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Ausgabe 2/12


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Post aus... Berlin

Berlin, Ende April 2012

 

Begonnen habe ich meinen Gedenkdienst in Kiew. Dennoch sitze ich heute in Berlin. Dass es so kommen würde, konnte wohl niemand vorhersehen. Nach drei
Monaten in der Ukraine, die bei mir einen starken Eindruck hinterließen, wechselte ich Anfang Dezember vom Ukrainian Center for Holocaust Studies an das Anne Frank Zentrum in Berlin. In Kiew war ich an der Unterstützung unterschiedlicher Projekte beteiligt. Unter anderem las ich jede Menge Protokolltexte der Nürnberger Prozesse; hierbei ging es darum, Tötungsstätten zu lokalisieren, die in den Texten genannt werden. Außerdem nahm ich an verschieden Konferenzen zu Babyn Jar teil – der Schlucht in einem Kiewer Park, in der 1941 über 33.000 Jüdinnen und Juden ermordet wurden.

 

„Kein Visum“, hieß es nach vielen, leider vergeblichen Versuchen.* Das waren bittere Tage im Dezember, wehmütig saß ich in Wien und musste mich entscheiden, wo ich weiter machen wollte. Jetzt bin ich schon länger in Berlin als ich in Kiew war. Die Arbeit ist eine andere. Ich habe das Gefühl, einiges gelernt zu haben, seitdem ich begonnen habe Gedenkdienst zu leisten. Manchmal, wenn mir bewusst wird, dass ich mich vor einem Jahr noch in Salzburg auf die Matura vorbereitet habe, muss ich lachen.

 

Das Anne Frank Zentrum ist größer als das Center in Kiew und es gibt auch hier einiges zu tun. Seitdem ich hier arbeite, ist mein Terminkalender voll und zum ersten Mal plane ich Wochen im Voraus. Hier gibt es einige spannende Projekte, zum Beispiel „Deutsch-Türkische Biographien“. Dabei wird die Beziehung zwischen Deutschland und der Türkei beleuchtet.

 

Ich bin jetzt Teil des Projekts „Kriegskinder – Lebenswege“. Hier geht es darum, die Gedenkkultur im regionalen Raum zu stärken, Teilhabe zu schaffen und für Nachhaltigkeit zu sorgen. Das sind aufgeladene Wörter – was steckt dahinter? Wir versuchen einen Dialog zwischen Alt und Jung zu schaffen, indem die alte Generation erzählen soll, wie sie den Zweiten Weltkrieg im Kindesalter erlebt hat. Die Erzählungen sollen mit verschiedenen Methoden bearbeitet werden und es wird ein großes pädagogisches Rahmenprogramm geben, zum Beispiel Workshops über ZeitzeugInnengespräche und über den Umgang mit rechten Vereinnahmungsversuchen. Das Projekt findet in drei Städten in verschiedenen deutschen Bundesländern statt: Saalfeld in Thüringen, Schwedt in Brandenburg und Neustrelitz in Mecklenburg-Vorpommern.

 

Allen Widrigkeiten zum Trotz war es die richtige Entscheidung, mich für Gedenkdienst zu bewerben. Ich habe immer noch gegensätzliche Gefühle im Bauch. Berlin ist super, doch in Kiew werden die Gedenkdienstleistenden wirklich dringend gebraucht. Ich finde es schade, dass es nicht geschafft wurde für das kommende Jahr wieder einen jungen Menschen in die Ukraine schicken zu können.

 

Lorenz Hutegger

leistet derzeit Gedenkdienst im Anne Frank Zentrum in Berlin

 

 

* Wie abhängig Gedenkdienst von außenpolitischen Unstimmigkeiten ist, zeigen die Umstände des Abzugs des Gedenkdienstleistenden Lorenz Hutegger Ende
letzten Jahres. Nachdem die Ukraine im September des Vorjahres ihre Visabestimmungen geändert hat, war es trotz intensiver Bemühungen vonseiten des Vereins GEDENKDIENST nicht möglich, eine Visum zu bekommen, das Lorenz für die gesamte Dauer seines Gedenkdiensts einen Aufenthaltstitel verschafft hätte. Aus diesem Grund ermöglichte der Verein in Zusammenarbeit mit dem Bundesministerium für Inneres einen Wechsel an eine andere Einsatzstelle, wobei Lorenz sich für das Anne Frank Zentrum in Berlin entschieden hat. Selbstverständlich ist der Verein bemüht, die Visaprobleme in Rücksprache mit dem Außenministerium baldmöglichst zu lösen, um das Ukrainian Center for Holocaust Studies in Zukunft wieder unterstützen zu können.

 

Magdalena Neumüller

Geschäftsführerin Verein GEDENKDIENST