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Ausgabe 1/12


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Von "A" wie "Antisemitismus" und "Z" wie "Zahnarzt"

Zum (gegenwärtigen) Vorbereitungsprogramm des Vereins GEDENKDIENST für seine Gedenkdienstleistenden

 

Der Verein GEDENKDIENST sieht als seine Kernaufgabe die Entsendung von Freiwilligen. Die Vorbereitung für Gedenkdienst ist natürlich zu einem großen Teil auf den Erwerb von inhaltlichem Wissen, das über den Schulunterricht hinausgeht, ausgerichtet, wie es andernorts von Mitarbeitern des Vereins bereits beschrieben wurde.1 Dabei sind wir bemüht, die Gedenkdienstleistenden an reflektiertes und vernetztes Denken und Arbeiten heranzuführen. Denn die Erwartungen und Anforderungen unserer Partnerorganisationen sind anspruchsvoll: Die Gedenkdienstleistenden sollen inhaltlich versiert und der Thematik gegenüber sensibilisiert sein sowie die Fähigkeit mitbringen, aktuelle Debatten ihrer Gastländer – die es in Österreich nicht gibt – zu kontextualisieren und einordnen zu können. Dies kann natürlich nur gelingen, wenn sich die jungen Menschen im jeweiligen Land, in der jeweiligen Stadt gut zurechtfinden. Zusätzlich sollen sie den stellenspezifischen Arbeitsanforderungen gewachsen sein und mit den MitarbeiterInnen vor Ort einen guten, kollegialen Umgang pflegen können.


Schwerpunkte der Vorbereitung


Wissensorientierte Aspekte rund um die Themen Nationalsozialismus, Holocaust und Vergangenheitspolitik nehmen also einen Gutteil der Ausbildung ein und werden auch von den Freiwilligen erwartet.


Darüber hinaus gibt es alltagsrelevantes Wissen, das den Gedenkdienstleistenden für ihren Dienst vermittelt werden soll. Das Gros der jungen Leute, die wir ins Ausland schicken, wohnt noch bei seinen Eltern, geht zur Schule und war noch nie alleine weg von zuhause. Diese Menschen werden von uns nach Litauen, Israel oder in die USA entsendet, wo sie von heute auf morgen in einer fremden Stadt einem (unterbezahlten) Vollzeitjob nachgehen sollen, eine Wohnung finden und rein halten sowie sich über ein Jahr lang in ihrer Freizeit ohne alte Freunde und Familie beschäftigen müssen. Dass Gedenkdienst also mitunter eine Herausforderung darstellen kann, liegt auf der Hand; selbst für Erwachsene ist die Verlagerung des Lebensmittelpunkts ein einschneidendes Erlebnis. Selbstverständlich ist es nicht unsere Absicht, unseren Freiwilligen ‚Angst‘ vor dem Leben in einem anderen Land zu machen – wir sehen es aber als unsere Aufgabe, sie nachdrücklich auf möglicherweise auftretende Herausforderungen und Schwierigkeiten hinzuweisen. Dabei geht es oftmals um Kleinigkeiten, die das Einfinden in einer neuen Umgebung erschweren können, zum Beispiel Wäschewaschen in einem Land, in dem Haushalte normalerweise keine Waschmaschinen haben oder das prophylaktische ausfindig machen eines Arztes/einer Ärztin. Außerdem empfiehlt es sich, die Vorbereitung in alltäglichen Belangen buchstäblich zu nehmen und etwa Verträge von Telefonanbietern oder Fitnesscentern fristgerecht zu kündigen, um finanziellen Belastungen Einhalt zu gebieten. Die Liste solcher und ähnlicher – bisher schon aufgetretener – größerer und kleinerer alltäglicher Herausforderungen, die auch schon zu verzweifelten Hilfeanrufen im Vereinsbüro geführt haben, könnte fortgeführt werden. Unser Ziel ist, die Gedenkdienstleistenden soweit zu sensibilisieren, dass sie ihre eigenen Bedürfnisse erkennen und formulieren können.


Des Weiteren legen wir in der Vorbereitung Wert darauf, den Freiwilligen klar zu machen, dass auch schwierige Zeiten – an der Arbeitsstelle, in der Freizeit – auf sie zukommen können und diese nicht unbedingt durch ihr persönliches ‚Versagen‘ hervorgerufen werden, sondern oft durch unbeeinflussbare äußere Umstände. Daher bieten wir ihnen die Möglichkeit, sich während der Vorbereitung in einer Gruppe, dem Jahrgang, einzufinden, mit dem man sich über Schwierigkeiten austauschen kann. Niemand wird eine/n Gedenkdienstleistende/n und seine/ihre Probleme so gut verstehen können wie etwa eine Kollegin/ein Kollege, die/der zeitgleich in einer anderen Stadt Gedenkdienst leistet. Durch die Kommunikation untereinander sind die Freiwilligen nicht vor Enttäuschungen oder Problemen gefeit, aber sie wissen, dass dies normal ist und sie nicht ‚gescheitert‘ sind.


Stetige Weiterentwicklung des Ausbildungsprogramms


Von Beginn an gab es im Verein GEDENKDIENST ein standardisiertes Vorbereitungsverfahren, das in den ersten Jahren daraus bestand, dass sich die Freiwilligen Großteils selbstständig um die Erschließung von Themenbereichen bemühten. Mit der Zeit ging man dazu über, die Teilnahme an Studienfahrten zur Bedingung für einen Dienst zu machen.


Nach und nach wurde festgestellt, dass es einer intensiveren inhaltlichen und diskursiven, also auf Diskussionen fokussierten Vorbereitung bedarf. Der Umfang der Ausbildung nahm seit der Vereinsgründung stet ig zu, vor acht Jahren wurden drei verpflichtende Vorbereitungsseminare pro Jahrgang eingeführt. Dabei verschob sich nicht nur der zeitliche Aufwand, sondern auch inhaltliche wie programmatische Schwerpunkte wurden verändert. Derzeit beschäftigen wir uns in den Seminaren mit diversen historischen aber auch aktuellen Themen, etwa Antisemitismus und Rassismus. Dabei greifen wir auf verschiedenste didaktische Workshops zurück, bedienen uns aber auch wissenschaftlicher Methoden, zum Beispiel der Quellenkritik und der Diskursanalyse.


Jährlich arbeitet eine Handvoll Personen im Vorbereitungsteam, aber – wie in allen Arbeitsbereichen des Vereins GEDENKDIENST – fluktuieren die Mitglieder dieser Gruppe stetig, so bleibt das Programm der Ausbildung dynamisch und abwechslungsreich.


Ziel der Vorbereitung ist es, die Gedenkdienstleistenden an die Antworten auf die Fragen, die bereits bei den Auswahlgesprächen gestellt wurden, heranzuführen: Was verstehst du unter Gedenkdienst? Warum findest du ihn wichtig und willst ihn machen? Wie stellst du dir die Arbeit vor?

 

 

Magdalena Neumüller

Geschäftsführerin Verein GEDENKDIENST

 

 

1 Johann Kirchknopf/Lukas Meißel, Ausbildung der Gedenkdienstleistenden. Arbeiten mit Geschichte und historischen Orten, in: Till Hilmar, Hg., Ort, Subjekt, Verbrechen. Koordinaten historisch-politischer Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus, Wien 2009, 252-263.