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Ausgabe 1/12


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"... finanzielle und rechtliche Rahmenbedingunen, die dieses Ungleichgewicht schaffen."

Was bedeutet es, als Frau im Verein GEDENKDIENST aktiv zu sein? Welche Erfahrungen machen Frauen in einem Verein, der ihnen keinen gleichberechtigten Zugang zu Gedenkdienst ermöglichen kann? Wie erleben sie die Arbeit in einer männerdominierten Organisation?

 

GEDENKDIENST bat zum Gespräch - Angela Tiefenthaler, Janine Zettl und Sina Zwettler erzählen von ihren Erfahrungen. Die Fragen stellte Emilia Lichtenwagner.

 

 

Wie seid ihr zum Verein gekommen?


Sina: Ich kam durch einen Artikel im Uni Standard über die Tournee der Anne-Frank-Ausstellung zum Verein. Das ‚Vereinsbüro‘ war damals noch in einer TU-Fachschaft untergebracht. Nach dem Führungswechsel 1997 war ich im Vorstand tätig. Anfangs ging es vor allem darum, dem Verein wieder eine finanzielle und organisatorische Basis zu geben und die Gedenkdienstleistenden so gut wie möglich zu betreuen. Parallel dazu entwickelten wir gemeinsam zum Beispiel ein neues Prozedere für die Auswahl von Gedenkdienstleistenden oder bauten neue Stellen, etwa in Buenos Aires und Berlin, auf.

 
Damals setzte sich der Vorstand aus sechs Personen zusammen, die sich gemeinsam um die vielen Herausforderungen kümmerten. Ich war lange Zeit die einzige Frau im Vorstand. Im Vereinsumfeld gab es natürlich Frauen – einige wenige ehemalige Gedenkdienstleistende sowie Teilnehmerinnen bei den Mittwochstreffen oder bei den Tagungen.


Janine: Ich war mit meiner Schulklasse in Mauthausen und kam dort mit einem Zivildiener über Gedenkdienst für Frauen ins Gespräch – und zwei Tage später war die Frist für die Bewerbung. Ich habe mich dann für die Anne Frank Stichting in Amsterdam und das Anne Frank Zentrum in Berlin beworben, also Stellen, für die ich mich wirklich interessiert habe.


Angela: Ich kam 2009 über das Projekt studienfahrten.at zum Verein. Das ist ein ganz anderer Blickpunkt, da ich selbst auch nie Gedenkdienst leistete. In der Guide-Ausbildung waren rund 20 Leute, davon die Hälfte Frauen. Ich finde, das Projekt war eine gute Sache, da so neue Frauen zum Verein kamen, was sonst aus strukturellen Gründen kaum möglich ist.

 

Sina, gab es zu deiner Zeit Diskussionen, wenn eine Frau sagte, dass sie auch Gedenkdienst machen will?


Sina: Es ging damals mehr um ‚Sein oder Nichtsein‘, existenzielle Vereinsfragen standen im Vordergrund. Frauen, die zu der Zeit Gedenkdienst leisten wollten, hätten ihn selbst finanzieren müssen. Der Geschwister-Mezei-Fonds wurde ja erst 2008 gegründet. Ich hatte auch überlegt, ob ich Gedenkdienst machen will, hätte mir das aber selbst finanzieren müssen. Mein ‚Gedenkdienst‘ war dann halt, dass ich viele Gedenkdienstleistende an ihren Stellen besuchte oder Studienfahrten nach Theresienstadt und Auschwitz begleitete. Ich machte also viele Reisen, um die Stellen und die Verantwortlichenvor Ort persönlich kennenzulernen. Das Schöne daran war, dass ich dadurch viele Emigrantinnen und Emigranten traf.


Janine, Du warst im ersten Jahrgang, in dem mit Mitteln aus dem Geschwister-Mezei-Fonds erstmals Frauen Gedenkdienst leisten konnten. Wie erging es Dir am Auswahlseminar – als eine der wenigen Frauen dort?


Janine: Ich habe das Auswahlseminar sehr markant in Erinnerung. Es haben sich 46 Männer und drei Frauen beworben. Das Auswahlsystem war noch nicht ganz ausgereift und viele Männer dachten, dass Frauen automatisch eine Stelle bekommen. Es herrschte also eine große Konkurrenzstimmung. Für Amsterdam bewarben sich die meisten – und ich wurde dann für die Stelle ausgewählt. Das war im ersten Moment eher unangenehm.


Sina: Da gab es also einen Konkurrenzkampf zwischen den zivildienstpflichtigen Männern und euch, die ihr das freiwillig machtet und ihnen die Stellen ‚wegnahmt‘?


Janine: Ja, definitiv.


Sina: Das stell’ ich mir schwierig vor.

 

Nachdem ich für die Stelle am Leo Baeck Institute in New York nach dem neuen Auswahlverfahren ausgewählt wurde, war es immer noch so, dass mir Leute gesagt haben: „Ah, weil du eine Frau bist, hast du die Stelle bekommen.“


Angela: Ich versteh das nicht! Es sind ja so oder so alle 20 Stellen für Männer offen.


Sina: Solange der Unterschied besteht, dass die einen Zivilersatzdienst machen müssen und die anderen Gedenkdienst im Rahmen eines Freiwilligendiensts leisten möchten, wird es immer Konflikte geben, ob sie nun offen oder verdeckt ausgetragen werden. Das hat meiner Ansicht nach gar nicht primär mit dem Thema Männer/Frauen zu tun, sondern mit den finanziellen und rechtlichen Rahmenbedingungen, die dieses Ungleichgewicht schaffen.


Janine: Bei den Vorbereitungsseminaren wird unter anderem thematisiert, warum man sich entschieden hat, Gedenkdienst zu leisten. Da gibt es immer Männer, die das eben als geringstes Übel wählen. Die denken dann oft, die Frauen kommen sich besser vor, da der Vorstand ja weiß, dass sie motivierter sind. Das scheint mir auch ein wichtiger Punkt zu sein.


Sina: Ja, das gibt es in jedem Jahrgang: Leute, die total begeistert bei der Sache sind und andere, die darauf gieren, eine Stelle in einer ‚tollen‘ Stadt zu bekommen.

 

Janine, besserte sich die Situation bei den Vorbereitungsseminaren? In meiner Vorbereitung waren teilweise gar keine Frauen dabei, das war sehr unangenehm. Es war so, als hätte ich einen Sonderstatus.


Janine: Ja, ab dem ersten Vorbereitungsseminar fand ich es in der Gruppe sehr angenehm, da war keine Konkurrenz mehr zu spüren. Ich merkte aber, dass die Männer sich leichter taten mitzureden und zu diskutieren, da hab ich mich schon sehr eingeschüchtert gefühlt.

 

Und wie war die Situation an deinem Arbeitsplatz während deines Gedenkdiensts?


Janine: In der Anne Frank Stichting arbeiteten sehr viele Frauen in meiner Abteilung, und mit denen passte alles wunderbar. Meine Arbeitskollegin Karin sagte sofort: „Janine, du fährst auf Dienstreise, bitte verfasse diesen Text, setz’ mir diese Broschüre…“ Da hab ich mich als Mitarbeiterin ernst genommen gefühlt. Ich war aber die erste Frau, die als Freiwillige in dieser Abteilung arbeitete. Viele Männer waren, vermute ich, unsicher, weil sie nicht wussten, wie sie mit einer jungen Frau umgehen sollen.

 

Als Frau oder als Mann bei GEDENKDIENST aktiv zu sein – worin, glaubt ihr, liegt der Unterschied? Gibt es einen Unterschied?


Angela: In der Guide-Ausbildung waren die meisten Männer in der Gruppe vorher Gedenkdienstleistende. Die hatten ganz andere Ressourcen, mehr inhaltliches Wissen, andere Kontakte, andere Selbstverständlichkeiten im Verein. Ich fand es am Anfang ganz schwierig für mich da einen Platz zu finden und klar zu formulieren, was meine Ansichten sind. Ich verstand lange die vereinsinternen Zusammenhänge nicht, und was es bedeutet, Gedenkdienst geleistet zu haben.


Janine: Ich leistete Gedenkdienst und hatte trotzdem das gleiche Gefühl, gerade im Vorstand.


Sina: Ich zum Teil auch.

 
Janine: Das ist eigentlich auch das, was mir geblieben ist bis zur Vorstandsarbeit: als Frau tätig zu sein im Verein GEDENKDIENST, bedeutete für mich, sehr oft dieses Gefühl zu haben, dass es viel Kraft erfordert, meine Stimme zu erheben. Ich fand es sehr schwierig, mich durchzusetzen und gehört zu werden. Ich möchte gar nicht sagen, dass das von GEDENKDIENST ausgeht, ich habe eher das Gefühl, dass es leichter ist als Frau eine Rolle anzunehmen, in der man ‚leise‘ ist und ,brav‘ die Aufgaben erledigt.


Sina: Das ging mir teilweise auch so. Ich erledigte wahnsinnig viel an organisatorischen Dingen, das Inhaltliche lief für mich halt so nebenbei. Das war dann schon fast so eine klassische Frauenrolle. Die ‚großen inhaltlichen Dinge‘ machten die Männer; ich glaube, das lag auch an mir, denn ich war bei inhaltlichen Fragen eher zurückhaltend.


Angela: Das find ich spannend: woher kommt das? Es hat sicher viel mit Sozialisation zu tun. Aber dass durch die Bank viel weniger Frauen als Männer im Verein aktiv sind, macht eben auch etwas mit der Dynamik und erschwert es meiner Meinung nach zusätzlich, als Frau in den Verein hineinzufinden. Man muss aber sagen, dass schon sehr viel getan, angesprochen und gemacht wurde, aber offensichtlich sind Strukturen hartnäckig.


Sina: Ob das jetzt die Strukturen oder die handelnden Personen sind, das gehört ja zusammen. Und die Voraussetzungen.

 

Wie war eure Zeit im Vorstand?


Janine: Schwierig. Im ersten Jahr war der Vorstand ein ‚Auffangbecken‘ für mich, etwas, das ich nach meinem Gedenkdienst sehr brauchte. Dann begann ich im zweiten Jahr über Geschlechterrollen und Dynamiken nachzudenken. Ich beobachtete, wie Diskussionen verlaufen, wie ich mich fühle wenn ich etwas sage, wie oft ich etwas sage, wie oft andere etwas sagen. Mir fiel für mich auf, dass ich eine ‚leise‘ Position innehabe und dass ich mich oft recht unwohl fühle. Ich brachte das aber auch einmal zur Sprache, was positiv aufgenommen wurde, danach war ich sehr erleichtert.


Angela: Im Vorstand waren andere Leute, als die, die ich aus der Ausbildung kannte. In dem Jahr, in dem ich im Vorstand war, waren eigentlich fast gleich viele Frauen wie Männer im Team. Viele sind jetzt leider nicht mehr dabei. Ich empfand die Zeit im Vorstand schon als eine sehr bereichernde Erfahrung, weil so viele unterschiedliche Themen gemeinsam diskutiert wurden. Es waren spannende Themen, aber es gab auch Punkte, die mich in der Auseinandersetzung persönlich ein bisschen mürbe machten. Eine große Debatte war, wie geschlechtergerecht geschrieben werden soll, mit dem ‚Unterstrich‘ oder dem Binnen-I. Das war eine Sache, die sich ganz lange gezogen hat.


Alle: Immer noch.


Sina: Ich hab mir gedacht, schön, dass der Verein keine anderen Probleme hat.

 
Angela: Für mich gehört das dazu. Wenn man sich Gedanken darüber macht, was Geschlecht bedeutet, muss auch diskutiert werden, wie sich das in der Sprache niederschlägt. Das war sehr spannend im Vorstand, weil an dem aufgehängt große Fragen diskutiert wurden.

 

Manchmal wünsche ich mir, dass es einfacher wäre, aber so ist es eben nicht.


Angela: Wenn man über Geschlecht spricht, fühlen sich eben alle auf einer sehr persönlichen Ebene angesprochen, da durch geschlechtliche Zuschreibungen alle Lebensbereiche beeinflusst und geordnet werden.


Janine: Ja, es ist ein emotionales Thema.


Angela: Und es ist immer wieder interessant, was da alles aufkommt!


Sina: Diskutiert wurde ja bei GEDENKDIENST immer schon viel und lang.

 

Angela: Ich denke, allein aufgrund der starken Überrepräsentation von Männern ist eine Diskussion über die Frage, wie man mit dem Thema Geschlecht – was ja Männlichkeiten genauso inkludiert – umgehen will und wie wichtig man das Thema im Verein machen will, einfach zentral.

 

Bei mir war es so, dass ich mich vor meinem Gedenkdienst nicht mit Geschlecht, Feminismus und dergleichen beschäftigte, aber im Zuge der Vorbereitungsseminare, im Laufe meines Gedenkdiensts und in der Zeit danach im Vorstand wurde das für mich ein wichtiges Thema. Dafür bin ich dankbar – auch wenn es manchmal unangenehme Umstände waren –, weil es mich sehr weiterbrachte, auch die ganzen Diskussionen. Für mich tat sich eine neue Welt auf.


Sina: Und so nimmt, denke ich, jede und jeder von der Zeit bei GEDENKDIENST etwas mit. Man lernt sehr viel über die Frage, wie man Strukturen schafft und wie man mit bestehenden umgeht.


Angela: Das ist ja auch eines der größten Themen – nach wie vor. Jetzt gibt es das erste Mal seit dem Jahrgang 2008/2009 keine Frau im neuen Jahrgang.


Genau, im Jahrgang 2012/2013 werden nur Männer Gedenkdienst leisten können, da es keine Finanzierung für eine Frau gibt. Das ist ein trauriger Rückschritt.


Angela: Ein extrem starker Rückschritt, für meinen Geschmack.


Janine: Und dass drei Frauen in einem Jahr die Höchstzahl war, das ist ja auch schon mal nicht viel.


Sina: Ich finde, solange es diese ungleichen Voraussetzungen und Rahmenbedingungen gibt, lässt sich schwer etwas ändern.


Angela: Die Frage ist, was man tun soll: abwarten, dass auf Bundesebene etwas passiert? Bis sich da was tut, wird der Verein ein rein männliches Unternehmen sein. Oder man versucht Geld aufzustellen, was äußerst schwierig ist, denn es gibt ja Gründe, warum das nicht funktioniert; ganz viele Leute haben sich daran abgemüht und es hat viel Kraft und Energie gekostet. Es gibt nicht viele Institutionen, die Geld für Gedenkdienst für Frauen hergeben, aber
dass das jetzt das Resultat nach fünf Jahren ist, finde ich bitter. Es ist für mich persönlich extrem enttäuschend, obwohl ich selbst nie Gedenkdienst geleistet habe: in diesem Verein aktiv zu sein und zu wissen, da gehen nur Männer in die Welt hinaus und sammeln Erfahrungen, das macht mich sehr unzufrieden.


Wenn ich daran denke, wie viel mir mein Gedenkdienstjahr brachte – wie viele Kontakte und wie viel Wissen –, dann wünsche ich ganz vielen anderen Frauen, dass sie diese Möglichkeit auch erhalten.


Sina: Ich glaube schon, dass es auch damit zusammenhängt, dass alle im Vorstand auf freiwilliger Basis arbeiten, und sozusagen nebenbei studieren, arbeiten, ihre Projekte haben.


Angela: Das, was man halt für notwendig empfindet. Es ist, glaube ich, einfach nicht so sehr am Radar eines Mannes, der das alles gerade schon machen konnte, der vielleicht den Unterschied und die Benachteiligung – denn es ist eine Benachteiligung! – nicht spürt. Da ist einfach ein anderer Zugang dazu da.


Vielen Dank für das Gespräch.

 

 

Angela Tiefenthaler

ist seit 2009 bei GEDENKDIENST, war von 2010 bis 2011 im Vorstand des Vereins und ist in der GenderWerkstatt und in der Studienfahrten-Arbeitsgruppe aktiv. Sie studierte Kunstgeschichte an der Universität Wien und studiert derzeit Geschichte und Technisches Werken auf Lehramt.

 

 

Janine Zettl

leistete 2008/2009 Gedenkdienst in der Anne Frank Stichting in Amsterdam. Sie war von 2009 bis 2011 im Vorstand des Vereins, jetzt ist sie in der GenderWerkstatt und beim Projekt studienfahrten.at aktiv. Sie studiert Kultur- und Sozialanthropologie an der Universität Wien.

 

 

Sina Zwettler

war von 1997 bis 2001 im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST. Sie studierte Französisch mit Fächerkombination an der Universität Wien und absolvierte ein berufsbegleitendes, wirtschaftswissenschaftliches MBA-Studium. In den letzten fünfzehn Jahren arbeitete sie im Kulturbereich.

 

 

Emilia Lichtenwagner

leistete 2009/2010 Gedenkdienst am Leo Baeck Institute in New York. Sie war von 2010 bis 2011 im Vorstand des Vereins und ist gegenwärtig in der GenderWerkstatt, beim Projekt studienfahrten.at und in der Redaktion von GEDENKDIENST aktiv.