AuslandseinsatzHolocaust-EducationStudienfahrtenVereinLinks
Ausgabe 1/12


2016
2015
2014
2013
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
2000
1999
1998

"Sind das die Freiwilligen aus Österreich? Schickt's ma noch einen!"

Julian Tromp, Gedenkdienstleistender am Anita Müller-Cohen Elternheim (Tel Aviv) im Gespräch mit Bewohnerinnen des Hauses

 

Frau Rosenthal, was halten Sie vom Grundgedanken, junge Zivilersatzdienstleistende nach Israel zu schicken, um hier im Elternheim zu arbeiten?


Ich finde es sehr vernünftig, dass man so etwas in Österreich anbietet und auch, dass es angenommen wird. Mit der Zeit habe ich bemerkt, dass eine Kluft zwischen uns und den ‚anderen‘ ÖsterreicherInnen entstand, man ist sich irgendwie fremd geworden. Mit den Freiwilligen hier sind wir in guter Gesellschaft, da sie mit dem heutigen Österreich – oder bei mir speziell mit Wien – vertraut sind, also mit der Heimat von damals; dies ist dann für beide Seiten eine interessante Geschichte.

 

Was verändern die Gedenkdienstleistenden hier?


Nun ja, verändern kann man uns jetzt eher schwer, aber sie unterstützen uns und vor allem die, die wirklich hilfsbedürftig sind, zum Beispiel beim Mittagessen.

 

Haben sich die Freiwilligen selbst in den letzten Jahren verändert?


Jeder Mensch ist ein Individuum, deswegen war auch jeder junge Mensch, der hier war, anders als der zuvor oder der, der danach kam. Was man gemerkt hat, ist, dass die Freiwilligen mit der Zeit selbstsicherer werden oder – wenn Sie wollen – am Anfang unsicher sind. Ich denke, das kommt daher, dass man hier in eine Umgebung kommt, die für die meisten fremd ist; ich rede nicht nur vom Heim sondern auch von Tel Aviv und Israel selbst – da findet man erst nach einiger Zeit seinen Platz.

 

Wie sieht Ihr persönlicher Kontakt zu den Freiwilligen aus?

 

Ich bin ja nicht hilfsbedürftig, außer wenn es darum geht, meinen Koffer für die nächste Reise oben aus dem Kasten herunterzuholen. Deswegen war mein Kontakt zu den Freiwilligen, wenn einer bestand, immer auf einer persönlichen Ebene, da man ja nichts miteinander zu tun haben muss. Ich hab einem Burschen mal beim Schreiben geholfen, weil ich selbst öfters schreibe.

 

Lisbeth Rosenthal, geboren 1922 in Wien, Bewohnerin des Anita Müller-Cohen Elternheims seit 2008.

 

 

 

Frau Raviv, was halten Sie davon, dass junge Menschen aus Österreich ihren Zivilersatzdienst hier machen können?


Ich finde das gut. 1956 war ich zum ersten Mal nach meiner Ausreise nach Israel im Jahr 1938 wieder in Wien. Es war zuerst sehr komisch für mich, ich bin mit meinem Mann auf der Straße gegangen und sehr oft , wenn Menschen an mir vorübergingen, kam ich nicht umhin zu denken: „Was hast du auf deinem Gewissen?“


1938 war ich auch mit einer Freundin am Heldenplatz, um Hitler zu hören, aus Interesse, denn man erzählte sich auf den Straßen, „der Hitler ist da“. Die Parolen waren voller Hass und die Leute jubelten, über uns Juden und Jüdinnen wurde geredet wie über Tiere und dies ging mir nicht aus dem Kopf. Doch mit der Zeit bin ich immer öfters nach Österreich gefahren und hab mich wieder wohler gefühlt und seit meinem 80. Lebensjahr bin ich jedes Jahr nach Österreich gefahren. Dass man Freiwillige aus Österreich herschickt, empfinde ich als eine sehr schöne Geste und – auch wenn es komisch klingt – ‚freut‘ es mich doch zu sehen, dass sich die jungen Leute für damals ,schämen‘.

 

Waren die Gedenkdienstleistenden aus Österreich für Sie in den letzten Jahren relevant?


Seit etwa fünf Jahren stelle ich mit der Hilfe von Freiwilligen ein CD-Konzert zusammen; die jungen Männer sind mir beim Drucken der Programme sowie beim Technischen behilflich. Sie müssen für die Außenwelt notieren, dass ich eine Musikliebhaberin bin und mir diese Aufgabe angenehm ist, es aber hauptsächlich anderen BewohnerInnen Freude bereitet.

 

Tirza Raviv, geboren 1917 in Wien, Bewohnerin des Anita Müller-Cohen Elternheims seit 1997.

 

 

 

Frau Gramse, „20 Jahre Gedenkdienst“ – was wünschen Sie sich vom Verein?


Sind das die Freiwilligen aus Österreich? Schickt’s ma noch einen!

 

Was verändern die Gedenkdienstleistenden im Elternheim?


Mir persönlich bereiten sie viel Freude, denn ich kann sie behandeln und umsorgen wie meine Enkerln (lacht). Aber im Ernst: sie bringen einen frischen Wind hierher, es sind ja auch meist sehr kluge Burschen, die hier anfangen – ich hatte immer sehr anregende Gespräche mit allen.


Außerdem kümmern sie sich um die teils hilfsbedürftigen Menschen hier. Das Schöne ist, dass sie dies mit mehr Zuwendung tun können als die PflegerInnen, denn die Freiwilligen haben mehr Zeit. Ich habe das gemerkt, weil ich zum ersten Mal über meinen Mann, der hier bereits ein paar Jahre vor mir war und auf der Pflegeabteilung sein musste, in Kontakt mit den Freiwilligen gekommen bin.

 

Wie denken Sie darüber, dass österreichische Freiwillige im Elternheim arbeiten?


Ich finde es sehr gut. Ich habe nach dem Umzug nach Israel bewusst beschlossen, keine ‚Rechnung‘ mit der nächsten Generation zu machen und ich empfinde den Grundgedanken des Entsendens junger Menschen aus Österreich hierher zu uns als schönen Gedanken und ich denke auch, dass die meisten Freiwilligen als bessere Menschen zurückgehen.


Ich war nach 1945 wieder in Österreich, da in einer Ausstellung in Kärnten meine Geschichte mitpräsentiert wurde (Agnes Gramse ist 1944 mit fünfzehn Jahren nach Auschwitz und anschließend nach Bergen-Belsen transportiert worden; sie hat viele Gedichte geschrieben, unter anderem auch in den Lagern, Anm. d. Verf.) und mein Mann und ich sind dann noch öfters nach Österreich
gefahren.

 

Sie gelten hier als die ‚Hausmutter‘, die für die Freiwilligen immer da ist. Wie äußert sich das?


Ich hab allen immer klar gesagt, wohin und an wen sie sich wenden müssen bei Problemen jeglicher Art, auch, wenn es um die Arbeit ging – ansonsten hab ich immer Schokolade im Haus und ein offenes Ohr. Ich glaube, ich habe mich mit den jungen Leuten immer so gut verstanden, weil für mich persönlich das Alter unwichtig ist. Auch ich habe mich oft aussprechen können bei den Freiwilligen und ich hoffe, dass dies so bleibt.

 

Agnes Gramse, geboren 1928 in Ungarn, Bewohnerin des Anita Müller-Cohen Elternheims seit 2009.