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Ausgabe 1/12


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Geh Denken!: Geschichte, Politik, Vermittlung

Über Entstehung und Konzept der monatlich stattfindenden Veranstaltungsreihe des Vereins GEDENKDIENST

 

Reder-Affäre, österreichische Erinnerungskultur, Darstellung nationalsozialistischer Täter im Film, pädagogisches Vermittlungskonzept des Lern- und Gedenkortes Schloss Hartheim: Die Themen- und Gästeliste der Veranstaltungsreihe Geh Denken! war und ist so divers wie die Vergangenheit, mit der sie sich beschäftigt. ‚Gedenken‘ wird dabei nicht als sakraler Akt, sondern als kritische Auseinandersetzung mit geschichtlichen Themenkomplexen verstanden.


Seit Anfang der 2000er Jahre veranstaltet der Verein GEDENKDIENST Geh Denken!; im Sommer- wie im Wintersemester finden jeweils am zweiten Mittwoch des Monats wissenschaftliche Vorträge, Podiumsdiskussionen oder ZeitzeugInnengespräche statt. Die Geh Denken!-Reihe hebt sich von anderen Veranstaltungsreihen in Wien durch ihre Bandbreite an Themen ab, die die NS-Vergangenheit als Ausgangspunkt für eine breitere Beschäftigung mit aktuellen Debatten und Herangehensweisen nutzt. Sowohl die pädagogische Vermittlung der Geschichte oder Themen der Tagespolitik mit historischer Dimension – etwa der Vortrag von Ronald Faber und Ilse Reiter-Zatloukal über die Bedeutung der Habsburgergesetze – sind Themen, die von Geh Denken! behandelt wurden.


Die Entstehungsgeschichte der Geh Denken!-Reihe ist repräsentativ für eine wichtige Entwicklung in der Geschichte des Vereins: Der Beginn der 2000er Jahre stellte eine wichtige Zäsur nicht nur in der Politik und politischen Kultur Österreichs, sondern auch in der Geschichte des Vereins GEDENKDIENST dar. Schon in den 1990er Jahren versuchte der Verein durch die regelmäßige Veranstaltung von Tagungen öffentliches Bewusstsein für historische Sachverhalte und ihre politische Dimension zu schaffen. Die Transformat ion des Vereins-Selbstverständnisses von einer reinen Entsendeorganisation für Zivilersatzdienst hin zu einer geschichtspolitisch agierenden Organisation, musste aber erst geschehen. Nach der Nationalratswahl 1999 machte der Verein GEDENKDIENST auch durch Themensetzung in der Protestbewegung
gegen die schwarz-blaue Regierung auf sich aufmerksam, vor allem durch das von der FPÖ in einer Bildmanipulation veränderte Transparent „1938 Gründe gegen Haider!“. Geh Denken! war ein weiterer Schritt an die Öffentlichkeit, ein Schritt in Richtung historisch-politischer Bildungsarbeit, und ist bis heute ein integraler Bestandteil der Vereinsaktivitäten.


Die Geh Denken!-Reihe versucht in ihrer Themensetzung aber nicht nur eine Bandbreite an historischen, geschichtspolitischen wie auch interdisziplinären Ansätzen in Bezug auf Nationalsozialismus und Holocaust zu repräsentierten, sondern reflektiert auch die vielfältigen Betätigungsfelder des Vereins. So wurde im Dezember 2011 erstmals im deutschsprachigen Raum der neu erschienene Lithuanian Holocaust Atlas präsentiert, an dem Gedenkdienstleistende in Vilnius maßgeblich beteiligt waren. Ein weiteres Beispiel ist das kritische Podiumsgespräch mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Friedhelm Frischenschlager, über die sogenannte Reder-Affäre: diese Veranstaltung bildete den Auftakt zur engen Kooperation des Vereins mit der Scuola di Pace di Monte Sole in Marzabotto (Italien), die an das von einer SS-Einheit unter Walter Reder verübte Massaker erinnert.


Zudem soll die Geh Denken!-Reihe einer breiten Öffentlichkeit historisch-politische Themen zugänglich machen. Die einzelnen Veranstaltungen sollen sowohl Möglichkeit zur Diskussion, als auch eine Plattform für neue Themen und interdisziplinären Austausch bieten. Historische Themenkomplexe werden nicht nur in Bezug auf geschichtswissenschaftliche Erkenntnisse behandelt, sondern auch im Lichte möglicher pädagogischer Vermittlung und politischer Relevanz betrachtet. Beispiel hierfür ist das Programm im Wintersemester 2011, welches das Thema NS-,Euthanasie‘ aus verschiedenen Perspektiven betrachtete, ob nun durch Markus Rachbauer, der Forschungsergebnisse zu ‚Euthanasie‘-Morden an ZwangsarbeiterInnen vorstellte oder durch Irene Leitner, die auf das Vermittlungskonzept am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim einging.

 

Für die nähere Zukunft sind weitere thematische Schwerpunkte für den jeweiligen Vortragszyklus, wie etwa zu ,Euthanasie‘ im Wintersemester 2011, in Kombination mit einer Betrachtung verschiedener Herangehensweisen an die jeweiligen Themenkomplexe geplant. Geh Denken! soll als Veranstaltungsreihe mit historisch-politischer Dimension weiter etabliert werden und eine größere Öffentlichkeit ansprechen.

 

 

Johannes Breit

leistete 2008/09 Gedenkdienst am United States Holocaust Memorial Museum in Washington, DC, studiert Geschichte an der Universität Wien und ist Mitglied im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST.

 

 

Lukas Meissel

leistete 2006/07 Gedenkdienst in Yad Vashem, Jerusalem, studiert Geschichte und Hebräisch an der Universität Wien und ist Mitglied im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST.


Johannes Breit und Lukas Meissel sind seit 2010 für die Organisation der Geh Denken!-Reihe verantwortlich.