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Ausgabe 1/12


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"1938 Gründe gegen Haider!!"

Zur Geschichte eines Transparents

 

Rückblende in den September 1999: Es herrscht Nationalratswahlkampf in Österreich. Die Haider-FPÖ schickt sich an, die ÖVP in Umfragen von Platz zwei zu verdrängen. Der Wahlkampf, der im Sommer dahinplätscherte, gewinnt im September an Dynamik. In einem FPÖ-Flugblatt, das damals als Postwurfsendung ins Haus kam, konnte man Ungeheuerliches lesen: „Wußten Sie, dass in den Deutsch-Lesebüchern unseren Wiener Kindern bereits seitenweise türkische und serbo-kroatische Texte aufgezwungen werden? […] Wußten Sie, dass es nur unter der SPÖ in Wien möglich ist, dass schwarzafrikanische Asylwerber mit Designeranzug und Luxushandy ihren Drogengeschäften ungestört nachgehen können?“1


 
Diese und andere Aussagen erinnerten in ihrem Stil an Kampagnen des NS-Kampfblatts Der Stürmer aus den 1930er Jahren. Irgendwie konnte ‚man‘ da nicht unwidersprochen zur Tagesordnung zurückkehren. So kam die Idee auf, dass der Verein GEDENKDIENST etwas machen sollte. Alle waren dafür, aber niemand hatte eine Idee. Ein unübersehbares Transparent war, so die Überlegung, am besten geeignet, die Dramaturgie der Abschlusskundgebung der FPÖ zu unterlaufen. Der Spruch kristallisierte sich in einem Telefonat mit Josef Teichmann, damals für die wöchentlich stattfindenden Mittwochstreffen im Verein verantwortlich, heraus. So besorgte ich Leinen und Farbe und bastelte ein Transparent mit dem Spruch „1938 Gründe gegen Haider!!“.


Dieses Transparent entrollten wir, als Jörg Haider am 1. Oktober 1999 zum Wahlkampfabschluss am Stephansplatz seine Rede begann. Die Veranstaltung wäre wohl bald in Vergessenhei t geraten, wenn die FPÖ wenige Tage später beieiner Pressekonferenz ein anderes Hintergrundfoto gewählt hätte. Doch sie wählte ein Foto von der Kundgebung, auf dem auch unser Transparent zu sehen war: Nun war aber nicht mehr „1938 Gründe gegen Haider!!“ sondern „1998 Gründe für Haider!!“ zu lesen und aus Haider-Gegnern und -Gegnerinnen wurden auf einmal Haider-Fans. Diese Bildfälschung wurde bemerkt und führte dazu, dass nationale und internationale Medien darüber berichteten. Der Kurier schrieb: „Ein kleiner p.r.-Gag? Nein, ein dummdreister Versuch, die Geschichte (des Wahlkampfes) umzuschreiben. Diese flotte Bildfälschung sagt mehr als tausend Worte – über Haiders Umgang mit Fakten.“2 Und Uwe Mattheiss in der Süddeutschen Zeitung konstatierte: „So schnell entledigt moderne Bildbearbeitungssoftware einen von der Last der Geschichte, die das Land mit der Erinnerung an seinen bereitwilligen ‚Anschluss’ verbindet.“3


Die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen von GEDENKDIENST protestierten in einem offenen Brief an Jörg Haider, der auch in der Gemeinde im November 1999 veröffentlicht wurde4, gegen die Verfälschung des Transparents. Von Jörg Haider gab es nie eine Stellungnahme dazu. Einzig der damalige FPÖ-Generalsekretär Peter Westenthaler kommentierte die Bildfälschung mit den Worten: „Ein kleiner Dank an die Linken, die unsere Kundgebung gestört haben.“5 Sonst stritt man nach altbekannter FPÖ-Taktik alles kategorisch ab, wie etwa Susanne Riess-Passer in der ORF-Sendung Betrifft am 4. Februar 2000.

 
Die Medienberichterstattung über die Bildfälschung machte das Transparent, wie Thomas Rottenberg im Standard schrieb, „legendär.“6 Diese „Transparent-Geschichte“ führte zu einer ‚Politisierung‘ im Verein. Die Empörung gegen die sich immer stärker abzeichnende schwarz-blaue Koalition, wurde größer und führte dazu, dass bei GEDENKDIENST nun viele Transparente gemalt wurden: Banner mit Aufschriften wie „Doll-Schüssel und Khol-Fuß“ oder „Pop-Faschisten und Pseudo-Christen. Betrug im Land der Fatalisten“ wurden nicht nur bei den vielen Demonstrationen im Herbst/Winter 1999/2000, sondern auch am 4. Februar 2000 am Ballhausplatz anlässlich der Demo gegen die Angelobung der schwarz-blauen Regierung getragen und dann bei vielen Donnerstags-Demos ab dem Frühjahr 2000.


Auf Demos gehen, Transparente malen, das war bisher nicht Inhalt der Arbeit von GEDENKDIENST gewesen. Aber allen wurde dadurch bewusst, dass die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in Österreich nicht nur bedeuten kann, sich über eine vergangene Epoche zu informieren, sondern dazu dient, in der Gegenwart einen gesellschaf tspol i t ischen Standpunkt zu ver treten. Der Aufstieg Haiders zeigte, dass die österreichische Rechte nichts aus dem Nationalsozialismus gelernt hatte, dass sie am Ende des 20. Jahrhunderts, wie in den 1930er Jahren mit Rassismus, Ausgrenzung und Hetze gegen das ‚Fremde‘ – höchst erfolgreich – auf Stimmenfang ging. Diese Erkenntnis war prägend für die damals im Verein GEDENKDIENST tätigen Personen. Doch irgendwann einmal ging man auf die Demos ohne Transparente und sie verschwanden im Abstellkammerl im (damals) neuen Vereinsbüro am Rabensteig. Und auch die Demobesuche wurden seltener und hörten schließlich nach und nach auf. Für GEDENKDIENST wurde die ruhige, kontinuierliche Aufbauarbeit wieder wichtiger. Es ging jetzt wieder mehr darum eine Politik der vielen kleinen und manchmal größeren Schritte zu machen, um die Vereinsziele zu verwirklichen. Auch der Versuch, durch politischen Aktionismus die Medien auf Anliegen von GEDENKDIENST aufmerksam zu machen, geriet nun wieder in den Hintergrund.

 
Die Transparente blieben zusammengerollt und gut verstaut im Abstellkammerl, bis ich eines Tages, es muss wohl 2009 gewesen sein, einen Anruf aus dem Vereinsbüro bekam: „Deine Transparente liegen noch bei uns, was sollen wir damit tun?“, war die Frage. Und: „Hol sie ab, oder wir müssen sie beim Umsiedeln wegschmeißen“, war die unmissverständliche Aufforderung. Seitdem liegen sie im Kellerabteil meiner Wohnung. Seltsam, dachte ich mir damals, wie der im vergangenheitspolitischen Diskurs agierende Verein GEDENKDIENST sich seiner politischen Vergangenheit entledigt. Jetzt harren die Transparente in meinem Keller darauf, dass sie ‚wiederentdeckt‘ werden. Vielleicht entsorge ich sie aber auch einmal: Als Widmung für ein Museum der Republikgeschichte, falls es irgendwann einmal eines geben sollte…

 

 

Christian Klösch

Leistete 1996/97 Gedenkdienst am Leo Baeck Institute (LBI) in New York; war 1997 bis 2004 Vorstandsmitglied und 2001 bis 2004 Obmann des Vereins GEDENKDIENST; derzeit Mitarbeiter der Kommission für Provenienzforschung am Technischen Museum Wien.

 

 

1 Flugblatt „Glaubwürdig für uns Wiener“, September 1999.
2 Kurier, 6. Oktober 1999, 1.
3 Süddeutsche Zeitung, 8. Oktober 1999, 19.
4 Vgl. auch Der Standard, 12. Oktober 1999.
5 Die Presse, 7. Oktober 1999.
6 „Von Parolen und anderen Vorfällen“, Der Standard, 22. Mai 2000.