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Ausgabe 2/12


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vor.gelesen | rezensionen

Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass

Götz Aly, S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011

 

Geschichte wiederholt sich manchmal doch: Der anerkannte Wirtschaftshistoriker Adam Tooze schrieb über Götz Alys vorletztes Buch Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus: „Placed in their proper context, many of Aly’s points are illuminating. […] But he choses to make his case in an extraordinarily contentious not to say sensationalist manner and it is the wider thrust of his argument that has provoked dissent from the majority of his reviewers, including the author of this piece.“1

 

Die gleiche Kritik kann bei Alys neuestem Werk Warum die Deutschen? Warum die
Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass angebracht werden. In diesem Buch, das sich wie ein Prequel zu Hitlers Volksstaat – in dem Aly den deutschen Sozialstaat als Grundlage der „nationalsozialistische Gefälligkeitsdiktatur“ angreift – liest, behauptet Aly, die Erklärung für den deutschen Antisemitismus gefunden zu haben: „Die Begriffe Gleichheit, Neid und Freiheitsangst ermöglichen es, die Eigenart des deutschen Antisemitismus zu erkennen“ (S. 15). Ein sowohl von Seiten der Konservativen des Kaiserreichs als auch – und ganz besonders – von der Sozialdemokratie geschaffenes und in Alys Augen falsches Verständnis von Gleichheit als soziale und ökonomische Gleichheit, habe zu massivem Sozialneid der christlich-deutschen Bevölkerung gegenüber den jüdischen Deutschen geführt, die – so Aly – auf Grund ihrer kulturell-religiösen Disposition einen schnellen sozialen Aufstieg erlebten. In anscheinend biblisch inspirierter Sprache zeichnet Aly ein psychologisches Profil des Großteils aller nichtjüdischen Deutschen von 1848 bis 1933: „[D]ie Neider vergiften sich selbst“; praktizieren „die Todsünde, die am wenigsten Spaß macht“ (S. 11); „fürchten die Freiheit und neigen zum Egalitarismus“ (S. 13); und „suchen immer den Sündenbock“ (S. 15) Laut Aly kein Wunder also, dass die Nationalsozialistinnen und Nationalsozialisten solchen Erfolg hatte, bezeichneten sie sich doch als „egalitäre Freiheitspartei“ (S. 14) und von „derart definierter Freiheit gelangten deutsche Beamte auf direktem Wege zu dem Verwaltungsbegriff ,judenfrei‘“ (S. 15).

 

Von der Absurdität dieser Gedankensprünge und dem damit verbundenen „Volkspsychogram“ abgesehen, hat Alys neuestes Buch noch andere Probleme. Nicht nur liest er Quellen sehr selektiv, indem er den historischen Akteurinnen und Akteuren zwar ihre Sozialrhetorik, aber nicht ihren Rassenantisemitismus glaubt, auch konzentriert er sich fast ausschließlich auf Preußen und ignoriert die k. u. k. Monarchie, die als eine der Geburtsstätten des modernen politischen Antisemitismus gilt. Ebenso sieht er – in Anknüpfung an Hitlers Volksstaat – den von der SPD aufgebauten Sozialstaat als verantwortlich für den Erfolg des Antisemitismus in Deutschland. Dieser habe nämlich durch das falsch verstandene Prinzip der Gleichheit als ökonomische und nicht rechtliche Gleichheit den Neid gegen über den Jüdinnen und Juden ungemein angefacht. Alys Buch ist nichts anderes als der Versuch einer reduktionistische Erklärung eines hoch komplexen historischen Phänomens, das mit fragwürdigen Begrifflichkeiten und Argumentationen versucht, provokant revisionistische Geschichtsdeutung zu betreiben, um dadurch – so meine These – Verkaufszahlen anzukurbeln.

 

Johannes Breit

 

1 Adam Tooze, Economics, Ideology and Cohesion in the Third Reich. A critique of Goetz Aly’s Hitlers Volksstaat, in: Dapim 20 (2006), 1-18, hier: 3.

 

 

 

Vergangenheit, die nicht vergeht. Das Gedächtnis der Shoah in Frankreich seit 1945 im Medium Film

Andreas Schmoller, Studienverlag, Innsbruck 2012

 

In seiner Anfang 2009 fertiggestellten und zur Veröffentlichung erweiterten Dissertation untersucht Andreas Schmoller die französische  Spielfilmproduktion zur Shoah nicht im Sinne einer „Geschichte des Holocaust-Films“, vielmehr fungiert sie als primäre Quelle einer „Geschichte des Shoah-Gedächtnisses in Frankreich“ (S.13). Theoretisch aufgebaut auf dem Konzept eines „kollektiven Gedächtnisses“ des französischen Soziologen Maurice Halbwachs und orientiert an dessen Aktualisierung durch Jan und Aleida Assmann, interessieren Schmoller nicht nur die Logiken von sozialen, sondern auch von medialen – in diesem Fall spezifisch filmischen – Rahmungen (im Anschluss an Astrid Erll als cadres médiaux beschrieben) „bei der Enkodierung und Vermittlung von Vergangenheitskonstruktionen“ (S. 30).

 

Vor dem Hintergrund eines hier implizierten semiotischen Kulturbegriffs werden Parallelen zwischen Schmollers beabsichtigter gedächtnisgeschichtlicher Herangehensweise und den methodischen Anforderungen einer „systematischen Filmanalyse“ (Helmut Korte)herausgearbeitet. Diese beschränkt sich nicht auf die immanente Analyse filmischer Narrative, sondern bettet diese ein in Fragen nach ihren historischen Entstehungsbedingungen sowie nach der Rezeption von und dem Maß der Entsprechung zwischen filmischen Darstellungen und zugrundeliegenden realen Ereignissen. Entlang dieser vier Analysefelder orientiert sich der Autor anschließend für den Aufbau seiner historischen Untersuchung, die er in Abschnitte (1945 bis 1969, die 1970er-, die 1980er- und schließlich „neuere Tendenzen“ ab Beginn der 1990er-Jahre) gliedert: Verortet in der „Bedingungsrealität von Filmen der jeweiligen Zeitspanne“, die er als „erinnerungskulturellen Kontext“ versteht, möchte er herausarbeiten, „inwieweit filmische Gedächtniskonstruktionen […] mit kollektiven Geschichtsbildern […] und geschichtswissenschaftlichen Perspektive […] korrespondieren“ (S. 45).

 

Seine unterschiedlich dicht ausfallende Analyse der Darstellung und Rezeption von filmischen Geschichtsbildern, für die im Sinne einer diachronen Perspektive auf den „Wandel des Vorstellungshaushalts der Shoah im Film“ (S. 13) wenige Vorbilder existieren, gründet Schmoller auf eigenen Archivrecherchen zur Spielfilmproduktion und -rezeption, die er mit vorwiegend bereits etablierten Deutungsmustern zur französischen Gedächtnisgeschichte verknüpft. In die Untersuchung werden dabei sowohl qualitative (wer produziert in wessen Auftrag wann welche Filmbilder und wie werden diese, mitunter kontrovers, diskutiert?) als auch quantitative (wie viele Spielfilme über die Shoah zu welchen konkreten Themen erscheinen?) Parameter eingearbeitet.

 

Besonders auffällig an den Ergebnissen der Studie, die Schmoller auch in europäische und globale geschichtspolitische und gedächtniskulturelle Entwicklungen einordnet, ist die Erkenntnis, dass vor allem Dokumentarfilme einen entscheidenden Einfluss auf die Darstellung der Shoah im französischen Spielfilm hatten: So etablierte – vor dem Hintergrund eines vorherrschenden französischen Résistance-Narrativs – erst Alain Resnais’Nuit et brouillard (1955) einen Bilderhaushalt für ein eigenständiges „Deportationsgedächtnis“ (Schmoller), auf das später auch bei der filmischen Inszenierung der Shoah als spezifisches Ereignis zurückgegriffen wurde. Ebenso weist der Autor den Maßstab eines ‚Darstellungsverbots‘, den Claude Lanzmann mit Shoah (1985) setzte, bis in jüngste französische Spielfilmproduktionen nach.

 

Magdalena Rest