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Ausgabe 2/12


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Menschenrechtsbildung an NS-Gedenkstätten?

Am 13. und 14. April 2012 veranstaltete der Verein GEDENKDIENST eine Tagung unter dem Titel Zwischen Widerspruch und Vernetzung. Menschenrechtsbildung und historisch-politische Bildung als gegenwartsbezogene Ansätze mehrtägiger Gedenkstättenarbeit. Dort wurden Chancen und Grenzen der Interaktion von Menschenrechtsbildung und historisch-politischer Bildungsarbeit an NS-Gedenkstätten erörtert und diskutiert. GEDENKDIENST veröffentlicht nachstehend einen Tagungsbericht.

 

Im Rahmen des derzeit beim Verein GEDENKDIENST angesiedelten Projekts Orte der Erinnerung – im Hier und Heute haben wir es uns zur Aufgabe gemacht, systematisch nach Art und Qualität von Gegenwartsbezügen zu fragen, die an Gedenkstätten seitens der Besucher_innen hergestellt werden. Das Ziel ist dabei nicht die ‚Entrümpelung‘ der Gedenkstättenarbeit, sondern die Frage, ob es Instrumentarien gibt, die ermöglichen, unsere stark zeitgeschichtlich ausgerichteten Bildungsprogramme im Interesse ihrer Adressat_innen zu erweitern. Denn gerade mehrtägige Studienfahrten bieten die nötige Zeit und den Raum, Entwicklungen im Gruppenprozess nicht nur zuzulassen, sondern aktiv auf sie zu reagieren. Und so lautete die Leitfrage unserer Veranstaltung,ob es sinnvolle Wege und Möglichkeiten gibt, Menschenrechtsbildung mit historisch-politischer Bildung an Gedenkstätten zu verknüpfen. Entscheidend war dafür das Format der Veranstaltung als Workshop-Tagung: der theoretischen Gegenüberstellung und Kontrastierung beider Konzepte am ersten Tag folgte am zweiten die Suche nach praktischen und handlungsorientierenden Schnittstellen, nach Koordinaten der mehrtägigen Arbeit. 

 

Keine Neudefinition der zeitgeschichtlich fundierten Arbeit mit dem Ort

Dass eine Neudefinition der ortsspezifischen Arbeit in Gedenkstättenrundgängendabei ein Holzweg ist,lautete bereits die Grundannahme der Veranstaltung. Vielmehr sollte der Blick auf das pädagogische Rahmenprogramm – die Vorbereitung, die Workshopphasen und die Nachbereitung – gelenkt werden. Gefragt wurde also, ob mehrtägige Gedenkstättenarbeit Menschenrechtsbildung als Referenzrahmen aktiv anbieten kann und soll und welche konzeptionellen und pädagogisch-praktischen Veränderungen damit einhergehen. In einem Eingangsstatement Eingangsstatement stellten Till Hilmar, Olivia Kaiser und Isabella Riedl (Verein GEDENKDIENST) das pädagogische Konzeptdes Vereins GEDENKDIENST vor: Historisch-politische Bildung fühlt sich dem konkreten Ort als Quelle wie als Medium verpflichtet; dabei ist sie bemüht, ein Bild der nationalsozialistischen Gesellschaft wie auch der Nachgeschichte des Nationalsozialismus zu vermitteln, das stereotype Deutungen aufbricht und Fragen an die Geschichte ermöglicht. Dieser Ansatz macht vor der Autorität der Institution Gedenkstätte nicht halt, sondern befragt auch die Kriterien der Erinnerung, die den örtlichen Geschichtsrepräsentationen und ihrem gesellschaftlichen Kontext zugrunde liegen. Verena Haug (ehem. Arbeitskreis andere Geschichte e. V., Braunschweig) beschäftigte sich in ihrem Vortrag mit den „Gewichtungen der Bindestrichpädagogik“ historisch-politischer Bildung und hielt fest, dass in der Gedenkstättenarbeit die Trennung zwischen historischem und politischem Lernen selbst nicht konzeptionell geklärt ist. Auch der Begriff des Gegenwartsbezugs darf nicht allein auf die politische Seite der Bildungsarbeit reduziert werden, denn historisches Wissen kann ebenso handlungsorientierend sein. Im Rahmen ihrer institutionellen Professionalisierung werden Gedenkstätten aber zunehmend zu Orten der politischen Bildung schlechthin erklärt. Dabei ist noch einmal zu unterscheiden zwischen historisch-politischer Bildung und dem ortsspezifischen Rahmen, den eine Gedenkstätte als zeithistorische Quelle bildet. Sowohl der Vortrag wie auch der anschließende Kommentar von Heidemarie Uhl(Österreichische Akademie der Wissenschaften) stellten sich deutlich gegen die „Überfrachtung“ der Gedenkstättenarbeit mit Themen, die auch in anderen Kontexten – und dort auch besser – zum Gegenstand eines Bildungsprogramms werden können. Uhl problematisierte zudem die Entpolitisierung der Erinnerungsarbeit, die mit der Zentrierung auf die abstrakte Kategorie des ‚Opfers‘ einhergehe und mit dem Unwissen über die jeweilige gesellschaftliche Rolle von Gedenkstätten zusammenhänge. Da nicht zuletzt Menschenrechtsbildung im österreichischen und bundesdeutschen Schulunterricht bislang nur eine marginale Rolle spielt, fallen der Gedenkstättenarbeit Anknüpfungspunkte zwangsläufig schwer. Jedoch besteht bei Vermittler_innen an Gedenkstätten nur ein geringes Wissen über Geschichte, Inhalte und Anwendungsfelder der Menschenrechtsbildung. Peter Kirchschläger (Zentrum für Menschenrechtsbildung, PHZ Luzern) stellte deshalb die verschiedenen Dimensionen der Menschenrechtsbildung als ein lebenslanges Lernen über, durch, für Menschenrechte und in Menschenrechten vor. Hierzu zähle auch das Recht auf Menschenrechtsbildung. In ihrem Zentrum stehe die Würde des Menschen, die sowohl im pädagogischen Umgang wie auch in den behandelten Themen zum Gegenstand werde. Als Leitkategorie gelte die Handlungsorientierung – ein Wissen, das nicht nur in der theoretischen Auseinandersetzung, sondern im prozesshaften Erfahren von menschenrechtlich relevanten Fragen generiert werde. Weil Menschenrechte universal und unteilbar sind, ist auch die Menschenrechtsbildung sui generis ein umfassendes Programm. Das stelle die Gedenkstättenarbeit, die chronisch an Zeitmangel leide, meist an die  Negativität des historischen Orts gebunden sei und zugleich immer wieder als Projektionsfläche für positive Bildungsideale herhalten müsse vor große Probleme, wie Adalbert Wagner (Verein GEDENKDIENST) in seinem Kommentar betonte. Gottfried Kößler (Fritz Bauer Institut/Pädagogisches Zentrum Frankfurt am Main) stellte im Anschluss Erfahrungen aus dem bundesdeutschen Modellprojekt Gedenkstättenpädagogik und Gegenwartsbezug vor. Als verbindendes Element der Menschenrechtsbildung und der Gedenkstättenarbeit betonte Kößler das Lernsetting, in dem das Element der Bildung durch Menschenrechte verwirklicht werden kann. Hier sind vor allem die Vermittler_innen gefordert ein demokratisches und gruppenorientiertes Setting zu schaffen. In so einem Umfeld können Themen aus den aktuellen Anliegen der Gruppe heraus entstehen und die jeweiligen Beweggründe sowohl für das Handeln der Vermittler_innen als auch für jenes Einzelner aus der Gruppe können transparent gemacht werden. Es sind vergleichbare Dynamiken, die auf Studienfahrten des Vereins GEDENKDIENST immer wieder sichtbar werden. Die daran anschließende Frage lautete deshalb, ob gewisse Thematiken vor dem Hintergrund der Menschenrechtsbildung als Referenzrahmen explizit aufgegriffen werden sollten.

 

Was kontrovers ist...

Der zweite Tag war interaktiv angelegt: In zwei Workshops stellten Peter Kirchschläger und Matthias Heyl (Mahn und Gedenkstätte Ravensbrück) jeweils Praxisformen der historisch-politischen Bildung und der Menschenrechtsbildung vor, anschließend gab es ausreichend Raum für die Diskussion über potentielle Schnittstellen. Ansätze der Menschenrechtsbildung weisen eine interessante Balance zwischen der Rolle des Individuums und gesellschaftlichen Zusammenhängen auf, die in der Gedenkstättenarbeit zuweilen fehlt. So werden hier nicht nur individuelle Fremd- und Selbstzuschreibungen, sondern auch gesellschaftliche Strukturen zum Thema. Während die Menschenrechtsbildung ein großes Feld an potentiellen Themen umfasst, ist es der historisch-politischen Bildung an Gedenkstätten an der Auseinandersetzung mit der Spezifik des historischen Orts und seiner Schichten gelegen. Die Gedenkstättenarbeit sieht sich mit einem medial überformten Vorwissen von Besucher_innen konfrontiert. Deshalb muss sie die Wege und Möglichkeiten zu einer historisch fundierten Auseinandersetzung oftmals aktiv eröffnen. In diesem Sinne arbeitet die historisch-politische Bildung an Gedenkstätten der Einsicht zu, dass „Juden keine Metaphern sind“ (Matthias Heyl) – gleichzeitig beißt sich die pädagogische Praxis an den Blockaden symbolischer Opferkonkurrenz zuweilen die Zähne aus. Die Universalität der Menschenrechtsbildung jedoch macht sie noch nicht per se ahistorisch: die Geschichte der Menschenrechte selbst bildet einen wichtigen Anknüpfungspunkt, sofern Menschenrechte „nicht als vom Himmel gefallen“ (Peter Kirchschläger) – und damit auch verniedlicht –, sondern als politischer Aushandlungsprozess und als Errungenschaft verstanden werden. Gleichzeitig sind die von der Menschenrechtsbildung thematisierten Minimalstandards in Bezug auf die Achtung der Menschenwürde für den Großteil der Weltbevölkerung längst noch keine Realität. Angegriffen fühlt sich die Gedenkstättenarbeit aber, sofern sie nur als historische Untermalung einer je aktuell relevanten Fragestellung herangezogen wird. Die Gefahr der Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen ist nicht weit, wenn die Spezifik der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden zu einerMenschenrechtsfrage allein wird. Die historische Dimension der Verbrechen und die Rolle, die der nationalsozialistischen ‚Volksgemeinschafts‘ Ideologie darin zukommt, werden dann zwangsläufig verkürzt. Zudem scheint es, dass das grundsätzlich auf ethische Fragestellungen ausgerichtete Konzept der Menschenrechtsbildung den Fokus insbesondere auf Zuschauer_innen, nicht aber auf Opfer und Täter_innen lenkt (Robert Jan van Pelt). Es ist gerade die Frage des angestrebten Wertehorizonts, an der sich eine der Hauptkontroversen zwischen diesen Ansätzen herausbildet: die Menschenrechtsbildung ist klar normativ ausgerichtet, auch wenn sie eine aktive Reflexion ihrer Kriterien fordert. Die historisch-politische Bildung an Gedenkstätten sieht sich vor allem in Bezug auf den Holocaust mit dem Paradoxon der negativen Erinnerung konfrontiert, das das eigene Bedürfnis nach positiver Sinnstiftung aus dem Massenmord kritisch hinterfragt und zugleich selbst nicht ohne ethischen Referenzrahmen auskommt. Wenn die Menschenrechte diesen Referenzrahmen bilden, geht das zunächst zwangsläufig mit einer Zerstückelung des umfassenden Anspruchs der Menschenrechtsbildung einher. Deshalb muss man sich fragen, ob eine solche Bildungsarbeit den Namen Menschenrechtsbildung tragen sollte.

 

...muss auch kontrovers in den pädagogischen Prozess getragen werden

 

Das Wissen um Menschenrechte und das Bewusstsein für menschenrechtlich relevante Fragen ist in Österreich nach wie vor sehr gering. So werden Menschenrechte bis heute oftmals ausschließlich mit kriegerischen Auseinandersetzungen in Zusammenhang gebracht und selten mit dem Alltag des/der Einzelnen verknüpft. Deshalb gibt es insbesondere auf europäischer Ebene institutionelle Dynamiken, die die Forderung nach Menschenrechtsbildung an Gedenkstätten verstärken. Wenn auch richtigerweise betont wird, dass die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948 eine historische Antwort auf den Nationalsozialismus ist, darf man doch diese Ausgangssituation nicht mit der Vielzahl an offenen Fragen verwechseln, die sich bei Besucher_innen nach einem Gedenkstättenbesuch auftun. Die Frage, in welchen Punkten Menschenrechte einen konkreten Referenzrahmen bilden und in welchen nicht, sollte deshalb im Sinne des Beutelsbacher Konsenses1 selbst im pädagogischen Prozess behandelt werden. Damit ist bereits eine Grundlage geschaffen, die im Interesse der Teilnehmer_innen Akzente setzt. Dafür ist eine menschenrechtlich aufgeklärte Geschichtsvermittlung vonnöten. Auf dieser Grundlage wurden auf der Veranstaltung und in der internen Nachbereitung einige Punkte ausgearbeitet, die sich für das Projekt Orte der Erinnerung - im Hier und Heute als work in progress definieren lassen:

  • Der Anspruch, Nationalsozialismus und Holocaust als historische Prozesse mit globaler und anhaltender Relevanz zu vermitteln, stellt eine gemeinsame normative Grundlage beider Konzepte dar.
  • Menschenrechtsbildung bietet einen Referenzrahmen für einige Fragen, die an Gedenkstätten nicht oder nur unzureichend adressiert werden können. Lehrer_innen sollten - über das historisch-politische Bildungsprogramm hinausgehen - auf diese Instrumente zurückgreifen können.
  • Recht ist als alltägliche und zugleich symbolische soziale Ordnungskategorie ein wichtiger Bezugspunkt für Erinnerungsarbeit, als solche ist die Geschichte der Menschenrechte für die Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus von hoher Relevanz.
  • Die Ortsspezifik muss weiterhin ernst genommen werden. Für Aspekte, die alltägliche und systemische Fragen Fragen der nationalsozialistischen Gesellschaft wie Flucht, Asyl oder Polizeigewahrsam aufgreifbar machen, muss auch mit konkreten Ortsbezügn gearbeitet werden. Ortsspezifik bedeutet allerdings auch, dass Themen nicht im Vorfeld absolut gesetzt werden können.
  • Der Fokus aus Kontinuitäten von Diskriminierungsformen und gesellschaftlichen Ausgrenzungsmechanismen in der Nachgeschichte des Nationalsozialismus in Österreich und Europa eröffnet zahlreiche Anknüpfungspunkte, die sowohl ethische als auch politische Fragen in der Gegenwart betreffen. Hierfür bieten mehrtägige Programme den notwendigen Raum.
  • Ein menschenrechtlicher Umgang ist für den pädagogischen Rahmen der Gedenkstättenarbeit die unablässige Voraussetzung.

Wir freuen uns, dass wir uns diesen Fragen mit so profilierten Expert_innen und Kolleg_innen widmen konnten. Die Veranstaltung bot uns die wichtige Gelegenheit, sich über die Ansprüche hinter der jeweils eigenen Arbeit auszutauschen – die Möglichkeit dazu kann in der Gedenkstättenarbeit gar nicht hoch genug geschätzt werden. Dafür gilt unseren Sponsoren großer Dank: dem Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus, dem Zukunftsfonds der Republik Österreich, dem Programm Europa für Bürgerinnen und Bürger: Aktion Aktive Europäische Erinnerung und dem Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend. Ebenfalls sehr herzlich bedanken möchten wir uns beim Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien.  

 

Till Hilmar

Leistete 2007/2008 Gedenkdienst an der Gedenkstätte Theresienstadt/Terezin; studierte Politikwissenschaft und Slawistik; verfasste eine Diplomarbeit zum Thema der visuellen Aneignung der Gedenkstätte Auschwitz durch Besucher_innen und zu sozialen Praktiken rund um das mediale Gedächtnis zu Nationalsozialismus und Holocaust; ist Projektleiter von Orte der Erinnerung - im Hier und Heute beim Verein GEDENKDIENST.

 

1  Der Beutelsbacher Konsens legte 1976 drei Grundsätze der politischen Bildung fest: das "Überwältigungsverbot", das "Kontroversitätsgebot" und die "Schülerorientierung". Mehr Informationen dazu unter http://www.lpb-bw.de/beutelsbacher-konsens.html (02.05.2012).