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Ausgabe 1/12


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GEDENKDIENST und der Europäische Freiwilligendienst

Oder: Nach Wien kommen und nie wieder gehen

 

Zwischen 1996 und 2007 sandte der Verein GEDENKDIENST im Rahmen des EU-Programms Europäischer Freiwilligendienst (EFD) junge Menschen an verschiedene Stellen in Europa, die sich mit den Themen Nationalsozialismus und Holocaust beschäftigen und empfing jährlich eine EFD-Freiwillige aus dem europäischen Ausland.


Aufgabe der Freiwilligen im Büro des Vereins in Wien war es, einer Organisation, die fast ausschließlich ehrenamtlich betrieben wird, einiges an Arbeit abzunehmen. Die vielfältigen Aufgabenbereiche umfassten alltägliche Büroarbeit ebenso wie die Organisation von internen Seminaren und öffentlichen Bildungsprogrammen. Die Arbeit der EFD-Freiwilligen lag somit immer im Kernbereich der Vereinsarbeit. Meist waren die bei GEDENKDIENST arbeitenden EFD-Freiwilligen etwas älter als die zukünftigen Gedenkdienstleistenden eines Jahrgangs und durchlebten in Wien gerade alle positiven und negativen Seiten eines Auslandaufenthalts, die diese jungen Menschen bald selbst erleben sollten.


Ich kam im tiefsten Winter 2006 nach Wien, um bei GEDENKDIENST meinen achtmonatigen Freiwilligendienst zu absolvieren. Ich hatte gerade in meinem Heimatland Großbritannien mein Studium beendet und eine Abschlussarbeit über die Repräsentation des Holocaust in britischen Museen geschrieben und war auf der Suche nach einer Möglichkeit, im Bereich der Holocaustvermittlung Erfahrungen zu sammeln. So schien mir der Umstand, dass es in Österreich einen Verein gab, der junge ÖsterreicherInnen an Einrichtungen in der ganzen Welt sandte, an denen sie sich mit Nationalsozialismus und Holocaust auseinandersetzen konnten, eine einzigartige Gelegenheit. Durch den EFD hatte ich diese Möglichkeit, und zwar samt einer finanziellen Unterstützung, ohne die mir dies nicht möglich gewesen wäre.


Als ich nach Wien kam, war ich die erste EFD-Freiwillige im Verein GEDENKDIENST, deren Muttersprache nicht Deutsch war.Zwar hatte ich Deutsch in der High School gelernt, allerdings war dies ehrlich gesagt nicht sehr hilfreich – was mehr am Unterricht in England als am Wiener Dialekt lag. Daher war ich damals besonders froh, dass in den Vorstandssitzungen manchmal auch Englisch gesprochen wurde, dies umso mehr, da diese Sitzungen nicht selten bis Mitternacht dauerten. Es bedeutete auch, dass der Vorstand des Vereins zusammen mit John Evers, dem damaligen Leiter des Vereins-Büros, die Arbeitsaufgaben der EFD-Freiwilligen überdenken musste. Zu meinen Hauptaufgaben zählte es dann, die Webseite des Vereins ins Englische zu übersetzen, was meinem Deutsch sehr zu Gute kam – allerdings verhalf es mir in erster Linie zu einem relativ spezifischen ‚Holocaust-Vokabular‘. Darüber hinaus organisierte ich die vereinseigene Vortragsreihe Geh Denken! Da ich nicht – wie viele andere Freiwillige vor mir – zwölf Monate für den Verein arbeitete, hatte das Auswahlseminar der nächsten Gedenkdienstleistenden bereits stattgefunden. ‚Mein‘ Jahrgang war also bereits ausgewählt worden, bevor ich nach Wien kam. Durch die Mitarbeit an den Vorbereitungsseminaren und die wöchentlich stattfindenden Mittwochstreffen lernte ich allerdings in kurzer Zeit viele Menschen kennen und fühlte mich bald als Teil des Vereins.


Nach Beendigung meiner Arbeit bei GEDENKDIENST ging ich zurück nach England, um meinen Master in Museum Studies zu machen. Allerdings dauerte es nicht allzu lange, bis ich wieder in Wien landete: ich kam im darauffolgenden Sommer zurück – wieder durch ein vom EFD finanziertes follow-up-project. Ich erarbeitete eine zweisprachige Ausgabe der Zeitung GEDENKDIENST, die einerseits den EFD selbst vorstellte und andererseits EFD-Freiwillige des Vereins zu Wort kommen ließ.


Viel ist in den letzten sechs Jahren im Verein geschehen: GEDENKDIENST ermöglicht seit 2008 Frauen mithilfe des Geschwister-Mezei-Fonds – wenn auch aufgrund finanzieller Schwierigkeiten nur in begrenzter Anzahl – unter denselben Bedingungen wie Männer Gedenkdienst zu leisten. Gleichzeitig wurde die Kooperation mit EFD beendet, da man im Verein der Meinung war, dass die ungleichen Voraussetzungen für Zivilersatzdienstleistende und EFD-Freiwillige nicht länger hinzunehmen seien und vor allem die Republik Österreich Gedenkdienst für Frauen im selben Ausmaß wie den Zivilersatzdienst fördern solle. Ich bedauere diese Entscheidung des Vereins und finde es schade, dass man die Entsendung von Freiwilligen über den EFD aufgegeben hat und die Möglichkeit einer Entsendung von Frauen nun völlig von Fördergeldern aus
Österreich abhängig macht.


Und wie auch einige andere EFD-Freiwillige, lebe ich mittlerweile dauerhaft in Wien. Einen großen Anteil daran haben sicherlich die Personen, die zu meiner Zeit bei GEDENKDIENST auf die eine oder andere Art im Vereinsleben involviert waren. Es erstaunt mich immer wieder, wie viele Menschen ich bisher getroffen habe, die mich gefragt haben, wie ich in Wien gelandet bin und sich im Gespräch herausgestellt hat, wie viele Freunde und Bekannte man über das Netzwerk des Vereins teilt. Ich denke, dass dies eines der faszinierendsten Dinge an GEDENKDIENST ist: Er hat durch seine Vernetzung und die vielen engagierten Mitglieder eine enorm große Wirkung auf den Bereich der Gedenkkultur in Österreich, obwohl es sich um einen relativ kleinen, größtenteils von Freiwilligenarbeit geprägten Verein handelt.

 

 

Jennie Carvill

war 2006 im Rahmen des Programms des Europäischen Freiwilligendiensts (EFD) Freiwillige im Verein GEDENKDIENST; studierte Archäologie und Museum Studies und arbeitet derzeit an ihrer Dissertation in Wien.