohnungssituation war etwas kompliziert: ich habe immer versucht, in Wohngemeinschaften mit Leuten aus Ungarn zu wohnen, bin aber zirka zehnmal umgezogen. Die Stadt selbst ist mit Wien schon sehr verwandt, auch wenn ein wenig lauter, trister – aber dennoch schön.


Was soziale Kontakte betrifft, war ich dort natürlich durch die Sprache eingeschränkt. Ich habe aber regelmäßig Capoeira gemacht – dadurch konnte ich ein soziales Netzwerk aufbauen, das ich für meine gesamte Dienstzeit hatte und bis heute noch habe. Anfangs war es also ziemlich schwer, sozialen Anschluss zu finden, aber im Laufe meines Diensts wurde ich eigentlich recht glücklich in Budapest.

 

Merktest du einen Einfluss des politischen Klimas auf deine Arbeit beziehungsweise auf die Arbeit der Instituition oder auf dein persönliches Lebensumfeld in Budapest? Wenn ja, wie machte sich dieser bemerkbar?

In der Arbeit eigentlich nicht. Ein großes Problem war natürlich, dass ich keine ungarischen Zeitungen lesen konnte, was ja zum vollständigen Erfassen der politischen Situation nötig gewesen wäre.


Rechtsaußenparteien waren auch damals schon unverhohlen antisemitisch. Aber die Jobbik-Partei gab es meines Wissens noch nicht, höchstens eine Vorgängerpartei. 2001 regierte die erste Fidesz-Regierung, die am Ende ihrer ersten Legislaturperiode stand; drei Bauprojekte wurden gerade fertiggestellt, genau im Wahljahr, darunter das Nationaltheater mit sehr markanter Kontur – Disney-landfeeling und imposante Repräsentationsarchitektur in einem. Die darauffolgende sozialdemokratische Regierung hat dahinter einen großen Wohnblock gebaut, sodass die Kontur des Nationaltheaters verwischt wurde.


Auch das Haus des Terrors wurde damals eröffnet. Die Ausstellung versucht, die Unterdrückung durch das NS-Regime und durch den Kommunismus gleichzusetzen – eine sehr einseitige Darstellung. Das Museum wurde von Viktor Orbán persönlich eröffnet. Die letzten Räume der Ausstellung im Haus des Terrors thematisieren sogar die Eröffnung der Ausstel lung durch Orbán. Ich kann mich noch an die hunderte Meter langen Schlangen bei der Eröffnung erinnern.

 

 

Leonhard Meirer

Leistete 2001/02 Gedenkdienst am MAA-HDK; war von 2003 bis 2008 im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST tätig; studierte Mathematik an der Technischen Universität Wien und ist heute im IT-Bereich tätig.

 

 

 

Fragen an Johannes Pilz

Gedenkdienstleistender im Jahrgan 2011/12

 

Hast du einen 'typischen' Arbeitstag?

Seit ich meinen Arbeitsplatz am HDKE [siehe oben, Anm. d. Red.] habe, bin ich in einem Umfeld, in dem viele Leute historisch arbeiten; dies ist durchaus positiv zu bewerten, weil ein Austausch über Themen abseits meiner Projekte entsteht. Was meine Arbeit an sich betrifft, habe ich langfristige Projekte zu erarbeiten, zu denen immer wieder kleinere Aufgaben dazukommen – das bringt Abwechslung in die ganze Arbeit. Im Vordergrund steht dabei die Übersetzung von Publikationen und Korrespondenz sowie des Internet-Auftritts des BHI. Das professionelle Umfeld erleichtert viele Tätigkeiten und bringt mir die eine oder andere zusätzliche Arbeit ein, da meine Deutsch-Kenntnisse, auch anderen weiterhelfen und ihre Arbeit beschleunigen können. Eine ungarische Eigenheit, an die ich mich gewöhnen musste: die Mittagspause in Ungarn hat einen ganz anderen Stellenwert als in Österreich und wird eher nebenbei ‚erledigt‘. Das macht den Tag etwas lang, den Arbeitsplatz aber auch ein wenig heimischer.

 

Wie würdest du die Lebensumstände in Budapest beschreiben? Was bereitete dir Anfangsschwierigkeiten?

Wenn es in dieser Stadt, die einen so warm und offen empfängt, eine Schwierigkeit geben kann, dann ist es die Sprache. Das Erlernen der ersten Wortbrocken und Phrasen öffnet aber sogleich das Herz vieler BudapesterInnen, die das auf keinen Fall als selbstverständlich ansehen. Budapest ist so angelegt, dass man sich nach kurzer Zeit zurechtfindet; das erleichtert einem das Einfinden in einer neuen Umgebung erheblich.


Die Währung, die Gebühren und die gleichzeitige Berücksichtigung der wirtschaftlichen Lage des Landes – man beobachtet immer die Wechselkurse – musste ich erst in meinen Kopf bekommen. Von einem Euro-Land kommend, ist es sehr angenehm, hier zu leben, doch wenn man jeden Tag zu sehen bekommt, wie schwer sich die ungarische Bevölkerung tut, mit wenigen Mitteln den Alltag zu meistern, dann ist das manchmal etwas bedrückend.

 

Merkst du einen Einfluss des politischen Klimas auf deine Arbeit beziehungsweise auf die Arbeit der Institution oder auf dein persönliches Lebensumfeld in Budapest? Wenn ja, wie macht sich dieser bemerkbar?

Im Arbeitsalltag macht sich das eigentlich nicht bemerkbar und auch die Menschen, die ich treffe und denen ich von meiner Arbeit erzähle, begegnen dem Ganzen interessiert. Aber natürlich ist mein Umfeld nicht gerade von Rechtspopulistinnen und -populisten durchwachsen. Ich werde jedoch auf die kritische Lage aufmerksam, wenn ich mit meinen ungarischen Bekannten spreche. Vor allem im Kunstsektor gibt es für die meisten eigentlich nur die Möglichkeit auszuwandern, wenn sie einen anspruchsvollen und interessanten Job wollen. Die Regierung jedenfalls, so kann man den Eindruck gewinnen, boykottiert kritische Kunst und Kultur und versucht dadurch sehr stark, die öffentliche Meinung zu beeinflussen…

 

 

Johannes Pilz

Leistet derzeit Gedenkdienst am BHI; studierte Architektur an der Technischen Universität Wien.