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Ausgabe 2/12


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Gedenktag - mehr als ein bloßes Erinnerungsritual

"Ehrliches und engagiertes Gedenken ist mehr als bloße Rückschau. Es will immer auch Mahnung, Orientierung und Auftrag sein."

Barbara Prammer, Präsidentin des Nationalrats, in ihrer Rede zum Gedenktag am 5.Mai 2009

 

Der Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wird, basierend auf einer Entschließung aller Parteien im
National- und Bundesrat, seit 1998 jährlich am 5. Mai, dem Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen, begangen. Damit ist der Gedenktag neben dem Staats- und Nationalfeiertag der dritte vom Parlament beschlossene österreichische Feiertag, im Gegensatz zu den anderen beiden allerdings nicht arbeits- und schulfrei. Offensichtlich ist dies ein entscheidendes Kriterium für die öffentliche Wahrnehmung, denn obgleich die jährliche  Gedenkveranstaltung im Parlament am beziehungsweise rund um den 5. Mai auf Einladung der Spitzen von National- und Bundesrat ein hochoffizieller Staatsakt unter Teilnahme des Bundespräsidenten und der (meist zur Gänze anwesenden) Bundesregierung ist, ist das mediale Echo äußerst zurückhaltend. An der Veranstaltung selbst kann es kaum liegen: die Themenstellungen und inhaltlichen Schwerpunkte wechseln, prominente (teils internationale) GastrednerInnen und ZeitzeugInnen sprechen, hochrangige KünstlerInnen umrahmen das Programm.1 Näherliegend ist da schon der Gedanke, dass es in Österreich grundsätzlich schwierig ist, einen Gedenktag an die NS-Verbrechen im Widerstreit der Narrative nachhaltig zu etablieren. Anders formuliert: Wie soll der Gedenktag nach dem jahrzehntelangen Verstecken hinter der Opferthese und den dementsprechend ambivalenten Geschichtsbildern überhaupt im kollektiven Gedächtnis ankommen?

 

Im Mittelpunkt: Das Gedenken an die Opfer

Die Intention des Gedenktags ist zuallererst die Erinnerung an die Opfer. Dem entspricht auch der offizielle Charakter der Gedenkveranstaltung im Parlament. KritikerInnen, die darin nur ein hohles Ritual sehen, kann entgegnet werden, dass dieses ‚Ritual‘ von hoher Bedeutung für die anwesenden Überlebenden und ihre Angehörigen ist und von Respekt und Wertschätzung der Republik ihnen gegenüber zeugt. In diesem Zusammenhang ist auch darauf hinzuweisen, dass diese Symbole als Fixpunkte in der Etablierung eines kollektiven Gedächtnisses von großer Bedeutung sind. Der Gedenktag ruft zudem den antifaschistischen, demokratischen Grundkonsens in Erinnerung und stellt ein Bekenntnis der Staatsspitze dazu dar. Abseits der Tagespolitik bietet der Gedenktag die Möglichkeit, grundlegende politische Botschaften zu formulieren. Zugleich ist er Anknüpfungspunkt für Initiativen wie das beim Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur (BMUKK) angesiedelte Projekt Nationalsozialismus und Holocaust: Gedächtnis und Gegenwart (kurz erinnern.at), das eine Plattform für SchülerInnen und Lehrende2 zum Gedenktag etabliert hat. Ziel für die Zukunft muss es sein, den Gedenktag nicht nur als historische Rückschau zu verstehen, sondern auch immer wieder die Verbindung zur Gegenwart zu suchen. Insbesondere wird dies im Jugendprojekt verwirklicht, das vielleicht den entscheidendsten Beitrag des Parlaments darstellt, den Gedenktag über die offizielle Veranstaltung hinaus gesellschaftlich zu verankern.

 

Jugendliche als MultiplikatorInnen

Seit 2010 initiiert das Parlament im Vorfeld des Gedenktags ein Projekt mit jungen Menschen. Ziel ist es, eine längerfristige Beschäftigung mit einem bestimmten Aspekt aus dem Themenfeld Nationalsozialismus zu ermöglichen und daraus Lehren für das heutige Zusammenleben abzuleiten. Dieser Impuls der Vergegenwärtigung lässt sich unter der vielfach gestellten Frage zusammenfassen: „Was hat das alles mit mir zu tun?“ Anders als in der Jugendbegegnung, die der Deutsche Bundestag seit vielen Jahren im Vorfeld des Internationalen Holocaustgedenktags am 27. Jänner organisiert3, arbeitet das österreichische Parlament nicht mit Jugendlichen, die sich bereits in Projekten und Gedenkstätten engagieren. Zudem fokussiert das österreichische Parlament darauf, jungen Menschen aus allen Bildungsbereichen diese Möglichkeit zu eröffnen. So haben bisher Lehrlingsgruppen, Pflichtschulen, Berufsbildende Höhere Schulen, Gymnasien und eine Krankenpflegeschule teilgenommen.Vermutlich hat kein Jugendprojekt zu diesem Thema in Österreich eine größere Öffentlichkeit und wird medienwirksamer präsentiert. Dies ist eine besondere Verantwortung für die Gruppenverantwortlichen und fordert ein hohes Maß an Engagement und Eigenmotivation für den mehrmonatigen Prozess dieser Projekte. Dabei werden Grundsätze als Basis verwendet, die sich aus dem derzeitigen Erkenntnisstand der historisch-politischen Bildungsarbeit ableiten. Es gilt, den Jugendlichen die Relevanz des Themas deutlich zu machen, gemeinsam in partizipativen Formen zu lernen, sich an den jungen Menschen und ihrem Hintergrund zu orientieren, historische Faktenkenntnis zu vermitteln sowie diese zu kontextualisieren und zu konkretisieren, zu Kritik und Selbstreflexion zu befähigen und Empathie zu fördern. Ziel ist also die Arbeit mit der Gruppe in diesem längeren Prozess, der bereits im Herbst des jeweiligen Vorjahres beginnt. Die Rahmenprogramme werden unter Einbezug der KooperationspartnerInnen4 und der Gruppenverantwortlichen erarbeitet. Letztere sind mit der Arbeit an den Schulen und in den Lehrlingsgruppen betraut und werden vonseiten des Parlaments durch Informationsmaterialien, Einführungsliteratur, Recherchen, Filme, Fotomaterial, Unterrichtseinheiten und durch einen ständigen Diskussions- und Austauschprozess unterstützt. Die Auseinandersetzung zeigt gerade aufgrund der Heterogenität der TeilnehmerInnen viele unterschiedliche Facetten auf. Diskutiert werden grundsätzliche Fragen wie das Warum – sowohl die Auseinandersetzung mit dem Thema als auch den Nationalsozialismus generell betreffend – aber auch Fragen nach Zivilcourage und Menschenrechten heute. Die Palette reicht bis zur spezifischen Befassung mit dem eigenen Berufsfeld, zum Beispiel der Pflege oder der Technik. 2010 stand thematisch die ‚Mühlviertler Hasenjagd‘ im Mittelpunkt, 2011 das „Netzwerk des Terrors“, also die Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen in ganz Österreich und in diesem Jahr befasste sich das Projekt wie auch der Gedenktag mit NS-Euthanasie. Knapp 300 Menschen waren bisher in diese Projekte involviert. Sie alle tragen als MultiplikatorInnen ihre Gedanken zu diesem Thema weiter, und zwar dorthin, wo sie am notwendigsten sind – in die Schulen, an den Arbeitsplatz, in die Familien und den Freundeskreis.

 

Zukunft des Gedenkens - Zukunft des Gedenktags

Die Zukunft des Gedenkens und damit des Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus wurde bereits vielfach diskutiert. Jorge Semprún folgend, könnte das Ziel sein, ein Gedächtnis eines demokratischen Denkens zu begründen, eines Denkens der Toleranz, das dem Vergessen entgegenwirkt.5 Der Gedenktag leistet dazu sowohl als offizieller Staatsakt als auch im Rahmen des Jugendprojekts seinen Beitrag. Darüber hinaus braucht es politische Kräfte und die Organisationen der Zivilgesellschaft, um die gesellschaftliche Relevanz des Gedenktags zu erhöhen.6 Auch an die Verantwortung der Medien, die den öffentlichen Diskurs entscheidend prägen, ist in diesem Zusammenhang zu appellieren.

 

Susanne Roth

arbeitet seit 2004 in zeitgeschichtlichen Projekten und im Bereich Vergangenheitspolitik; war zwischen 2007 und 2009 im Vorstand des Vereins GEDENKDIENST und betreut als Referentin in der Parlamentsdirektion ein Jugendprojekt im Vorfeld des Gedenktags gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

 

1 Siehe dazu: Barbara Prammer, „…kein Fest der Freiheit und Freude“, in: Maria Halmer/Anton Pelinka/Karl Semlitsch, Hg., Was bleibt von der Shoah?
Kontext, Praxis, Nachwirkungen, Wien 2012, 51-70.


2 http://www.erinnern.at/bundeslaender/oesterreich/gedenktage/5.-mai-gedenktag-gegen-gewaltund-rassismus-im-gedenken-an-die-opfer-des-nationalsozialismus (6. Mai 2012).


3http://www.mitmischen.de/erleben/besucheWorkshopCo/Workshops/Jugendbegegnung/index.jsp (6.Mai 2012).


4 In alphabetischer Reihenfolge: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW), Verein Nationalsozialismus und Holocaust: Gedächtnis
und Gegenwart (erinnern.at), Gedenkstätte „Am Steinhof“ (DÖW), Gedenkstätte Mauthausen, Lern und Gedenkort Schloss Hartheim, Mauthausen Komitee
Österreich (MKÖ).


5 Jorge Semprún/Elie Wiesel, Schweigen ist unmöglich.Frankfurt a.M. 2012, 37.


6 Erste Initiativen, an denen auch der Verein GEDENKDIENST beteiligt ist, gibt es bereits: www.jetztzeichensetzen.at (6. Mai 2012).