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Ausgabe 1/12


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Geschichte begegnen

Rückblick und Ausblich auf Studienfahrten des Vereins GEDENKDIENST

 

Studienfahrten an Orte der nationalsozialistischen Verbrechen veranstaltet der Verein GEDENKDIENST seit seiner Gründung im Jahr 1992.


In den vergangenen 20 Jahren wurden nicht nur eine große Anzahl an Studienfahrten durchgeführt, sondern auch viele verschiedene Gedenkstätten und Gedenkorte besucht: in Auschwitz, Lublin, Warschau, Theresienstadt, Berlin, Ravensbrück, Marzabotto, Bologna, Slowenien, Kärnten und im Salzkammergut.


Eine mehrtägige Fahrt in einer Gruppe an eine Gedenkstätte im In- oder Ausland bedeutet individuell für jede/n etwas anderes: Erinnerung, Gedenken, Lernen, Erfahren oder Auseinandersetzung. Als Ausgangspunkt dienen jedoch immer die spezifischen Orte mit ihrer spezifischen Geschichten.

 
Als OrganisatorInnen von mehrtägigen Studienfahrten möchten wir auf die vielfältigen Bedürfnisse und Erwartungen der teilnehmenden SchülerInnen, Studierenden oder Einzelpersonen eingehen. Daher ist uns eine Vorbereitungseinheit ein besonderes Anliegen.


Rückblick


Zu Beginn der 1990er Jahre waren Studienfahrten – damals auch „Seminare“ genannt – als interne Vorbereitung für zukünftige Gedenkdienstleistende angelegt. Die Fahrten führten nach Auschwitz und Theresienstadt. Die Konzepte wurden in Zusammenarbeit mit aktuellen Gedenkdienstleistenden vor Ort erstellt.


Um die Jahrtausendwende stieg das Interesse von Jugend- und Studierendengruppen mehrtägige Reisen an Orte nationalsozialistischer Verbrechen mit dem Verein GEDENKDIENST zu unternehmen. So entwickelten sich die Studienfahrten von einer internen Fortbildung zu einem ständigen Bestandteil des Bildungsangebots des Vereins.


Bis 2008 wurden Studienfahrten von ehemaligen Gedenkdienstleistenden und MitarbeiterInnen des Vereins wie John Evers, Kati Hellwanger, Peter Larndorfer, Jakob Racek, Matthäus Rest, Thomas Strasser, Wolfgang Schellenbacher, Stephan Sturm, Florian Wenninger und Sina Zwettler begleitet. Von 2008 bis 2010 konnte im Rahmen des ersten Studienfahrtenprojekts, das vom Nationalfonds, dem Zukunftsfonds und der Stadt Wien finanziert wurde, eine Ausbildung zur Studienfahrten-Begleitperson, kurz Guide, für 20 Personen angeboten werden.


Die fünf Ausbildungswochenenden konzentrierten sich auf das Kennenlernen pädagogischer Konzepte der Gedenkstättenarbeit, die Erprobung didaktischer Methoden an unserer eigenen Gruppe und die Auseinandersetzung mit der Frage, warum und wie wir Gedenkstättenbesuche begleiten möchten.


Durch die Ausbildung wurde nicht nur die Anzahl derer, die Studienfahrten für den Verein GEDENKDIENST begleiten, maßgeblich erweitert, sondern auch eine Reihe von neuen aktiven Mitgliedern im Verein aufgenommen, deren hoher Frauenanteil bemerkenswert ist.


Die Guide-Ausbildung stellte einen weiteren Schritt zur Etablierung von Studienfahrten als Teil der historisch-politischen Bildungsarbeit des Vereins dar. Konnten in den ersten Jahren ein paar Studienfahrten pro Jahr durchgeführt werden, sind es seit 2009 jährlich rund fünfzehn Fahrten ins In- und Ausland. In der Projektlaufzeit konnte der Verein für
viele Gruppen eine Förderung der Fahrten durch die Trägerorganisationen anbieten.


Aufgrund des steigenden Interesses an Studienfahrten wurde 2011 vereinsintern eine selbstorganisierte Guide-Ausbildung mit sieben TeilnehmerInnen durchgeführt.


Im Rahmen der Ausbildung sind zwei konzeptionelle Arbeitsgruppen entstanden: die DidaktikWerkstatt sowie die GenderWerkstatt, die sich zum einen mit Konzepten der Vermittlung und zum anderen mit genderspezifischen Fragestellungen auseinandersetzen. Die inhaltlichen und methodischen Ergebnisse und Überlegungen der Arbeitsgruppen fließen als wichtiger Baustein in die Konzeption der Studienfahrten ein.


Ausblick


Im Feld der Gedenkstättenarbeit bewegt sich österreichweit und international aktuell vieles und der Verein GEDENKDIENST arbei tet hier aktiv mit : pädagogische Konzepte ausarbeiten und erproben, gesellschaftspolitische Kontexte einbeziehen, im Austausch mit WissenschafterInnen und GedenkstättenpädagogInnen stehen, um neuen Herausforderungen der Gedenkstättenarbeit begegnen zu können.


Von 2012 bis 2013 beschäftigt sich das zweite Studienfahrtenprojekt Orte der Erinnerung – im Hier und Heute – finanziert von der EU, dem Nationalfonds, dem Zukunftsfonds und dem Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend – mit historisch-politischen Bildungsprogrammen im Rahmen mehrtägiger Studienfahrten an Orte der NS-Verbrechen. Im Fokus steht die Vermittlung von Nationalsozialismus und Holocaust in europäischen Migrationsgesellschaften und die Diversität europäischer Erinnerungskulturen. Dabei sollen pädagogisch-didaktische Konzepte der Menschenrechtsbildung und der historisch-
politische Bildungsarbeit miteinbezogen werden.


Überlegungen zur Vermittlung der nationalsozialistischen Verbrechen an historischen Orten befinden sich immer auf dem Prüfstand. Man muss stets kritisch fragen: Warum wollen wir an diesen Orten vermitteln? Was soll gelernt werden? Wie kann die Zukunft der Vermittlung und des Gedenkens ohne ZeitzeugInnen aussehen?


Eine einzige Antwort darauf würde dem Gegenstand nicht gerecht werden. Daher bleiben Studienfahrten an Lern- und Gedenkorte der NS-Verbrechen immer ein spannendes Feld – für uns als Guides und für unsere (zukünftigen) TeilnehmerInnen.

 

 

Olivia Kaiser-Dolidze

ist Mitglied im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST; nahm 2009 an der Guide-Ausbildung teil und begleitet seither Gruppen auf Studienfahrten und arbeitet in der Studienfahrten-Arbeitsgruppe mit.