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Ausgabe 2/12


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"So viele Orte sind von der historischen Forschung noch unbeachtet"

GEDENKDIENST sprach mit Milda Jakulytė-Vasil, Autorin des soeben erschienen Lithuanian Holocaust Atlas

 

Wenn man sich die Spezifika des Holocausts in Litauen ansieht – mit den vielen, über das ganze Land verteilten, großen und kleinen Massenexekutionsstätten – drängt sich eine Frage auf: warum kommt diese Publikation eigentlich erst so spät?

 

Ich bin jetzt versucht zu sagen, dass es nicht „so spät“ ist. Der Atlas basiert auf anderen Forschungsarbeiten in diesem Feld und in den letzten 20 Jahren gab es vielleicht vier oder fünf litauische Historikerinnen und Historiker, die sich mit dem Holocaust wirklich beschäftigt haben – das ist eine sehr kleine Anzahl. Bis heute ist dieses Thema an den litauischen Universitäten weder gern gesehen noch gut vertreten: es gibt kaum universitäre Forschung zum Holocaust, dementsprechend mühsam ist es auch, Betreuerinnen und Betreuer für eine Bachelor oder Masterarbeit in diesem Bereich zu finden. Die Konsequenz ist, dass der akademische Nachwuchs fehlt. Ein anderer Grund, warum der Atlas wirklich etwas spät kommt – jetzt gebe ich es zu (lacht) – ist wahrscheinlich, dass die litauische Gesellschaft wohl noch Schwierigkeiten hat, unangenehme Seiten ihrer Geschichte zu akzeptieren. Ich habe da aber Hoffnung in Bezug auf die neue Generation, die als erste nicht in der Sowjetunion aufgewachsen ist und offener redet und denkt als die Generation vor ihr. Ich sehe aber auch die Gefahr, dass diese neue Offenheit leicht manipuliert werden kann, wenn es ihr an Geschichtsbewusstsein fehlt.

 

Warum sind die Orte der Massengräber nicht im kollektiven Geschichtsbewusstsein verankert? Die Menschen wissen wohl von Paneriai und den Forts in Kaunas, warum nicht aber auch von den Gräbern, die zehn Minuten von ihren Dörfern entfernt liegen?

 

Diejenigen, die die Orte beschädigen, wissen sicher davon.

 

Und die anderen?

 

Der Holocaust nimmt im litauischen Gedächtnis nicht viel Raum ein, sodass auch Fragen der lokalen Kollaboration nicht offen diskutiert werden, wie man sich das wünschen könnte. Vielmehr ist die Öffentlichkeit an der Aufarbeitung der Verbrechen der Sowjets interessiert. Natürlich ist es leichter sich als Opfer als als Täterin oder als Täter zu fühlen, man schaue sich nur die aktuelle Debatte zum sogenannten ‚Doppelgenozid‘ und rund um die Totalitarismusdebatte an (siehe auch GEDENKDIENST-Ausgabe 3/2009, Anm. d. Red.), die ja mit sehr vielen antisemitischen Klischees spielt und klassische Täter-Opfer-Umkehr betreibt. Generell würde ich sagen, dass 70 bis 80 Prozent der Massenexekutionsstätten schon seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs bekannt sind. Die letzte größere Anzahl an Gedenksteinen wurde nach der Unabhängigkeit 1991 bis 1993 errichtet. Dem Gedenken geschadet hat sicher die Verschleierung der Opfergruppen, wie es in der Sowjetunion üblich war. „Zum Gedenken an die Sowjetbürger“ kann man zum Teil immer noch in den Regionen Merkinė, Varėna und Pasvalys lesen.

 

Wie geht die Republik Litauen mit diesen Orten um?

 

Ich kann hier nur meine persönliche Einschätzung abgeben: Es hängt, so würde ich meinen, fast immer von ortsansässigen Personen ab – Magistratsangestellte, Lehrerinnen und Lehrer oder engagierte Gemeindemitglieder. Wenn sie sich dafür interessieren, dann kümmern sie sich um die Denkmäler, dann findet man dort auch immer wieder frische Blumen, Kerzen oder Steine und Menschen kommen dann bewusst dorthin. Dies sind Orte, an denen die Erinnerung aufrechterhalten wird. Oft kommt es aber vor, dass lokale Behörden sich für die Orte einfach nicht interessieren. In Maksimonys, im Bezirk Ignalina, haben wir herausgefunden, dass das dortige Denkmal vor fünf Jahren gestohlen wurde und niemand hat sich dafür interessiert, das Denkmal schaffe nur Probleme. Ganz entscheidend ist wohl die Unterscheidung zwischen Orten, die den Verbrechen des Holocausts zugerechnet werden und solchen, die man nicht dazuzählt. Die Historiker Christoph Dieckmann und Saulius Sužiedėlis schreiben etwa, dass der Holocaust in Litauen mit dem Reivytis Befehl begann, also Anfang August 1941; Tötungshandlungen davor zählen für sie nicht dazu. Von den Orten, die wir im Atlas beschreiben, sind aber nahezu die Hälfte von Ende Juni bis Juli zu Orten des Massenmordes gemacht worden. Begonnen haben die Mordaktionen in den ersten Wochen als ‚Beseitigung‘ von politischen Gegnern, ‚sowjetischen Aktivisten‘. Wenn aber unter zehn ermordeten Menschen acht Jüdinnen und Juden sind, was ist das sonst, wenn nicht der Anfang des Holocausts?

 

Das bestärkt dann auch wieder das antisemitische Klischee vom ‚Juden als Kommunisten‘ und die Ethnifizierung des Sowjetregimes.

 

Genau. Diese Orte sind dann nicht in der Liste des Kulturerbes von Litauen, in der die sonstigen anerkannten Holocauststätten geführt sind und die Beauftragten des Magistrats kennen sie dann erst gar nicht. Ich kenne einige Beispiele in Rūdiškės, in der Region Trakai, wo die Russische Botschaft sich um die Instandhaltung kümmert, das gibt ein verzerrtes Bild ab.

 

Lass uns über den Entstehungsprozess des Atlas reden: Wie ist die Idee zu diesem Projekt entstanden? Wie lange hat es bis zur Fertigstellung gedauert und welche Probleme sind dabei aufgetreten?

 

Irgendwann bei einem morgendlichen Kaffee haben Adalbert (Adalbert Wagner, Gedenkdienstleistender in Vilnius 2008/2009, Anm. d. R.) und ich festgestellt, dass wir zwar von vielen Orten wussten, weitere Informationen darüber aber nur verstreut zu finden waren. Fragte etwa eine Person an, deren Familie in Turmantas lebte und ermordet wurde, fehlten uns die Ressourcen darüber Auskunft geben zu können, wo sich das Grab befinden könnte. Die Idee wurde dann konkreter, als ein Massenerschießungsort im Westen des Landes vom Abriss bedroht war. Rasch formulierten wir Förderanträge und stießen auf reges internationales Interesse. Insgesamt hat es dann wohl etwas mehr als zwei Jahre gedauert, in denen mich zwei Gedenkdienstleistende – Du und Sebastian Pammer – begleitet und unterstützt haben. Eine Schwierigkeit war, die genaue Position der Massengräber zu finden. Manchmal waren sie so tief in den Wäldern, dass wir stundenlang mit den Zuständigen des Magistrats suchen mussten, bis wir fündig wurden. Bei den Archivrecherchen ging es hauptsächlich um jene Orte, über die es noch wenig bis gar keine Literatur gibt, ich schätze, das betrifft ungefähr ein Viertel aller Einträge. Zusammen mit zwei Mitarbeiterinnen im Jüdischen Museum in Vilnius, Neringa Latvytė-Gustaitienė und Galina Žirikova, haben wir dann hauptsächlich KGB-Akten ausgewertet, die über ‚antisowjetische Partisanen‘ erstellt worden waren, die oft auch an Pogromen und Erschießungen der jüdischen Bevölkerung teilgenommen hatten.

 

Der Lithuanian Holocaust Atlas ist sehr darauf bedacht, Namen von Tätern zu nennen, sofern diese bekannt sind, was für eine litauische Publikation immer noch ungewöhnlich wirkt. Ist die litauische Kollaboration ein Tabu oder wenigstens etwas, das gerne außen vor gelassen wird?

 

Aus dem Ausland höre ich immer wieder, dass es mutig gewesen ist, Namen der Täter zu veröffentlichen. Für mich fühlt es sich nicht mutig an, ich fühle mich auch nicht bedroht oder eingeschränkt. Es wäre doch einfach unvollständig, würde man diese Informationen nicht veröffentlichen. Trotzdem schreiben Historikerinnen und Historiker nicht so gerne über die Kollaboration litauischer Institutionen und der Bevölkerung, das hat sicher mit der gesellschaftlichen Stimmung zu tun, ebenfalls wahrscheinlich mit der Gesetzeslage, die sehr streng mit der Veröffentlichung von Personennamen aus Archivakten und Dokumenten umgeht.

 

Was kann eine Publikation wie diese am vergangenheitspolitischen Diskurs im Land verändern? Wie wird der Atlas wahrgenommen?

 

Ich glaube jedenfalls, dass es etwas verändern kann. Nicht sofort, aber dennoch nachhaltig, weil mit jeder neuen Publikation ein neuer Standard gesetzt wird. Als sehr wichtig empfinde ich auch das ‚Zweite Standbein‘ des Projekts, die Onlineversion des Atlas. Über die Reaktionen auf den Atlas bin ich ein bisschen überrascht: Ich bekomme viele sehr nette Briefe, in denen von der Wichtigkeit meiner Arbeit geredet wird, aber alle stammen aus dem Ausland, nicht ein einziger aus Litauen, weder ein lobender, noch ein ablehnender Brief.

 

Gab es Überraschendes, womit du zu Beginn der Arbeit nicht gerechnet hättest?

 

Die größte Überraschung für mich war, dass bisher noch so viele Orte von der historischen Forschung unbeachtet waren und damit sind nicht nur ‚kleine‘ Orte gemeint. Große Massenexekutionsstätten mit tausenden Opfern aus der ganzen Region sind in der wissenschaftlichen Literatur noch nicht berücksichtigt. Eine andere, nettere Überraschung waren die vielen Menschen, die wir auf unseren Fahrten quer durchs Land getroffen haben, die uns bei der Suche geholfen haben, die froh waren, dass sich jemand noch um diese Orte kümmert. Teilweise auch Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, die uns, ganz erleichtert, ihre Erinnerungen erzählten.

 

Liebe Milda, vielen Dank für das Gespräch!

 

Das Gespräch führte Lukas Dünser

 

 

 

Milda Jakulytė-Vasil

Historikerin am Vilna Gaon Jewish State Museum in Vilnius; 2003 schloss sie ihren Master in Geschichte an der Universität Vilnius ab, 2005 einen weiteren Master in professional heritage protection studies; ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Geschichte nicht-christlicher Minderheiten in Litauen, Gedächtnistheorien sowie der Holocaust in Litauen.

 

Das Gespräch fand in englischer Sprache statt und wurde in Rücksprache mit Milda Jakulytė-Vasil von Lukas Dünser für GEDENKDIENST übersetzt.

 

 

 

Lithuanian Holocaust Atlas

 

Das Projekt Lithuanian Holocaust Atlas wurde 2009 vom Vilna Gaon Jewish State Museum (Jüdisches Museum, Vilnius) und dem Verein GEDENKDIENST initiiert. Unterstützt wurde es durch die Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance, and Research, die Österreichische Botschaft in Litauen, das Vilna Gaon State Jewish Museum und durch das Office of the Prime Minister of Lithuania. Vonseiten des Vereins GEDENKDIENST waren die Gedenkdienstleistenden Lukas Dünser, Sebastian Pammer und Nadine Tauchner sowie GEDENKDIENSTObmann Adalbert Wagner an der Realisierung des Atlas beteiligt. Der Atlas enthält nicht nur geographische Informationen, wie die genauen GPS-Daten der Orte, eine Karte der näheren Umgebung und Wegbeschreibungen, sondern auch historische Informationen, etwa die Anzahl und Herkunft der Opfer, Angaben zu den Tätergruppen, Fotos und Inschriften der Gedenksteine sowie Zeitzeugenberichte und, wenn vorhanden, die Archivnummer unter der die Orte als Kulturerbe beim Denkmalschutzamt geführt werden. Viele Informationen zu den im Atlas vorgestellten 227 Massenexekutionsstätten waren vorher in unzähligen Publikationen verteilt oder noch unveröffentlicht. Daher ist der Lithuanian Holocaust Atlas die erste Publikation, die einen solch dichten Überblick über die Orte des Holocausts in Litauen bietet. Der Atlas ist beim Museum in Vilnius direkt zu bestellen. Die Internetversion auf Litauisch und Englisch, die ständig aktualisiert wird und noch mehr Raum für Informationen bietet, findet sich unter www.holocaustatlas.lt.